Ich habe keine Prinzipien

Es raschelt in meinem Kopf, noch bevor ich den ersten Satz geschrieben habe.

Mann im Ohr: „Hast du doch.“

Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis. Außerdem steht hier alles schwarz auf weiß. Jeder hier konnte lesen, dass ich nie wieder mit einem liierten Mann schlafen will.

Mann im Ohr: „Es gehörte und gehört noch zu deinen Prinzipien, nicht oder zumindest nicht wissentlich mit liierten Männern zu schlafen.“
Ich: „Habe ich aber.“
Mann im Ohr: „Und du hattest nach ner Weile nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen.“
Ich: „Warum sagst du dann, dass es noch zu meinen Prinzipien gehört?“
Mann im Ohr: „Mit unseren Prinzipien bringen wir zum Ausdruck, was wir für richtig und für falsch halten, was unsere Wertvorstellungen sind.“
Ich: „Ich habe nicht nur mit einem verheirateten Mann geschlafen, ich habe es genossen. Ich habe es so oft wiederholt, dass ich es nicht zählen kann und ich hätte damit die nächsten Jahrzehnte weitergemacht, wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre.“
Mann im Ohr: „Trotzdem würdest du bei der Suche nach einem Mann den Punkt ‘liiert’ wieder zum Ausschlusskriterium machen.“
Ich: „Grundsätzlich schon. Aber bei Jasper habe ich eine Ausnahme gemacht.“
Mann im 
Ohr: „So ist das mit Regeln.“
Ich: „Wie?“
Mann im Ohr: „Keine Regel ohne Ausnahme.“

Er hat aufgepasst in den Vorlesungen. Dabei hatte ich immer geglaubt, Jura sei ihm zu langweilig.

Mann im Ohr: „Weißt du, die Ausnahmetatbestände zu der Regel mit den liierten Männern muss man restriktiv handhaben.“
Ich: „Ich  will da gar nichts mehr handhaben.“

Wir schweigen eine Weile und schauen aus dem Fenster. Draußen ziehen Felder vorbei, der Raps leuchtet knallgelb.

Ich: „Ich hätte das hier zu einem Happy End machen können. Mein Blog hätte damit enden können, dass ich meinen Traummann gefunden habe. Einen, der überhaupt nicht mein Typ war und in den ich mich trotzdem verliebt habe, der mich glücklich gemacht hat und sich allerhand romantisches Zeug ausgedacht hat. Aber statt das Happy End zu verfassen, habe ich nichts geschrieben.“
Mann im Ohr: „Weißt du, diese ganzen Happy Ends sind gar keine Enden.“
Ich: „Vielleicht wollte ich auch nicht aufhören, zu schreiben. Ein Ende hätte ja bedeutet, dass ich nicht mehr über unsere Unterhaltungen schreiben kann.“
Mann im Ohr: „Eigentlich sind es immer Anfänge. Und wahrscheinlich sogar oft welche, die nicht gut enden. Aber wenn man sie als Ende darstellt, können die Menschen glauben, dass alles auf Dauer gut ist. Und dieses Gefühl mögt ihr.“
Ich: „Ja, das mögen wir. Deswegen hören Filme und Bücher mit einem Kuss auf und mit einer Hochzeit in weiß, aber nie mit der Frage, wer den Müll runter bringt.“

Mann im Ohr: „Ich glaube auch nicht, dass das mit Jasper ein Ende war. Eure Geschichte ist noch nicht vorbei.“

Ich weiß, dass das von mir abhängt. Wenn ich ganz viel Glück habe, meldet er sich nie wieder. Wahrscheinlich ist das nicht. Wenn sich alles beruhigt hat zuhause, wenn er sich wieder langweilt, wenn er bemerkt hat, dass es nicht so leicht ist, eine Geliebte zu finden, die mehr ist als nur fürs Bett und die keine Forderungen stellt, was das Verlassen der Familie betrifft, wenn er sich ungeliebt fühlt und Bestätigung sucht, dann wird er sich an mich erinnern.

„Und dann kannst du ein richtig schönes ‘Happy End’ schreiben.“

Mein Ego wünscht sich, dass er sich meldet. Mein Herz fürchtet, dass es verletzt wird. Und mein Verstand schweigt.