Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Manchmal jedenfalls. In meinem Kopf.

Da ist zum Beispiel die Sache mit Denny. Der in Wirklichkeit natürlich anders heißt. Aber auch einen Namen hat, den ich nicht auf die Top 5 meiner Wahl setzen würde. Ich kenne Denny nicht persönlich. Aber ich habe oft an ihn gedacht.

Ein Freund hat mir von ihm erzählt. Dass er keine Freundin hat und es für ihn auch nicht so einfach ist. Obwohl er sehr gut aussieht, sportlich und total nett ist.
Jetzt fragt man sich, warum es für so jemanden schwierig sein sollte. Und da kam Helgoland ins Spiel. Christian hat mir erzählt, dass Denny regelmäßig auf Helgoland ist und dass da abends eben nichts los sei und alle Frauen, wenn überhaupt vorhanden, verheiratet sind. Und dass Denny Online-Dating strikt ablehnt. Das kann ich gut nachvollziehen und danach mochte ich ihn irgendwie. Ohne ihn zu kennen. Christian hat auch erzählt, dass er jede Woche etwas mit ihm trinken geht. In einer ganz normalen Stadt, in der er wohnt, nicht auf Helgoland.

Aber bei mir ist nur Helgoland und Einsamkeit und gutaussehend hängengeblieben.

Der kleine Mann meldet sich: „Wenn Männer nur verstehen, was sie verstehen wollen, regst Du Dich immer auf.“.
Das stimmt, zum Beispiel wenn der verheiratete Kollege es nach dem dritten Korb immer noch versucht, nur weil ich weiter nett zu ihm bin. Ich kann jemanden nett finden und trotzdem abweisen. Aber bei ihm kommt nur die Nettigkeit an.
Mann im Ohr: „Und wenn es Dir irgendwann reicht, bekommt er ohne Vorwarnung einen Tritt in die Eier.“
Ich: „Aber nur im übertragenen Sinn. Sonst würde ich ja meinen Job riskieren.“
So was kann passieren. Wenn mir die Hutschnur platzt, endet das meist unschön.

Na ja, zurück zu Denny. Ich kenne nicht nur Denny, sondern auch Helgoland nicht. Aber ich habe ihn vor mir gesehen. Einen wahnsinnig schönen, etwas schwermütigen Mann, der einsam an einer Bar sitzt. Sie hatte etwas von ‘Rick´s Café’ in ‘Casablanca’. Das Wetter auf Helgoland ist genauso usselig wie im Film in der Nacht, in der Rick Ilsa allein zum Flieger schickt. Deshalb hängt so ein ‘Friesennerz’ in der Ecke. So nennt man, glaube ich, diese gelben Ölmäntel, die alle da oben tragen. In meiner Vorstellung. Weil das viel romantischer ist als eine Hightech-Outdoor-Jacke. Und weil das Wetter so schlecht ist, geht er nicht nach Hause, sondern sitzt einfach weiter einsam dort, obwohl es schon spät ist. Wäre ich je in diese Bar gekommen, hätte er gesagt „Ich seh Dir in die Augen, Kleines“. Das ist Denny in meiner Welt. Die Vorstellung war wildromantisch.

Und heute bin ich unsanft in der Realität gelandet. Weil er nämlich so einsam gar nicht ist und in einer normalen, nicht mal besonders schönen Stadt wohnt und wahrscheinlich in Bars geht, die nicht annähernd so romantisch sind. Außerdem sitzt er da – hoffentlich – nicht allein.

Der Mann im Ohr gibt mir einen gutgemeinten Rat. Damit hab ich´s nicht so. Ich tendiere dazu, Ratschläge zu ignorieren.
Mann im Ohr : „Beim Verlieben ist das kritisch. Da musst die diese Pippi-Langstrumpf-Marotte unbedingt ablegen.“

Ich: „Völlig unkritisch, weil ich mich grad schwertue mit dem Verlieben.“
Mann im Ohr: „Du könntest aber schon mal üben für den Ernstfall.“

Schaden könnte es nicht, vorbereitet zu sein. In meinem Bauch stimmt jemand zu. Es wird ganz warm. Ich habe mich tatsächlich mal in jemanden verliebt, den es so gar nicht gab. Wir haben uns nicht oft gesehen, weil ca. 9 Flugstunden zwischen uns lagen. Da habe ich mir in der Zwischenzeit schön einen Mann zurechtgebacken in meinem Kopf und dann gemerkt, dass mein Phantasiekuchen ein Pumpkin-Creamcheese-Muffin ist und die Realität ein Brownie. Und die liegen ja bekanntlich schwer im Magen.

Ich will nicht postfaktisch leben

„Kleiner Mann, ich brauche ganz dringend meinen Verstand zurück.“ 
Aus meinem linken Ohr ruft es: „Deinen was?!“
Ich: „Ich schreibe nur so viel Blödsinn, weil Du mir meine Lebensgrundlage geklaut hast.“
Mann im Ohr: „Wie kommst Du jetzt drauf?“
Ich: „Frau Merkel. Sie hat gesagt, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das soll heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen. Und wo das hinführt, sehen wir ja.“ 
Mann im Ohr: „Wohin denn?“
Ich: „Auf Facebook wird total viel Mist verbreitet. Dass Flüchtlinge ein deutsches Kind gegessen hätten zum Beispiel. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass das nicht stimmt. Trotzdem glauben viele Leute das und schleudern dann ihre Hassparolen raus. Wenn mehr von denen ihren Verstand gebrauchen würden, wäre die Welt ein besserer Ort.“
Mann im Ohr: „Du hast Deine Hausaufgabe von neulich noch nicht gemacht.“

Ach ja. Da war was. Über ‘in dubio pro reo’ nachdenken. Was hat das jetzt damit zu tun?

„Ziemlich viel.“, murmelt der kleine Mann.

Ich komm nicht drauf. In meiner Magengegend breitet sich ein unangenehmes Gefühl aus. Es pocht komisch und mir wird flau. In dubio pro reo. Ich glaube an diesen Satz. Man darf Menschen nicht verurteilen, wenn die Fakten nicht eindeutig gegen sie sprechen. Dazu gibt es zu viele komische Zufälle im Leben. Manchmal scheinen Dinge so zu sein und sind in Wahrheit ganz anders. Habe ich alles schon gesehen. Obwohl wir ein Rechtssystem haben, in dem das beachtet wird, werden manchmal Unschuldige verurteilt. Ich will nicht in einem Land leben, in dem dieser Grundsatz nicht gilt.

Der Mann in meinem Bauch hüpft nicht. Es wird nicht warm. Was ist da los? Er müsste doch zustimmen. Stattdessen fängt es an, komisch zu ziehen. Mir wird übel.

„Mein Kopf und mein Bauch sagen unterschiedliche Dinge. Ich verstehe den Mann in meinem Bauch einfach nicht.“ Ich merke, wie resigniert ich klinge.
Mann im Ohr: „Was Du sagst, ist klug. Wenn es um ein Rechtssystem geht. Um Urteile, die vielleicht zu Freiheitsstrafen führen. Aber wie sieht es sonst aus?“
Ich: „Sonst?“
Mann im Ohr: „Im Privatleben zum Beispiel?“

Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig zum Waschbecken. Warum wühlt mich das so auf? Plötzlich kommen Erinnerungen hoch.
An gemeinsame Mittagessen. Und dann noch mehr. Ich merke, wie mir Tränen über die Wange laufen. Ich habe ‘in dubio pro reo’ auch im Privatleben immer angewendet. Wenn mir mein Bauch Gefahr gemeldet hat, selbst wenn ich Fakten kannte, die gegen jemanden sprachen, habe ich ihn verteidigt, bis seine ‘Schuld’ erwiesen war.
Bis ich wusste, dass Kinderpornos auf dem Rechner waren. Bis er zugeschlagen hat. Bis einwandfrei erwiesen war, dass nur er meinen Rechner gehackt haben konnte. Bis…
Es waren verschiedene Männer. Nur mit einem war ich zusammen. Mit den anderen hatte ich einfach nur so zu tun. Aber allen habe ich in gewisser Weise vertraut.

Ich frage den kleinen Mann: „Liegt ‘in dubio pro reo’ da oben rum?“
Mann im Ohr: „Natürlich. Also nicht liegen. Hängt in großen Lettern an Deiner Schädeldecke.“
Das klingt unappetitlich.
Ich: „Kannst Du das entsorgen? Ganz schnell?“
Der kleine Mann reagiert zögerlich. „Aber in juristischem Kontext hat der Satz schon seine Berechtigung.“
Ich: „Ich arbeite nicht mehr juristisch. Und das werde ich voraussichtlich auch nie wieder.“
Mann im Ohr: „Da hast Du recht. Aber wenn wir den entsorgen, wird das Deine Einstellung erheblich verändern.“
Ich überlege kurz. Dann frage ich: „Lag mein Bauch jemals falsch?“
Mann im Ohr: „Moment, das muss ich erst auswerten. Das dauert ein bisschen.“
Ich warte einige Minuten. Dann fange ich an, unruhig mit dem Fuß zu wippen und an meinem Ring zu spielen. Ich hätte erwartet, dass die Datenverarbeitung da oben schneller geht.
Der Mann im Ohr meldet: „So gut wie nie. In allen Fällen, in denen er falsch lag, hat er selbst das Gefühl revidiert. Es kam also nie zu negativen Folgen, wenn der Bauch falsch lag. Und er hat immer nur falsch negativ gezeigt, nie falsch positiv.“
Was heißt denn das?
Mann im Ohr: „Das heißt, er hat manchmal Warnungen ausgesprochen, die überflüssig waren. Aber er hat nie Entwarnung gegeben, wenn Gefahr bestand.“
Ich: „Das heißt doch, ich kann mich auf ihn verlassen. Dann entsorg jetzt bitte ganz schnell diesen Satz.“

Ich spüre, wie es rumpelt und es kommen komische Geräusche aus meinem Kopf. Dann sagt der kleine Mann mir, ich soll den Kopf nach rechts neigen, so weit ich kann. Mein Ohr berührt jetzt fast meine Schulter. Na ja, gefühlt zumindest. Es fühlt sich kurz an, als hätte ich Ohropax im Ohr. Ich höre alles wie durch Watte. Dann macht es ‘plopp’ und auf meiner Schulter liegt ein unappetitliches Häufchen. Es sieht aus wie eine Mischung aus Ohrenschmalz und einem Popel. Die schöne Strickjacke. Hoffentlich geht das wieder raus.

„Wie sieht es jetzt aus mit postfaktisch?“ Der kleine Mann ist ganz aus der Puste.
Ich: „Ich finde es dumm, sich nicht um Fakten zu scheren. Sie sind wichtig und geben Orientierung. Vielleicht sollte man ein bisschen mehr seinem Gefühl trauen als ich in der Vergangenheit, aber so ohne Fakten hat man einfach keine gute Entscheidungsgrundlage.“
Mann im Ohr: „Gut. Wir müssen noch ein bisschen weiter aufräumen, dann bekommst Du Deinen Verstand komplett zurück.“

Ich freue mich. Das wird wie Ostern und Weihnachten zusammen. In meinem Bauch wird es ganz warm.

Ich mag kein Online-Shopping

Das hat verschiedene Gründe. Der Mann in meinem Bauch, der immer noch nicht regelmäßig mit mir spricht, fängt oft an, unangenehme Dinge zu machen, wenn ich online shoppe. Ich bekomme dann ein schlechtes Gewissen. Weil so viele Pakete mit Lastern hin- und hergefahren werden und ich nicht will, dass die Umwelt darunter leidet.

Mann im Ohr: „Du willst auch morgens nicht noch länger im Stau stehen und fragst Dich bei jedem LKW vor Dir, wer daran wohl Schuld ist und ob da Schuhe für Deine Kolleginnen unterwegs sind.“
Ich: „Das stimmt. Aber für die Umwelt finde ich es auch nicht schön.“

Es gibt noch einen Grund. Ich mag die Erinnerungen an echte Einkäufe. Gestern hat meine Mutter mir spontan einen Schlafanzug gekauft. Mit Pünktchen auf der Hose.

Mann im Ohr: „Neulich hat Dir jemand gesagt, Schlafanzüge bei Frauen seien ganz schrecklich.“
Ich: „An mir ist gar nichts schrecklich. Schon gar nicht eine kurze Schlafanzughose, die meinen Po betont.“
Mann im Ohr: „Ich dachte ja nur, vielleicht liegt es daran?“ 
Ich: „Vielleicht solltest auch Du mal das Denken einstellen.“

Jedenfalls sind meine Mutter und ich danach noch in dieser süßen kleinen Kaffeebar gewesen und haben Prosecco getrunken. Diese Erinnerung wird bleiben.
Und als ich danach nach einer Winterjacke gesucht habe, habe ich ungefähr zwanzig mal an Katrin gedacht. Mit ihr war ich letzten Herbst im Carsch-Haus und habe einen Boss-Mantel nicht gekauft. Damals habe ich nach Strumpfhosen geschaut und einen Rock gekauft. „Den, den Jan zu kurz findet für´s Büro.“ erinnert sich jemand zwischen meinen Ohren. Genau den. Den ich danach nie wieder angezogen habe. Und jetzt ist Jan mein neuer Chef. Bis der ‘richtige’ neue kommt.
Den Mantel werde ich nie vergessen. Ich habe ihn im Vorbeigehen gesehen und nur so grade mal übergezogen. Er saß perfekt. Ich habe Fotos gemacht und es sind Leute stehengeblieben und haben mich angesprochen, weil er einfach wie gemacht für mich war. Katrin und ich haben am Rhein gesessen und irgendsoeine Suppe gegessen in diesem orientalischen Laden „…in dem Du auch mit Ethan warst.“. Den Mantel habe ich nicht gekauft, weil er 450 Euro gekostet hat und ich eigentlich gar keinen Mantel brauchte. Aber ich weiß noch genau, wie Katrin geguckt hat und wie wir uns gefreut haben.

„Und Du denkst immer an Mo, wenn Du Deine Wickeljacke siehst.“ sagt der kleine Mann nachdenklich.
Weil Mo dabei war und hinterher gefragt hat „Oh, you bought this? I thought it was already yours. It´s so you.“ Jenny war auch dabei.
Ich: „Und weißt Du noch, wie ich dieses wunderschöne, teure Kleid gekauft habe in meiner Lieblingsboutique in Bonn?“

Ich wusste, wenn Ben das sieht, gibt es Stress. Obwohl ich mein Geld dafür ausgegeben habe. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, wofür man sinnvollerweise Geld ausgibt. Er war eher der Aktien- und Nintendo-Spiel-Typ und ich eher der Ein-Cashmere-Kleid-Gönn-Ich-Mir-Mal-Typ. Und der Kurs eines Cashmerekleids sinkt nicht annähernd so schnell wie der seiner Telekom-Aktien damals.
Ich habe also dieses Kleid gekauft und in meine Handtasche gepackt. Die Verkäuferin musste das Preisschild im Laden abschneiden und durfte mir keine Tüte mitgeben. Ich habe es heimlich in den Schrank gehängt und erst Monate später angezogen. Und dann behauptet, ich hätte es schon ‘ganz lange’.

Aus meinem Kopf tönt „Ben wusste genau, was das für ´ne Aktion war.“
Natürlich. „Er wusste immer alles ganz genau. Er kannte mich einfach zu gut.“

Den Streit hat mir das trotzdem erspart. Der Trick war, sich nicht in flagranti mit dem neuen Kleid erwischen zu lassen. Später war das Kind ja eh in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen.

Fast jeder Kauf im Laden ist Teil schöner oder skurriler Erinnerungen. Aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich welches Teil online bestellt habe und was mich an dem Tag bewegt hat. Ich freue mich auch meistens nicht, wenn ich ein Paket mit Klamotten bekomme. Weil das nämlich heißt auspacken-anprobieren-Teile wieder einpacken-zurück zur Post. Im Zweifel genau dann, wenn mir gar nicht nach shoppen ist und ich keine Zeit habe, zur Post zu fahren. Diese Packstationen sind auch nichts für mich. Die sind so…praktisch. Und irgendwie seelenlos.

Mann im Ohr: „Vielleicht ist Online-Dating deshalb nichts für Dich? Weil das ähnlich ist wie Online-Shopping.“
Ich: „Es hat was davon. Und ich finde die ‘seriösen’ Plattformen nicht angenehmer als Tinder oder so. Eher schlimmer.“ 

Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Tinder ist ‘ehrlich’ oberflächlich.“
Der Mann in meinem Bauch macht einen zustimmenden Hüpfer, glaube ich.
„Die, die einem optisch nicht gefallen, hat man ratzfatz aussortiert. Bei den anderen Plattformen schreibt man sich erst, investiert Zeit und dann bekommt man ein Foto zu sehen, das einem überhaupt nicht gefällt. Dann kommt man sich wie ein Arschloch vor, wenn man den Kontakt abbricht. Aber wenn wir ehrlich sind, will doch niemand einen Partner, den er nicht attraktiv findet.“
Mann im Ohr: „Wer weiß. Denk nur an Steffis Kommentar gestern.“

Das stimmt. Sie hatte eine Bemerkung gemacht, dass man die optischen Ansprüche runterschrauben muss, wenn man einen netten Kerl will. Vielleicht gibt es noch mehr Frauen, die so denken.
Ich: „Aber ich kann die Theorie, dass schlechter aussehende Männer netter sind, nicht bestätigen.“

Ich kenne mäßig aussehende Männer, die ihre Frauen am laufenden Band betrügen. Und hässliche Männer, die ihre Frauen schlagen. Wenn ich an mein Referendariat zurückdenke, kann ich mich an keinen einzigen attraktiven Straftäter erinnern. Wohl aber an viele durchschnittliche. Ich kenne keinen ansehnlichen Vergewaltiger.
Außerdem war Ben attraktiv. Männer sind immer erstaunt, wenn sie das merken. Sie fragen fast alle nach ihm. Und wollen wissen, ob wir noch Kontakt haben und uns gut verstehen und wie das so war und warum wir uns getrennt haben. Ben hat in Wirklichkeit einen sehr altmodischen Namen. Vielleicht liegt es an der Kombination aus seinem Namen und der Tatsache, dass ich ihn immer als nett und treu beschreibe, dass alle Männer ihn für hässlich halten. Und dann kommt der Tag, an dem sie fragen, ob ich denn eigentlich ein Foto von ihm habe. Und dann kommt der Moment, wo sie nach Luft schnappen. Weil er groß, schlank und gutaussehend ist, volles Haar und ein sympathisches Lächeln hat. Intelligent und erfolgreich ist er auch. Und…

„Du verschreckst Männer damit. Sie haben dann das Gefühl, dass sie nicht mithalten können.“ Konnten sie auch nicht. Jedenfalls keiner von denen, die ein Foto sehen wollten.
Ich: „Dass er wohlhabend und intelligent und witzig und kinderlieb und all das ist, erzähle ich doch gar nicht. Ich sage immer nur ‘nett’ und dass wir keinen Kontakt mehr haben. Und auf Nachfrage, dass er mich nie betrogen hat.“
Mann im Ohr: „Das ist schon schlimm genug in Kombination mit seinem Bild.“
Ich: „Wenn ihr Selbstbewusstsein nicht ausreicht, sollen sie nicht nach Fotos fragen. Ich wollte in meinem Leben noch nie ein Foto der Ex sehen!“

Ich kann doch nicht so tun, als sei ich zehn Jahre mit einem hässlichen Gnom zusammen gewesen, nur damit der Mann an meiner Seite sich besser fühlt. Ben hat mich geprägt, er ist Teil meines Lebens. Und das ist gut so. Trotzdem bin ich immer ein wenig ratlos, was ich anderen Männern auf ihre Fragen sagen soll. Mir wurde gesagt, es gäbe nichts Schlimmeres als eine Frau, die über ihren Ex-Freund lästert. Dann bekäme ein Mann Angst, dass sie später über ihn auch so redet. Verständlich.
Aber: meiner Erfahrung nach mögen Männer es eben auch nicht, wenn man den Ex nett findet.

Mann im Ohr: „Das Problem ist nicht, dass Du ihn nett findest. Du magst ihn, Du schätzt ihn. Du würdest ihm immer noch Dein Leben anvertrauen.“
Das stimmt. Meine Familie hat die strikte Anweisung, keine Entscheidung ohne seinen Rat zu treffen, sollte mir etwas passieren und ich nicht mehr selbst entscheiden können. Er hat ein Vetorecht für alles. Das liegt allerdings weniger an meiner Sympathie für ihn als an der Tatsache, dass ich ihn für einen hervorragenden Arzt halte. Und er sich viel mit Ethikfragen in Zusammenhang mit lebenserhaltenden Maßnahmen beschäftigt hat. Er ist der einzige Mensch, dem ich sicher zutraue, dass er eine Entscheidung in meinem Sinne treffen wird.
Mann im Ohr: „Außerdem sagst Du immer, dass er der beste Liebhaber von allen war.“
Ich: „Das sage ich NIE. Zu Männern. Ich bin doch nicht irre!“
Mann im Ohr: „Doch. Zu mir. Und zu manchen Freundinnen.“
Ich: „Doch was? Doch, ich sage das oder doch, ich bin irre?“
Der kleine Mann schweigt. Wahrscheinlich beides.
Dabei stimmt das gar nicht mehr. Er ist nur noch auf Rang 2.
„Sag das Deinem nächsten Date genau so. Bitte.“ Der kleine Mann hält sich vor lachen den Bauch. Es wackelt ganz schön.
Ich: „Wir sollten mal wieder zurück zum Thema, finde ich.“  

Ich habe keine Lust, mich mit unattraktiven Männern zu treffen. Erstens, weil ich ja auch irgendwann mit demjenigen ins Bett will. Und warum sollte ich das wollen, wenn ich ihn nicht attraktiv finde? Und zweitens hat sich vor ein paar Tagen wieder bestätigt, dass mäßig attraktive Männer Arschlöcher sein können. Da hat mir einer gesagt, dass ich nicht gut genug für ihn sei und war sauer, dass er ‘seine Zeit mit mir verschwendet’ hat. Die Details spare ich mal aus. Wir kennen uns seit zwei Jahren und ich dachte, er mag mich. Ich meine so zwischenmenschlich. Im Sinne von nett finden. Es ist nie etwas zwischen uns passiert, aber anscheinend hatte er sich Hoffnungen gemacht. Bis er ein Detail von mir erfahren hat, das ihm nicht passte. Es war, als hätte er irrtümlich was falsches ‘bestellt’. Von Freundschaft oder Sympathie war dann plötzlich nichts mehr zu spüren.
Ein Freund sagte dazu „Total kränkend und unpersönlich. Als ob der Artikel nicht der Beschreibung entspricht!?“ Ein schöneres Bild hätte ich nicht finden können.
Interessant ist, dass seit mehreren Jahren keine Frau gut genug für ihn ist. Oder die sich nicht für ihn interessieren. Jedenfalls ist er seit Jahren erfolglos bei mehreren Online-Plattformen parallel angemeldet.

Der kleine Mann meldet sich: „Wahrscheinlich schickt er einfach immer alles sofort wieder zurück. Es gibt ja so Leute, deren Hobby Online-Shopping ist. Die wild bestellen und alles geht retour.“
Ich: „Ich glaube, er bestellt einfach immer alles ne Nummer zu groß und meckert dann.“
Mann im Ohr: „Gott sei Dank hatte er Dich noch nicht ausgepackt und benutzt.“

Gott sei Dank, vor allem für mich. Und Gott sei Dank werden Frauen nicht mit dem LKW versendet. Das gäbe eine katastrophale Umwelt-Bilanz.

Die Sache mit der Durchblutung

Es ist Sonntag Morgen, kurz nach sieben und ich bin seit anderthalb Stunden wach. Es ist der erste Morgen, der sich nach Herbst anfühlt. Ich mag es, bei offener Balkontür zu schreiben, aber heute ist es zu kalt dafür. Ich habe mein Lammfell auf meinen Hay-Stuhl gelegt und meinen Soya-Latte neben mir stehen. Meine Nerdbrille sitzt auf meiner Nase und ich bin froh, dass mich so keiner sieht.

Mann im Ohr: „Manche finden Dich total sexy mit der Brille.“
Ich: „Im Kostüm mit offenen Haaren und der Brille.“
Mann im Ohr: „Trägst Du jetzt kein Kostüm?“
Ich: „Ich trage kurze Shorts, ein T-shirt, eine Strickjacke und ich habe unrasierte Beine.“
Mann im Ohr: „Das kann ich von hier oben nicht sehen.“

Ich trage die Nerdbrille eigentlich nur, wenn ich schlau rüberkommen will. Ich sehe nämlich irre intelligent aus damit. Ich habe noch eine andere, die viel leichter ist und die ich viel lieber trage. Mit der sehe ich langweilig aus. Sie liegt im Büro, also sehe ich hier ganz für mich schlau aus und ärgere mich, weil sie so schwer ist und immer rutscht.

Mann im Ohr: „Erinnerst Du Dich an die ‘Sanft & Sorgfältig’-Folge, die wir diese Woche gehört haben?“
Ich: „Wir haben mehrere gehört. Und ich immer nur mit einem halben Ohr.“
Mann im Ohr: „Jan Böhmermann hat was über Sapiosexualität gesagt. Aber ich erinnere mich nicht mehr genau daran.“

Wie kommt der jetzt darauf? Sagt mir nichts. Ich google das. Aha. Es geht um Leute, die sich von Intelligenz angeregt fühlen. Da bin ich dabei. Der kleine Mann liest sich aufmerksam den Artikel durch. Dabei murmelt er ganz leise mit.

Er sagt: „Dieser Sex-Forscher sagt, es gäbe keine Belege dafür, dass sich die Intelligenz eines Partners oder potenziellen Partners auf die genitale Durchblutung auswirkt. Dann ist das ganze vielleicht Quatsch.“ 
Ich: „Wie auch? Soll ich meine genitale Durchblutung vor und nach einem Gespräch mit meinem Chef messen lassen?“
Mann im Ohr: „Wieso Chef? Welcher Chef?“
Ich: „Du weißt genau, von wem ich rede.“
Er ist optisch nicht mein Typ, aber ich mag ihn. Inzwischen. Er ist begrenzt emphatisch, aber zweifellos intelligent. Ein Klugscheißer manchmal und eine Nervensäge, das haben wir gemeinsam. Er wäre das ideale Testobjekt, weil außer seiner Intelligenz alle anderen Stimulanzien ausgeschlossen werden könnten. Wir hätten diesen Herrn Clement mal fragen können, wie das funktioniert mit der Messung. Leider ist mein Chef seit ein paar Tagen nicht mehr da.
Mann im Ohr: „Wie finden wir jetzt raus, ob da was dran ist? Man findet nicht viel Aussagekräftiges im Internet.“ 
Ich: „Das Wort ‘Nymphobrainiac’ ist jetzt schon mein Wort des Jahres.“
Mann im Ohr: „Mich interessiert das wirklich. Du machst Dich über mich lustig.“
Ich: „Na gut, dann mal im Ernst. Ich kann Dir, obwohl das nicht gemessen wurde, sagen, wie ein dummer Mann abtörnen kann. Das ist natürlich nur ein Gefühl, aber um Gefühle soll es im Moment ja schließlich gehen, oder?“
Mann im Ohr: „Ja.“
Ich: „Also es gibt Männer, die sehe ich und ich denke ‘Wow’ und dann tut sich durchblutungstechnisch was.“
Mann im Ohr: „Woran merkst Du das?“
Das ist nun wirklich zu intim für einen Blog. Ich bin ja keine Sex-Bloggerin. Obwohl ich dann wahrscheinlich mehr Leser hätte.
Ich: „Wichtig ist nur, dass ich es merke. Eigentlich müsstest sogar Du es merken. Da passiert doch sicher irgendwas im Gehirn, oder?“
Mann im Ohr: „Mmh, manchmal fährt die Aktivität hier plötzlich runter, ohne dass ich einen Grund erkennen kann. Wenn Du abends aus bist zum Beispiel. Manchmal aber auch im Büro, wenn Du…“
Ich: „Genau.“ Das müssen wir hier jetzt wirklich nicht breittreten. „Aber wenn so einer, der mir gefällt und die Durchblutung fördert, den Mund aufmacht, kann es passieren, dass mein Gehirn innerhalb von Millisekunden wieder einwandfrei funktioniert und auch sonst alle Anzeichen für Gefallen verschwinden. Weil er etwas unglaublich Dummes oder Plumpes gesagt hat. Dummheit kann also die Durchblutung da unten vermindern.“
Mann im Ohr: „Dann müsste im Umkehrschluss Intelligenz die Durchblutung steigern können.“
Ich: „Da bin ich mir nicht sicher. Mein Verstand funktioniert ja nur begrenzt. Ein Umkehrschluss ist nicht in allen Fällen zulässig.“
Mann im Ohr: „Aber Dummheit ist doch nur die umgekehrte Ausprägung von Intelligenz, oder? So wie negatives Wachstum in der Wirtschaft müsste man Dummheit als negative Intelligenz bezeichnen können. Wenn wir nun sicher wissen, dass negative Intelligenz sich negativ auf die Durchblutung auswirkt, müsste man doch umgekehrt davon ausgehen können, dass sich positive Intelligenz positiv auf selbige auswirkt?“

Das ist mir echt zu hoch. Aber es klingt schlau. Ich höre ein leises: „Hier oben schaltet grade alles einen Gang zurück.“      

Wie waren wir noch auf das Thema gekommen? Ach ja, die Brille. Ob es ein Wort gibt für Menschen, die sich zu Brillenträgern hingezogen fühlen? Spectacusexualität?
Das ergibt bei Google 0 Treffer.

Ich mag es unkompliziert

Ich liege auf meinem Sofa und denke wieder über die Sache mit der fehlenden Verliebtheit nach. Und darüber, dass mein Vater sich über den kleinen Mann beschwert hat. Er geht ihm auf die Nerven. Er findet, ich könnte mir mal was Neues ausdenken. Als der kleine Mann das gehört hat, ist er ganz still und traurig geworden. Und hat später, als wir wieder alleine waren, ganz besorgt gefragt, ob er ausziehen muss.
Seit er weiß, dass er bleiben darf, ist er wieder munter und räumt sein Zuhause auf. Ich esse einen der Pumpkin Creamcheese Muffins und frage mich, ob das mit der Verliebtheit am Alter liegt. Verliebt man sich in den 20ern leichter? Ich arbeite mich gerade vom Nuss-Topping zur Füllung vor, als der kleine Mann sich meldet.

„So bildlich gesprochen, was für ein Kuchen wäre ein verheirateter Mann?“
Ganz spontan denke ich: „Frankfurter Kranz.“
Mann im Ohr: „Buttercreme mochtest Du noch nie.“
Ich: „Mir wird schon bei der Vorstellung eines Bissens schlecht.“
Mann im Ohr: „Diese Umwege mit Visualisierung funktionieren ganz gut. Obwohl ich mir das so nicht gedacht hatte. Die Glaubenssätze haben wir immer noch nicht sortiert.“
Ich: „Was liegt denn da oben so rum?“
Mann im Ohr: „Eben bin ich über ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ gestolpert. Und in der Ecke lehnt ‘Keep it simple’ und ‘Ehrlich währt am längsten’.“
Ich: „Den behalte ich!“ Gemeint ist ‘Ehrlich währt am längsten’. Das kam ganz überraschend aus meinem Bauch. Es wird angenehm warm.
Der kleine Mann zieht irgendwas über den Boden meines…was eigentlich? Meines Gehirns? Hoffentlich richtet das keinen Schaden an.
Mann im Ohr: „Ich kenne mich hier aus. Kleine Gebrauchsspuren verkraftet das ganz gut. Genau wie Dein Parkett.“

Hoffentlich hat er auch Filzgleiter unter den schweren Brocken. Ich will mir gerade Gedanken darüber machen, was ich von ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ halte, da reißt er mich schon wieder raus.

„Woran erkennst Du, ob jemand ein Pumpkin Gingerbread Snacking Cake ist oder ein Pumpkin Creamcheese Muffin?“
Ich: „Gar nicht. Auf den ersten Blick. Wenn beides in einer Muffinform gebacken wurde jedenfalls nicht.“
Mann im Ohr: „Musst Du aber. Wenn Du nicht nur was für Zwischendurch willst, was schnell verfügbar ist.“
Ich: „Mmh. Wie denn? Der äußere Teig hat die gleiche Farbe, die gleiche Konsistenz, riecht gleich. Erst wenn ich reinbeiße, weiß ich, was ich vor mir habe.“
Mann im Ohr: „Und beim Mann? Wie machst Du das da?“
Ich: „Immerhin kann ich auf Anhieb sagen, ob es ein Sandkuchen oder Kirschstreusel oder so ist. Und Frankfurter Kränze erkenne ich auch sicher und schnell.“
Mann im Ohr: „Das reicht nicht.“
Ich: „Auch reinbeißen?“ Bei manchen Männern würde ich das gern. Aber ich bin meistens zu schüchtern. Deshalb beißen sie mich immer zuerst.
Mann im Ohr: „Du musst das schon aus der Bildsprache wieder ins wahre Leben übertragen.“
Mir fällt nichts ein. Ich frage den kleinen Mann, ob er weiß, wie das geht. Aber ich muss da selbst drauf kommen, sagt er.
Ich: „Vielleicht kommt mir im Schlaf ne Idee. Das klappt sonst ja auch ganz gut.“ 
Mann im Ohr: „Die Antwort ist schon hier oben. Du findest nur keinen Zugang dazu.“
Na großartig. Das ist wie Geld in einem Tresor, dessen Code man nicht kennt.
Ich: „‘Keep it simple’ müssen wir behalten. Das hilft immer. Bei der Wohnungseinrichtung und beim Kochen. Wenige, hochwertige Zutaten ergeben doch das beste Essen. Ein schlichtes Design freut mich mehr und länger als alles, was too fancy daherkommt. Und komplexe Gedankengänge ergeben oft erst Sinn, wenn man sie einfach strukturiert. Ein schlichtes, zu mir passendes Kleid hat bisher immer mehr Eindruck gemacht als irgendwelche Sahne-Baiser-Geschichten.“
Mann im Ohr: „Du hast überhaupt noch nie ein Sahne-Baiser getragen.“
Ich: „Woher kommt eigentlich dieser Ausdruck? In Baiser ist doch keine Sahne drin. Das besteht aus Eiweiß, einer Prise Salz und Zucker. Und nach meiner Backerfahrung würde das Eiweiß sofort zusammenfallen, wenn man Fett hinzufügen würde. Sahne ist fettig. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass in der Schüssel keine Fettreste sein dürfen, wenn ich Eischnee schlagen will…“
Mann im Ohr: „Du machst Dir über jeden Scheiß Gedanken. Du sollst Deinen Verstand aus lassen.“
Das habe ich schon mal gehört. Besser als Leute, die sich über nichts Gedanken machen. Finde ich.
Ich: „Na gut. Jedenfalls kannst Du ‘Keep it simple’ in die Mitte räumen. Schön prominent, vielleicht hängen wir es auf? Über ‘Erst die Arbeit’ muss ich mir noch Gedanken machen.“

Der kleine Mann ist zufrieden. Er gibt mir eine Hausaufgabe. Ich soll ‘in dubio pro reo’ murmeln und dabei aufmerksam horchen, wie der Mann in meinem Bauch reagiert.

Haben wir unser Schamgefühl verloren?

Oder: auch Frauen sind spooky!

Mir kam eben der Gedanke, dass, was ich hier schreibe, falsch verstanden werden könnte. Ich musste an Super Mario denken, der dachte, ich sei eine Emanze. Das ist völlig absurd. Ich bekomme Pickel, wenn ich ‘Mitarbeiter(innen)’ oder ‘Mitarbeiter (m/w)’ lese. Noch schlimmer ist das gesprochen. Heute morgen im Radio sagte jemand ‘Wähler’, es folgte eine Pause und dann ‘Innen’. Kein Scherz. Ich bin gegen die Frauenquote. Weil ich unfähige Frauen kenne, die ihre Position nur einer solchen Regelung zu verdanken haben. Ich finde es gut, wenn Frauen zuhause bleiben. Wenn sie es möchten. Na ja, zurück zum Thema. Ich hatte Mario gegenüber eine Bemerkung gemacht, aus der man das mit viel Phantasie hätte schließen können. Aber eigentlich kennen wir uns kaum. Ich war froh, dass er es angesprochen hat und ich klarstellen konnte, dass ich keine Kopie von Alice Schwarzer bin.

„Das hätte er auch sehen können. Du hast überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihr.“ Gott sei Dank.

Jedenfalls klingt es hier vielleicht so, als seien Männer bei Tinder oder ähnlichen Plattformen irgendwie spooky und Frauen die ‘Opfer’. Das ist höchstwahrscheinlich nicht so. Ich habe nämlich schon merkwürdige Geschichten über Frauen gehört. Und wenn man sich mit stochastischer Verteilung ein bisschen auskennt, kann man nicht ernsthaft glauben, dass dieses Phänomen nur die eine Hälfte der Menschheit betrifft.
Der kleine Mann wendet ein, dass ich keine Ahnung von Stochastik habe. „Wohl. Abiklausur, erinnerst Du Dich? Bernoulli-Verteilung sagt mir was.“ Das hat der kleine Mann wohl verdrängt.

Dass ich nur über komische Männer schreibe, liegt schlicht daran, dass ich meinen Filter ausschließlich auf Männer beschränkt habe.
Ich meine, ein „Finde den Fehler.“ zu hören. Ganz leise. Diesmal liegt er falsch. Ich steh nun mal auf Männer. Und eine größere Auswahl erhöht nicht notwendigerweise die Trefferquote. Sonst wäre ja jeder, der Online-Dating betreibt, ratzfatz unter der Haube.

Nun also zu den spooky Frauen. Da gab es eine, die Fabian noch vor dem ersten Date gefragt hat, ob sein Schwanz denn wohl groß genug für sie sei. Und das erste Date war nicht als F***-Date gedacht sondern zum ganz normalen Kennenlernen. Hat dann allerdings nicht mehr stattgefunden. Ich kenne auch Frauen, die schon vor dem ersten Date Videos von sich verschicken, in denen sie masturbierend zu sehen sind.

„Das stimmt nicht!“ ruft der kleine Mann aufgebracht.
Ich: „Doch. Weißt Du nicht mehr…“
Er unterbricht mich: „…natürlich tun Frauen so was. Aber Du K E N N S T sie nicht.“

Das stimmt. Ich kenne sie nicht, ich habe sie nur gesehen. Masturbierend. Da fühlt man sich dann doch irgendwie, als würde man sich kennen. Für mich ist das eine ziemlich intime Sache. Aber ich bin auch ne Spießerin. Jedenfalls gibt es Männer, die solche Videos nicht nur bekommen und anschauen, sondern auch solche, die sie einer Freundin zeigen mit den Worten „Guck mal die, wie findest Du die?“. Wobei man sich da fragen muss, wer eher das Attribut spooky verdient. Die Absenderin oder der Empfänger?

Dann gibt es noch die Sorte Frau, auf die Carl gestoßen ist. Die es auf einem ersten Date nur darauf anlegen, von einem Mann für möglichst viel Geld eingeladen zu werden, Champagner und das teuerste Essen bestellen und ein peinliches Theater abziehen, wenn der Mann nicht gewillt ist, für den Luxus allein aufzukommen. Oder die, die noch bevor irgendwas gelaufen ist fragen, ob er ihnen vielleicht mit ein paar tausend Euro aushelfen könnte? Weil sie wirklich in einer ganz schlimmen Lage sind und er bekommt das Geld auch zurück. Ehrlich. Garantiert.

Mädels, das kann doch nicht Euer Ernst sein?! Da haben unsere Mütter und Großmütter jahrzehntelang für die Emanzipation gekämpft und ihr macht sowas?

„Ich dachte, Du bist gar keine Emanze?!“ tönt es. Gefolgt von einem „Euch Frauen versteh einer.“
Ich weiß nicht, wie oft ich das Männern jetzt schon erklären musste. „Bin ich auch nicht. Ich bin immer noch gegen die Frauenquote und diesen ganzen Gender-Mainstreaming-Quatsch. Aber es kann doch nicht sein, dass ein Kerl eine Frau aus ihrer finanziellen Misere retten soll. Nur, weil er ein Mann ist. Ein bisschen Eigenverantwortung halte ich für angezeigt. Klar kann er mich zum Essen einladen. Das finde ich toll. Aber bitte freiwillig. Ich kann doch nicht mit der Einstellung auf ein Date gehen, dass er mich einladen muss. Und nur weil ich davon abraten würde, Sex-Videos zu verschicken, bin ich noch lang keine Emanze!“

Der kleine Mann ist froh, dass ich sowas nicht mache. Da würde er sich schämen. Er droht sogar, auszuziehen, falls ich es doch mal in Erwägung ziehen sollte.

Meine Wahrnehmung ist gestört

„Es ist 16:58 Uhr.“ mahnt es aus meinem Kopf. Ich spüre, wie der kleine Mann aus meinem Ohr klettert. Er ist schon auf meinem Ohrstecker. Dem, der wie eine kleine weiße Blume aussieht. Er hangelt sich an meinen Haaren entlang über mein Jochbein und erklimmt meine Nase. Das hat er noch nie gemacht. Jetzt steht er auf meiner Nasenspitze und wedelt mit einem erhobenen Zeigefinger. „Du hast noch nicht mal gefrühstückt!“

Das stimmt. Es ist Sonntag. Wer mich nicht kennt, denkt jetzt vielleicht, dass ich eben erst aufgestanden bin. Gestern gefeiert habe. Dabei bin ich seit kurz vor zehn auf. Ich habe Kaffee getrunken. Und zwei oder drei Gläser Leitungswasser. Ich war kurz bei meiner Mutter, habe ein paar Dinge erledigt und erfolglos versucht, einen kaputten Halogenstrahler auszuwechseln. Meine Halogenhalter haben ein Bajonett-System. Aber irgendwie hat sich der defekte Strahler in der Fassung so verkantet, dass der Strahler abgebrochen ist. Der Rest geht aus der Fassung nicht raus. Und deshalb der neue Strahler nicht rein. Mist!

„Das mit dem Strahler war heute Vormittag. Seitdem schreibst Du.“ mosert der kleine Mann. „Das ist ungesund!“
Ich ahne, was er mir sagen will. Er wird gleich wieder von Noah anfangen. Die Frau in dessen Kopf hat es ihm angetan. Deshalb taucht er immer wieder auf.
Ich: „Kleiner Mann, ich vergesse die Zeit, wenn ich schreibe.“
Mann im Ohr: „Weil Deine Wahrnehmung gestört ist.“
Ich: „Wenn Du schon fremde Leute zitierst, solltest Du das wenigstens kenntlich machen.“
Ich habe nichts übrig für Blindzitate. Das ist was für Blender.

Tatsächlich hat mich Noah bei unserem letzten Treffen gefragt, warum ich blogge. Und warum ich überhaupt schreibe. Weil ich es liebe. Weil ich dabei die Zeit vergesse. Ich fange an und dann verselbständigen sich meine Gedanken. Manchmal kommen mir Ideen in Situationen, in denen ich nicht schreiben kann.

Der kleine Mann schlägt einen anklagenden Ton an: „Dann gehst Du zum Beispiel mitten in einem Date auf´s Klo, um Deine Gedanken in Dein iPhone zu diktieren.“

Ich muss lachen. Das klingt so absurd. Aber es stimmt. Wenn ich länger verschwinde, pudere ich mir nicht die Nase oder korrigiere meinen Lippenstift. Ich bin mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt.

„Vielleicht mögen Dich die Männer nicht, weil Deine Nase glänzt und Dein Lippenstift verschmiert ist?“ Der kleine Mann klingt nachdenklich. Er sitzt auf meiner Nasenspitze. Ich muss schielen. Das gefällt mir nicht. Nicht, dass er das demnächst auch im Büro macht. Dann bin ich die Irre mit dem kleinen Mann auf der Nase.
„Das mit dem Lippenstift können wir sicher ausschließen. Ich trage fast nie welchen.“
Mann im Ohr: „Aber die Nase?“
Ich: „Du glaubst doch nicht im ernst, dass einen Mann, der einen toll findet, das interessiert?! Der nimmt das nicht mal wahr. Weil sein Gehirn nicht besonders gut funktioniert in so einer Situation.“
Der kleine Mann schweigt. Er denkt nach. Dann spüre ich immer ein leichtes kribbeln im Kopf.
„Vielleicht merken die, dass Deine Aufmerksamkeit nicht bei Ihnen ist? Das mögen Männer nicht.“ Manchmal sagt der kleine Mann kluge Sachen.
Ich: „Frauen mögen das auch nicht. Niemand mag es, wenn sein Gegenüber mit den Gedanken woanders ist.“ Ganz schlimm finde ich diese ewige Handycheckerei bei Verabredungen.
Mann im Ohr: „Bei Noah hast Du das nicht gemacht. Da warst Du ganz Ohr. Aber er war mit den Gedanken ganz weit weg.“
Ich: „Bei seinem Kunden und den Terminen am nächsten Tag. Er sah fertig aus. Ich hätte ihm am liebsten ´ne Massage angeboten, aber das wäre spooky gewesen.“
Mann im Ohr: „Trotzdem hat er kluge Dinge zu Dir gesagt. Er war nicht die ganze Zeit woanders im Kopf.“ 

Noah hat mich gefragt, ob das gut sei, wenn ich die Zeit vergesse. Ich war völlig perplex. Für mich war immer klar, dass das gut ist. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als Dinge zu tun, bei denen einem ein Minute wie eine kleine Ewigkeit vorkommt? Und dann sagte Noah: „Aber das heißt doch, dass in dem Moment Deine Wahrnehmung gestört ist.“
Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Mann im Ohr: „Deshalb geht er Dir nicht aus dem Kopf. Weil er einige Dinge zu Dir gesagt hat, die Dich zum Nachdenken gebracht haben. Du stehst auf geistige Stimulation.“
Ich: „Kleiner Mann, er geht mir nicht aus dem Kopf, weil Du ihn ständig thematisierst. Und den Grund dafür kenne ich genau.“

Langsam könnte mal ein Mann kommen, der meine Wahrnehmung gehörig stört.

Der kleine Mann klettert zurück in mein Ohr. Es ziept, als er sich an meiner Haarsträhne raufhangelt. Dann höre ich ein „Du könntest Dich ja noch mal mit Noah treffen.“. No way. Ich bin keine Frau, bei der er mit einem „Fuck yes“ antwortet. Das lassen wir lieber. Aber mir fällt da jemand anders ein. „Du hast nie über ihn geschrieben.“ sagt der kleine Mann ein bisschen erstaunt. „Natürlich nicht. Ich habe ja auch noch ein Privatleben.“

Haben wir verlernt, uns zu verlieben?

Diese Frage spukt mir seit ein paar Tagen im Kopf herum. Auslöser war ein Gespräch mit meinem Freund Eric. Er befindet sich in einem Dilemma. Er will sich nicht zuerst verlieben. Dann wäre er ja in der ‘unterlegenen’ Position, falls die Frau sich nicht auch in ihn verliebt. Es müsste also umgekehrt sein. Allerdings funktioniert auch das nicht. Denn wenn sich eine Frau in Eric verliebt, bevor er verliebt ist, klammert sie ihm zu sehr und er verliert das Interesse an ihr.

Ich frage den kleinen Mann, warum er so schweigsam ist. Keine Antwort. Ich hatte ein „Das ist total bescheuert.“ oder so erwartet. Ich frage mich, ob er krank ist oder ich irgendwas getan habe, was ihn verärgert hat. Es raschelt in meinem Kopf, glaube ich.

„Das denkst Du immer.“, der kleine Mann seufzt. „Sobald ein Mann schweigsam wird, kommt Dein Mutterinstinkt raus oder Du denkst, es läge an Dir.“
Das stimmt.
„Du musst aufhören damit. Ich war einfach nur in die Arbeit vertieft. Du brauchst keine Ermahnungen mehr. Solange Du über Gefühle nachdenkst, läuft hier alles super. Die Zeit will ich nutzen.“
Ach so. Dann kann ich ja beruhigt weiter denken.

Seit ich Eric kenne, war er nicht verliebt. Glaube ich. Das ist traurig. Aber etwas anderes ist viel trauriger. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei jemandem einen verliebten Glanz in den Augen gesehen habe.

„Gestern Abend.“ Der kleine Mann klettert in meiner Ohrmuschel herum.
Ich: „Nein. Wo denn?“
Mann im Ohr: „Im Kino.“
Ich: „Nein, das wäre mir aufgefallen.“
Mann im Ohr: „Karoline Herfurth hat sehr verliebt ausgesehen. Der Film fing schon mit einem verliebten Glänzen in den Augen an.“
Ich: „Das war gespielt, kleiner Mann. Das hat mit der Realität nichts zu tun.“
Mann im Ohr: „Es wirkte authentisch.“ 

Na großartig. Also außer auf der Leinwand habe ich seit Jahren keinen verliebten Glanz mehr in Augen gesehen. Ich erinnere mich auch nicht, wann mir zuletzt jemand erzählt hat, dass er sich verliebt hat.

„Aber wir kennen Steffi und Jasper und Anna und Jules.“ tönt es von meinem Ohrläppchen. Er turnt an meinem Ohrstecker rum.
Ich: „Das stimmt. Aber sie lieben sich und sind schon sehr lange zusammen. Das ist schön, hat aber mit Verliebtheit nichts zu tun. Verliebt sein und sich lieben sind unterschiedliche Dinge.“
Mann im Ohr: „Das wusste ich nicht.“
Ich: „Verliebt ist man idealerweise am Anfang. Das ist das Gefühl, wenn der Mann im Bauch wild tanzt. Das, was wir Menschen ‘Schmetterlinge im Bauch’ nennen. Das Gefühl verschwindet langsam, wenn man sich vertrauter wird. Wenn man sich besser kennt, wird manchmal Liebe daraus. Oder nicht. Dann trennen sich Paare wieder.“ 
Mann im Ohr: „Aber Steffi und Jasper und Anna und Jules haben sich nicht getrennt.“
Ich: „Nein. Sie lieben sich. Sehr sogar. Jedenfalls wirkt es so.“
Mann im Ohr: „Und Steffi hat neulich gesagt, dass es ihr und Jasper hilft, sich an die verliebte Zeit zurückzuerinnern, wenn es mal schwierig ist.“
Ich: „Ja, diese Erinnerung braucht man. Wenn man in einer Krise steckt und da nichts besonderes ist, an das man sich zurückerinnert, nichts, was einen speziell mit diesem Menschen verbindet und was man mit keinem anderen so erlebt hat, dann hätte man keinen Grund, zu bleiben. Dann könnte man sich einfach den nächsten suchen.“
Mann im Ohr: „Dann ist Voraussetzung für eine lange, glückliche Beziehung, dass der Mann im Bauch wild tanzt zu Beginn?“
Ich: „Ja. Aber das scheint heute nicht mehr so oft zu passieren.“

Von Menschen, die daten, höre ich so was wie von Eric. Oder ‘Ich hab da eine kennengelernt.’ oder ‘Die ist heiß.’ oder ‘Der könnte passen, er ist nett.’. Sie sagen, dass jemand vielleicht als Vater taugt oder die gleichen Interessen hat. Dass sie intelligent ist und warmherzig und bestimmt eine gute Ehefrau wäre. Dass jemand gut küsst oder es im Bett ‘passt’. Aber ich kann mich an keinen einzigen Menschen in den letzten Jahren erinnern, der mir erzählt hat, er sei so richtig verliebt. Oder so gewirkt hätte.

„Christian hat Dir auch nicht gesagt, dass er sich in eine andere verliebt hat. Er hat gesagt ‘Du, ich hab in einen Exklusivstatus gewechselt.’. Sie wohnt näher dran als Du und ist besser verfügbar.“, stellt der kleine Mann fest.
Ich: „Vielleicht ist er ja verliebt.“
Das wäre schön. 
Mann im Ohr: „Er war nicht der Typ dafür.“
Ich denke ein bisschen über Chris nach. Vielleicht hat der kleine Mann recht.
Er fährt fort: „Weißt Du noch, wie er auf Deinen Post über Carl reagiert hat? Er hat sich selbst darin gesehen. Er will eine Frau, die praktisch in sein Leben passt und keine, die sein Leben durcheinanderbringt.“
Ich: „Aber Verliebtsein bringt das Leben durcheinander.“
Mann im Ohr: „Würdest Du denn zulassen, dass jemand Dein Leben durcheinanderbringt?“
Ich muss schlucken. Ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Wohnung und meine Nachbarn und kann mir kaum vorstellen, hier jemals wegzuziehen. Ich liebe meinen Job. Meistens jedenfalls. Ich liebe es, beim Bauern im Nachbardorf mein Obst und Gemüse zu kaufen. Ich liebe meine Einrichtung und will hier keine Möbel haben, die nicht zu meinem Stil passen. Ich…
„Ich will keine halbgare Geschichte. Keine Vernunftgeschichte. Ich will mich verlieben. Ich will ein Kribbeln im Bauch und ein Prickeln auf meiner Haut. Ich will an ihn denken müssen und keinen Bissen runterkriegen vor Aufregung.“
Der kleine Mann sagt nichts. Es räumt und raschelt wieder in meinem Kopf.
Ich: „Und dann hoffe ich, dass sich dieses Gefühl irgendwann in Liebe verwandelt. Bei uns beiden.“ 

Ich frage mich, wer sich heute noch verlieben will außer mir. Und wie viele lieber die sichere Variante wählen würden. Die, die ihr schönes, ordentliches Leben nicht durcheinanderbringt.

Mann im Ohr: „Es ist unpopulär geworden. Denk nur an Freundinnen, die sich nicht verlieben wollen. Oder Dir raten, Dich nicht zu verlieben, damit Du nicht ausgenutzt oder ‘verarscht’ wirst.“
Ich: „Sie wollen mich schützen.“
Mann im Ohr: „Aber Du hast doch gesagt, dass das so nicht funktioniert.“
Ich: „Wir sind nicht mehr so mutig wie früher. Vielleicht geht es uns einfach zu gut.“
Mann im Ohr: „Wahrscheinlich ist jemand, der unzufrieden ist mit seinem Leben, viel eher bereit, es sich durcheinanderbringen zu lassen. Wenn das Leben schon perfekt ist, möchte man es doch genau so behalten.“

Da ist was dran. Aber ich will einen Mann, der glücklich ist mit seinem Leben. Oder zumindest zufrieden. Einen, der mutig genug ist, es trotzdem zu riskieren.

Ich habe plötzlich das Bedürfnis, zu backen. Pumpkin-Creamcheese-Muffins.
Während ich die Schüsseln, das Mehl und die Kürbismatsche zusammensuche, frage ich mich, ob wir verlernt haben, uns zu verlieben. Ich hole die Eier und den Frischkäse aus dem Kühlschrank. Kann man das überhaupt verlernen? Ist das wie Fahrradfahren, einmal gelernt und man kann es für immer? Ich öffne die Dose mit dem Vanilleextrakt und dem Baking Powder. Es ist wichtig, amerikanischen Baking Powder zu nehmen und kein deutsches Backpulver. Die Zusammensetzung ist nicht identisch und die Muffins bekommen mit Backpulver nicht die richtige Konsistenz. Oder ist sich verlieben eher wie Excel? Dann wäre die Fähigkeit ohne permanentes Üben ganz schnell wieder verlernt.

Mann im Ohr: „Das ist weder noch. Wenn man es zulässt, passiert es ganz von allein. Man muss es nicht lernen. Es ist im Menschen angelegt, sich zu verlieben.“
Ich: „Und wie lässt man es zu?“
Mann im Ohr: „Es hilft, den Verstand etwas runterzufahren.“

Dann habe ich ja genau jetzt die besten Chancen.

Ich bin nicht zu leicht zu begeistern

Das weiß ich jetzt. Seit ich mich vor einigen Wochen mit Noah getroffen habe, hat mich eine Frage umgetrieben. Er hat festgestellt, dass ich leicht zu begeistern bin. Dass das eine schöne Eigenschaft ist. Aber dass solche Menschen sich oft schwerer tun, Karriere zu machen. Weil sie sich so leicht durch Dinge, die sie begeistern, von ihrem Weg abbringen lassen.
Der kleine Mann würde mir sagen, dass ich doch weiß, dass man alles vergessen soll, was ein Mann vor dem ‘aber’ sagt. Und dass ich zu häufig das Wort ‘dass’ benutze in diesem Post. Aber er schläft, weil er die ganze Nacht an den Verbindungen in meinem Kopf gearbeitet hat.
Seit unserem letzten Treffen geistert mir also diese Frage im Kopf herum. Interessanterweise hat am Tag vor Noahs Bemerkung ein Bote zu mir gesagt, ich ließe mich ja schnell begeistern, mein Mann hätte es sicher leicht mit mir. Da hatte ich mich über seine Lieferung gefreut. Und gestern hat ein Kollege, der mich quasi nicht kennt, bei einem beruflichen Essen dasselbe zu mir gesagt. Also ohne die Bemerkung über meinen nicht vorhandenen Mann.
Ich frage mich also: Wäre ich erfolgreicher, wenn ich mich weniger begeistern würde? Und: Hätte ich einen Partner? Bin ich allein, weil ich mich zu schnell für zu viele Männer begeistere und mich die ‘große Auswahl’ ablenkt?
Ich muss an meine 108 Matches denken, für die ich vermutlich mindestens 200 Männern ein ‘Like’ gegeben habe.

Die Antwort auf alle Fragen ist N E I N.

Ich lasse mich schnell begeistern. Von gelungenem Essen, einem Film, der mich berührt oder einem Lied. Von Ideen, von Kindern, von Blumen. Von einem gelungenen Möbelmix, Büchern und Kunst, von den Kaninchen, die morgens vor meinem Fenster hoppeln. Aber ich werde auch schnell traurig. Wenn ich ein verunfalltes Eichhörnchen sehe oder Bilder von Kindern in Kriegsgebieten. Es braucht nicht viel, damit ich vor Rührung weine. ‘Der kleine Lord’ zu Weihnachten oder eine schöne Liebeserklärung, ein gelungener, tiefgründiger Satz oder ein Gottesdienst. Ich höre jeden Morgen auf WDR 5 ‘Kirche im Radio’. Klingt, als sei ich steinalt. Und langweilig. Aber die Worte berühren mich. Ich werde nicht schnell wütend, aber wenn, dann richtig.

Und ich könnte nicht leben ohne diese Emotionen. Ich möchte nicht wissen, wie die Welt für jemanden aussieht, der sich weniger über ihre Schönheit freut, weniger an ihrer Unzulänglichkeit verzweifelt und der ihre Ungerechtigkeit weniger anklagt.

Ich denke darüber nach, ob mich wirklich viele Männer begeistert haben. Haben sie nicht. Ihre Fotos vielleicht. Aber der Grund, warum ich mich für niemanden wirklich erwärmen konnte ist, dass mich keiner zu einem ‘Fuck yes’ hinreißen konnte.

Etwas bewegt sich ganz vorsichtig in meinem Kopf, „Doch, einer. Noah.“. Der kleine Mann klingt verschlafen. Ich sage ihm, dass er sich wieder hinlegen kann. Ich komme grade ganz gut allein zurecht.

Tatsächlich hat Noah bei mir eine Gänsehaut ausgelöst, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Und das ist mir davor sehr lange nicht passiert. Ich hatte ihn nicht mal richtig gesehen. Er kam zu einer Veranstaltung zu spät und hat sich sehr leise auf den freien Stuhl neben mich gesetzt. Ich habe ihn nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Weil er einen Teil der wichtigen Infos nicht mitbekommen hatte, hat er sich zu mir rüber gebeugt und mir eine Frage ins Ohr geflüstert. Ich kann nicht mehr sagen, was er genau gefragt hat. Aber in dem Moment hat mein Gehirn kurz ausgesetzt. Der kleine Mann in meinem Bauch hat einen dezenten Hüpfer gemacht. Ich habe eine Gänsehaut bekommen. Es war einer dieser magischen Momente im Leben. Wenn man auf einen Fremden trifft, von dem man nichts weiß, mit dem man noch kein Wort gewechselt hat und der einen trotzdem irgendwie verzaubert.

Der einzige Moment, in dem ich diese ganze Tindergeschichte wirklich bereut habe, war der, in dem ich sein Foto gesehen habe. Das war der Moment, in dem der Zauber verflogen ist.
Ich habe vorher hin und wieder an diesen Moment mit ihm gedacht. Ich habe mich gefragt, ob wir uns irgendwann mal wieder über den Weg laufen. Ich habe mich gefragt, wie das wohl für ihn war. Was er für ein Mensch ist. In meiner Phantasie wäre er niemals bei Tinder gewesen. In meiner Phantasie war er zu old school dafür. In meiner Phantasie hatte er möglicherweise eine hübsche Frau und bald total süße Kinder. In meiner Phantasie sind wir uns zufällig wieder über den Weg gelaufen.

Tinder hat mir diese Gedanken kaputt gemacht. Tinder hat ihn entzaubert, obwohl er vielleicht ganz bezaubernd ist.

Ich tauge nicht als „Freundin plus“

„Wir müssen über die Beziehungsformen reden. Wir waren noch nicht fertig.“ Ich bin hellwach. Es ist kurz nach sechs an einem Sonntag morgen. Es ist schon hell, also können wir uns an die Arbeit machen.

„Du bist U N E R T R Ä G L I C H. Nicht mal ausschlafen kann man mit Dir.“ mosert es zwischen meinen Ohren.
Ich: „Wenn hier einer neben mir läge, dürfte er weiterschlafen. Ich würde mich ins Wohnzimmer setzen und schreiben und ihn in vier Stunden mit einem Kaffee und Küssen wecken.“ Das gefällt dem kleinen Mann nicht. Er fühlt sich benachteiligt.
Ich: „Männer, die in meinem Herz wohnen und nicht in meinem Kopf, haben es deutlich besser.“
Ich höre ein Brummen, aber dann folgt: „Wir fangen mit diesem Modell ‘Mingle’ an.“
Mir wird spontan flau und in meinem Bauch klopft und dreht sich was.
Ich: „Das ist nichts für mich! Das ist der größte Blödsinn aller Zeiten.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wissen nicht alle Deine Leser, was das ist.“
Ich: „Warte, ich verlinke diesen Artikel in der Welt. Vielleicht hilft das?“
Mann im Ohr: „Ich verstehe nicht, warum das überhaupt irgendwer macht.“
Na ja, es scheint ja Leute zu geben, für die das passt.
Mann im Ohr: „Was war für Dich so toll in der Anfangszeit mit Ben?“
Mir wird spontan warm im Bauch. „Wir haben uns aufeinander gefreut, ich habe mich angehübscht, wenn wir uns gesehen haben, wir waren verliebt. Wir hatten nur Augen füreinander.“
Mann im Ohr: „Und Ihr seid ständig übereinander hergefallen.“
Ich werde rot bei dem Gedanken. Es stimmt. Es war eine tolle Zeit.
Mann im Ohr: „Und warum hat es am Ende nicht mehr gepasst?“ 
Also das ist wirklich zu komplex für einen Post. Und geht auch keinen was an.
Mann im Ohr: „Du sollst nicht alles erklären. Aber wie war das, was am Anfang so toll war, am Schluss?“
Ich: „Na ja. Wir waren selbstverständlich füreinander. Haben uns keine Mühe mehr gegeben, dem anderen zu gefallen. Oder jedenfalls nicht mehr so wie früher. Wir waren wie beste Freunde, mehr nicht.“
Mann im Ohr: „Und jetzt gibt es eine ‘Beziehungsform’, in der man auf das Kribbeln am Anfang verzichtet und sich gleich damit begnügt, dass einer im Feinripp-Unterhemd neben einem auf dem Sofa sitzt und mit einem Serien auf Netflix schaut.“

Ich: „Bei mir würde das schon deshalb nicht funktionieren.“ Ich habe kein Netflix.
Mann im Ohr: „Der Sex wäre in so einer Konstellation auch nicht so doll, selbst wenn die Performance stimmt. Weil er ohne Verliebtheit immer weniger aufregend ist.“
Mein Bauch stimmt zu, es hüpft ein bisschen und fühlt sich wärmer an.
Ich: „Ich finde klug, was diese Frau James in der Welt sagt. Sie plädiert für mehr Mut zur Entscheidung.
Mann im Ohr: „Dieses Mingle-Modell ist was für indifferente Menschen. Du würdest sagen, für Feiglinge. Für Männer, die keine Eier haben und Frauen, die nicht wissen, was sie wollen. Wer keine Entscheidung trifft, hat zwar alle Möglichkeiten. Aber er lebt keine davon aus. Er lebt immer nur auf Sparflamme.“
Mir fällt dieser Spruch ein: ‘Wer versucht, sich immer alle Türen offen zu halten, wird sein Leben auf dem Flur verbringen’. Ich verstehe das nicht so richtig. Es muss sich ja nicht um Flurtüren handeln.
Mann im Ohr: „Jedenfalls sitzt derjenige im Durchzug.“
Ich: „Das ist nichts für mich. Ich frier doch immer so leicht.“

Wir schweigen eine Weile. Vielleicht ist der kleine Mann wieder eingeschlafen. Ich überlege, ob ich aufstehe und mir einen Milchkaffee mache oder mich noch mal umdrehe. Ich bin froh, dass er nicht versucht hat, mich für das Mingle-Dasein zu erwärmen.
Als ich den Espresso aufsetze, meldet sich der kleine Mann wieder: „Und wer keine Entscheidung trifft, dem wird die Entscheidung früher oder später abgenommen.“. Wie wahr.