Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen

Ich bin immer noch in Montreux und möchte meinen Urlaub genießen. Es gibt allerdings einen Störfaktor: den Krimi, den ich eingepackt und etwas mehr als zur Hälfte gelesen habe. Es ist mein erster von Håkan Nesser, der laut Klappentext einer der interessantesten und aufregendsten Spannungsautoren Schwedens ist. Ich finde ihn einfach nur anstrengend zu lesen und anstrengend sollte im Urlaub allenfalls eine Wanderung sein. Er springt permanent in der Zeit und zwischen den handelnden Personen. Es ist, obwohl ich schon fast zwei Drittel geschafft habe, immer noch nicht klar, ob die Personen, über die ich jetzt schon eine Weile lese, die gleichen sind wie die am Anfang, nur in ihrer jüngeren Version. Personen ändern ihre Namen, weil sie mit Spionage zu tun haben. Nun dachte ich, beim Thema Spionage würde es spannend. Weit gefehlt. Das Thema wird seit mehreren hundert Seiten ausschließlich dazu genutzt, die Sehnsucht eines jungen Mannes nach einer gewissen Carla aufrecht zu erhalten. Die ist Spionin und kann deswegen trotz der Sehnsucht, von der man nicht so recht weiß, ob sie beidseitig ist, den jungen Mann immer wieder zeitweise nicht treffen und nie weiß er, ob sie sich überhaupt je wiedersehen. 

Mann im Ohr: „Du solltest das hier umbenennen in ‘Krimikritik 1.0’.“
Ich: „Das Buch ist total langweilig!“
Mann im Ohr: „Nur weil Håkan Nesser dich langweilt, musst du das mit deinen Lesern ja nicht tun.“
Ich: „Du kennst mein Dilemma.“

Ihr Dilemma ist ihr Spleen, Bücher zu Ende lesen zu müssen. Sonst hat sie all die unvollständigen Geschichten im Kopf und fragt sich auch Monate und Jahre später noch, wie es wohl ausgegangen ist.

Ich: „Stop! Du fängst hier nicht an, deine Geschichte zu erzählen! Dich kann man ja keine 2 Minuten allein lassen.“
Mann im Ohr: „War mir eh zu anstrengend. Für diese zwei Sätze musste ich auf deiner Tastatur schon einen halben Marathon laufen.“

Tatsächlich ist das eine Macke von mir. Häufig lege ich die Bücher dann eine Weile weg und gebe ihnen später eine zweite Chance. 

Mann im Ohr: „Du quälst dich seit anderthalb Jahren mit dem Ding. Das ist die vierte oder fünfte Chance und ich bemerke nicht, dass es spannender oder literarisch wertvoll würde.“
Ich: „Du liest doch vor lauter Langeweile schon lange nicht mehr mit.“
Mann im Ohr: „Muss ich auch nicht, wenn es schön ist oder spannend, dann merke ich das auch so. Dann schweben rosa Wölkchen oder Gewitterwolken oder so hier oben rum.“
Ich: „Meinst du, ich sollte damit aufhören?“
Mann im Ohr: „Unbedingt.“
Ich: „Aber ich werde mich fragen, wie es weitergegangen wäre.“
Mann im Ohr: „Hätte hätte Fahrradkette. Du fragst dich ja auch nicht bei jedem Mann, den du je geküsst hast, was für ein hollywoodreifes Ende es hätte werden können.“
Ich: „Das ist, wenn man meinen Spleen bedenkt, eigentlich erstaunlich.“
Mann im Ohr: „Stell dir vor, du wärst damals wirklich nach Kanada ausgewandert für Rice. Dann hättest du vielleicht Tinder nie entdeckt, nie angefangen, darüber zu bloggen und unsere Geschichten gäbe es nicht. Oder du wärst bei Ben geblieben. Dann wärst du eine unglückliche Spießerin und hättest inzwischen vermutlich Mundwinkel wie Angela Merkel. Du hättest nicht mit Yoga angefangen, nicht Journalismus studiert und wärst seit zehn Jahren nicht in Urlaub gefahren.“

Ich hole tief Luft und will mich empören, aber eigentlich hat der kleine Mann recht. 

Ich: „Ist ja gut. Ich höre auf mit dem Buch.“
Mann im Ohr: „Versprochen?“
Ich: „Wenn du still bist.“

Ich habe ein schlechtes Gedächtnis

Ich sitze am See in der Sonne und versuche, nicht an Ben zu denken. 

Ich erwähnte ja bereits, dass Namen nicht so mein Ding sind. Ortsnamen merke ich mir noch weniger als andere. Deswegen wusste ich, als ich den Urlaub mit einer Freundin geplant habe, nicht, dass ich schon mal hier war. 

Mann im Ohr: „Ben hätte das auch nicht gewusst.“
Ich: „Vermutlich nicht.“
Mann im Ohr: „Ihr wart irgendwie auf ähnliche Art verpeilt.“

Ich weiß, dass ich auf Mallorca war, aber auch da darf man mich nicht nach dem Ortsnamen fragen. Ich kann sagen, dass es an der Küste war, im Südosten. Namen sind mir offenbar nicht so wichtig. Sonst würde ich sie mir vermutlich merken, so wie all den anderen Kram. Wichtig ist die Frage, ob es mir dort gefällt. Und sollte es mir so gut gefallen haben, dass ich wieder hin will, kann ich es immer noch rekonstuieren. Dann gehe ich hin und checke alle Buchten im Südosten, google Fotos und finde irgendwie raus, wie es dort hieß.

Ich höre etwas in meinem Kopf.

Es sagt: „Es wäre weniger aufwändig, es dir zu merken.“

„Na ja, die Rekonstruktion im Nachgang ist natürlich aufwändiger. Aber ich betreibe diese Art der Recherche ja nicht für viele Orte. Nur für die, die so schön waren, dass ich noch mal hin will.“

Dafür erinnere ich mich an Details. Ich kann sagen, dass da eine kleine Käserei neben einem Schuhgeschäft und einem Tortenladen war und welches der Gebäude Jugendstil war und welches Bauhaus und welche Farbe und welchen Schrifttyp das jeweilige Label hatte. Wie die Frau hinter der Käsetheke aussah und mit welchem Akzent sie gesprochen und was sie zu mir gesagt hat.

Mann im Ohr: „Ich bin froh, dass du so ein schlechtes Namensgedächtnis hast.“
Ich: „Warum?“
Mann im Ohr: „Wären wir sonst hier?“

Ich vermute: ja. Die Alternative wäre gewesen, zu Hause zu bleiben. Bea hat das Glück, hier eine Ferienwohnung zu haben, in die wir relativ spontan gefahren sind. Wir waren kaum da, da sind wir von der Wohnung, die wunderschön am Berg mit Blick über den Genfer See gelegen ist, runter in die kleine Stadt gefahren. Und dann habe ich all die Orte gesehen, an denen ich mit Ben war. Das Hotel, das Casino, die Pension, in der wir übernachtet haben. Ich konnte sogar den Garten unseres kleinen Zimmers erkennen, in dem wir damals abgestiegen sind. Das ist neun Jahre her.

Ich spüre eine Art Hüpfen in meinem Ohr. Es fühlt sich an, als würde jemand tanzen oder Purzelbäume schlagen.

Ein wenig später vernehme ich ein „Es ist hübsch hier. Und du bist so entspannt.“
Ich: „Was soll ich sonst sein? Ich war laufen, habe Yoga gemacht, sitze tippend am See in der Sonne und habe kein Internet. Eine ganze Woche nicht.“
Mann im Ohr: „Es ist komisch, offline zu sein.“
Ich: „Ich wollte schon sicher zehn mal – wenn man gestern nicht mitzählt, irgendwelche Sachen googeln und musste mich dann damit abfinden, dass ich die Dinge irgendwie analog herausfinden muss.
Mann im Ohr: „Oder deine Fragen unbeantwortet bleiben. Das war bei den meisten so.“

Ich: „Stimmt. Ich weiß immer noch nicht, welche Restaurants es im Ort gibt und wie viel ein Friseurbesuch hier kostet, wo Geldautomaten sind und wie der Kurs zwischen Franken und Euro liegt.“

Schlimm ist das nicht. Der nächste Geldautomat wird mir früher oder später über den Weg laufen. Zum Friseur gehe sowieso am besten zuhause – was das betrifft, bin ich wenig experimentierfreudig. Und die Restaurants entdecke ich im Vorbeigehen. Ich muss daran denken, wie das vor 15 Jahren war, als mein Handy noch nicht smart war und ich nicht mal Zuhause Internet hatte, weil mir der Anschluss als Studentin zu teuer war.

Mann im Ohr: „Was, wenn Google falsch liegt?“
Ich: „Google sammelt doch nur Informationsquellen.“
Mann im Ohr: „Es priorisiert sie auch und entscheidet, was du siehst und was nicht. Was, wenn es dir die Dinge, die du viel lieber lesen würdest, vorenthält?
Ich: „Oder mir fehlerhafte Quellen anzeigt.“
Mann im Ohr: „Vielleicht fußt deine Weltanschauung auf falschen Prämissen.“
Ich: „Vielleicht fußt unser aller Weltanschauung auf falschen Prämissen.“
Mann im Ohr: „Können wir damit aufhören?“

Mein Herz setzt kurz aus.

Ich: „Du willst OFFLINE leben? Für immer?“
Mann im Ohr: „Ja.“

Ich: „Nein.“

Es gibt Situationen, in denen ich froh bin, dass ich am längeren Hebel sitze.

Mann im Ohr: „Aber hin und wieder?“
Ich: „Weißt du, es kann natürlich sein, dass Google über seine Algorithmen unser Leben stärker bestimmt als uns bewusst ist. Aber ich denke, wir lassen uns ohnehin nicht so gut beeinflussen.“
Mann im Ohr: „Weil du immer alles hinterfragst?“
Ich: „Und weil du mir immer dann, wenn ich damit aufhöre, auf die Nerven gehst.“
Mann im Ohr: „Ich werde nicht damit aufhören.“

Ich muss an einen Artikel über Online-Detox denken, bei dem Menschen bewusst für eine Weile darauf verzichten, online zu sein. Jetzt, wo wir das gezwungenermaßen tun, wird mir klar, wie viel entspannter das Leben ist. Ich mache mir keine Gedanken darüber, warum irgendwer nicht auf meine Nachrichten geantwortet hat. Ich war wandern – ganz ohne irgendwas in der Tasche. Na gut, Taschentücher brauchte mein heuschnupfengeplagtes Ich. Ich schreibe mehr, denke mehr und habe trotzdem noch Zeit übrig. Während ich tippe, sehe die ausgegrauten Bogen, die mir sonst anzeigen, dass ich im WLAN bin. Schade, dass ich das hier nicht posten kann. 

Mann im Ohr: „Du kannst es nur ein paar Tage nicht posten. Wir kommen doch wieder nach Hause, oder?“

Mich beschleicht das Gefühl, dass dem kleinen Mann so ein Offline-Leben auf Dauer nicht gefallen hätte. Wenn ich seine Geschichten nicht mehr veröffentlichen würde, wäre er sicher enttäuscht.

Ich: „Weißt du was? Wir können dieses Online-Detox mal ausprobieren. Vielleicht legen wir alle zwei Wochen mal einen onlinefreien Tag ein oder machen noch mal so einen Urlaub wie hier.“

Mein Ohr wackelt ein bisschen. Als würde jemand übermütig hüpfen.