Perfect match

Es raschelt in meinem Ohr. Kurz darauf spüre ich, wie jemand in meiner Ohrmuschel auftaucht. Der kleine Mann hangelt sich über meine Haare auf meinen Wangenknochen in Richtung Nase. Das tut er nur, wenn er wichtige Grundsatzfragen mit mir besprechen will.

Ich: „Weißt du noch, wie dieser Friseur meinte, man müsste meine Wangenknochen kaschieren?“ 
Mann im Ohr: „Das war der, der dir den skandalösen Rotstich verpasst hat.“

Ich war damals so erbost über Schnitt UND Farbe, dass ich einen angepissten Post verfasst habe. Damals, als ich noch tagebuchmäßig für meine Freunde gebloggt habe, weil ich so weit weg gewohnt habe.

Mann im Ohr: „Das war eigentlich eine schöne Zeit. Wir waren viel unter uns und die Stadt ist toll.“
Ich: „Was machst du auf meiner Nase?“
Mann im Ohr: „Hast du das Make-Up-Pröbchen gesehen?“
Ich: „Das, das ich aus der Zeitschrift genommen und weggeworfen habe?“

Wie immer. Ich mag es nicht, mir irgendetwas ins Gesicht zu schmieren, was ich nicht kenne und das wahrscheinlich Parabene oder sonst einen Quatsch enthält.

Jemand wedelt aufgeregt mit einer winzigen Hand und sagt laut: „Das war eine wichtige Botschaft!“

Ich: „So wie die Weihnachtsbotschaft der Engel? Für die Hirten?“

Der kleine Mann stemmt die Hände in die Hüften. Ich weiß schon, was kommt. Er kann es nicht leiden, wenn ich über Religion blogge. Zu heikel das Thema. Wie Politik.

Mann im Ohr: „Ich fühle mich nicht ernst genommen.“
Ich: „Ich komme mir vor wie in einer Paartherapie.“
Mann im Ohr: „Dich würde überhaupt keiner nehmen für eine Paartherapie.“

Jetzt bin ich empört.

Ich: „Für Geld nehmen Therapeuten alles.“
Mann im Ohr: „Du bist kein Paar. Auch nicht die Hälfte eines Paares. Nicht mal ein Viertel…“
Ich: „Du hockst nie auf meiner Nase. Es sei denn, du möchtest mir etwas Wichtiges sagen.“
Mann im Ohr: „Perfect Match.“
Ich: „Wer?!“
Mann im Ohr: „Das stand auf dem Pröbchen. Da waren 24 verschiedene Frauen mit unterschiedlichen Hauttönen abgebildet und das Zeug heißt ‘Perfect Match’.“
Ich: „Findest Du, ich sollte den Farbton wechseln?“

Ich versuche, so unauffällig in den Spiegel zu schauen, dass der kleine Mann nicht runterfällt.

Mann im Ohr: „Ich finde, Du solltest bei der Männerwahl annähernd so viel Zeit, Hirn und Herz investieren wie bei der Wahl von so was.“

Seine Hand deutet erst in Richtung der ‘Myself’ und dann zu den über 20 Nagellackfläschchen in meiner Schublade. Ich höre ein leises Geräusch, das ein Schnauben auf meiner Nase sein könnte.

Mann im Ohr: „Du nimmst die, die dich ansprechen, aber du suchst nicht den passenden für dich raus.“
Ich: „Wenn ich 24 Männer zur Auswahl hätte, wär vielleicht einer dabei.“ 
Mann im Ohr: „Würdest du weniger Typen einen Korb verpassen, hättest du die.“

Ich denke nach.

Mann im Ohr: „Na gut, nicht ganz. Kommt ein bisschen drauf an, wie man zählt. Aber es kommt nicht auf die Anzahl an. Einer reicht. Er muss nur das perfekte Match sein.“
Ich: „Wie finde ich das raus? Beim Make-Up lasse ich mich von jemandem beraten, der Ahnung hat.“
Mann im Ohr: „Bei Männern nicht. Finde den Fehler.“
Ich: „Ich frage manchmal kluge Leute.“
Mann im Ohr: „Die Dauersingles sind oder in unglücklichen Beziehungen. Oder von denen du weißt, dass sie ihre Partner betrügen.“

Autsch. Das stimmt.

Mann im Ohr: „Im Job fragst du doch auch nur die, die vom Thema Ahnung haben. Nur, weil einer ein Superhirn ist, hat er noch keine Ahnung von Liebesglück.“
Ich: „Ich sollte jemanden mit Expertise in Liebesdingen fragen?“
Mann im Ohr: „Du kannst dich selbst befragen. Du warst sehr lange sehr glücklich mit einem Mann. Und auch mal sehr unglücklich. Du weißt alles, was du wissen musst.“
Ich: „Was mir wichtig ist und was mich nervt und womit ich gar nicht leben kann.“
Mann im Ohr: „MoSCoW.“
Ich: „Och nö. Nicht schon wieder Arbeit. Es sind fast Weihnachtsferien.“
Mann im Ohr: „Mit so wenig Engagement…“

Aber ich habe mir schon einen Zettel und einen Bleistift genommen. Manchmal komme ich auf die simpelsten Sachen nicht. Im Büro nutze ich die Methode dauernd.

Ich schreibe

Must have

Should have

Could have

Won´t have

auf das Blatt und denke nach.

Mit Ben waren manche Dinge schwierig. Wir hatten nie denselben Rhythmus und nicht die gleichen Bedürfnisse. Er mochte Fenster zu und Heizung an im Schlafzimmer, ich nicht. Er war bis spät in die Nacht auf und ich früh wach. Er war ein richtiger Dreckspatz und ich liebe ein gewisses Maß an Ordnung und Sauberkeit. Er wollte Fertigpizza und ich ein gutes Steak. Er fand Urlaube einfach nur überflüssig und ich wollte die Welt sehen.

Ich notiere spontan ‘Children’ unter C. Oder vielleicht doch unter S?

Mann im Ohr: „Er darf kein Spießer sein wie Ben.“
Ich: „Das kommt auf den Maßstab an. Ich bin ein bisschen spießig. Ich meine, ich halte Werte hoch, die Spießer auch hoch halten. Liebe und Treue und Loyalität und so.“

Mir ist schönes Wohnen wichtig. Ich könnte nie in einem Ikea-Heim oder mit niedrigen Decken leben. Es entspricht nicht meinem Sinn für Ästhetik. Ich schreibe ‘Ikea’ hinter das W und ‘Sex-Appeal’ unter M.

Mann im Ohr: „Ich höre förmlich die Schnappatmung Deiner Mutter.“

Mir ihr hatte ich mal eine lange Diskussion zu dem Thema, in der sie mir Oberflächlichkeit vorgeworfen hat.

Mann im Ohr: „Deine Argumentation war durchweg überzeugend. Nett und all das kann jeder sein. Aber wenn Du nicht mit ihm vögeln willst, hilft das alles nicht.“

Meine Mutter begreift nicht, dass meine Anspruch über eine positive Eigenschaft hinausgeht. Nur, weil ich mir Sexyness wünsche, heißt das natürlich nicht, dass er ein Arschloch sein darf. Allerdings herrscht bei uns in der Familie irgendwie die Meinung vor, dass gut aussehende Männer quasi automatisch charakterliche Defizite haben. Ich frage dann immer, wie sie das denken können, wo ich doch auch wunderschön UND nett bin. Meine Schwester…

Mann im Ohr: „Das hast du schon mal geschrieben. Beschäftige dich lieber weiter mit der Liste. Aber erst duschen. Wir sind verabredet.“

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