Russel Crowe

„Warum schreibst du über Russel Crowe?“, schallt es in meinem Kopf.

Was habe ich das vermisst. Der kleine Mann war viel unterwegs in letzter Zeit und ich bin sogar ohne ihn in Urlaub gefahren.

Mann im Ohr: „Ich hätte mich nur gelangweilt da am Strand.“
Ich: „Du hättest mir ständig ungebetene Ratschläge gegeben zu all den Typen da.“
Mann im Ohr: „Was für Typen?“

Der kleine Mann klingt hellwach, obwohl ich eben ganz deutlich gehört habe, wie seine Bettdecke geraschelt hat. Er macht neuerdings Mittagsschlaf und denkt, ich merke es nicht. Da bekommt die Wendung ‘im Ohr liegen’ eine ganz neue Bedeutung. Es ist regelrecht erholsam. Ich lege alles, was ihm nervige Bemerkungen entlocken könnte, in diese Zeit.

Mann im Ohr: „Ich muss damit aufhören. Sicher habe ich Eisenmangel oder so.“

Ich denke mir, dass er von mir sicher kein Eisen zusätzlich bekommt.

Mann im Ohr: „Ich kann deine Gedanken lesen. Du musst nicht leise denken.“
Ich: „Warum nicht? Ich habe an ihn gedacht.“
Mann im Ohr: „Du bist wieder bei Russel?“
Ich: „Ja.“
Mann im Ohr: „Wir kennen ihn seit fast vier Jahren und du hast ihn nie erwähnt.“
Ich: „Dann wird es Zeit. Ich finde, er hat einen Post verdient.“
Mann im Ohr: „Als einer von Millionen Männern, mit denen du nicht geschlafen hast.“
Ich: „Milliarden. 3,81 Milliarden laut ‘Deutsche Stiftung Weltbevölkerung’.“
Mann im Ohr: „Wir haben noch viel vor uns.“

Ich denke darüber nach, mit wie viel Prozent dieser 3,81 Milliarden ich geschlafen habe. Mathe ist nicht meine Stärke.

Mann im Ohr: „So dumm bist du gar nicht. Aber es lohnt nicht. Schreib über Thomas.“
Ich: „Über wen?“
Mann im Ohr: „Thomas. Russel. Wie auch immer du magst.“
Ich: „Du weißt, wie er heißt?“
Mann im Ohr: „Natürlich. Ich mache meine Hausaufgaben. Und träume nicht in der Gegend rum in der Sauna.“ 
Ich: „Warst du in seinem Ohr?!“

Mein Ohr schweigt. Lange.

„Was weißt du noch über ihn?“, frage ich.

Statt einer Antwort höre ich ein Rascheln. Dann nichts mehr.

Russel ist nach Russel Crowe benannt. So habe ich ihn getauft, nachdem wir uns vor knapp vier Jahren zum ersten Mal begegnet sind. Das war in einer Sauna, genauer, während eines Aufgusses. Also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Gehirn hitzebedingt nicht unbedingt in bester Verfassung ist. Er hat mich angesehen. Ich weiß nicht, ob ich das gespürt habe und deswegen hingeschaut. Jedenfalls habe ich ihm direkt in die Augen gesehen und er hatte diesen Blick, als wolle er mich ausziehen.

„Du warst nackt“, tönt es.
Ich: „Es war trotzdem dieser Blick. Ich habe mich noch nackter gefühlt in dem Moment.“
Mann im Ohr: „Dich hat niemand je so angesehen in der Sauna.“
Ich: „Dabei haben mich da schon andere angeschaut.“

Was mich am meisten überrascht hat, war, dass ich genauso zurückgeschaut habe. Ich habe ihn gesehen und wollte ihn. Eigentlich würde ich mich empören in so einem Moment. Aber ich habe mich gefreut. Uneingeschränkt und schamlos gefreut. Und mit einem Nimm-mich-am-liebsten-gleich-hier-Blick zurückgeschaut.

Sein Blick war eindeutig, aber nicht lüstern. Es gibt diesen lüsternen Blick, der mich sofort auf die Palme bringt. Den hat er nicht. Noch immer nicht. Nach fast vier Jahren. Sein Blick ist unverändert.

Wir sehen ihn seitdem regelmäßig. Würde ich öfter in die Sauna gehen, würde ich ihn vermutlich fast wöchentlich sehen. Aber ich verbringe meine Wochenenden inzwischen öfter mit schreiben oder malen statt in einem Wellnesstempel. Ich besuche häufiger meine Schwester oder fahre mal weg. Ich bin nicht mehr ganz so sehr Gewohnheitstier, wie ich es damals war.

Mann im Ohr: „Ich finde ihn toll.“
Ich: „Du findest nie einen toll, der mir gefällt.“
Mann im Ohr: „Das ist mal ein richtiger Kerl.“
Ich: „Er hat eine Freundin. Oder Frau.“
Mann im Ohr: „Die viel älter ist als du. Ich mag sie nicht.“
Ich: „Ich auch nicht. Sie grüßt nie und unterhält sich nicht und läuft mir hinterher in die Dusche, damit ich ja nicht die Gelegenheit habe, mit ihm zu sprechen.“

So viel Konsens hatten wir lange nicht.

Mann im Ohr: „Doch. Bei deinem letzten iPhone. Bei den Esszimmerstühlen auch. Und…“
Ich: „Bei Männern?“
Mann im Ohr: „Ach so. Apropos Männer. Hier war alles rosa, als ich aus dem Urlaub wiederkam.“
Ich: „Wo?“
Mann im Ohr: „Hier oben. In deinem Kopf. Es schimmert immer noch leicht. Wie Einhornstaub.“
Ich: „Ich hab da was ausprobiert. Ich will neu streichen lassen und …“
Mann im Ohr: „Du warst noch nie gut darin, dir Geschichten auszudenken.“

Ich bin ich mir sicher, dass der kleine Mann mehr über ihn weiß. Aber er wird damit rausrücken, wenn es mir am wenigsten passt. Vermutlich am Tag meiner nächsten Hochzeit. Ich meine, ein leises „So optimistisch?“ zu hören. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

Russel hat unglaubliche Ähnlichkeit mit Russel Crowe, daher der Name. Er ist groß und hat einen tollen Körper. Er ist deutlich älter als ich, aber einer von denen, die mit jedem Jahr besser aussehen. Nach mehr Lachfalten und mehr geleerten Flaschen Rotwein. Nach glücklicher Lebenserfahrung. Nach Abenteuern. Er ist muskulös, ohne aufgepumpt zu sein. Ich habe selten jemanden gesehen, der so aufrecht steht wie er. Obwohl er groß ist, gehört er zu dem Männern, die durch ihre Haltung noch größer wirken. Bei den meisten großen Männern ist das umgekehrt. Er ist dunkelhaarig und beim Lesen trägt er eine Brille. Sein Gesicht ist nie glatt rasiert. Wenn er wüsste, wie sehr ich auf Bart und Brille stehe, würde er sich vermutlich rasieren und Kontaktlinsen tragen. Ich höre manchmal, wie er sich mit anderen unterhält und er hat mich auch schon mal im Vorbeigehen gegrüßt oder gefragt, wie es mir geht. Seine Stimme ist genauso tief, wie sein Äußeres mich hat hoffen lassen. Er wirkt sympathisch und ein bisschen rebellisch. Ein bisschen ungeduldig, aber trotzdem in sich ruhend.

Sein einziger Makel ist die Art, wie er mich ansieht, während seine Frau neben ihm sitzt.