Ich vergesse manchmal das Wichtigste

Ich schrecke hoch und bin schweißgebadet. Mein Herz pocht. Irgendwas habe ich geträumt und dann ist mir was eingefallen. Das H E R Z. Darüber habe ich mit dem kleinen Mann nicht gesprochen. Wir reden über Männer und Beziehungstypen und das Wort Herz fiel kein einziges Mal. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.
Das ist nicht gut. Wir haben das allerwichtigste vergessen. In meinem Bauch fühle ich einen kleinen Hüpfer.

Was macht nur der kleine Mann? Wenn ich denke, müsste er doch wach werden und protestieren? Wir müssen darüber reden, sonst habe ich das wieder vergessen. Die wichtigsten Ideen kommen mir immer im Schlaf oder unter der Dusche. Jedenfalls immer, wenn ich sie nicht sofort notieren kann. Zum Aufstehen bin ich zu müde.

„Du kannst im Halbschlaf in Gedanken ein komplettes Storyboard entwerfen und Figuren und alles, und reden kannst Du auch immer, aber drei Meter laufen und einen Zettel holen geht nicht?“ Der kleine Mann klingt schlecht gelaunt.
Ich hatte vergessen, dass man Männer nicht mitten in der Nacht wegen einer Idee wecken sollte.
„Genau. Aber Du lernst einfach nicht aus Deinen Fehlern.“ tönt es beleidigt. 
Das stimmt so nicht. Ich fasse schon ganz lang nicht mehr auf heiße Herdplatten, weil ich mir einmal Brandblasen geholt habe. Ich höre ein Grummeln. Jetzt ist er eh wach, da können wir auch reden.
Ich frage „Warum haben wir über Verstand und Bauch und die Verbindung und alles gesprochen und nicht über mein Herz?“
Mann im Ohr: „Was glaubst Du wohl?“
Ich: „Verstehe ich nicht. Ist das nicht das wichtigste?“
Mann im Ohr: „Ich dachte, Du bist noch nicht so weit.“
Ich: „Aber jetzt. Wie hängt das Herz mit all dem zusammen? Worauf soll ich denn hören, wenn ich einen Mann gut finde? Das Schlimmste ist ja, wenn mein Bauch, mein Herz und mein Verstand alle unterschiedliche Dinge wollen.“ 
Mann im Ohr: „Dann kann es nicht funktionieren.“
Ich: „Heißt das, da muss K O N S E N S bestehen?“
Mann im Ohr: „Bien sûr.“
Das macht es schwieriger, als ich dachte.
Mann im Ohr: „Wie oft hast Du Dein Herz verschenkt? So richtig, meine ich.“ 
Ich überlege und bin mir nicht sicher. Einmal gibt ein sicheres ja. Mmh. „Ein oder zweimal. Ich weiß es nicht genau.“
Mann im Ohr: „Wie viele längere Beziehungen hattest Du?“
Ich: „Vier.“
Mann im Ohr: „Finde den Fehler.“ 
Jetzt imitiert der kleine Mann meinen Kollegen Axel. Das ist sein Lieblingssatz. Ich mag das nicht. Ich komme mir dabei immer so dumm vor.
Mann im Ohr: „Und welche Beziehung war sehr lange glücklich?“ 
Ich: „Die mit Herz. Und der Rest war auch d´accord.“
Der Mann im Ohr erklärt mir noch mal, wie das funktioniert. „Dein Bauch warnt Dich, wenn irgendwas nicht stimmt oder signalsiert, dass alles in Ordnung ist. Dein Verstand analysiert die Umstände und bestätigt idealerweise Dein Bauchgefühl. Erst wenn beides passt, solltest Du Dein Herz öffnen. Wenn Du es vorher tust, läufst Du Gefahr, unnötig verletzt zu werden. Wenn Du es nicht tust, wird nichts daraus.“
Welcher Mann will schon eine Frau, die nicht mit dem Herz dabei ist?
Ich: „So schwierig klingt das nicht.“ 
Mann im Ohr: „Du bleibst manchmal zu lange in der Analysenhase stecken. Entweder sagen Dir Bauch und Kopf, dass alles gut ist und Du traust Dich trotzdem nicht. Oder – und das ist schlimmer – einer von beiden warnt Dich sehr deutlich und Du legst den Kerl trotzdem nicht ad acta.“  Er hat recht. Manchmal ist es allein mein Ehrgeiz. Dann will ich jemanden, den ich eigentlich gar nicht will, nur um mir zu beweisen, dass ich könnte, wenn ich wollte.
Mann im Ohr: „Deshalb hast Du Jura studiert.“ Ich stutze – es stimmt. Ich wollte mir hauptsächlich beweisen, dass ich es kann.
Mann im Ohr: „Und? Arbeitest Du heute als Juristin?“ Nein. Schon länger nicht und das werde ich wahrscheinlich auch nie wieder. „Du hast mit allem drum und dran acht Jahre in Studium und Referendariat investiert, nur um hinterher zu sagen ‘Och nö, ich mach mal lieber was, wofür ich gar nicht hätte studieren müssen.’“
Ich: „Wir kommen zu sehr vom Thema ab, finde ich.“
Mann im Ohr: „Es ist genau das richtige Thema. Ist doch bei Männern genau so. Du kannst Jahre mit einem verschwenden, den Du nicht wirklich willst.“
Das würde ich nicht tun. Beim Studium war das was anderes. Ich war immer sicher, dass mir das später in allen möglichen Lebenslagen helfen würde. Und das tut es. Es war keine Zeitverschwendung. Nur vielleicht nicht ganz das richtige Motiv. 
Ich muss gähnen. „Ich möchte mich mal wieder so richtig verlieben.“ Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Ich höre nicht mehr, wie der kleine Mann sagt: „An den Punkt musstest Du aber erst mal kommen. Letztes Jahr hast Du zu Eric gesagt, das sei Dir alles zu anstrengend. Dieses schlecht schlafen und nichts essen können und immer an irgendwen denken müssen.“

Mein Bauch will was Vielschichtiges

Ich frage mich, wie Leute das machen, die ihr Leben nach ihrem Bauchgefühl ausrichten. Mich macht diese Gefühls-Sache völlig fertig. Ich will ein Rezept, das in sich schlüssig und nachvollziehbar ist und basta. Und jetzt würde ich gern dieses Thema mit dem Fremdgehen vertiefen. Es klingt spannend. Dieses Nicht-Analysieren-Dürfen ist schlimmer als jede Diät.

Der kleine Mann meldet sich: „Du hast überhaupt noch nie eine Diät gemacht.“
Das stimmt so nicht. Mit 16 habe ich, meine ich, mal eine versucht.
„Apropos keine Diät und Rezept. Wenn Du Dir einen Mann backen könntest, wie sähe er aus?“
Ich: „Ich dachte, wir müssen erst den Beziehungstyp finden?“
Mann im Ohr: „Du denkst schon wieder. Spontan, aus dem Bauch raus: was wäre er?“
„Ein Pumpkin Creamcheese Muffin.“ Das kommt wie aus der Pistole geschossen.
Der kleine Mann hakt nach: „Sicher? Kein Brownie?“
Ich darf nicht überlegen, aber ich kann auch so sofort sagen, was mich an Brownies stört. „Ein Brownie ist geil. Irgendwie. Aber er ist mächtig und dunkel, liegt schwer im Magen, macht mir manchmal Bauchschmerzen und – das ist das Wichtigste – ich kann nicht mal einen davon essen. Nach zwei Bissen habe ich die Nase voll.“
Mann im Ohr: „Was ist mit einem Pumpkin Gingerbread Snacking Cake? Den backst Du häufiger und lieber als die Muffins.“

Ich: „Weil´s schnell geht. Ich brauche nicht mal ´nen Mixer. Er ist leicht zu haben, kommt überall gut an, das ist super effizient. Das Ideale für Zwischendurch.“
Mann im Ohr: „Du hast schon mehrere Männer damit rumgekriegt.“
Das stimmt. „Zwei.“
Mann im Ohr: „Zwei Erfolge bei zwei Versuchen, macht eine Trefferquote von 100%.“

Ich: „Vielleicht hätte ich sie auch so rumgekriegt. Einmal könnte es auch Joey´s Apple Cake with Caramel Sauce gewesen sein? Den hab ich damals auch gemacht.“
Mann im Ohr: „Warum wäre Dein Traummann kein Joey´s Cake?“
Ich: „Keine Ahnung. Mein Bauch sagt dazu nichts.“
Der kleine Mann erinnert mich daran, wie gern ich Sandkuchen mag. Es rumort in meinem Bauch. Das ist ein Knurren, hat wohl nichts mit Emotionen zu tun. Gott sei Dank. Dieses Kuchen-Thema liegt mir mehr. „Ich liebe Sandkuchen. Aber ich kann´s nicht. Er wird matschig oder nicht richtig ‘sandig’, auf Dauer wär´s mir auch zu trocken.“
„Was ist denn an den Muffins so toll?“ Ob der kleine Mann mit meiner Wahl nicht einverstanden ist?
„Sie sind leicht, saftig und würzig. Süß, aber auch ein bisschen herb. Sie machen süchtig. Und ein bisschen high.“
Der kleine Mann weiß, woran das liegt. „Weil Du immer mehr Muskat reingibst als angegeben“.
Ich: „Sie schmecken morgens, mittags und abends, nicht nur zur Kaffeezeit. Sie sind vielschichtig. Die herbe Kürbisschicht außen und dann die cremig-milde Creamcheese-Füllung, mit der man nicht rechnet. Sie sind perfekt. Ich könnte sie für den Rest meines Lebens täglich vernaschen.“
Mann im Ohr: „Es macht aber Arbeit, die ständig zu backen.“

Ich: „Aber für den Genuss lohnt es sich. Eine Beziehung ist manchmal auch Arbeit. Es ist eine schöne Arbeit, sie macht Spaß.“
In meinem Kopf fängt es an zu hüpfen. Es fühlt sich komisch an. Pustet der kleine Mann mir ins Ohr? Nein. Er scheint zu kichern. „Du hast die letzte Schicht vergessen. Da ist diese krümelige Schicht als Topping drauf.“ Er kichert immer noch. Was daran so lustig ist? Er prustet unangenehm nah an meinem Trommelfell: „Jeder Muffin ist mit zwei Nüssen garniert.“ 

Ich weiß, was ich will

Oder?

Eigentlich weiß ich, was für eine Beziehung ich will und was für einen Mann ich dafür brauche. Glaube ich. Aber der kleine Mann ist klug und weiß manchmal mehr als ich. Es kann nicht schaden, mal zu gucken, ob da Deckungsgleichheit besteht.

„Du denkst schon wieder beinah. So kann ich hier nicht arbeiten.“ meckert es aus meinem Kopf.
Ich: „Entschuldige. Du musst mir noch sagen, was für einen Mann ich will.“
Mann im Ohr: „Das ist eine längere Geschichte. Außerdem musst Du mitarbeiten. Ich sage was und Du horchst auf Deinen Bauch.“  
Ich: „Und sage Dir, was er sagt?“
Mann im Ohr: „Genau. Aber Du zäumst das Pferd schon wieder von hinten auf. Erst musst Du wissen, was für eine Beziehung Du willst. DANN überlegen, mit welchem Kerl das möglich ist.“
Ich komme mir dumm vor. Aber schließlich ist mein Verstand auf Standby. Das entschuldigt vieles.
Der kleine Mann fängt an: „Du brauchst Freiraum im wörtlichen Sinne. Deine eigene Wohnung behalten wäre eine Möglichkeit. Oder ein Atelier haben. Du brauchst einen hübschen, aufgeräumten Ort, an den Du Dich zurückziehen und kreativ sein kannst.“
Beim Wort Atelier kribbelt es in meinem Bauch und er wird warm. Kribbeln stand gar nicht in der Bedienungsanleitung. Trotzdem weiß ich, was es heißt. „Das gefällt mir.“
Mann im Ohr: „Prima. Weiter: Der Mann schläft auch mit anderen Frauen.“
Ich: „Sicher nicht!“ In meinem Bauch rumort es. Das ist ja wohl die Höhe!
Mann im Ohr: „Eine offene Beziehung kann funktionieren. Vielleicht hätte Dir das schon früher gut getan.“ 
Ich: „Ich weiß ganz genau, wer Dir den Floh ins Ohr gesetzt hat!“
Fabian habe ich auch über Tinder ‘kennengelernt’. Das ist nicht der mit den Bildern, ein anderer. Er lebt in einer angeblich seit 13 Jahren funktionierenden offenen Beziehung. Und wollte mich als Zweitfrau. Oder Drittfrau. Seine Freundin wusste das. Sagte er.
In meinem Bauch passiert was. Ich glaube, der Mann dort dreht sich schnell und klopft. Ich muss nachsehen, was das heißt: A N T I P A T H I E.
Mann im Ohr: „Na gut, scheinbar bist Du noch nicht reif für ein solches Modell. Es erfordert schon eine gewisse Größe und viel Selbstvertrauen.“
Ich flipp aus. Was bildet der sich ein? Ich schaue auf die Liste. Da ist keine Beschreibung für Wut. Aber es fühlt sich an wie schnelles im Kreis rennen mit gelegentlichem Aufstampfen und mit den Armen wedeln.
Ich: „Er soll nicht nur nicht mit anderen schlafen! Er soll auch anderen keine komischen Bilder schicken und …“
Mann im Ohr: „Halt! Stop! Die Gedanken, die da grad an die Oberfläche wollen, sind für einen separaten Post.“
Davon weiß ich nichts.
Mann im Ohr: „Du wolltest was über die neue Art des Fremdgehens schreiben. Ego pimpen über Tinder-Matches bei gleichzeitiger ‘Monogamie’ und so.“
Ich: „Da weißt Du mehr als ich.“

Ich bilde mir ein, ein Murmeln zu hören. Es klingt wie ‘wäre ja nicht das erste Mal’.

Ich bin ein Drückeberger

Ich bin kaum zuhause, als sich eine Stimme meldet und mir sagt, dass wir aufräumen müssen.

Ich: „So schlimm sieht es gar nicht aus. Nur Wäsche bügeln wäre dringend angesagt. Hab gar keine bürotauglichen Sachen mehr.“ Mir entfährt ein Seufzer. Guiseppes Angebot war schon reizvoll.
Mann im Ohr: „In Deinem Kopf.“
Mir schwant Böses. Ob ignorieren hilft? Ich bin ganz gut darin, Dinge auszusitzen.
Mann im Ohr: „Du räumst immer alles auf. Deine Wohnung und Deinen Balkon, Dein Auto. Sogar Deinen Desktop.“
Ich: „Der Schreibtisch im Büro wäre mal wieder dran. 5S ist das nicht mehr. Aber das geht erst Montag wieder.“
Der kleine Mann lässt sich nicht beirren. „In Deinem Kopf herrscht Chaos. Hier stapeln sich Glaubenssätze und unausgegorene Gedanken. Wir müssen ordnen, aussortieren, vielleicht ein paar Neuanschaffungen machen. Je nachdem, was die Bestandsaufnahme ergibt.“ Bei dem Wort ‘Neuanschaffungen’ wird es warm in meinem Bauch.
Ich: „Ich verstehe das alles nicht. Dass ich nicht denken soll, macht es nicht grade leichter.“
Mann im Ohr: „Ich habe in den letzten Tagen eine Analyse durchgeführt.“
Ich: „Von was?
Mann im Ohr: „Umfassend. Alles hier oben. Wertvorstellungen, Fähigkeiten, geistige Leistungsfähigkeit, Verhalten.“
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ergebnis wissen will.
Mann im Ohr: „So schlimm ist es nicht! Du musst Dir gar keine Sorgen machen. Deine Wertvorstellungen passen prima zu dem Beziehungstyp, der gut für Dich ist und zu dem Mann, den Du Dir wünscht.“
Ich: „Dann ist doch alles gut?“ Mir behagt diese Operation nicht. Warum geht das nicht in Vollnarkose?
Mann im Ohr: „Die Wertvorstellungen bilden aber nur einen Teil der Basis. Zusammen mit Glaubenssätzen. Deine Fähigkeiten und Dein Verhalten fußen darauf. Die Glaubenssätze müssen wir aussortieren.“
Mir wird flau. „Ich verstehe das alles nicht.“ Ich bin völlig k.o. vom Nicht-Denken. Aber dann habe ich doch noch eine Frage. „Was für ein Beziehungstyp passt denn zu mir? Und was für einen Mann will ich?“
Der kleine Mann seufzt. „Wir müssen wirklich ganz von vorn anfangen.“ Ich gähne. In meinem Kopf bewegt sich etwas. Jemand räumt sein Bett zurecht. „In diesem Chaos findet man kaum einen Schlafplatz. Vielleicht vertagen wir das doch auf morgen. Wir haben ja keine Deadline.“ 

Ich bin ein Kopfmensch

Mein erster Tag mit ausgeschaltetem Verstand neigt sich dem Ende zu. Ich sitze auf dem Sofa und frage mich, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe. Ich habe organisiert und Routinearbeiten erledigt und versucht, nicht zu denken. Es fühlt sich an, als müsste ich den ganzen Tag meditieren. Dabei fällt mir das schon für 20 Minuten schwer. Und ich langweile mich. Mein Bauch sagt nichts.

Ich weiß auch gar nicht, wie ich mit ihm kommunizieren soll. So ein Gluckern ist ja nicht unbedingt selbstsprechend.

„Du verstehst den Mann in Deinem Bauch nicht?“ meldet es sich aus meiner linken Ohrmuschel.
Ich: „Den – was? Da wohnt wer?“ 
Mann im Ohr: „Natürlich. Wie sollte dein Bauch denn sonst mit Dir kommunizieren?“
Ich: „Er kann doch gar nicht atmen da drin.“
Mann im Ohr: „Du hast doch auch 9 Monate in einem Bauch gelebt und bist nicht erstickt.“ 
Ich: „Aber ich habe ihn noch nie sprechen hören.“
Mann im Ohr: „Er spricht nicht. Die Akustik da unten lässt das nicht zu.“
Ich: „Aber wie funktioniert das dann?“
Mann im Ohr: „Mir war nicht klar, dass Du seine Sprache nicht verstehst. Warte…“

Ich bekomme Angst. Was, wenn die Operation scheitert oder mir etwas passiert, weil ich ihn nicht verstehe? Warum konnte ich in der Schule zwischen Englisch, Latein und Französisch…noch bevor ich den Satz beendet habe, tönt es „Aufhören! Sofort! Entspann Dich einfach.“. Ich atme ein und aus und zähle mit, wie ich das beim Meditieren gelernt habe. Just one. Just two. Just three. Just …

Mann im Ohr: „Ich habe die Anleitung gefunden. Sie lag ganz weit unter den an der Wand verschraubten Glaubenssätzen. Eine Ecke klemmt immer noch unter ‘Ordnung ist das ganze Leben’. Ist abgerissen. Aber das Wichtigste steht hier:

  1. Wenn Du jemandem begegnest, den Du magst, macht der Mann einen kleinen Hüpfer auf der Stelle.
  2. Wenn Du jemanden nicht magst, dreht er sich sitzend auf der Stelle und klopft dabei mit Fäusten und Füßen auf den Boden. Je stärker das Klopfen, desto größer die Antipathie.
  3. Wenn Du Dich freust, dreht er sich schnell liegend auf der Stelle. Dabei kann ein Wärmegefühl im ganzen Bauchraum entstehen.
  4. Wenn Du Angst hast oder Gefahr witterst, steht er stocksteif in der Mitte und greift nach beiden Wänden, um sich festzuhalten. Dabei zieht sich der Bauch manchmal zusammen, weil die Arme des kleinen Mannes nicht lang genug sind.
  5. Wenn Dich jemand enttäuscht oder Du traurig bist, sitzt er still da und legt seinen Kopf in seine Arme. 
  6. Wenn Du nervös bist, läuft er ruhelos von einem Ende zum anderen. Je mehr sich das Gefühl legt, desto langsamer werden seine Schritte.
  7. Wenn Du ein schlechtes Gewissen hast, klopft der kleine Mann mit der flachen Hand an Deine Bauchwand. Wenn es sehr schlimm ist, nimmt er die Fäuste.
  8. Wenn Du Dich verliebst, tanzt er im Kreis. Das Gefühl nennen Menschen ‘Schmetterlinge im Bauch’.

Das ist totaler Blödsinn. Wie sollen Schmetterlinge in einem Bauch überleben? Geschweige denn fliegen. Da ist ja keine Luft. Meistens jedenfalls nicht.

Hilft Dir das? Du bist so still?“

Ich: „Was soll ich denn sagen ohne Gedanken?“

Ich bin froh, dass der kleine Mann – also der im Kopf – die Anleitung gefunden hat. Ich muss mir einen Spickzettel schreiben, damit ich im Notfall nachschauen kann, was der Bauch meint. „Ich glaube, ich gehe einfach schlafen. Dann mache ich wenigstens nichts falsch.“ Der kleine Mann nickt. „Wir machen dann morgen weiter.“ Ich bin sogar zu müde, um zu fragen, womit.

Ich schau zu Dir auf…

…und Du massierst mir dafür den Nacken. Ob irgendwer Lust auf so einen Deal hat?

Ich sitze mit Laptop im Bett und muss an meine Oma denken. Nicht an die. Die andere.

„Dein Laptop bewohnt quasi die andere Betthälfte. Das ist ungesund. Ich mache mir langsam Sorgen.“ Es fühlt sich an, als käme das direkt aus meinem Gehirn.
Ich: „Wegen der Strahlung? Ach was.“
Mann im Ohr: „Wegen…“
Ich kann mir denken, was er sagen will und das passt mir nicht. „Darf ich mal in Ruhe zu Ende denken? Ist schließlich mein letzter Tag mit Verstand.“ Mir wird ein bisschen flau bei dem Gedanken.

Meine Oma. Ich hatte zwei. Die eine war fast schon extremistisch religiös, verheiratet und verbittert, die andere moderat katholisch, verwitwet und fast immer gut drauf. Es sei angemerkt, dass weder die Verbitterung etwas mit meinem wirklich netten Opa zu tun hatte noch der Witwenstatus zur guten Laune beitrug.

Meine verwitwete Oma hat mir viel und gern von ihren Männern erzählt. Sie hat sich zwar für meinen Opa ‘aufgehoben’. Aber vor ihm hatte sie ‘Verehrer’. Viele. Einmal ist sie sogar heimlich ausgebüxt, um einen Offizier auf einer Nordseeinsel zu treffen. Sie sah aus wie ein Mannequin. Das hat sie jedenfalls immer behauptet. Sie hat nur ihren Namenstag gefeiert, damit niemand weiß, wie alt sie ist. Mein Opa war 6 Jahre jünger als sie. Sie waren sehr glücklich und hatten 3 Kinder, aber mein Opa ist schon im Alter von 35 Jahren verstorben. Sie war also die meiste Zeit ihres Lebens allein und hatte viel Zeit, über sich und die Welt nachzudenken. Ihre Weisheiten hat sie gern mit anderen Menschen geteilt. Hätte es sowas zu ihrer Zeit schon gegeben, sie hätte vermutlich gebloggt.

Mir hat sie zum Thema „den richtigen Mann finden und mit ihm glücklich sein“ genau einen Satz gesagt:

Du musst zu ihm aufschauen können. 

Natürlich hat sie das noch präzisiert: In jeder Hinsicht. Ein Mann sollte größer sein als ich, intelligenter, und einen besseren Charakter haben.

Die einfachsten Rezepte sind oft die besten. Ich lasse meine festen Beziehungen Revue passieren und gleiche sie mit ihrer Theorie ab: Alle Männer waren größer als ich. In 3 meiner 4 Beziehungen gab es tatsächlich irgendwann den Punkt, wo mir das mit dem Aufschauen schwerfiel. Und das war immer auch der Punkt der Trennung.
Das waren die 3 kürzeren Beziehungen. Exemplarisch sei hier Ethan genannt. Er hat mir viel und gern die Welt erklärt. Dabei hat er mir unter anderem erzählt, die Europäische Union sei ein föderaler Staat. Deutschland hingegen könne gar nicht föderal sein, dazu sei es viel zu klein.

Ich überlege, welche Dates so richtig schlimm waren. Da fällt mir zum Beispiel eins mit einem Chefarzt für Kardiologie ein. Er konnte unglaublich charmant sein. Zu mir. Die Bedienung hat er behandelt wie den letzten Dreck. Er hat sie nicht mal angesehen, wenn er mit ihr geredet hat. Hatte den arrogantesten Tonfall, den ich je gehört habe und war Sekunden später wieder zuckersüß. Grrr.

Mann im Ohr: „Weitere Analysen kannst Du Dir sparen. Es war immer dasselbe Thema. Deine Oma lag damit nicht so falsch.“
Ich: „Hm. Also größer als ich ist Gott sei Dank kein Problem.“
Mann im Ohr: „Besserer Charakter ist seit Du tinderst auch nicht schwierig.“ 
Ich schweige. Und frage mich, was mir Tinder gebracht hat außer keinen Sex.
Mann im Ohr: „Du hast über den Tellerrand geschaut. Sonst hast Du ja nur mit Leuten zu tun, die ähnlich sind wie Du. Gleiche Ausbildung oder gleiche Schule oder zumindest sehr ähnlicher Hintergrund. Du hast Deinen Horizont erweitert.“
Ich: „Viel Input war´s. Dafür, dass ich nur 7 Männer getroffen habe.“
Mann im Ohr: „Wir waren noch nicht fertig. Die Intelligenz fehlt.“

Mein Handy leuchtet. Guiseppe. 4 Nachrichten, endlos lang. Im Überfliegen lese ich

„habe ein Helfer Syndrom. Deswegen ziehe ich förmliche solche wie du auch an.“
„Du warst die Langweiligste von allen.“
“ Ich glaube Du würdest beim Sex einschlafen, weil Dein allzu wichtiger Job,Vorrang hat“
„Als Du im Restaurant auf Toilette warst, wollte  ich Dich beim Essen sitzen lassen,
„Da draussen will Dich keiner“

Puh. Wo waren wir stehengeblieben?

Mann im Ohr: „Die Intelligenz fehlt.“

Meine Gedanken wandern wieder zu der Nachricht. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie sexy ich Intelligenz finde. Ich mag tiefgründigen, intelligenten Humor. Ich mag Männer, die Jan Böhmermann schon kannten, bevor es den Skandal gab. Ich mag es, wenn ein Mann mir die Welt erklärt. Aber ich muss davon überzeugt sein, dass er sie versteht. Dann schaue ich gern zu ihm auf, bis mir der Nacken schmerzt. Irgendwas ist da noch in meinem Hinterkopf, aber ich komm nicht drauf.

„Humor. Humor sollte Dein Mann unbedingt haben. Und Deinen verstehen.“

 

Ich liebe Zahlen

Man kann so herrlich damit spielen. Man kann zum Beispiel ausrechnen, ob sich Online-Dating lohnt.

Ich hatte über Tinder 108 Matches und habe davon 7 Männer getroffen. Einen davon, Noah, kannte ich bereits aus dem wahren Leben, ich zähle ihn hier trotzdem mal mit.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt ein Date war.“ murmelt es leise.
Ich: „Da hast Du Recht, vielleicht waren es nur anlassbezogene Treffen, keine Dates. Aber die Tatsache, dass er gezahlt hat, spricht für ein Date.“

Ich zähle ihn also als Tinder-Date. Mit einem Mann kam es zu einem Kuss, zu Geschlechtsverkehr oder irgendetwas dem auch nur annähernd verwandten kam es mit niemandem.

Wenn man nun außer Acht lässt, dass hier lediglich eine Tinder-Userin betrachtet wird, dass deren Dating-Verhalten das Ergebnis beeinflusst hat und eine statistische Signifikanz hier deshalb wohl nicht gegeben ist, ergibt sich folgendes Bild:

Immerhin 6,48% aller Tinder-Matches führen zu einem Date.

Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Tinder-Match ein Kuss resultiert, liegt bei mickrigen 0,92%.

Das bedeutet, man braucht 108,7 Matches, um einmal geküsst zu werden. Und das ist dann noch kein Prinz.

Zu sexuellen Annäherungen kommt es sowohl bei 0% der Matches als auch bei 0% der geliketen Personen.  

Betrachten wir nun mein Dating-Verhalten über die gesamte Lebensdauer.

Es gilt anzumerken, dass ich Beziehungen hatte, die ohne vorherige Dates zustande kamen. Früher gab es das. Da kannte man sich aus der Schule oder über Freunde und plötzlich war man zusammen. 2 meiner Beziehungen ergaben sich so.

Nehmen wir also hier nur die Dates. Bedauerlicherweise habe ich mir nicht alle gemerkt. Ich war nicht darauf eingestellt, mal eine statistische Erhebung daraus zu machen. Es waren allerdings nicht viele und ich erinnere mich immerhin an alle Dates, die je zu Küssen geführt haben. Nehmen wir also alle Kuss-Dates.
Es waren, Tinder-Dates eingerechnet, 5 Dates, bei denen es zu einem oder mehreren Küssen kam. Von den Dates kamen 4 im weitesten Sinne online zustande, eins ergab sich nach einer Begegnung über eine Freundin. Aus den 5 Kuss-Dates wurden in 2 Fällen feste, längere Beziehungen, in einem Fall blieb es bei einem Kuss und in 2 Fällen ergab sich daraus eine mehr oder weniger komplizierte Geschichte, aber keine Beziehung. Von den komplizierten Geschichten kam es in einem Fall zu Geschlechtsverkehr, in einem Fall nicht.

Das bedeutet:

40% aller Dates, die zu einem Kuss führen, führen zu einer festen Beziehung.

Ebenfalls 40% dieser Dates führen zu „etwas Kompliziertem“.

60% der Küsse führen zu Geschlechtsverkehr.

Aus 20% der Kuss-Dates wird nichts.

Betrachten wir nun ausschließlich meine Nicht-Online-Dates:

100% der Nicht-Online-Dates führten zu Geschlechtsverkehr und gleichzeitig in eine feste Beziehung.

Zum Vergleich:

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-Online-Date zu einem Kuss führt ist 109 mal so hoch wie die von einem Tinder-Date.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tinder-Date mit Kuss zu einer Beziehung führt, ist 40 Prozentpunkte geringer als die der Gesamt-Dates mit Kuss.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tinder-Date zu einer Beziehung führt, liegt 100 Prozentpunkte unter der eines Nicht-Online-Dates.

Ebenso verhält es sich mit der Wahrscheinlichkeit für Geschlechtsverkehr. 

Der Mann in meinem Kopf läuft nervös vor meinem Trommelfell auf und ab. „Mir gefällt das nicht.“
Ich: „Ich weiß jetzt, dass Online-Dating nicht das richtige für mich ist. Mein Bauch hat das schon immer gesagt, aber jetzt habe ich Zahlen, Daten und Fakten dazu.“
Jemand klatscht begeistert in die Hände: „Siehst Du, dann musst Du Dir keine Sorgen machen. Dein Bauch lenkt Dich schon ganz richtig.“ 
Ich habe tatsächlich ein bisschen weniger Angst vor dem geplanten Eingriff.
Mann im Ohr: „Aber das meinte ich nicht.“

Ich: „Was gefällt Dir nicht?“
Mann im Ohr: „Was, wenn da ein Rechenfehler drin ist? Oder ein Denkfehler? Das kann doch die ganze Welt lesen. Dann halten Dich alle für dumm.“
Ich: „Das wäre ganz wunderbar.“ Ich drehe meinen Kopf ein bisschen, damit der kleine Mann den Artikel im Stern lesen kann.

Zu nett ist auch nichts

Ich sitze mit meinem Café Latte am Tisch und habe meine Stirn in Falten gelegt. Wäre Ben jetzt hier, würde er was sagen. Er hat mir schon vor acht Jahren verboten, meine Nase zu kräuseln. Weil das keine Anti-Falten-Creme je wieder wett machen könnte. Einmal hat er gefragt, ob ich eigentlich diese Anti-Cellulite-Creme noch benutze. Auf meine Verneinung kam ein „Sieht man.“. Ich hätte ihn umbringen können. Habe mich auf ihn gestürzt und ihm gesagt, was für ein unverschämter Arsch er ist. Aber noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, haben wir Dinge getan, bei denen wir sowohl den Streit als auch die Cellulite ganz schnell vergessen haben.

Wie kam ich da jetzt drauf? „Du brauchst einen Mann, an dem Du Dich reiben kannst. Der Dich herausfordert. Der Dich trotz Deiner Macken liebt. Deshalb kamst Du drauf. Aber eigentlich wolltest Du über Guiseppe schreiben.“ Ach ja. Guiseppe.

Er war einer der ersten, der mich über Tinder angeschrieben hat. Als ich endlich Zeit hatte, mich zu treffen, war meine Tinder-Zeit eigentlich schon vorbei. Trotzdem kann man sich den ja mal anschauen, dachte ich. Das habe ich getan, zwei mal schon, tagsüber.

Guiseppe ist nett. „Kommt irgendein Wort häufiger vor in diesem Blog?“ Der kleine Mann beginnt, zu zählen. Damit wird er eine Weile beschäftigt sein.

Jedenfalls halte ich Guiseppe, soweit ich das beurteilen kann, für einen anständigen, ehrlichen Kerl. Er kocht hervorragend, sieht ganz gut aus, ohne ein Schönling zu sein, ist groß und immer gut angezogen. Er ist ein Familienmensch. Seine Familie kommt aus Sizilien und zum Teil aus Frankreich. Er ist braungebrannt. Zur Zeit ist er freigestellt, bekommt von seiner Firma eine vermutlich großzügige Abfindung und orientiert sich gerade beruflich neu. Dafür nimmt er sich Zeit, das sollte man ja auch bei wichtigen Entscheidungen.

Wir sitzen beim Portugiesen. Es ist Freitagabend, ich habe gearbeitet und Erledigungen gemacht und trage immer noch meine Business-Hose. Ich bin völlig platt und sterbe vor Hunger. Er sieht mich an und erzählt von seinem Tag am See. Und wie sehr er den Sommer genießt. Als ich von meinem Tag erzähle kommt er auf meinen Blog-Eintrag zum Thema „auf der Arbeit privat schreiben“ zu sprechen. Er findet, ein zuverlässiger Mensch ist für seine Freunde und Familie immer erreichbar. Dann sprechen wir über das Arbeiten an sich. Bei mir ist es im Moment gar nicht so viel, trotzdem bleibt vergleichsweise wenig Freizeit. Und ich nehme die Arbeit manchmal gedanklich mit nach Hause. Allerdings liebe ich meinen Job. Das Projekt macht Spaß, wir ziehen alle an einem Strang. Ich merke, dass sich was bewegt hat in den letzten Wochen. Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche, wenn ich kurz vor´m Einschlafen bin oder im Auto. Wenn ich sie nicht gleich aufschreibe, sind sie weg. Deswegen kommt es auch in meiner Freizeit schon mal vor, dass ich etwas notiere. Außerdem lese ich gern Fachartikel am Wochenende. Dazu komme ich im Büro nicht.
Ihm gefällt das nicht. Er kennt das. Hat er früher auch, er hat immer 150% gegeben, aber das sei doch kein Leben. Außerdem sind Großkonzerne für ihn das personifizierte Böse. Ich arbeite in einem. Gerne. Guiseppe versteht das nicht. Er findet, ich arbeite zu viel und fragt, wie meine Abende aussehen.
Unspektakulär. Essen, Yoga, lesen, Nachrichten schauen, Wäsche machen, so was eben.
Er spricht davon, dass er dringend wieder zur Maniküre müsste. Noch ein Punkt, den ich selbst und nach Feierabend erledige. Er gibt mir das Gefühl, mein Leben sei schrecklich. Als wäre ich völlig unentspannt und müsste dringend etwas ändern.

Wenn ich mich mit Männern treffe, die einen ähnlichen Tag hatten wie ich, bin ich deutlich entspannter. Ich mag es, wenn ich sehe, wie sich beim ersten Wein die Anspannung langsam löst. Ich finde es völlig okay, wenn sich die ersten Sätze noch um die Arbeit drehen. Ich kenne das nicht anders. Ich habe einen Vater und hatte immer Männer, die ihren Beruf geliebt und auch zu Hause thematisiert haben. Ich mag es, wenn ein Mann mich um Rat fragt in beruflichen Dingen. Damit zeigt er mir, dass er mich ernst nimmt und für halbwegs intelligent hält. Und ich mag diesen Moment, wenn ich merke, jetzt ist er im Kopf nicht mehr im Büro, sondern bei mir.

Guiseppe war schon den ganzen Tag gedanklich bei mir. Und die Tage davor. Er hat sich sogar gefragt, wie er mich unterstützen kann und bietet an, meine Wäsche zu bügeln oder irgendetwas anderes zu tun, um mich zu entlasten.

„Der hat nicht alle Latten am Zaun.“ Der kleine Mann ist fertig mit zählen.
Ich: „Das ist doch nett. Er macht sich Gedanken.“
Mann im Ohr: „Ihr seid kein Paar. Es ist nicht mal irgendwas zwischen Euch gelaufen. Ihr habt Euch nicht mal geküsst! Was meinst Du, was er als Gegenleistung will?“
Ich: „Ich habe sein Angebot ja auch abgelehnt.“ Wenn es mal ganz schlimm ist, unterstützt mich meine Mutter. Und da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht funktioniert das mit der Reziprozität bei mir doch.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist er gar nicht nett und will nur an Deinen Wohnungsschlüssel kommen. Oder an Deine Adresse. Damit er Dich stalken kann.“ Der Gedanke war mir auch gekommen. Ich halte das für unwahrscheinlich, trotzdem bin ich zu vorsichtig für sowas.

Am Ende des Abends streite ich mit ihm. Er hatte mir gesagt, er wolle in die Schwanenhöfe. Da war ich noch nie. Ich hatte extra gefragt, was denn da sei und die Antwort lautete „Da kann man ganz gechillt ein Bier trinken. Vorher noch was essen?“
Das klang okay in meinen Ohren. Nach dem Essen laufen wir rüber. Ich finde mich mitten auf einer House-Party wieder. Ich mag kein House, sofern es sich um Musik handelt. House alias Hugh Laurie liebe ich. Ich mag seinen Sex-Appeal und seinen Sarkasmus.
Guiseppe sagt, dass man hier ja einige Leute kennt. Ich kenne niemanden. Sein erstes Bier hat er ziemlich schnell geleert. Er will Nachschub holen. Ich stehe allein unter hunderten von Menschen und nippe an meinem „Krefelder“. Ich sehe mich um. Der Hinterhof ist hübsch. Ich höre durch das Gewummer ein „Nächste Woche soll wieder geil werden.“. Ob das Wetter gemeint ist? Es vergehen zehn Minuten. Mein Bauch meldet, dass er sich unwohl fühlt. Er sendet die Nachricht an mein Gehirn. Das analysiert ungefähr weitere zehn Minuten die Lage. Es ist mir zu laut. Ich bin müde. Mein Outfit passt nicht hierher. Ich mag die Musik nicht. Die Leute um mich herum sehen aus, als wären sie wahlweise angetrunken oder unter Drogen oder beides. Mein Auto steht 2 Gehminuten entfernt. Ich kann und darf noch fahren. Guiseppe ist immer noch nicht wieder da und ich kann ihn nirgendwo entdecken.
Weder meine Erziehung noch sonst irgendwas funkt dazwischen. Ich gehe in Richtung Auto. Und tippe dabei eine Nachricht. Dass es mir leid tut, ich müde bin und nach Hause fahre.

Mann im Ohr: „Das ist untypisch für Dich. Es hat alles zusammengepasst. Bauch – Analyse – daraus resultierende Handlung.“ 
Ich „Es hat sich gut angefühlt.“ 
Mann im Ohr: „Vielleicht ist der Defekt doch nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

Guiseppe ruft mich noch an an dem Abend. Er ist sauer und sagt mir „So etwas macht man nicht.“ Und fügt hinzu „Mach das nie wieder mit mir, Lenya. Versprich mir das.“

In meinem Kopf schnaubt es erbost „Der spinnt doch! Ansprüche zu stellen an Dich.“.
Er findet mein Verhalten eben nicht nett und legt – wie ich – viel Wert darauf.
Ich: „Weißt Du, ich hätte ihn nicht ohne Nachricht da stehen lassen. Aber das ist dann auch genug der Nettigkeiten. Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“ 

Ich. bin. keine. süße. Maus!

Und. auch. nicht. devot!

Ich weiß nicht, was der liebe Gott sich gedacht hat, als er mich kreiert hat. Vielleicht war er abgelenkt. Oder hat Teile verwechselt. Mein Erscheinungsbild und mein Charakter passen nicht zusammen. Engelsgleiche Erscheinung und sehr eigenwilliger Kopf ist die Kurzform.

Nicht mal mein Charakter in sich ist stimmig. Ich bin ziemlich direkt, schlagfertig und manchmal sarkastisch. Weder Emanze noch Karrierefrau, aber auch kein Heimchen. Obwohl ich gern koche und backe, kinderlieb bin und einen grünen Daumen habe. Ich putze gern. Am liebsten Fenster. Dabei höre ich Musik und vergesse die Zeit. Hinterher freu ich mich wie Bolle, wenn jemand mir sagt, dass meine Scheiben aussehen, als wären gar keine drin.
Trotzdem bekomme ich Pickel, wenn ein Mann mich toll findet, weil ich gern koche und putze. Geliebt werden und für ihn kochen und putzen ist gut. Geliebt werden, weil ich gern koche und putze ist scheiße. Der Unterschied ist für viele nicht nachvollziehbar, aber für mich ist er essentiell. Neben dem Kochen und Putzen möchte ich ernstgenommen werden. Menschen, die mich gut kennen, tun das. Und die mich sehr gut kennen, wissen genau, wann ich ernst zu nehmen bin und wann besser nicht. Mein Gehirn setzt regelmäßig einige Tage aus. Dann ignoriert man am besten einfach alles, was ich sage oder schreibe. Ich habe in dem Zustand schon mal ‘aus Versehen’ mit jemandem Schluss gemacht.

Bjarne hat mich angeschrieben mit „Gute Nacht, süße Maus.“. Ich bekomme fast einen Herzinfarkt. Der kleine Mann leidet unter Übelkeit. Wenn er sich übergeben muss, habe ich hinterher so komisches gelbes Zeug im Ohr. Das mag ich gar nicht.
Erstens schätzen wir solche Sätze vor einem ersten Date ungefähr so sehr wie Penisfotos.
Und zweitens bin. ich. keine. süße. Maus!
Ich schreibe ihm, dass er bei mir an der falschen Adresse ist, wenn er so was sucht.

Jemand weiß auch, warum. „Da wolltest Du nicht mehr gefallen. Du hast genau geschrieben, was in Deinem Kopf vorging.“
Ich: „Ich wusste spätestens da, dass wir nicht zusammen passen. Nicht mal für einen Abend.“
Erstaunlicherweise gefällt ihm meine direkte, ziemlich zickige Antwort. Er schreibt: „Ich steh auf intelligente Frauen, die wissen, was sie wollen!“ und einige andere Sachen.
Mann im 
Ohr: „Pah, er liked Dich als „süße Maus“ und jetzt steht er auf intelligent und selbstbewusst?! So ein Bullshit.“
Ich sehe das genauso. „Den treffen wir nicht. Aber fluchen musst Du deshalb noch lange nicht!“ 

Ich bekomme ein schlechtes Gewissen nach dem Rüffel. Ich bin in letzter Zeit ja nicht grade das beste Vorbild. Wir sitzen ein Weilchen lesend auf dem Sofa und schweigen.

Dann höre ich ein besorgtes „Und Felix? Treffen wir den?“.
„Sicher nicht!“ 
Dabei haben wir uns schon fest verabredet. Danach hat er mir ein Foto geschickt. Nicht, was ihr jetzt denkt.
Es zeigt eine Frau in einem sehr kurzen Kleid, die sich bäuchlings und mit Lack-High-Heels auf einem Bett räkelt.
Ich frage, ob das seine Ex ist. Von der hat er netterweise schon einige Male geschrieben. Angeblich nicht. Es ist von Instagram. Ich prüfe das nach, man weiß ja nie. Er hat recht. Was das wohl soll? Sie ist sehr heiß und sicher mit Photoshop aufgehübscht. Ich schreibe „Wenn das Dein Maßstab ist, erfülle ich ihn nicht.“ und bekomme ein „Jede Frau kann so aussehen, wenn sie will.“ zurück. Ich schnappe nach Luft.
Darauf folgt ein Link mit dem Text „So musst Du leben.“Diät-Tipps. WHAT?
Es kommt noch besser: „Du bist bestimmt auch so eine, die total in Pasta verliebt ist und gern mal einen Teller zu viel isst.“
Ich bekomme einen gepflegten Ausraster. Ich finde ihn unverschämt und teile ihm mit, dass ich mir von niemandem sagen lasse, was und wie viel ich zu essen habe und schon gar nicht von irgendeinem dahergelaufenen Typen, den ich noch nie gesehen habe. Er findet das unpassend. Er mag devote Frauen. Der Kontext ist so, dass damit eindeutig keine sexuelle Geschichte gemeint ist. Er will einfach nur, dass ich tue, was er sagt.

Früher war so jemanden ein Macho-Arsch. Aber ‘devot’ klingt verrucht und erinnert an „Fifty Shades of Grey“. Glaubt Felix, dass ich lieber nach seiner Pfeife tanze, wenn er das Vokabular ändert?
„Besonders mag ich, wenn ein Mann so was sagt, dessen einzig im Wortschatz verfügbares Fremdwort ‘devot’ ist.“ In meinem Ohr kichert es.
Ich muss lachen. Er hat recht. Wer eine Ana Steel will, sollte zumindest annähernd das Niveau eines Christian Grey haben. Ich schreibe nichts mehr. Er würde das ohnehin nicht verstehen.

„Du würdest Christian Grey seine Toys in den Allerwertesten…“ meldet sich jemand, der das beurteilen kann. Ich würde auch keinen Vertrag unterschreiben, ohne ihn zu lesen. Ich muss schlucken. „Nicht mal die aktuellen Sex-Trends mache ich mit.“
Der kleine Mann versucht, mich aufzumuntern. „Deine Zielgruppe bekommt grad die ersten Potenzprobleme. Die sind doch froh, wenn eine Frau sie nicht überfordert.“

Ich will gefallen

Manchmal jedenfalls.

Inzwischen glaube ich zu verstehen, warum ich verheiratete Männer so anziehe. Ich versuche nicht, ihnen zu gefallen. Ich rede offener mit ihnen. Sie sind für mich völlig out of scope.
Bis vor kurzem hatte ich geglaubt, dass ich überhaupt nie versuche, zu gefallen. Ich sage gradeaus, was ich denke. Ist mir doch egal, wie andere das finden. So bin ich beruflich wie privat. Das habe ich schwarz auf weiß.

Ich habe neulich in einer Schulung einen so genannten Antreiber-Test gemacht. Danach gibt es 5 Dinge, die uns antreiben. Mein Ergebnis sah so aus:

Sei perfekt. Extrem ausgeprägt.
Sei stark. Unterdurchschnittlich.
Sei gefällig. Unterirdisch.
Streng Dich an. Sehr gering ausgeprägt.
Sei schnell. Ach was.

Stark sein muss ich nicht, ich bin ein Mädchen.

Gefällig? Wieso? Mich mögen doch eh alle.

Anstrengen? Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es springen muss.

Schnell? Setz mir ne Deadline und ich halte sie (ich bin perfekt). Je knapper die Deadline, desto besser das Ergebnis. Setzt Du mir keine, kannst Du warten. Und warten. Und warten. Mein letzter Projektleiter hat das zu spät gemerkt. Meinem jetzigen hat er einen Tipp gegeben: „Sie funktioniert besser unter Druck.“

Neulich habe ich bemerkt, dass das Ergebnis doch nicht immer stimmt. Wenn mir jemand gefällt, will ich meine Schokoladenseite zeigen. Und das geht wirklich immer in die Hose. Vielleicht, weil ich das nie geübt habe?

Jemand weiß schon ganz genau, worum es geht. „Nach dieser Blaubeer-Nummer hätte ich mich beinah übergeben.“
Ich: „So schlimm war das jetzt auch wieder nicht.“ 
Der kleine Mann versteckt verschämt sein Gesicht hinter den kleinen Händen.
Ich hatte Blaubeeren gepflückt. Eigene. Von meinem Balkon. Ich war stolz und habe ein Foto verschickt. An Noah. Er hat was schwedisches und ich mag ihn.
Mann im Ohr: „Du magst ihn? Du findest ihn heiß!“
Ich: „Ich mag ihn. Also…beides. Ich finde ihn klug. Er ist tiefgründiger, als ich erwartet hatte.“ Ich ertappe mich gerade selbst. So viel Tiefgang hatte ich nicht erwartet, weil er so gut aussieht. „Er sagt manchmal Dinge, die mir nicht gefallen. Er bringt mich zum nachdenken. Er ist keiner, der mir den ganzen Abend erzählt, wie schön oder sexy ich bin.“
Mann im Ohr: „Weil er Dich nicht schön oder sexy findet?“

Das ist gemein. Aber es kommt noch schlimmer. „Oder er ist so ein Pick-Up-Artist und sein gespieltes Desinteresse ist eiskalte Strategie.“
Nie.im.Leben. In meinem Bauch rumort es. Er weiß jedenfalls nicht, dass ich ihn toll finde oder er findet mich nicht gut oder was auch immer. Es kam nie zu mehr als einer Begrüßungsumarmung.
Mann im Ohr: „Eure Ohren waren so nah aneinander, dass ich zu der Frau in seinem Kopf rüberhuschen konnte. Sie ist viel heißer als er.“ Das kann ich mir nicht vorstellen. „Sie ist wunderschön. Sie hat so sinnliche…“

Na ja, Noah antwortete auf das Blaubeer-Bild: „Das reicht aber wirklich nur für eine Person.“ Ich erwiderte wahrheitsgemäß: „Weil ich zu faul war, den Rest zu pflücken.“ Darauf kam „Das hört kein Mann gerne. Dass Du nur für Dich Essen zubereitest.“

Mann im Ohr: „Und dann hast Du kurz die Luft angehalten und ganz langsam wieder ausgeatmet. Und nach Luft geschnappt. Und währenddessen sind die Gedanken durch Deinen Kopf gewirbelt. Ich konnte
‘Was bildest Du Dir eigentlich ein?’
‘Ich bin nicht auf der Welt, um einem Mann zu gefallen.’
‘Was willst Du eigentlich? Mich nicht mal nach nem Date fragen, aber Ansprüche stellen?!’
und einiges mehr sehen.“
Ich kann ihm nicht widersprechen.
Mann im Ohr: „Und was hast Du stattdessen geantwortet?“
Ich muss nachsehen, aber ich weiß noch, dass es nicht im Entferntesten mit meinen impulsiven Gedanken zu tun hatte. „Ich hätte mehr gepflückt, wärst Du hier.“
Mann im Ohr: „Der Nachsatz war noch schlimmer.“
Ich: „Hör auf. Ich will nicht daran denken.“
Es hatte was mit Pfannkuchen zum Frühstück zu tun.