Kann man mehrere Menschen lieben?

Ich sitze in meinem Schaukelstuhl und blogge. Ich habe neulich gelesen, dass schaukeln das gleiche Hormon freisetzt wie stillen und guter Sex: Oxytocin. Das sogenannte Kuschel-Hormon. Das hat mich daran erinnert, dass ich den bequemsten Schaukelsessel aller Zeiten besitze, aber viel zu selten besitze.

Ich höre ein Räuspern, dann

„Gott ist das schlechter Wortwitz.“
Ich: „Man sollte seinen Mitmenschen häufiger nette Dinge sagen, findest du nicht?“

Der Sessel steht im Schlafzimmer und da tue ich eigentlich nur zwei Dinge: schlafen und … na ja, was man da eben so macht, wenn man nicht alleine ist. Den Sessel brauche ich für beide Praktiken nicht.

Mann im Ohr: „Stell dir nur vor, wie schön es wäre, einen geblasen zu bekommen, während man darin schaukelt.“
Ich: „Ich halte das für recht risikoreich.“
Mann im Ohr: „Probier´s aus.“
Ich: „ICH kann dann ja nicht beurteilen, was besser ist. Ich besitze das relevante Körperteil dafür nicht.“
Mann im Ohr: „Aber du könntest die Testperson fragen.“
Ich: „Wenn ich wissen will, ob es besser ist im Schaukelstuhl müsste ich ja zum Vergleich…“
Mann im Ohr: „Du müsstest auch eine größere Zahl als N=1 nehmen, damit das Ergebnis aussagekräftig ist.“

Als ob ich sonst nichts zu tun hätte. Außerdem stelle ich mir das wenig romantisch vor.

Mann im Ohr: „Ein Blowjob muss nicht romantisch sein, sondern geil.“
Ich: „Warum habe ich eigentlich keine Frau im Ohr?“
Mann im Ohr: „Weil du hetero bist. Dann ist das so.“

‘Isso’ war schon immer eine meiner liebsten Antworten. Was mich zum eigentlichen Thema bringt: der Frage, ob man mehrere Menschen lieben kann. Gleichzeitig, versteht sich. Franz hat neulich behauptet, das ginge nicht. Sexuell mehrere Menschen begehren ginge, lieben nicht. Näher begründet hat er das nicht. Für ihn ist das einfach ausgeschlossen.

Mann im Ohr: „Denk doch mal nach.“
Ich: „Ich denke.“
Mann im Ohr: „Liebst du Emma?“

Ich weiß, worauf der kleine Klugscheißer hinaus will: ich liebe Emma und Sophie und meine Eltern.

Mann im Ohr: „Franz ist widerlegt.“
Ich: „Er meinte aber doch keine Verwandtschaft, sondern…“

Mir fehlen die richtigen Worte. Also er meinte so richtig lieben. Wie einen Partner, einen, mit dem man auch schläft. Für viele scheint es so selbstverständlich zu sein, dass das nur mit jeweils einem geht, aber stimmt das?

Mann im Ohr: „Franz hat noch was gesagt.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Dass Liebe und Hass das gleiche sind. Dass man nur hassen kann, wen man liebt.“
Ich: „Du willst dich also nähern über die Frage, ob wir mehrere Menschen hassen können?“
Mann im Ohr: „Kannst du?“
Ich: „Ja.“
Mann im Ohr: „Weiter.“
Ich: „Dann muss ich notwendigerweise mehrere lieben können.“
Mann im Ohr: „Aber: vielleicht hasst du sie nacheinander und nicht gleichzeitig.“
Ich: „Aber oft ist doch vom Hass auf den einen noch was übrig.“
Mann im Ohr: „Aber dann geht das doch denklogisch mit Liebe auch. Den einen noch lieben, obwohl man den anderen schon liebt.“

Logisch ist das. Jedenfalls wenn man, wie Franz, Liebe und Hass für das Gleiche hält. Ich bin mir da nicht so sicher. Mir leuchtet jedenfalls nicht ein, warum wir so ziemlich jedes Gefühl für ganz viele Personen und Sachen haben können sollten, nur das eine nicht. Ich kann viele Freunde mögen und alle Familienmitglieder lieben…

„Nur die angeheirateten nicht“, murmelt es.
Ich: „Diese Blut-ist-dicker-als-Wasser-Sache hat hier nichts verloren!“
Mann im Ohr: „Hasst du es, wenn ich das sage?“
Ich: „Ich finde es dämlich.“

Wir schweigen und ich denke weiter nach, bis ich unterbrochen werde.

Mann im Ohr: „Es gibt doch Menschen, die das von sich sagen. Die sagen, dass sie mehrere Menschen lieben.“
Ich: „Ja.“
Mann im Ohr: „Dann geht es. Man kann die Nichtexistenz nicht beweisen.“
Ich: „Mathematisch kann man das indirekt, wenn die Annahme der Nichtexistenz zu einem Widerspruch führen würde.“
Mann im Ohr: „Siehst du einen?“
Ich: „Nein. Aber nur weil ich keine sehe, heißt das ja nicht, dass es keinen gibt. Ich kann die Nichtexistenz des Widerspruchs nicht beweisen.“

Es kichert in meinem Ohr. Die Frage ist, ob Gefühle überhaupt bewiesen werden können. Aber nähme man mal an, sie könnten es, leuchtet mir nicht ein, warum das nicht gehen sollte mit der Polyamorie.

Mann im Ohr: „Weil euch der Gedanke Angst macht. Ihr wollt Sicherheit. Ihr wollt glauben, dass es Gott gibt, weil ihr euch besser fühlt, wenn euer Leben irgendeinen Sinn und Ursprung hat und weitergeht. Weil ihr nicht klarkommt mit dem Gefühl, dass ihr vielleicht einfach ebenso bedeutungslos seid wie eine Ameise.“
Ich: „Was hat Gott mit Polyamorie zu tun?“

Dazu fällt dem kleinen Mann offensichtlich nichts mehr ein. Ich höre erst nichts und dann ein leises Schnarchen.

Ich bin eine treue Seele

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Weil der kleine Mann mich heute eine ganze Weile mit dem Täter-Opfer-Retter-Dreieck genervt hat. Es heißt eigentlich Drama-Dreieck und das würde zu mir ganz gut passen; das jedenfalls sagte mein Ohr zu mir. Der Titel sollte ‘Ich bin (k)eine Drama-Queen heißen’ – weil ich eigentlich eine bin, mich diese Woche aber ganz vernünftig einfach verabschiedet habe, als jemand erfolglos versucht hat, sich als Retter aufzuspielen.

Mann im Ohr: „Nachdem er dir ausführlich klar gemacht hat, dass du ein Opfer bist.“
Ich: „Immerhin hat er nicht auf dem Schulhof „Du Opfer“ zu mir gesagt.“

Er arbeitet in der Psychiatrie und ist vermutlich mit dem Dreieck vertraut.

Mann im Ohr: „Ohne Kalkül waren seine Worte sicher nicht.“

Er hat mir in aller Ausführlichkeit ungefragt erläutert, wie scheiße mich manche Leute finden und mir gleichzeitig mit smartem Lächeln erklärt, dass er das natürlich anders sieht. Dummerweise ist mir in der Situation der Spruch nicht eingefallen. Ich kann mir lange Sprüche nicht gut merken. Wir haben im Team immer ein ‘Motto der Woche’ und deswegen lese ich sowas regelmäßig. Dank Google kann ich ihn hier wiedergeben: ‘Erzähl mir nicht, was andere über mich geredet haben. Erzähl mir lieber, warum sie das in deiner Anwesenheit durften’. 

Zurück zu oben. Ich habe alte Fotoalben durchgeschaut, weil meine Mutter mich animiert hat, ihre Schrankhälfte, in der ich seit gefühlten 20 Jahren Sachen einlagere, die zu schade zum Entsorgen und zu überflüssig für meine Wohnung sind, auszumisten.

Mann im Ohr: „Ähm. Also. Deine Sätze werden zu lang.“
Ich: „Immerhin setze ich keinen Punkt hinter Worte, die keine Sätze sind.“

Ich bin ein bisschen sentimental geworden und natürlich ist Ben auf der Bildfläche erschienen. Auf Fotos. Und in seiner Hochzeitsrede, denn sein Spickzettel war auch in der Kiste.

Mann im Ohr: „Wie war das mit den Punkten hinter Nicht-Sätzen?“

Ich frage mich manchmal, womit ich das verdient habe.

Mann im Ohr: „Jeder bekommt, was er verdient.“

Demnächst nenne ich dich nicht mehr den ‘kleinen Mann’ oder den ‘Mann im Ohr’, sondern ‘Phrasenschwein’.

Mann im Ohr: „Nur weil du dir selbst auf den Nerv gehst, musst du nicht gemein werden.“

Ich werde ein bisschen rot. Vor allem, weil ich heute mal über positive Eigenschaften schreiben wollte. Also an mir selbst. Vor lauter Titeln wie ‘Ich bin arrogant’ hätte ich fast vergessen, auch mal etwas Gutes über mich zu schreiben.

Ben hat mich an etwas erinnert, die Bilder auch. Ich trage auf einem zwölf Jahre alten Foto ein Kleid, das ich nicht nur immer noch besitze, sondern regelmäßig trage. Ich habe die gleichen Schuhe an und trage dieselbe Uhr auf Bildern, die vor zehn Jahren aufgenommen wurden. Auch die Sonnenbrille ist dieselbe geblieben. Obwohl ich zugeben muss, dass inzwischen zwei neue dazugekommen sind. Eines der Bilder ist vor 18 Jahren entstanden, an dem Abend, an dem Ben und ich uns das erste Mal geküsst haben. Meine Haare sind hochgesteckt und fliegen, weil ich meinen Kopf schnell wegdrehe, so, wie ich das immer tue, wenn eine Kamera auf mich gerichtet wird. Ich trage ein sexy Neckholdertop, von dem man fast nichts sieht, weil ich ein weißes Hemd mit Vatermörderkragen drübergezogen habe. Das Hemd gehört Ben und ich vermute, ich habe wie immer gefroren. Ein ganz ähnliches Top, das ich damals schon getragen habe, liegt immer noch in meinem Schrank und wird an besonders heißen Tagen rausgeholt. Ich bin eigentlich, nicht nur was Kleidung betrifft, eine treue Seele. Obwohl ich rebellischer geworden bin mit den Jahren und mich hin und wieder von Dingen und Menschen getrennt habe. Ich mag Konstanten in meinem Leben.

Bens Rede enthält einen Satz, in dem er mich beschreibt. Er ist in Gänze, wie die Rede überhaupt, zu intim, um ihn hier auszubreiten. Deswegen nur der notwendige Teil:
„Du bist (…), sanft und stark, voller Gefühl und Temperament, (…), mit Ecken und Kanten, mit einem klugen Kopf und einem großen Herzen“.
Ben hat mich nie unkritisch gesehen. Im Gegenteil. Er war mein größter Fan und Kritiker. Und er hat mich gesehen, wie ich war. Selbst in Momenten, in denen ich das selbst nicht konnte.

Ich: „Weißt du was?“
Mann im Ohr: „Was?“
Ich: „Ich will das wieder.“
Mann im Ohr: „Ben?“
Ich: „Blödmann.“
Mann im Ohr: „Du willst einen Mann, der all das sieht?“
Ich: „Der mich sieht, wie ich bin und nicht, wie er mich gern hätte oder wie es gesellschaftlich erwünscht wäre. Dostojewski hat gesagt ‘Lieben heißt, einen anderen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat’. Das will ich. So soll mich jemand lieben.“ 
Mann im Ohr: „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Das hat Mazzini gesagt.“

Ich kenne Mazzini nicht. Ich muss erst den Eintrag lesen. Ich frage mich, was für Wissen noch in meinem Kopf schlummert und mir nicht zugänglich ist.

Ich: „Meinst du, ich wollte nie wirklich?“
Mann im Ohr: „Du wolltest Trost, Bestätigung, guten Sex, Nähe auch, einen Freund. Respektiert werden ja, gut behandelt werden auch, ernst genommen und gemocht werden. Liebe ging dir zu weit.“ 

Ich bin nicht up to date

Da hört man ein paar Monate auf zu daten und schon hat man Trends verpasst.

Gestern habe ich über Cushioning und Submarining gelesen. Das sind im Dating verbreitete Phänomene, die ähnlich nett wie Benching und Ghosting daherkommen. Der Artikel ist schon über ein halbes Jahr alt und ich kannte nicht mal die Begriffe.

Jemand wacht auf, obwohl er schon um acht ins Bett ist:
„Die sind nicht neu. Es ist nur neu, dass es Wörter dafür gibt.“
Ich: „Ich kannte das nicht.“
Mann im Ohr: „Cushioning betreibst du schon länger. Das Wort kanntest du nicht, aber umgesetzt hast du es in Perfektion.“

Und das bei meiner Umsetzungsschwäche.

Ich bin seit einer gefühlten Ewigkeit auf keiner Dating-Plattform mehr vertreten. Ich wische nicht mehr von links nach rechts, lese keine Profile mehr und denke nicht mehr darüber nach, welches Foto einen potentiellen Traummann wohl am ehesten ansprechen könnte. Das erspart nicht nur viel Zeit, sondern auch Kopfzerbrechen. Die Meinungen, gerade was Fotos und Botschaften in Profilen angeht, gehen doch ziemlich auseinander und wie bitte soll man es einem Mann Recht machen, den man noch nicht mal kennt? Der eine findet das Foto ‘süß’, der nächste ‘aufreizend’, wieder einer ‘langweilig’. Einen Spruch unter dem Bild findet dieser ‘witzig’ und jener ‘zu forsch’. 

Zur Zeit mache ich nichts und damit jedenfalls auch nicht falsch.  

Mann im Ohr: „Du warst ja auch so recht erfolgreich. Haus verlassen und lächeln funktioniert doch.“ Es folgen sehr leise Zahlen und Namen.
Ich: „Na ja, erfolgreich klingt ja irgendwie, als wär was draus geworden.“

Eine Freundschaft ist draus geworden, zwei Beziehungen hätten es vermutlich werden können, da haben dir die Männer aber nicht gefallen und bei zweien weiß man es nicht so recht. Ob der kleine Mann aus Taktgefühl den einen nicht nennt, mit dem es eine Affäre geworden ist? Der mein Herz erobert hat?

Ich: „Glaubst du, es war ein Fehler?“

Unsere Affäre ging ungefähr ein halbes Jahr. Er hat sie Beziehung genannt. Außereheliche Beziehung. Ich habe nicht über ihn geschrieben und das werde ich auch jetzt nicht. Er hat mir jeden Morgen nach dem Aufwachen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, ich war entspannt und glücklich wie lange nicht. Und das, obwohl er nicht im eigentlichen Sinne perfekt war. Er hatte Hobbies, die ich nicht mochte und hat Meinungen vertreten, die ich nicht teile. Aber er hat mich herausgefordert und glücklich gemacht. Er war der ‘Gegner’ den ich brauche im Gespräch und der ideale Partner im Bett. 

Ich höre ein Räuspern. Darauf folgt: „Da ist ein Fehler im Text.“
„Wo?“ Ich frage mich, ob er zu viel Kontakt zu meiner Schwester hat, die Lektorin ist.
Mann im Ohr: „Da oben, wo steht, dass du nicht über ihn schreibst.“ 

Ich mag es nicht, wenn Männer mich kritisieren und recht haben damit. So war Jasper auch. Ich muss darüber nachdenken. Ich wollte Männer, die mir etwas bedeuten, nicht thematisieren. Es war ein Experiment und die Männer quasi meine Versuchskaninchen und welcher Mann möchte das schon sein für eine Frau? 

Mann im Ohr: „Du hast über Ben geschrieben und Ben…“
Ich: „Hat hier nichts mehr verloren.“
Mann im Ohr: „Ich mein ja nur. Da hast du den Grundsatz schon gebrochen, da kommt’s jetzt auch nicht mehr drauf an.“ 

Der kleine Mann hat mich neulich gefragt, was Liebe ist. Ich hatte angefangen, darüber zu schreiben und dann kam etwas dazwischen. Liebe.

Mann im Ohr: „Es war kein Fehler. Du hast ihn angesehen und dein Herz ist aufgegangen. Hier oben war alles rosa und wolkig und schön.“ 

Aber bei seiner Frau ist wahrscheinlich alles grau und trüb gewesen im Kopf. Nachdem sie von uns wusste.

Mann im Ohr: „Du kannst nicht die Welt retten. Du kannst nicht die Verantwortung für die Untreue anderer übernehmen. Und du kannst nicht erwarten, in deinem Alter noch jemanden kennenzulernen ohne Altlasten. Er ist unglücklich verheiratet, so what?“

Ich mag dieses Deutsch-Englisch-Mischmasch nicht. Aber Männern etwas abgewöhnen sollte man gar nicht versuchen. Erst recht nicht, wenn sie bei einem wohnen und eine Trennung keine Option ist.

Ich: „Ich kaufe keine Wegwerf-To-Go-Becher, weil ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten will. Ich kaufe Bio-Heu-Milch von Almkühen für den dreifachen Preis, damit ich die Guten unterstütze; die, die Vorbilder sind und nicht achtlos mit anderen umgehen. Ich habe eine Katze mit der Flasche großgezogen, obwohl sie ein kleines Miststück war und ich heute noch ein Stück ihrer Kralle in meinem linken Oberschenkel habe.“
Mann im Ohr: „Eben.“
Ich: „Was ist denn das für eine Argumentation. So wenig stringent bist du doch nicht.“
Mann im Ohr: „Du hast schon so viel Gutes getan, da hast du quasi was gut.“

Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet. Hätte ich das nicht, wäre nie etwas aus uns geworden. Darf man das? Die Verantwortung so auf den anderen abwälzen? Ach was, ein schlechtes Gewissen hilft jetzt auch nichts und eigentlich gefällt mir die Argumentation. Ich werde noch viel mehr darauf achten, keine Wegwerfbecher zu benutzen und weiter meine kleine, nachhaltige Möhre fahren.

Ich: „Dein Wort in Gottes Ohr.“
Mann im Ohr: „Jetzt nimmst du dich ein kleines bisschen zu wichtig.“