Ich bin ein Wüterich

Das hat mir neulich jemand gesagt.

„Recht hat er.“, murmelt es.
Ich muss dem kleinen Mann insgeheim zustimmen.
Trotzdem frage ich: „Warum hast Du mir das nie gesagt?“
Mann im Ohr: „Ich kannte das Wort nicht.“
Ich: „Es klingt ein bisschen nach Rumpelstilzchen. Nach jemandem, der mit dem Fuß aufstampft und rot wird vor Wut.“
Mann im Ohr: „Deswegen passt es ja so gut.“

Mir bleibt ganz kurz die Luft weg und ich werde rot. Einatmen. Ausatmen. Nicht aufstampfen.

Ich habe eben gelernt, mich zu streiten. Als ich noch als Juristin gearbeitet habe, war ich privat geradezu harmoniesüchtig. Den ganzen Tag beruflich zu diskutieren hat mir gereicht. Wenn ich abends nach Hause kam, wollte ich Harmonie. Sonst nichts.

Seit ich meinen jetzigen Job habe, darf ich nicht mehr streiten. Bei uns wird Feedback-Kultur großgeschrieben. Wichtigste Regel dabei: auf keinen Fall ehrlich sein. Es muss vorher weichgespült werden. Richtig und falsch gibt es nicht. Pro und Contra auch nicht. Positiv und ‘Delta’ darf man sagen. Die positiven Punkte sollten die negativen unbedingt überwiegen.

Mann im Ohr: „Und wenn es mal keine positiven Punkte gibt?“
Ich: „Dann denkt man sich welche aus.“

‘Sandwich-Technik’ ist das Zauberwort.

Mann im Ohr: „Ist Sandwich nicht das, wo die Frau in der Mitte zwischen zwei Männern…?“
Ich: „Das ist ein Teekesselchen.“
Mann im Ohr: „Einen Dreier nennt man Teekesselchen?“
Ich: „Nein.“
Mann im Ohr: „Was ist dann dieses Teedings?“
Ich: „Das ist nicht so wichtig. So nennt man etwas mit mehreren Bedeutungen.“

Zurück zum Thema. Was ich als argumentationsfreudig bezeichnen würde, finden manche meiner Kollegen streitlustig, andere rechthaberisch. Deswegen halte ich mich – für meine Verhältnisse – extrem zurück. Das bemerkt allerdings niemand, weil meine Kollegen keinen Vorher-Nachher-Vergleich hatten.

Ich sehne mich nach den Zeiten, in denen ich mich mit Pepe ‘gestritten’ habe. Pepe ist der einzige richtige Name hier. Da es ein Spitzname ist, der mit seinem richtigen Namen zumindest augenscheinlich nichts zu tun hat, geht das hoffentlich in Ordnung. Pepe war so unbarmherzig wie witzig und so klug wie entspannt. Er hat in meinen Aktenvorträgen nicht nur auf den Inhalt geachtet, sondern auch die überflüssigen Füllworte gezählt. Für jedes ‘äh’, ‘halt’ oder ‘eben’ gab es einen Strich und die Striche hatten gefälligst von Vortrag zu Vortrag weniger zu werden. Bei gleichbleibendem inhaltlichen Niveau. Nachdem er mich so richtig in die Zange genommen hatte, haben wir über Gott und die Welt geredet oder sind ein Bier oder einen Kaffee trinken gegangen. Meist mit anderen streitlustigen Kommilitonen.

Mir fehlt dieses sich erst zu Tode argumentieren und dann entspannt plaudern. Eine gewonnene Argumentation mit einem starken Gegner hebt meine Laune wie sonst kaum etwas. Ja, Gegner. Ich rede auch gern von Parteien. Ich liebe Wortgefechte. Ich brauche sie zum glücklich sein. Früher war mir nicht klar, dass so etwas nur mit einem bestimmten Typ Mensch geht. Viele nehmen einem leidenschaftlich vorgetragene Gegenargumente persönlich krumm.

Und irgendwie hat es sich eingeschlichen, dass ich, was ich mir beruflich verkneife, privat austrage. Das wiederum bekommt mir nicht. Denn privat kann man so schlecht den Schalter wieder auf ‘friedlich’ umlegen. Ein Ex-Freund hat mal gesagt, ich klänge immer, als sei ich im Gerichtssaal. Aber das zwischen uns sei kein Prozess und wir keine Gegner. Er hatte so recht damit.

Aber: Ich liebe Menschen, die Positionen vertreten. Selbst wenn ich die noch so absurd finde. Die den Mut haben, dagegenzuhalten. Mit Argumenten, nicht aus Prinzip. Die mich immer wieder in Frage stellen. Die Standhaftigkeit beweisen gegenüber ihren ‘Gegnern’. Die mich herausfordern.

Suche ich insgeheim einen ‘Gegner’ und keinen Partner? Kann ein Partner beides sein? Muss er für mich beides sein, damit ich glücklich sein kann?

Es ist nicht leicht…

… alles richtig zu machen am Neujahrstag.

Man darf die guten Vorsätze nicht gleich wieder brechen. Die noch halbvolle Champagnerflasche vom Vorabend leeren? Besser nicht. Den müden Po vom Sofa nach draußen bewegen? Besser ist das. Danach noch auf die Yogamatte? Besser doch. Sonst fühlt man sich gleich wieder schlecht.

Nun bin ich dieses Jahr zum ersten Mal seit Ewigkeiten in einer solchen Situation. Denn in der Vergangenheit hatte ich üblicherweise keine Vorsätze. Weder gute noch sonst irgendwelche. Geraucht habe ich nie. Regelmäßig Sport gemacht ‘schon immer’. Mich gesund ernährt auch bis auf sehr wenige Ausnahmen. Zu dick war ich zuletzt vor 18 Jahren. Einen Freund oder etwas in der Art hatte ich über den Jahreswechsel auch immer. Und im Job lief es zumindest nie so schlecht, dass ich ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, deswegen irgendwelche Vorsätze zu fassen.

Dieses Jahr ist anders. Ich habe meine Yogapraxis zu lange vernachlässigt. So sehr, dass ich es deutlich spüre. Ein Zwicken hier und ein bisschen weniger beweglich dort. Ich klettere wieder häufig. Dabei baue ich Muskeln auf und manche Sehnen verkürzen sich, wenn man nicht konsequent mit Yoga oder ähnlichem entgegenwirkt. Ich kann zum Beispiel meine Beine nicht mehr so weit grätschen wie früher.

„Dazu besteht ja auch keine Notwendigkeit.“ kichert es leise.

Der kleine Mann hätte sich ruhig vornehmen können, etwas netter zu sein im neuen Jahr. Aber ich habe mich ja nicht in seine Vorsätze einzumischen. Ich atme tief ein und aus.

Ich habe mich im letzten Jahr auch nicht so konsequent gesund ernährt wie früher. Das führt bei mir zwar nicht zu Gewichtszunahme, aber doch zu einem gewissen Unwohlsein und dem Gefühl, weniger fit zu sein. Und, das ist für mich weniger schlimm als für meine Mitmenschen, zu schlechter Laune. Wenn ich nichts oder nichts ‘Gutes’ zu essen bekomme, werde ich unausstehlich. Da bin ich picky.

„David hat den Kern Deiner Persönlichkeit beim ersten Date erkannt. Das muss ihm erst mal einer nachmachen.“ meldet sich jemand zu Wort.

Gott sei Dank ist er nicht der erste und nicht der einzige, der meine Persönlichkeit erkannt hat. Das Erkennen ist nicht so schwierig. Mich hinterher noch zu mögen, das ist die Kunst.

Mein neuer Kletterpartner Daniel hat sich bei unserem letzten Treffen ‘beschwert’. Vielleicht ist das nicht ganz der richtige Ausdruck. Aber es stört ihn, dass ich so rational bin. Vielleicht ist auch stören nicht ganz richtig. Er hält es für falsch oder ungesund oder so. Ich würde nie eine Antwort spontan ‘aus dem Bauch heraus’ geben. Ich sollte mal nicht anfangen zu denken, bevor ich antworte. Das fand ich merkwürdig, denn gleichzeitig werfen mir andere Leute zu große Emotionalität und die Unfähigkeit, meine Emotionen zu verbergen, vor. Daniel findet, ich sei schon emotional und würde versuchen, das mit Ratio zu kaschieren. Jedenfalls habe ich einen kleinen Ausraster bekommen und ihm gesagt, ich sei nun mal, wie ich sei und würde mir von ihm sicher nicht sagen lassen, dass ich irgendetwas an mir ändern müsse. Die Szene hätte auf Außenstehende vermutlich wie eine Beziehungskrise gewirkt.
Es hat mal jemand zu mir gesagt, mit ‘Fremden’ könne man sich nicht streiten. Eine starke emotionale Bindung sei Voraussetzung für eine Auseinandersetzung. Das trifft bei mir nicht zu. Streiten kann ich mich immer und überall. Aber dazu komme ich noch in einem anderen Post.

Weniger zu streiten ist jedenfalls einer meiner Vorsätze für 2017. Neben Yoga und Klettern (in ausgewogenem Verhältnis) und Bilder rahmen lassen und mehr kulturelle Dinge unternehmen wie Museumsbesuchen und Urlaub machen und einigen anderen Dingen.

An Neujahr muss man neben der unbedingten Einhaltung der Vorsätze auch schwierige Entscheidungen treffen.
Zum Beispiel die, ob man ‘Polizeiruf 110’ oder ‘Traumschiff’ guckt. Oder vielleicht doch ‘Frühstück bei Tiffany’, weil man diesen Klassiker noch nie gesehen hat und – wenn man ehrlich ist – überhaupt noch nie einen Film mit Audrey Hepburn gesehen hat. Obwohl die doch eine Stilikone ist, die man geglaubt hatte zu verehren. Dann geht einem durch den Kopf, dass man nicht mal weiß, wofür man diese Frau überhaupt verehren könnte, weil man nichts über sie weiß, außer, dass sie immer sehr stilvoll gekleidet war.

Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich weder ‘Frühstück bei Tiffany’ noch ‘Traumschiff’. Letzteres ziehe ich überhaupt nur in Erwägung, weil sentimentale Erinnerungen daran hängen und es kurzfristig gegen Fernweh hilft. Als ich klein war, zu klein für Krimis, durfte ich an Neujahr mit gucken, wenn ‘Traumschiff’ lief. Und das läuft bekanntlich jedes Jahr. Ich durfte bis 21:45 Uhr aufbleiben, obwohl ich ja schon in der Nacht davor bis nach Mitternacht auf war. Und damals, als ich eigentlich noch um acht ins Bett musste, war die Handlung aufregend. Da gab es immer irgendwelche Liebespaare, die erst noch zueinander finden mussten, Intrigen und Missverständnisse. Und als Kind habe noch nicht in Minute zwei gecheckt, wer mit wem und wie das Ganze am Ende ausgeht.

Heute werde ich mich der Mehrheit anschließen. Wenn es nicht ‘Frühstück bei Tiffany’ ist. Und nicht ‘Traumschiff’. Mal ehrlich, das hält doch kein Mensch aus. Langeweile erträgt man nicht deswegen besser, weil ein paar Traumstrände und Palmen zu sehen sind.
Ich höre eine missbilligende Stimme:

„Mehr Kompromissbereitschaft steht nicht auf Deiner Liste für 2017, oder?“

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll

Ich hatte definitiv zu wenig Zeit zum Schreiben in letzter Zeit. Es ist so viel passiert und nun haben wir schon fast 2017.

Einer meiner Vorsätze ist, wieder regelmäßig zu bloggen im nächsten Jahr. Allerdings muss ich genau überlegen, womit ich anfange. Eigentlich wollte ich über den komischen Typen schreiben, der mich an Weihnachten in der Sauna angesprochen hat. Aber witzig ist das nur, wenn man die Geschichte mit Norbert kennt.

„Seit Ben nicht mehr da ist, klettert Henry kaum noch.“ Das ist eine Reklamation meiner Schwester. Die Sache mit Norbert müssen wir wohl vertagen. Henry also. Henry ist ein Stoffpferd mit magnetischen Hufen, das bei meiner Mutter am Kamin hängt.
Sophie: „Was schreibst Du da?“
Ich: „Dass Henry ein Stoffpferd mit magnetischen Hufen ist und hier am Kamin hängt. Die Leute halten uns doch für bescheuert.“
Sophie: „Wenn sie Humor haben nicht.“

Ben ist jetzt schon seit fast sieben Jahren ‘nicht mehr da’. Es wird Zeit, dass jemand anders…

„Seinen Platz einnimmt?“ Der kleine Mann klingt ein bisschen schockiert. Das liegt wohl weniger an seiner Sympathie für Ben als an der Tatsache, dass er nie einen anderen Mann kennengelernt hat. Jedenfalls nicht so wirklich.
Ich: „Ihn ersetzen kann niemand. Und man soll Männer nicht vergleichen. Aber er soll nicht für alles die Benchmark sein. Langsam kann ich es nicht mehr hören.“
Ich höre es kichern.
Ich: „Das war kein Witz.“

Aus dem Kichern wird ein Glucksen und ich spüre, wie etwas Leichtes in meinem Kopf herumkugelt. Als es wieder still ist, höre ich eine Stimme. Sie klingt, als würde sie ein Lachen nur mit Mühe unterdrücken.

Mann im Ohr: „Ja wer soll es denn sonst sein?“
Ich: „Ich kann Dir nicht folgen.“

In Gedanken war ich schon wieder bei der Geschichte mit Norbert. Gleichzeitig beschwert sich Sophie darüber, dass ich am Sylvesterabend blogge. Und sie hat recht. Ich hab mir eben in den Kopf gesetzt, in diesem Jahr wenigstens noch einen kurzen Post zu verfassen.

Mann im Ohr: „Wer soll denn sonst die BENchmark sein?“ 

Warum küssen so wichtig ist…

…habe ich heute morgen in der ‘GEOkompakt’ gelesen. Wenn mein Verstand eingeschaltet ist, tendiere ich dazu, auch romantische Themen von der weniger romantischen Seite zu betrachten.

Ich höre ein mahnendes „Schreib so was nicht. Das wirkt nicht sympathisch.“.
Ich: „Seit wann bist Du Marketing-Experte?“
Mann im Ohr: „Du bist gemein. Ich wollte doch nur…“
Ich: „…dass ich nicht so rüberkomme, wie ich bin?“

Es grummelt ein bisschen, dann höre ich ein Rascheln. Der kleine Mann legt sich wieder hin. Ich glaube, er fühlt sich vernachlässigt, weil ich in letzter Zeit so selten Zeit für ausführliche Gespräche habe.

Jedenfalls gibt es in der ‘GEOkompakt’ einen Artikel von Ute Eberle: Die Kunst des Kennenlernens. Und da steht ‘Im Moment des ersten Kusses entscheidet sich oft, ob aus der erotischen Anziehung zwischen zwei Individuen mehr entsteht als ein Flirt. Das Spiel der Lippen und Zungen verrät, wie rabiat oder zärtlich der andere ist – und der Speichel eines Menschen enthält eine Vielzahl aufschlussreicher Botenstoffe.’.

Das glaube ich sofort. Peter stand auf ganz merkwürdige Sachen. Das hat er mir nach dem in die Hose gegangenen Kuss erzählt. Jedenfalls war sein Kuss für mich zu forsch, zu nass, zu…alles. Allerdings wusste ich das noch nicht in dem Moment, in dem sich unsere Lippen berührt haben. Da fühlte sich noch alles gut an. Das habe ich schon anders erlebt.

Ganz schlimm sind die Küsse, bei denen man schon in dem Moment weiß, dass man nicht weiterzumachen braucht. Ich erinnere mich an einen Kuss, bei dem die Lippen so feucht waren, dass ich mich ‘abgeleckt’ fühlte, obwohl die Zunge noch gar nicht im Spiel war. Grrr! Eigentlich hatte ich gedacht, man sieht so was vorher. Wenn die Lippen schon im Normalzustand immer feucht glänzen, lasse ich mich gar nicht erst küssen. Aber seine sahen ganz normal aus. Vielleicht ein bisschen schmal. Meine instinktive Reaktion wäre gewesen, mir angewidert den Mund abzuwischen, aber dazu bin ich zu gut erzogen.

„Warum erzählst Du nur von den schlimmen Küssen?“ murmelt es in meinem Kopf.

Berechtigte Frage. Es gab auch tolle Küsse. Küsse, die mich auf Wolke 7 befördert haben. Gänsehaut beschert haben. Oder beides. Bei denen ich gar nicht mehr aufhören wollte, weil es so gekribbelt hat im Bauch.

„Das ist toll. Dann geht hier oben ein Feuerwerk los, das ist fast wie Silvester.“

Das klingt fast ehrfurchtsvoll. Ich nehme mir vor, ihm solche Momente häufiger zu bescheren. Da haben wir dann beide was von.

„Wie sind denn die guten Küsse? Wie fühlt sich das für Dich an? Ist dann bei Dir auch Feuerwerk?“ Der kleine Mann klingt wach und neugierig.

Bei einem Feuerwerks-Kuss berühren sich erst mal nur die Lippen. Und man genießt den Moment. Der andere hält einen irgendwie und dann tastet man sich langsam aneinander ran. Ich will das Gefühl haben, dass der andere mich entdecken will, nicht unterjochen. Ein Kuss ist kein Machtspiel, bei dem man sich beweist, wer die längere Zunge hat. Er sollte eine spielerische Komponente haben und unbedingt ein Wechselspiel sein.

Mann im Ohr: „Wechselspiel?“
Ich: „Na ja, man macht ja irgendwann einen Vorstoß. Aber dann braucht man diese Momente, wo man innehält und das nachwirken lässt und genießt, statt immer fordernder zu werden.“
Mann im Ohr: „Und was heißt ‘spielerisch’ beim Küssen?“
Ich: „Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.“
Ich überlege eine Weile und frage dann:Weißt Du, wie eine Sinuskurve aussieht?“
Mann im Ohr: „Ist das die, die unten anfängt? Und Kosinus die, die bei 1 startet?“
Ich: „Gut behalten, kleiner Mann!“
Mann im Ohr: „Was hat eine Sinuskurve mit Küssen zu tun?“
Ich: „Eine Sinuskurve veranschaulicht ganz gut das Wechselspiel, das ich meine. Trotzdem sollte ein Kuss so nicht sein. Dann wäre alles an ihm vorhersehbar und langweilig. Wenn ich einen idealen Kuss visualisieren müsste, wäre er einer Sinuskurve ähnlich. Aber die Kurve würde mit zunehmender Zeit steiler und sie hätte unerwartete Ausschläge an der einen oder anderen Stelle. Das wäre das Spielerische daran. Man neckt den anderen mit unerwartetem Vorstoß oder Rückzug – erst dadurch wird es interessant.“
Mann im Ohr: „Und das macht das Feuerwerk hier oben?“

Jedenfalls vermute ich das. Wahrscheinlich ist das bei jedem anders. Für mich sind diese Küsse perfekt. Wenn ich das in der GEO richtig verstanden habe, küssen die Männer, die genetisch zu mir passen, genau so. Das hat die Natur prima eingerichtet. Es ist also gar nicht so schwierig, den Richtigen zu finden. Man braucht keine komischen Algorithmen und keine Angaben bezüglich Alter, Beruf und Einkommen. Man muss ihn einfach nur küssen und ihn behalten, wenn es sich gut anfühlt.

Back to the roots

Ich sitze hier mal wieder an einem Sonntag morgen. Wach bin ich seit 5:30 Uhr. Hatte ich schon erwähnt, dass die Sache mit Ben unter anderem daran gescheitert ist?

Unsere Hochzeitsreise lief ungefähr so:
Ich wache um 6 Uhr auf und bin hellwach. Am liebsten würde ich über Ben herfallen, aber er schläft noch tief und fest. Lesen wäre eine Alternative – aber Licht anmachen ist doof, dann wird er wach und bekommt schlechte Laune. Hätten wir doch nur eine Suite mit mehreren Zimmern gebucht. Also gut, ich gehe schwimmen.
Nach einer Stunde im Pool mache ich ganz leise noch ein bisschen Bauch, Beine, Po. Ohne Licht. Ich schleiche mich ins Bad und dusche. Es ist jetzt ungefähr 8 Uhr. Nach dem Duschen noch Schönheitsprogramm, sonst bekomme ich die Zeit bis zum Frühstück nicht rum. Irgendwann stehe ich vor dem Bett. Mir reicht´s. Ich bin seit vier Stunden auf, meine Haut strahlt, meine Füße sind pedi- und meine Hände manikürt, meine Haare duften und mein Körper ist trainiert wie selten. Und da liegt einer und pennt und würdigt das kein Stück. Ich lege mich daneben und stupse ihn an. Hilft nicht, kenne ich schon. Küsse sind vergebene Liebesmüh – jedenfalls zum Wecken. Nach 8 1/2 Jahren zieht nicht mal mehr ein Blowjob. Jedenfalls nicht, wenn die Alternative süße Träume sind. Mein Magen knurrt. Ich bin sauer. Das ist verdammt noch mal meine Hochzeitsreise. Und unser erster Urlaub zu zweit, seit wir uns kennen. Ich will was vom Tag haben, aber der ist schon halb rum. Alle Leute frühstücken. Alle! Ich rüttle an Ben und sage „Aufstehen, ich will frühstücken.“. Er dreht sich rum und grummelt irgendwas, das klingt wie „Noch ein bisschen.“. Um 11 sitzen wir am Frühstückstisch. Meine Laune ist im Keller. Ben sagt „Ich würde so gern neben Dir aufwachen. Ist doch unsere Hochzeitsreise. Das ist total unromantisch, dass Du immer so früh auf bist.“. Ich atme ganz tief ein uns aus und dann implodiere ich. Ist ja unsere Hochzeitsreise und ich will nicht unromantisch sein.

Mann im Ohr: „Warum heißt der Post ‘Back to the roots’?“
Ich: „Ich habe so lange nicht über Männer geschrieben und da dachte ich, ich schreibe vielleicht mal wieder über ein Date, das nicht stattgefunden hat.“
Mann im Ohr: „Ist Dir gelungen.“
Ich: „Es ist noch nicht mal acht und Du meckerst schon an mir rum.“
Mann im Ohr: „Das wird sich Ben auch gedacht haben in Eurem einzigen Urlaub.“

Stimmt. Aus Ben´s Sicht war das wahrscheinlich eher so:
Ich bin noch nicht mal wach und meine Frau keift schon in mein Ohr, dass sie hungrig ist und ich endlich aufstehen soll. Ich würde jetzt gern über sie herfallen. Sie riecht so gut und so sommergebräunt ist sie unglaublich sexy. Aber wenn ich ihr damit jetzt komme, rastet sie völlig aus. Wenn sie Hunger hat, ist nicht mit ihr zu spaßen. Vielleicht wird es ja später was. Unwahrscheinlich. Tagsüber will sie an den Strand oder etwas unternehmen oder lesen und abends fällt sie tot ins Bett, weil sie seit 6 Uhr auf ist. Na ja, jetzt erst mal ganz entspannt frühstücken, dann bessert sich ihre Laune hoffentlich.

Mann im Ohr: „Welches Date meinst Du? Du hattest so viele Nicht-Dates.“
Ich: „So viele waren das gar nicht. Aber es gab, glaube ich, mehr Dates, die nicht stattgefunden haben als ‘richtige’ Dates.“ 

Ich meinte das Date mit Joshua.

Joshua klang nett. Und wollte ‘was Ernstes’. Wenn man sich denn versteht, versteht sich. Der Termin für unser Date stand schon. Dann schrieb er plötzlich Fragen wie „Trägst Du eigentlich Nylons?“. Eigentlich weiß man bei so einer Frage gleich, wie das weiterläuft. Dementsprechend garstig habe ich reagiert. Allerdings fühlen sich manche Männer ja durchaus angezogen von widerborstigen Frauen. Jedenfalls äußerte er den Wunsch, ich möge doch bitte zu unserem ersten Date einen Rock, Nylons und ‘die braunen Stiefel da’ tragen. Da war ich nicht umsichtig gewesen. Ich hatte ihm ein Selfie geschickt, das in meinem Zimmer aufgenommen ist. Darauf bin ich in Jeans und T-shirt zu sehen und in der Zimmerecke stehen braune Lederstiefel. Um sicherzustellen, dass das Outfit auch seinen Vorstellungen entsprechen würde, schickte Joshua noch einige Links. Von Wolford und Gerbe. Wolford kennt man ja. Als Frau jedenfalls. Gerbe sagte mir nichts. Auf der Website steht ‘Preciously handmade in France. Since 1904’. Aha. Teuren Geschmack hat der Gute.

Ich habe geantwortet, dass ich prinzipiell trage, worauf ich Lust habe. Na ja fast. Der einzige, der da ein bisschen mitreden darf, ist mein Chef. Der hat zwar auch schon mal eine Erwartungshaltung geäußert, die mir nicht geschmeckt hat. Aber die war doch nachvollziehbar begründet und wesentlich angemessener als das. Nach Nylonstrümpfen hat er noch nie gefragt.

Darauf kamen von Joshua noch mehr Fotos von Frauen in hübschen Strümpfen und etwas, das man fast schon als Betteln bezeichnen muss.

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich antworten sollte. Am besten gefiel mir, worauf mein Bauch spontan hüpfte: „Nylons kosten extra.“. Ich glaube wirklich, er war so heiß darauf, mich in diesen Strümpfen und den braunen Stiefeln zu sehen, dass wir ein Geschäft daraus hätten machen können. Da bekommt der Ausdruck ‘Marktwert testen’ eine ganz neue Bedeutung.
Aber dann habe ich eine Stimme in meinem Kopf gehört: „Wie muss man sowas eigentlich versteuern?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Und dann dachte ich, irgendwie lassen wir das Ganze doch besser.

Ich bin gerne spießig

Das hat meine Freundin Kathrin neulich gesagt. Und mir erlaubt, den Satz hier zu verwenden.

Wir kamen darauf, weil Eric zu mir gesagt hat: „So wie Du Dich selber beschreibst sehe ich Dich gar nicht. Na so spießig bist Du doch nicht.“. 

Heute habe ich dem kleinen Mann gesagt, dass ich einfach zu spießig für die Ära Trump bin. Er hat mich mit erhobenem Zeigefinger daran erinnert, dass ich sonst immer Wert auf saubere Terminologie lege. Und dass das mit Trump keine Ära sei. Weil das Wort nur positive oder neutrale Zeitabschnitte meint. Sagt Wikipedia. Der kleine Mann hatte vergessen, dass der Duden eine seriösere Quelle ist und der keine solche Einschränkung kennt.

Mann im Ohr: „Trump würde auch Wikipedia fragen. Der kennt den Duden nicht.“
Super Argument.
Ich: „Trump ist nicht in unser Vorbild. In keinerlei Hinsicht.“
„Sogar Obama hat gesagt, so schlimm sei er nicht.“ tönt es verschnupft in meinem Kopf. 
Ich: „Was soll er auch sagen? Er ist demokratisch gewählt. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Da hilft Panikmache nicht.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, Trump wird Vergewaltigungen erlauben?“
Mir wird spontan schlecht. So abwegig ist der Gedanke bei einem Pussygrabber nicht.
Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Mann im Ohr: „Doch. Kannst Du. Sonst wär Dir grad nicht schlecht geworden.“
Ich will nicht daran denken.
Ich: „Er wird einen Haufen dummes Zeug machen.“

Ich demonstriere gegen Trump. Ganz still und leise. Ich bin der Inbegriff einer spießigen Europäerin. Ich trinke beim Schreiben einen trockenen italienischen Rotwein. Ich habe keine Silikontitten. Ich bin nicht bei Facebook. Ich habe keine Tattoos oder Piercings. Wenn ich einen Kuchen backe, sind alle Zutaten frisch und regional und selbst zusammengemixt. Boden aus dem Tiefkühlfach mit Topping aus der Dose kommt mir nicht in die Tüte. Ich käme nie auf die Idee, rund ums Jahr Spargel zu essen. Am besten noch weißen aus der Dose. Pfui! Ich wohne in einem STEINhaus mit dicken Wänden, das nicht nur Trump, sondern auch seine nächsten zehn Nachfolger unbeschadet überdauern wird. Selbst ein Hurrikane könnte dieser Festung nichts anhaben. Das Haus steht seit 1616. Wollen wir doch mal sehen, was solider ist. ‘Mein’ Haus oder der Trump Tower. An meiner Decke hängen dänische Lampen und mein Sofa ist Italiener. Die Armaturen sind genauso deutsch wie meine Küche und mein Bett. Die Stühle sind aus Dänemark und das hübsche Windlicht aus der Bretagne. Soll Trump Amerika ‘great again’ machen, an das hier kommt er nicht ran.

Mann im Ohr: „Du klingst ganz schön antiamerikanisch. Dabei ist Amerika doch nicht nur Trump.“
Ups, da habe ich mich ganz schön in Rage gedacht.
„Das stimmt.“ sage ich kleinlaut. 
Ich bin einfach erbost. Aber der kleine Mann hat natürlich recht.

Eigentlich waren wir ja dabei, dass ich spießig bin.

„Ja. Schon. Ziemlich. Na ja, nicht in allen Dingen.“ Der kleine Mann lugt aus meinem Ohr heraus.
Mann im Ohr: „Ich glaube, das kommt einfach sehr auf den Blickwinkel an. Thilo fand Dich nie spießig genug mit Deiner liberalen, leicht angegrünten Haltung. Und Ethan fand Dich völlig verklemmt und spießig. Denk nur an die Sache mit dem Tattoo und dem Intimpiercing.“
In meinem Bauch rumort es heftig. Ich bin, was Tattoos und Piercings angeht, völlig jungfräulich. Und habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Das war ein Streitpunkt. Er fand das langweilig. Die Sache mit dem Föderalismus war nicht der einzige Grund für die Trennung.
Ich: „Bin ich nun spießig?“
Mann im Ohr: „Nicht spießig genug für ein Reihenhaus mit handtuchgroßem Garten.“

Tatsächlich behagt mir diese Vorstellung nicht. Aber: das haben auch alle anderen immer gesagt, die irgendwann doch in so ein Ding gezogen sind und dann schwärmen, wie praktisch das ist. Der kleine Mann meint, dass ich trotzdem niemals im Reihenhaus enden werde. Puh.

Er fährt fort: „Dir sind künstliche Nägel suspekt. Du hast noch nie Drogen genommen oder mit mehreren Leuten gleichzeitig…“
Ich: „…aber ich rede sehr offen über so was. Und die meisten Erfahrungsberichte über Dreier und so waren eher semi.“
Schon Otto von Bismarck hat gesagt ‘Nur der Dumme lernt aus der Erfahrung, der Kluge dagegen aus der Erfahrung anderer.’.
Mann im Ohr: „Das ist eigentlich aus China und heißt ‘Der Dumme lernt aus seinen Fehlern, der Kluge aus den Fehlern der anderen.’“
Ich: „Kleiner Klugscheißer.“
Mann im Ohr: „Du legst Wert auf Pünktlichkeit, wolltest nie Kinder ohne Trauschein und hast Dir…“ Er scheint kurz nach Luft zu schnappen. „…Silberbesteck gewünscht.“ Das in einer Schublade ordentlich aufgereiht zwischen anlaufsicherem Samt – ist das Samt? So was in der Art jedenfalls – liegt.
Ich: „Das klingt mega spießig.“
Mann im Ohr: „Ist es.“ 

Wir schweigen. Ich bin frustriert. Und er will es nicht noch schlimmer machen. Glaube ich. Ich bin gerne so. Aber sexy klingt das nicht.
Ich muss wieder an Kathrin denken. Wir haben viel gemeinsam. Also Kathrin und ich. Wir fühlen uns unsicher, sobald wir auf hippe Typen treffen, die sich in einer ‘Szene’ auskennen, von deren Existenz wir bis dahin nicht mal wussten. Dafür sind wir tier- und kinderlieb, kochen und backen gern und gefallen uns so ganz ‘nackt’. Wir nähen. Und malen. Wir putzen sogar gern.

„Ich hoffe, das hier liest kein Mann, den Du gut findest. Du erhöhst mit Deiner Offenheit nicht gerade Deine Chancen am Markt.“ Der Mann in meinem Ohr klingt besorgt.
Ich: „Ach weißt Du, wenn er das hier liest und mich trotzdem noch gut findet, kann er sich melden und beim Treffen können wir uns das ganze Gequatsche sparen. Wir könnten gleich ausprobieren, ob das mit dem Küssen klappt und zu den wirklich wichtigen Dingen kommen. Das wäre ungemein effizient.“
Er vergräbt den Kopf in seinen Händen und schüttelt ihn dabei. „Du hast was vergessen.“

Vergessen? Das passiert mir öfter in letzter Zeit.

„Du solltest IHN auch kennenlernen, bevor Du zu den wirklich wichtigen Dingen kommst.“ 

Bad choices make good stories

Das habe ich neulich auf dem Rücken einer Passantin in Düsseldorf gelesen.

Der Mann in meinem Bauch ist spontan gehüpft und hat sich dann so lange im Kreis gedreht, bis mir ganz warm war.

„Du musst aufhören, an diesen Kerl zu denken!“ ruft es in meinem Ohr. Autsch. Das war eindeutig zu laut. Aber es geht noch weiter: „Er bringt hier oben alles ganz schlimm durcheinander. Es sieht aus, als sei hier ein Tornado durchgefegt!“ 

Der Arme klingt ganz verzweifelt. Und ich habe keinen Schimmer, wovon er redet.

„Hier ist nichts mehr an seinem Platz! Ich muss alles wieder aufräumen.“ Ich höre Resignation und – Angst? Bevor ich fragen kann, geht es weiter: „Dieser Mensch tut Dir nicht gut. Ich will, dass das aufhört.“
Ich: „Kleiner Mann, beruhig Dich. Tief ein- und ausatmen. Was ist denn los?“
Mann im Ohr: „Du denkst ständig an ihn. Schon seit Monaten immer mal wieder, aber in letzter Zeit häufiger. Es wird dann immer düster hier drin. Die Stimmung ist gruselig und alles wirbelt durcheinander.“
Ich: „Hast Du A N G S T?“
Mann im Ohr: „Männer haben keine Angst.“
Ich: „Ach herrje, woher hast Du das denn?“
Mann im Ohr: „Das kam aus der Ecke geflogen, als der Tornado hier durch ist.“
Ich: „Dann beförder das mal ganz schnell raus aus meinem Kopf! Männer dürfen Angst haben.“

Ich habe doch gerade erst über Angst gelesen. Alexander Huber sagt, dass kein anderes Gefühl so intensive Momente im Leben erzeugt. Er findet, dass Angst sein Leben bereichert.
Angst schützt uns, manchmal rettet sie uns sogar das Leben. Sie ist in uns angelegt und nur ein Dummkopf würde sagen, dass Männer keine Angst haben dürfen. Hätten Männer früher bei der Jagd keine Angst vor Raubtieren gehabt, hätten sie kein Adrenalin ausgeschüttet und wären nicht in der Lage gewesen, sie zu erlegen oder vor ihnen zu flüchten. Nur die, die im richtigen Moment Angst haben und entsprechend reagieren, überleben. Wenn die Menschheit überleben soll, müssen auch Männer Angst haben.

„Wirklich? Das kann weg?“ fragt es leise.
Ich: „Ja, ganz schnell.“

Ich höre, wie sich etwas bewegt in meinem Kopf und dann purzelt ein kleiner Minipopel aus meiner linken Ohrmuschel.

Ich frage vorsichtig: „Fühlst Du Dich jetzt besser?“
Mann im Ohr: „Nein. Ich habe Angst vor ihm. Und vor dieser düsteren Stimmung.“
Ich: „Von wem redest Du denn eigentlich?“
Ich kann mich nicht erinnern, an einen schlimmen Mann gedacht zu haben.
Mann im Ohr: „Er sieht nicht mal gut aus. Ich weiß nicht, warum Du ständig an ihn denkst.“
Ich: „Kleiner Mann, ich denke über alles mögliche nach. Aber nicht über einen Kerl! Mich beschäftigt, wie ich meine Bilder signieren soll. Und ob überhaupt. Wenn ja, vorne oder hinten. Das beschäftigt mich gerade hauptsächlich.“

Und ob ich jetzt ein Blog-Pause einlege und die Fenster putze stattdessen. Wegen ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ – weil es dann hinterher schöner ist, hier mit meinem Milchkaffee zu sitzen und zu schreiben. 

„Milch?!“ tönt es entsetzt. „Du wolltest doch keine Milch mehr…die verträgst Du doch nicht.“
Ich beruhige ihn. „Hafermilch.“ Für mich zählt das. Es klingt nur so unsexy und nach Ökotussi.
Ich: „Ich verstehe immer noch nicht, von wem Du redest. Vielleicht hast Du nur schlecht geträumt?“
Mann im Ohr: „Er ist hässlich. Und er hat keine Manieren. Er ist gar nicht Dein Typ.“
Das muss ein Traum gewesen sein.
Mann im Ohr: „So ähnlich heißt er.“
Ich: „Wie ähnlich?“
Mann im Ohr: „So ähnlich wie ‘Traum’.“
Ich: „Kannst Du ihn mir beschreiben?“
Mann im Ohr: „Er hat eine furchtbare Frisur und oft ein ganz rotes Gesicht. Er scheint unsagbar dumm zu sein. Und ungehobelt.“ 
Ich: „Und ich denke an ihn? Hat er mich denn irgendwie belästigt oder hat er meine Nummer?“
Mann im Ohr: „Er hat nicht mal nach Deiner Nummer gefragt. Er steht auch gar nicht auf Frauen wie Dich, sondern eher auf künstliche Typen. Mit großen…na ja. Die hast Du nicht.“
Danke. Dafür habe ich Hirnzellen. Der kleine Mann fährt fort: „Deshalb verstehe ich ja auch nicht, wieso er Dir nicht aus dem Kopf geht. Du hast doch gesagt, wir sollten die Dinge loslassen, die uns nicht gut tun.“
Ich: „Das würde ich ja gern. Wie mache ich das jetzt mit der Signatur?“ 
Vielleicht hilft Ablenkung?
Mann im Ohr:“Außerdem ist er verheiratet mit so einer künstlichen Tussi, die einen komischen Akzent hat. Die ist auch nicht die Hellste.“ 

Ich muss spontan an Donald Trump denken.

„D A S ist er! So heißt er: Trump!“ ruft es.
Ich bin erstaunt. „Ich denke dauernd an Donald Trump und der bringt da oben alles durcheinander?“
Mann im Ohr: „Ja. Hier sieht es so aus, wie ich mir den Weltuntergang vorstelle.“

Tatsächlich muss ich, je näher die Wahl rückt, öfter an ihn denken. Aber Angst macht er mir nicht. Dachte ich.

„Warum sieht es dann hier so aus?“ Er klingt verunsichert.

Berechtigte Frage. Der kleine Mann kann besser beurteilen, wie es in mir aussieht. Das hat er oft genug bewiesen. Vielleicht ist das wieder mein Bauchgefühl? Habe ich das etwa schon wieder ignoriert?

Mein Verstand sagt mir, dass seine Präsidentschaft keine Zukunft hat. Mal angenommen, er würde die Wahlen gewinnen. Dann gäbe es immer noch den Kongress. Wie oft ist Obama gescheitert mit Initiativen? Weil der mächtigste Mann der Welt eben doch nicht so mächtig ist. Mit ein bisschen Glück würde er sich noch ein bisschen weiter vor der ganzen Welt blamieren und endgültig als Lachnummer in die Geschichte eingehen. Außerdem wurden schon Präsidenten erschossen, die weniger Angriffsfläche geboten haben.

„Du findest, man sollte ihn erschießen, wenn er Präsident wird?“ fragt es erstaunt.
So kennt der kleine Mann mich nicht. Ich muss vorsichtig sein mit meinen Gedanken, sonst bekommt er noch mehr Angst.
Ich: „Nein! Man sollte niemanden erschießen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, jemand würde das versuchen?“
Ich: „Das wird vermutlich davon abhängen, wie er sich aufführt. Einen dritten Weltkrieg würde niemand riskieren wollen. Nicht mal seine Anhänger. Und was glaubst Du, wie viele aus den eigenen Reihen scharf auf seinen Posten wären?“
Mann im Ohr: „Aber das wäre sehr gefährlich.“
Ich: „Es gibt mutige Menschen da draußen. Denk nur an von Stauffenberg.“
Mann im Ohr: „Der hat es nicht geschafft. Er hat es doppelt nicht geschafft. Hitler nicht und selbst hat er den Schlamassel auch nicht überlebt.“
Ich: „Ja, kleiner Mann. Aber wir Menschen lernen dazu. Die Lage bei Hitler war anders. Damals war die Technik noch nicht so modern. Außerdem hat Trump schon bevor er überhaupt an der Macht ist unglaublich viele Feinde im eigenen Lager. Die werden sich schon zu helfen wissen.“ 
Mann im Ohr: „Würdest Du Dich denn freuen?“
Ich ignoriere die Frage. Auf so was kann man keine politisch korrekte und ehrliche Antwort geben. Aber da habe ich die Rechnung ohne den kleinen Mann gemacht.
Mann im Ohr:  Wenn jemand ihn erschießen würde oder vergiften – na ja, töten halt. Würdest Du Dich freuen?“
Ich: „Ich würde sicher keinen Schampus aufmachen deswegen.“
Mann im Ohr: „Aber wenn Du zufällig welchen da hättest und der eh weg müsste? Du hast mal gesagt, Champagner wird nicht besser mit den Jahren.“
Da hat jemand zugehört. Früher habe ich mich mal mehr für Wein und Champagner interessiert. Da hatte ich sogar den aktuellen ‘Kleinen Johnson’.
Ich: „Vielleicht würde ich die Flasche dann seinetwegen ‘entsorgen’.“
Man soll ja regelmäßig ausmisten.
Mann im Ohr: „Das ist unchristlich.“
Ich: „Ich würde auch beten. Besser?“

Mann im Ohr: „Für ihn?“

Der kleine Mann ist manchmal schlauer als mir lieb ist. Ich hätte wissen sollen, dass er nachhakt.

Ich: „Mal sehen. Ja. Und dann würde ich nur zur Sicherheit noch beten, dass es die Hölle wirklich gibt.“
Mann im Ohr: „Wieso hast Du die Überschrift ‘Bad choices make good stories’ genannt?“
Ich: „Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben. Über Männer mal wieder. Back to the roots quasi. Denn jede schlechte Entscheidung hat doch entweder zu lustigen oder spektakulären Geschichten geführt.“
Mann im Ohr: „Die damals aber gar nicht lustig waren. Erst im Nachhinein.“
Ich: „Ja, aber dann umso mehr.“

Und das war, wenn ich so darüber nachdenke, nicht nur bei Männern so. Auch bei meiner ersten Stelle. Und beim ersten Studium. Es waren immer die ‘schlechten’ Entscheidungen, die mich nach vorne gebracht haben. Warum sollte das nicht auch für eine Nation gelten können?

Der kleine Mann räuspert sich: „Aber in den 30ern haben eine Reihe von ‘bad choices’ in eine ganz schlimme Katastrophe geführt.“.

Mir wird flau. Der Mann in meinem Bauch steht stocksteif in der Mitte und greift mit seinen zu kurzen Armen nach den Bauchwänden, es kneift unangenehm. Ich hatte gerade etwas zu Julia Engelmann sagen wollen. Weil sie gesagt hat  „Lass uns möglichst viele Fehler machen und lass uns möglichst viel aus ihnen lernen“.  Ich höre ein leises „Aber manche Fehler darf man gar nicht erst machen, oder?“. Das ist wohl so. Dumm, dass man vorher nicht weiß, aus welchen Entscheidungen man lernen wird und welche in eine unumkehrbare Katastrophe führen.

Was ist noch intim?

„Es sind schon wieder ein paar Tage rum.“ meckert es in meinem Kopf. „Wenn Du so weitermachst, liest Dich keiner mehr.“
Ich: „Wieso? Die Leute haben doch eh so wenig Zeit, da ist hin und wieder statt täglich ein Post doch vielleicht gar nicht schlecht?“
Mann im Ohr: „Aber wenn die Leute schauen, ob es was neues gibt und da ist nichts, gucken sie irgendwann gar nicht mehr.“
Ich: „Man kann die Seite doch abonnieren…dann bekommt man, glaube ich, eine Info, wenn es was Neues gibt.“
Mann im Ohr: „Hast Du schon mal ausprobiert, wie das funktioniert?“

Habe ich nicht. Hoffentlich ist das nicht zu kompliziert. Wahrscheinlich muss man sich irgendwie registrieren oder so. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber versuchen, wieder regelmäßiger zu schreiben. In letzter Zeit konzentriere ich mich wieder mehr auf andere ‘künstlerische’ Dinge. Ich hab grade so viele Ideen, die ich auf Papier umsetzen will.

„Du wolltest doch was schreiben über die neue Art des Fremdgehens.“

Das hätte ich fast vergessen. Da sind der Kreativität ja keine Grenzen gesetzt heute. Früher ging man fremd, wenn man Sex mit einem anderen hatte. Also einem anderen, als dem eigenen Mann. Oder festen Freund. Manche fanden auch, dass knutschen und fummeln schon als ‘fremdgehen’ zählen.

„Kein Mensch sagt heute noch Fummeln!“ tönt es empört. 
Ich: „Ich schreibe ja auch gerade von F R Ü H E R.“ Da sagte man das so. Damals, als auch ich noch fand, dass Fremdknutschen eine Sünde ist. Ich weiß nicht, von wem er diese Klugscheißerei hat. 
Der kleine Mann kichert. „Heute denkst Du das nicht mehr?“
Ich: „Doch. Da habe ich mich wohl nicht präzise ausgedrückt. Aber früher war es fast üblich, das so zu sehen. Heute scheinen da alle irgendwie ‘liberaler’ geworden zu sein.“ 
Mann im Ohr: „Alle außer Dir?“
Ich: „Nicht alle außer mir.“ Hoffe ich doch.  

Nicht nur das Vokabular hat sich geändert, die ganze Welt des Fremdgehens ist eine andere.

„Glaubst Du, früher wollten die Menschen sich nicht mal woanders austoben?“
Ich überlege. „Doch, vermutlich schon. Aber sie hatten weniger Gelegenheit.“

Motiv, Mittel, Gelegenheit. Immer wieder diese Trias.

Motive gab es früher sicher ebenso wie früher. Vielleicht sogar mehr. Damals waren die Beziehungen langlebiger und es gab weniger Abwechslung. Man hatte ja noch nicht jederzeit Zugriff auf alles. Es war undenkbar, ein Fußballspiel zu verfolgen, wenn man gerade unterwegs war. Oder ein Computerspiel zu spielen. Es gab weder Sky- noch Pokémon Go und keine Ebook-Reader. Telefonieren konnte man auch nur von zuhause und Nachrichten wurden noch auf Papier übermittelt. Da konnte einem schon mal langweilig werden, wenn man nicht gerade mit Freunden unterwegs war. Und wem langweilig ist, der kommt auf dumme Gedanken.

Das Mittel war schon schwieriger. Man brauchte zum Fremdgehen notwendigerweise einen Partner. Und außer dem Freundes- und Bekanntenkreis bleib da nicht viel. Facebook und Online-Portale gab es ja nicht. Im verfügbaren Kreis war das Risiko, erwischt zu werden, allerdings so hoch, dass es vermutlich viele abgeschreckt hat. Und irgendwo auswärts jemanden ansprechen, an einer Hotelbar oder im Zug, das kostet Überwindung.

Außerdem brauchte man dazu erst mal die Gelegenheit. Es waren ja nicht viele Menschen oft alleine unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, ohne Anhang und weg vom Freundes- und Bekanntenkreis unterwegs auf jemanden zu treffen, der dieselben Absichten hat und ebenfalls unbeobachtet war, war wohl recht gering.

Mann im Ohr: „Aber für so erfolgreiche Leute, zum Beispiel Männer auf Geschäftsreise, war es doch wahrscheinlich einfach?“
Ich: „Einfacher jedenfalls als für den Rest.“
Mann im Ohr: „Dann war das früher eher ein Thema der Bildungselite?“
Puh. Ob man das so sagen kann? Der Schluss ist zwar nicht abwegig, aber ein wenig spekulativ.
Mann im Ohr: „Und meinst Du, deswegen glauben immer noch alle, Fremdgehen sei so ein Männerthema?“
Ich: „Wo ist da der Zusammenhang?“
Mann im Ohr: „Na ja, früher waren die meisten Männer berufstätig und die Frauen bei der Familie zuhause. Wenn, dann hatten die Männer deutlich mehr Gelegenheit als die Frauen.“
Ich denke darüber nach. „Möglich. Wenn ich mir das heute so angucke, kenne ich ungefähr gleich viele fremdgehende Männer wie Frauen.“
Mann im Ohr: „Nein! Du kennst mehr Männer.“
Ich: „Absolut ja, aber relativ hält es sich die Waage. Ich habe inzwischen einfach viel mehr Berührungspunkte zu Männern als zu Frauen. Früher war das umgekehrt.“
Mann im Ohr: „Heute findet man über so Apps doch alles zu jeder Zeit. Denk nur an die Männer, die Dich angeschrieben haben, als seist Du eine Prostituierte.“
Ich: „Du meinst die ‘Baby, bläst Du mir heute Abend einen?’-Sorte von Mann?“
Mann im Ohr: „Ja.“
Ich: „Aber es hat ja nicht funktioniert. Mich hat das abgeschreckt und ganz viele andere sicher auch.“
Mann im Ohr: „Aber wahrscheinlich muss man nur genügend Frauen anschreiben mit dieser Frage oder mit ‘Ficken???’ und irgendwann landet man einen Treffer. Wenn man hunderte von Matches hat, dürfte das leicht sein.“

Traurig, aber wahr. Und dann schwirrt mir da auch noch die Frage im Kopf rum, wann Fremdgehen Fremdgehen ist. Wenn ich Tinder auf meinem Handy habe trotz Beziehung? Wenn ich Tinder auf meinem Handy habe trotz einer Exklusiv-Geschichte? Erst, wenn ich Tinder auch nutze? Oder erst, wenn ich mich mit jemandem treffe?

Der kleine Mann räuspert sich. „Zwischen Match und Treffen liegen aber noch einige Schritte. Da muss man sich ja erst mal schreiben und meistens tauscht man ja auch Nummern aus.“
Ich: „Stimmt. Je nachdem, was der Inhalt der Nachrichten ist und ob und was man für Bilder schickt, geht man schon fremd, finde ich.“ Ich will nicht, dass einer, mit dem ich schlafe, anderen Frauen intime oder laszive Bilder schickt. Oder schlimmer: Videos.
Mann im Ohr: „Und wenn er nur so tindert?“
Ich: „Auch das ginge mir gegen den Strich. Das hieße ja, dass er auf der Suche nach was anderem ist. Und das ist man ja nur, wenn man nicht glücklich ist mit dem anderen. Aber dann sollte man miteinander reden oder sich trennen. Dieses noch-in-einer-Beziehung-sein-und-gleichzeitig-was-Neues-suchen ist populär geworden, aber ich finde es feige. Das tun Menschen, die nicht allein sein können.“
Mann im Ohr: „Marlboro-Männer tun das nicht.“
Ich: „Nein. Die reiten alleine in die Wildnis, machen ein Feuer und erlegen irgendwelche Tiere, die sie dann über dem Feuer grillen.“
Mann im Ohr: „Wäre Dir das lieber als tindern?!“
Ich: „Natürlich.“
Mann im Ohr: „Aber Du bist doch so tierlieb!“
Ich: „Da muss man Prioritäten setzen. So ein erlegtes, wildes Tier hatte ja wenigstens ein schönes Leben. Und dann kommt der Marlboro-Mann irgendwann zurück und hat tagelang keine Frau gesehen und fällt über uns her und mit ein bisschen Glück haut er uns hinterher noch die Reste des erlegten Wildes in die Pfanne.“
Mann im Ohr: „D A S würde ein Marlboro-Mann niemals tun. Ein Marlboro-Mann stellt sich nicht an den Herd.“

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Was ist denn für Dich Fremdgehen?“ hakt es in meinem Ohr nach.
Ich: „So einfach finde ich das nicht zu beantworten. Manche würden ja schon behaupten, wenn man auf die Nachricht eines Verflossenen reagiert. Das finde ich ein bisschen drastisch. Man kann ja auch mit einem Ex befreundet sein, wenn die Grenzen klar abgesteckt sind.“
Mann im Ohr: „Es gibt so viele Formen heute, wie soll man sich denn da einig werden? Und weißt Du was?“
Ich: „Was denn?“
Mann im Ohr: „Früher habt Ihr Menschen mehr darüber geredet. Heute sagt Ihr nichts und fragt den anderen nicht, wie er das sieht und jeder sagt sich ‘Ich habe ja keine festen Zusagen gemacht, also ist das alles okay’.“
Ich: „Das stimmt in vielen Fällen. Ich glaube aber, dass diejenigen, die sich sowas sagen, insgeheim schon ganz genau wissen, was in Ordnung ist und was nicht. Und das eher eine Entschuldigung ist, wenn sie bei irgendwas ‘erwischt’ werden.“
Ich überlege ein bisschen. „Weißt Du, wenn ich dem anderen ohne rot zu werden davon erzählen würde, ist es okay. Das ist mein Maßstab. Auch damit kann man natürlich daneben liegen, wenn man unterschiedliche Auffassungen hat.“
Mann im Ohr: „Um das herauszufinden, müsste man dem anderen tatsächlich davon erzählen und nicht nur im Konjunktiv.“

Ich: „Das stimmt. Aber irgendwie ist das blöd. Soll ich dann zum Beispiel aus heiterem Himmel erzählen, dass mein Ex gefragt hat, wie es mir geht? Dann entsteht vielleicht der Eindruck, ich würde dem mehr Bedeutung beimessen als ich das eigentlich tue.“
Mann im Ohr: „Vielleicht sollte man sich mal generell darüber unterhalten, was für den jeweils anderen intim ist?“

Und dann alles, was für den anderen unter ‘intim’ fällt, mit Dritten unterlassen. Das klingt vernünftig. 

16×4 ist nicht 64

Also schon. Aber nicht nur.

Ich sitze hier und kann gar nicht fassen, dass ich zwei Wochen lang nichts gepostet habe. Z W E I  W O C H E N. Dabei habe ich ständig Sachen im Kopf.

„Deine Leser haben bestimmt gedacht, Dir sei was passiert.“ merkt der kleine Mann an.
„Meinst Du?“ Eigentlich hatte ich gehofft, sie würden nur meine Posts ein bisschen vermissen.
„Oder…“ Der kleine Mann kichert eine Weile und ich frage mich, was da wohl noch kommt. „…vielleicht denken sie auch, Du hättest endlich einen Mann gefunden und deswegen keine Zeit mehr für sie.“ Aus dem Kichern wird ein Glucksen. 
Ich: „Ich weiß wirklich nicht, was an der Vorstellung so absurd sein soll, dass man mehrere Minuten nicht aus dem Kichern kommt.“ 
Der Anfall ist so plötzlich wieder vorbei, wie er gekommen ist.
Mann im Ohr: „Du musst noch über diese Zahlenkombination schreiben, die Carl Dir erklärt hat.“ Der kleine Mann klingt ernst und ein bisschen aufgeregt.
Ich: „Ich hatte gerade angefangen, als Du mich unterbrochen hast.“
Mann im Ohr: „Ich bin schon still.“

Ich habe viel gelernt durch Tinder, nicht nur über mich selbst und andere. Auch Allgemeinwissen war dabei. Was 16×4 bedeutet, hab ich leider erst gecheckt, als ich die App schon gelöscht hatte. Ich habe das manchmal unter Fotos gelesen, konnte aber nichts damit anfangen und wenn ich ehrlich bin, haben mich diese ‘Texte’ nie interessiert. Bei einem meiner Treffen mit Carl hat er das thematisiert. Er war neugieriger als ich und hatte gegoogelt.

Heute weiß ich: wenn ein Mann 16×4 unter sein Bild schreibt, will er damit sagen, dass sein erigierter Penis 16cm lang ist und einen Durchmesser von 4cm hat. Ob das eine grobe Schätzung oder nachgemessen ist, weiß ich nicht. Auch Carl konnte dazu nichts sagen.

Falls sich einer wundert, warum Carl Bilder mit Penisgrößen angezeigt bekommen hat: er war nicht auf der Suche nach Männern. Aber es gibt ja auch Menschen, die nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Und da waren eben auch welche dabei, die die Größe angegeben haben. Erst als er das erzählt hat, habe ich mich dran erinnert, dass auch ich so merkwürdige Zahlenkombinationen unter Bildern gesehen hatte, unter anderem 16×4. Ich frage mich, warum Männer das dazuschreiben.

Der kleine Mann räuspert sich: „Sie denken wahrscheinlich, dass die Penisgröße für Frauen wichtig ist.“
Messerscharfe Schlussfolgerung. Ich verkneife mir eine Bemerkung dazu.
Ich: „Für manche ist sie das auch.“
Mann im Ohr: „Du hast früher mal gesagt, die Größe ist für alle Frauen wichtig.“
Ich: „Jaaaaa.“

Das ist mir unangenehm, aber es stimmt. Ich meinte damit allerdings nicht ‚Je größer, desto besser.‘. Mir und den meisten Frauen, die ich kenne, ist es egal. Eigentlich. Solange eine gewisse Range nicht über- oder unterschritten wird.

Mann im Ohr: „Aber es gibt schon Frauen, die ihn am liebsten sehr groß mögen, oder?“
Ich: „Ja, ich kenne welche, bei denen das so ist.“

Mann im Ohr: „Für die ist dann doch die 16×4 Information sicher wichtig?“
Ich: „Kleiner Mann, für Dich sind das ziemliche Dimensionen, weil Du selbst keine 4cm groß bist. Aber…“
Wie sage ich das am besten? „…solche Frauen würden wohl eher nach 20×5 suchen. Oder 21×6.“
Es wird ganz still in meinem Kopf. Nach einer Weile höre ich: „Das ist groß. Viel größer als ich.“ Es klingt fast ehrfürchtig.
Nach einer Weile höre ich ein leises „Ich glaube, ich weiß, warum die das schreiben.“.
Ich: „Warum?“ 
Jetzt bin ich neugierig.
Mann im Ohr: „Na ja, sie wissen wahrscheinlich, dass sehr groß für manche Frauen wichtig ist.“ 
Das klingt nicht logisch in meinen Ohren. Gerade dann würde man ‘16×4’ doch weglassen?
Der kleine Mann fährt fort: „Sie wollen nicht, dass die Frauen enttäuscht sind. Sie wollen sichergehen, dass solche Frauen sich gar nicht erst melden, damit die nicht hinterher traurig sind.“

Jetzt muss ich kichern. Ich kann nicht aufhören und irgendwann fange ich an zu Glucksen. Ich höre, wie der kleine Mann fragt, was so lustig ist daran, aber ich kann nicht antworten.

Eltern: Lest. dieses. Buch!

„Nun schreib endlich!“ tönt es aus meiner Haarsträhne. Der kleine Mann hangelt sich daran entlang und landet auf meinem Wangenknochen. Es kitzelt ein bisschen.

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll und ob ich das überhaupt schreiben soll.
Mann im Ohr: „Es bewegt Dich.“
Ich: „Ja.“ 
Mann im Ohr: „Hast Du Angst, dass das keiner lesen will?“
Ich: „Wer das hier liest, will was über Dating oder Männer und Frauen oder so lesen.“
Mann im Ohr: „Aber Du hast doch auch schon andere Sachen geschrieben.“
Ich: „Aber immer mit einem Augenzwinkern oder Sarkasmus. Und dieses Thema ist dafür nicht geeignet.“

Außerdem habe ich Angst, dass die Eltern mir das übelnehmen. Also nicht meine. Die Leser, die Eltern sind. Eltern mögen es nicht, wenn Nicht-Eltern sich kritisch zu Kinderthemen äußern.

Der Mann im Ohr klingt aufgeregt: „Na und? Nur weil Du keine Kinder hast, heißt das doch nicht, dass Du Deine Meinung nicht sagen darfst?! Wir leben in einem freien Land. Denk nur an Böhmermann.“
Ich: „Da ging es eher um Kunst- weniger um Meinungsfreiheit.“
Wir schweigen ein Weilchen. „Mir fällt nicht mal ein Titel ein.“
Mann im Ohr: „Du musst keine Storyline haben. Schreib einfach drauflos.“

Also gut. Es geht um sexuellen Missbrauch durch pädophile Täter.

Die Terminologie ist vielleicht langweilig, aber wichtig! Da werden oft Dinge durcheinander gebracht. Es gibt – selten – Pädophile, die niemandem etwas zu Leide tun. Es ist eine Neigung, gegen die wir nichts tun können. Wer pädophil ist, leidet oft ein Leben lang darunter, ganz besonders, wenn er diese Neigung nicht auslebt. Diese Menschen werden oft depressiv und begehen Selbstmord. Sie verdienen den größten Respekt. Man stelle sich einen heterosexuellen Menschen vor, der jeden Tag Menschen um sich hat, mit denen er gern Sex hätte und diesen Wunsch jahrzehntelang unterdrückt. Kaum vorstellbar für mich. Bei Pädophilen ist dann noch das Problem, dass sie nicht mal mit ihren engsten Vertrauten darüber reden können, weil es ein solches Tabuthema ist.
Es ist also wichtig, zwischen Pädophilen und pädophilen Tätern zu unterscheiden.
Dann gibt es Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, ohne pädophil zu sein. Ich schreibe heute weder über die einen noch die anderen, sondern nur über pädophile Täter. Die sind in den allermeisten Fällen männlich, deshalb schreibe ich der Einfachheit halber ‘er’ – wir sollten aber nicht vergessen, dass es auch Frauen gibt, die so was tun.

Eltern, beschäftigt Euch mit dem Thema!

Verdammt noch mal! Es kann doch nicht sein, dass wir uns stundenlang damit befassen, welches der sicherste Kindersitz ist, aber vor diesem Thema die Augen verschließen. Wir lassen unsere Kinder nicht ohne Mütze aus dem Haus, weil sie sich erkälten könnten. Sie dürfen nicht ohne Helm radfahren, damit sie sich nicht verletzten. Mal ehrlich, 2jährige auf einem Laufrad tragen inzwischen Helm. Obwohl die Fallhöhe gering ist und immer jemand dabei. Aber vom Thema sexuelle Übergriffe wollen wir nichts hören.
Ich habe das Thema einige Male in Gegenwart von Eltern angesprochen. Ich habe das Buch ‘Es geschieht am helllichten Tag’ empfohlen.
Die Reaktion ist immer dieselbe. „Das finde ich so furchtbar, mit so was will ich mich gar nicht befassen.“ Und jedes Mal fühle ich mich wie ein Spielverderber, der den bis dahin noch so gemütlichen Abend kaputt gemacht hat.

Keiner würde auf die Idee kommen, sich nicht mit Fahrradhelmen zu befassen, weil die Vorstellung eines Schädelbruchs ihn umhaut. Aber wenn es darum geht, unsere Kinder vor Missbrauch zu schützen, haben wir auf einmal Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, noch mal die ‘Stiftung Warentest’ zum Thema Fahrradhelme zu lesen.

Ein Kind, das sexuell missbraucht wird, wird diese Verletzungen meist lebenslang mit sich herumschleppen. L E B E N S L A N G!
Ben ist früher ohne Helm gefahren. Und gestürzt. Er hatte einen Schädelbruch. Aber den hat er gut überstanden. So etwas ist schlimm. Aber es geht vorbei. Sexueller Missbrauch nicht.

Wälzt Eure Verantwortung nicht auf den Staat ab!

Jedes Mal, wenn ein Fall durch die Presse geht, höre ich Schreie nach höheren Strafen. Und ja, die dürften höher sein. Viel höher! Aber das ist unser kleinstes Problem. Und schützt unsere Kinder kaum. Die wenigsten Täter werden erwischt. Wir müssen unsere Kinder schützen vor denen, die da draußen rumlaufen und dürfen unser Gewissen nicht damit beruhigen, dass jetzt der eine von wer weiß wie vielen für ein paar Jahre hinter Gittern sitzt. Es würde zu vielen Missbrauchsfällen gar nicht erst kommen, wenn wir die Augen nicht verschließen und offener mit dem Thema umgehen würden.

Stellt keine Fotos Eurer Kinder online!

Wir finden es völlig normal, Fotos unserer Kinder bei Facebook zu teilen oder bei Instagram oder nach dem Schulfest die Bilder auf der Schul-Website zu finden. Oder unser Kind als unser WhatsApp-Bild zu missbrauchen.
Wir regen uns auf, wenn Sebastian Edathy online Bilder von halbnackten oder nackten Jugendlichen kauft. Zu recht! Aber wir verdrängen dabei gern, dass wir selbst solche Bilder en masse umsonst zur Verfügung stellen. Auf Facebook ein Strandfoto unserer süßen Kleinen im Badehöschen. Ist doch nichts dabei.
Pädophile Täter suchen sich ihre zukünftigen ‘Beziehungen’ gezielt über solche Portale aus. Oder über die Internetseiten von Schulen. Dazu müssen die Kinder gar nicht halbnackt sein. Angezogen reicht. Ausziehen können die sich später immer noch. Und als Wichsvorlage reicht auch das von uns als harmlos eingestufte Strandfoto. Wenn die Eltern sehr aktiv sind auf Facebook, hat der Täter nicht nur die Wichsvorlage als ‘Vorgeschmack’, sondern weiß auch noch genau, an welchen Orten das Kind regelmäßig anzutreffen ist. Da kann er sich in aller Ruhe auf die Lauer legen und sich irgendwann mit ihm ‘anfreunden’.

Wie viele Eurer Facebook-‘Freunde’ oder Follower kennt Ihr wirklich? Ich meine so gut, dass ihr sicher ausschließen könnt, dass sie pädophil sind? Momentan wird geschätzt, dass 1% der männlichen Bevölkerung pädophil im Sinne einer klinischen Diagnose sind. Andere Zahlen in diesem Zusammenhang sind deutlich höher. Wenn wir den ‘best case’ annehmen, hat jeder mir bekannte bei Facebook aktive Mensch so viele ‘Freunde’, dass statistisch gesehen Pädophile darunter sind.

Glaubt nicht, dass er kein Täter sein kann,
weil Euer Kind ihn mag!

Es gibt kaum pädophile Täter, die ihren Opfern hinterherrennen oder sie mit Gewalt zwingen, in ihrer Nähe zu sein. Die Gefahr wäre für sie selbst viel zu groß. Könnt Ihr Euch vorstellen, was einen pädophilen Täter im Gefängnis erwartet? Er büßt nicht nur seine Freiheit ein, er kann mit Folter und Vergewaltigung rechnen. Mit Scherben im Essen. Ja, wir leben in einem Rechtsstaat. Und trotzdem kommt es dazu.
Er muss unerkannt bleiben. Und deshalb hat er in den meisten Fällen ein enges Verhältnis zum Kind und zu den Eltern. Ein Vertrauensverhältnis. Er ist freundlich zu seinem Opfer, er beschenkt es und er kuschelt mit ihm. Er unternimmt Dinge mit ihm, für die die Eltern keine Zeit haben. Er tut alles, damit das Kind Zeit mit ihm verbringen will. Die Täter bauen oft erst über Jahre eine ‘Liebesbeziehung’ zu dem Opfer auf, um dann irgendwann übergriffig zu werden. Das tun sie üblicherweise dann, wenn zu den Eltern, Nachbarn, Großeltern eine so gute und gefestigte Beziehung besteht, dass niemand dem Kind glauben würde. Dass der Täter so lange warten muss, macht ihm nichts aus. Vorfreude ist die schönste Freude. Und er hat währenddessen ja in der Regel noch andere Kinder, bei denen er sich austoben kann.

Gebt Euch nicht mit einer Antwort zufrieden!

Wenn Ihr den Verdacht habt, dass Euer Kind betroffen ist, sprecht Euer Kind darauf an. Aber gebt Euch nicht damit zufrieden, wenn Euer Kind den Verdacht verneint. Pädophile Täter sind gerissen. Sie erzählen zum Beispiel, dass Mama stirbt, wenn das Kind etwas sagt. Ihr glaubt, so was würde Euer Kind nicht glauben? Euer Kind glaubt oder glaubte an den Weihnachtsmann! Kinder haben eine Tendenz dazu, zu glauben, was Erwachsene ihnen erzählen. So absurd das manchmal auch sein mag.
Fragt mehr als einmal nach. Beobachtet Euer Kind in Gegenwart des möglichen Täters. Fordert ein Führungszeugnis an, wenn es Euer Babysitter ist. Und erzieht Euer Kind zu körperlichem Selbstbewusstsein.

Bringt Euren Kindern bei,
dass sie auch Erwachsenen gegenüber NEIN sagen dürfen!

Kinder können schon im Säuglingsalter zum Ausdruck bringen, wenn sie keinen Körperkontakt wollen. Sie strecken sich nach hinten, wenn sie auf dem Arm sind oder drehen ihr Köpfchen weg. Sie mögen sich plötzlich von bestimmten Personen nicht mehr wickeln lassen. Das ist ganz normal und sollte respektiert werden. Nur, wenn ein Kind von kleinauf lernt, dass es selbst bestimmen kann, wer wickelt oder mit wem es kuschelt, hat es das nötige Selbstbewusstsein, das einen Täter abschreckt.
Das mag zu Stress führen, wenn es sich von Oma nicht mehr drücken oder von Tante Käthe nicht mehr küssen lassen will. Das mag unbequem sein für Eltern.
Aber wenn Euer Kind lernt, dass der Erwachsene am längeren Hebel sitzt, wird es einem übergriffigen Täter niemals die rote Karte zeigen.