Ich bin nicht up to date

Da hört man ein paar Monate auf zu daten und schon hat man Trends verpasst.

Gestern habe ich über Cushioning und Submarining gelesen. Das sind im Dating verbreitete Phänomene, die ähnlich nett wie Benching und Ghosting daherkommen. Der Artikel ist schon über ein halbes Jahr alt und ich kannte nicht mal die Begriffe.

Jemand wacht auf, obwohl er schon um acht ins Bett ist:
„Die sind nicht neu. Es ist nur neu, dass es Wörter dafür gibt.“
Ich: „Ich kannte das nicht.“
Mann im Ohr: „Cushioning betreibst du schon länger. Das Wort kanntest du nicht, aber umgesetzt hast du es in Perfektion.“

Und das bei meiner Umsetzungsschwäche.

Ich bin seit einer gefühlten Ewigkeit auf keiner Dating-Plattform mehr vertreten. Ich wische nicht mehr von links nach rechts, lese keine Profile mehr und denke nicht mehr darüber nach, welches Foto einen potentiellen Traummann wohl am ehesten ansprechen könnte. Das erspart nicht nur viel Zeit, sondern auch Kopfzerbrechen. Die Meinungen, gerade was Fotos und Botschaften in Profilen angeht, gehen doch ziemlich auseinander und wie bitte soll man es einem Mann Recht machen, den man noch nicht mal kennt? Der eine findet das Foto ‘süß’, der nächste ‘aufreizend’, wieder einer ‘langweilig’. Einen Spruch unter dem Bild findet dieser ‘witzig’ und jener ‘zu forsch’. 

Zur Zeit mache ich nichts und damit jedenfalls auch nicht falsch.  

Mann im Ohr: „Du warst ja auch so recht erfolgreich. Haus verlassen und lächeln funktioniert doch.“ Es folgen sehr leise Zahlen und Namen.
Ich: „Na ja, erfolgreich klingt ja irgendwie, als wär was draus geworden.“

Eine Freundschaft ist draus geworden, zwei Beziehungen hätten es vermutlich werden können, da haben dir die Männer aber nicht gefallen und bei zweien weiß man es nicht so recht. Ob der kleine Mann aus Taktgefühl den einen nicht nennt, mit dem es eine Affäre geworden ist? Der mein Herz erobert hat?

Ich: „Glaubst du, es war ein Fehler?“

Unsere Affäre ging ungefähr ein halbes Jahr. Er hat sie Beziehung genannt. Außereheliche Beziehung. Ich habe nicht über ihn geschrieben und das werde ich auch jetzt nicht. Er hat mir jeden Morgen nach dem Aufwachen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, ich war entspannt und glücklich wie lange nicht. Und das, obwohl er nicht im eigentlichen Sinne perfekt war. Er hatte Hobbies, die ich nicht mochte und hat Meinungen vertreten, die ich nicht teile. Aber er hat mich herausgefordert und glücklich gemacht. Er war der ‘Gegner’ den ich brauche im Gespräch und der ideale Partner im Bett. 

Ich höre ein Räuspern. Darauf folgt: „Da ist ein Fehler im Text.“
„Wo?“ Ich frage mich, ob er zu viel Kontakt zu meiner Schwester hat, die Lektorin ist.
Mann im Ohr: „Da oben, wo steht, dass du nicht über ihn schreibst.“ 

Ich mag es nicht, wenn Männer mich kritisieren und recht haben damit. So war Jasper auch. Ich muss darüber nachdenken. Ich wollte Männer, die mir etwas bedeuten, nicht thematisieren. Es war ein Experiment und die Männer quasi meine Versuchskaninchen und welcher Mann möchte das schon sein für eine Frau? 

Mann im Ohr: „Du hast über Ben geschrieben und Ben…“
Ich: „Hat hier nichts mehr verloren.“
Mann im Ohr: „Ich mein ja nur. Da hast du den Grundsatz schon gebrochen, da kommt’s jetzt auch nicht mehr drauf an.“ 

Der kleine Mann hat mich neulich gefragt, was Liebe ist. Ich hatte angefangen, darüber zu schreiben und dann kam etwas dazwischen. Liebe.

Mann im Ohr: „Es war kein Fehler. Du hast ihn angesehen und dein Herz ist aufgegangen. Hier oben war alles rosa und wolkig und schön.“ 

Aber bei seiner Frau ist wahrscheinlich alles grau und trüb gewesen im Kopf. Nachdem sie von uns wusste.

Mann im Ohr: „Du kannst nicht die Welt retten. Du kannst nicht die Verantwortung für die Untreue anderer übernehmen. Und du kannst nicht erwarten, in deinem Alter noch jemanden kennenzulernen ohne Altlasten. Er ist unglücklich verheiratet, so what?“

Ich mag dieses Deutsch-Englisch-Mischmasch nicht. Aber Männern etwas abgewöhnen sollte man gar nicht versuchen. Erst recht nicht, wenn sie bei einem wohnen und eine Trennung keine Option ist.

Ich: „Ich kaufe keine Wegwerf-To-Go-Becher, weil ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten will. Ich kaufe Bio-Heu-Milch von Almkühen für den dreifachen Preis, damit ich die Guten unterstütze; die, die Vorbilder sind und nicht achtlos mit anderen umgehen. Ich habe eine Katze mit der Flasche großgezogen, obwohl sie ein kleines Miststück war und ich heute noch ein Stück ihrer Kralle in meinem linken Oberschenkel habe.“
Mann im Ohr: „Eben.“
Ich: „Was ist denn das für eine Argumentation. So wenig stringent bist du doch nicht.“
Mann im Ohr: „Du hast schon so viel Gutes getan, da hast du quasi was gut.“

Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet. Hätte ich das nicht, wäre nie etwas aus uns geworden. Darf man das? Die Verantwortung so auf den anderen abwälzen? Ach was, ein schlechtes Gewissen hilft jetzt auch nichts und eigentlich gefällt mir die Argumentation. Ich werde noch viel mehr darauf achten, keine Wegwerfbecher zu benutzen und weiter meine kleine, nachhaltige Möhre fahren.

Ich: „Dein Wort in Gottes Ohr.“
Mann im Ohr: „Jetzt nimmst du dich ein kleines bisschen zu wichtig.“

Gott und die Welt

Wenn ich gefragt werde, worüber ich blogge, sage ich meist irgendetwas, das ‘Gott und die Welt’ enthält. Diese Woche ist mir klargeworden, dass das nicht stimmt. Und dass kein Zeitpunkt so gut passt, Gott hier zu thematisieren, wie diese Woche.

Ich höre ein empörtes „Über Politik willst Du nicht schreiben, damit Dir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Meinst Du nicht, Religion ist da bei weitem gefährlicher?“.

Ist mir egal. Ich hatte diese Woche gleich zwei Streitgespräche zum Thema Religion. Beide mit relativ viel älteren, männlichen Atheisten. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Alter und dem Geschlecht eine Rolle spielt.

„Klar tut es das. Du ziehst in letzter Zeit diesen Typ Mann magisch an. Männlich, alt, erfolgreich, besserwisserisch. Die fahren total ab auf so ein Mäuschen, dem sie die Welt erklären können.“ höre ich zwischen meinen Ohren.

Das eine war kein richtiger Streit. Ich habe zu Paul, dem Pessimisten, gesagt, er solle doch mal ein bisschen Gottvertrauen haben. Und dann hat er mir erklärt, das sei ein ganz schlechtes Thema, er sei ungläubig und wenn das bei mir anders sei, sollten wir lieber über andere Dinge sprechen. Ich habe dann noch ein paar Fragen gestellt, kritische Antworten erhalten und das Gespräch verlief schließlich ganz entspannt weiter.

Mit Johann sah das schon anders aus. Er hat mich in ziemlich aggressivem Ton gefragt, wie mein erstes Gebot laute.

„Du solltest Deinen Lesern vielleicht noch mitteilen, dass Du Katholikin bist. Keine gute, denn Du gehst viel zu selten in die Messe und warst skandalös lange nicht bei der Beichte, obwohl mir da so einiges einfallen würde…“ brummt es.

Jedenfalls wusste ich aus Johanns Vorrede schon, worauf er hinauswollte und habe mich gefragt, ob das sein Ernst ist, dass er jetzt schullehrerhaft die zehn Gebote abfragt. Er hat sich seine Frage zum Glück selbst beantwortet: ‘Du sollst keine anderen Götter haben neben mir’. Dieser Satz ist in seinen Augen verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Er hat mir erklärt, dass alle, die Juden, Muslime und die Christen wegen dieses Gebots für das Schlechte in der Welt verantwortlich seinen. Weil wir ständig missionieren wollten. Der ganze Terror käme nur daher.
Johann behauptet von sich selbst, wenig emphatisch zu sein.

Mann im Ohr: „Er ist nicht nur wenig emphatisch, ich finde ihn auch dumm.“
Ich: „Wieso dumm? Dann wäre er nicht so erfolgreich.“
Mann im Ohr: „Dummheit und monetärer Erfolg schließen sich nicht aus. Man sagt doch, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben?“
Ich: „So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber sonderlich argumentationsstark ist er nicht. Er ist es eben gewöhnt, dass Leute ihm glauben, weil er Chef ist. Wer Macht hat, braucht keine guten Argumente.“

Meinen Hinweis auf das fünfte Gebot ‘Du sollst nicht töten’ hat er weggewischt mit dem Satz „Ihr haltet Euch ja alle nicht dran, da muss man nur die Realität betrachten!“.
Ich habe es noch versucht mit ‘Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen’ und dass eine Tötung in seinem Namen immer ein Verstoß gegen Gebot Nummer zwei sei. Auch das kam nicht an. Es folgte noch einiges à la „Ein intelligenter Mensch kann doch nicht an etwas glauben, dessen Existenz nicht bewiesen ist.“ und der Hinweis, dass er nicht gegen den Glauben an sich sei, sondern nur gegen meine Institution Kirche, und dass von der nun mal alles Übel ausgehe. Dass der Terror dieser Welt nur möglich sei, weil Leute gläubig seien und versuchen würden, andere zu missionieren.

Jemand meldet sich. „Das meinte ich mit dumm! Wenn jemand tatsächlich den Glauben verantwortlich macht für Dinge wie Selbstmordanschläge, dann müsste er konsequenterweise den Glauben verteufeln und nicht nur die Institution Kirche, richtig?“
Ich: „Richtig. Es sei denn, er heißt Selbstmordanschläge gut.“
Mann im Ohr: „Dann müsste er sich aber nicht über den Terror beklagen.“

Alles Positive wurde vom Tisch gewischt. Im Christentum solle man nur seinen nächsten Christen lieben, nicht jeden Nächsten. Das hat Johann ernsthaft so gesagt. Obwohl es heißt ‘Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ und nicht ‘Liebe Deinen Glaubensbruder wie Dich selbst’. Da ist nicht viel Raum für Interpretation.

Mann im Ohr: „Johann war Dein Nächster in dem Moment. Hast Du Dich dran gehalten?“
Ich: „Du bist gemein. Auf wessen Seite stehst Du 
eigentlich?“

Dass das Judentum keine missionierende Religion ist, habe ich runtergeschluckt und stattdessen gesagt, dass ich jetzt lieber gehe. Was kommentiert wurde mit „Das ist ja ein tolles Beispiel für Toleranz und Nächstenliebe.“.
Eigentlich hatte ich versprochen, während seiner Dienstreise die Blumen zu gießen.

„In Sachen Nächstenliebe ist bei Dir noch Luft nach oben. Ist doch gut, da hast Du ein Entwicklungsfeld. Und das mit der rechten Wange hast Du auch noch nicht verinnerlicht.“

Nur weil ich katholisch bin, lasse ich mich noch lange nicht beschimpfen. Ich habe in meinem Leben nie versucht, irgendwen zu missionieren. Ich bin in vielen Dingen sehr tolerant und mit mancherlei Engstirnigkeit meiner Kirche nicht glücklich. Ich kann meinem Glauben mehr Gutes als Schlechtes abgewinnen. Ich stehe hinter den Werten meiner Kirche, auch wenn ich mir mehr Toleranz gegenüber Schwulen und eine Aufhebung des Zölibats wünschen würde.
Meine gesamte Familie ist katholisch und es sind beinah alle Ausprägungen vorhanden: die strenge Rosenkranzbeterin ebenso wie die zwar getaufte, aber Ungläubige. Und viele irgendwo in der Mitte dazwischen. Wir alle sind mit dem Glauben und Werten wie Toleranz und Nächstenliebe großgeworden.

Am deutlichsten wird das bei meiner Schwester Sophie. Ich bin unglaublich stolz auf sie, weil es ihr gelingt, Frieden zu stiften. Klingt geschwollen, stimmt aber.
Sie ist Grundschullehrerin in einem Problembezirk. In ihrer Klasse ist ein christliches Kind und viele muslimische aus unterschiedlichen muslimischen Strömungen. Ebenso atheistische Kinder. Keines ist katholisch. Sophie hat katholische Religion studiert. Und vermittelt mit einer Hingabe zwischen den Glaubensrichtungen, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie verbietet ihren Kindern, Fußball ‘Christen gegen Muslime’ zu spielen. Das war auf dem Mist von Erst- oder Zweitklässlern gewachsen. Sie hat das zum Anlass genommen, Konflikte zwischen den Religionen zu thematisieren. Sie hat ein Stoffschwein als Klassenschwein etabliert und mit allen Kindern erarbeitet, warum dieses Tier in manchen Kulturen als ‘unrein’ empfunden wird. Die muslimischen Kinder reißen sich um dieses Tier und kuscheln inzwischen mit ihm. Im letzten Ramadan hat sie einen ‘Ramadan-Kalender’ für die Kinder gestaltet. Er hatte die Form eines Kamels und enthielt für jeden Tag Schokolade und im Wechsel je einen Spruch aus dem Islam, dem Christen- und Judentum, der dann besprochen wurde. Sie hat mit ihren Kindern eine Moschee besucht, eine Kirche und eine Synagoge. Sie bringt ihnen bei, dass es Widersprüche zwischen und innerhalb der Religionen gibt. Dass man Widersprüche auch mal aushalten muss und sie Anlass zum Nachdenken und Reden sein sollten, aber niemals zu Gewalt. Ich glaube, dass sie mit ihren Gesprächen mit den Kindern mehr für den Weltfrieden tut als jeder Talkshowgast oder Politiker, der für Toleranz wirbt. Ihre Kinder gehen nach Hause und erzählen ihren Eltern und Freunden davon, was sie gelernt haben. Ich glaube, wenn jedes Kind eine solche Lehrerin hätte, bräuchten wir uns über Terror in der Zukunft wesentlich weniger Gedanken zu machen.

Ich finde, man muss Religion kritisch hinterfragen, egal welche. Und man darf über sie lachen. Sophie und ich haben uns den Bauch gehalten, als das atheistische Känguru von Marc-Uwe Kling uns erklärt hat, dass die Bibel als Schurkenroman zu lesen sei. Es findet, wenn Gott der Böse ist, ergibt alles plötzlich einen Sinn.

„Aber die, die gelungen die Religion auf die Schippe nehmen, haben sich meist auf sehr intelligente Art mit ihr auseinandergesetzt. Das war bei Johann nicht so.“

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn meine Intelligenz in Frage gestellt wird, weil ich gläubig bin. Vor allem, wenn dieses Ist-doch-alles-nicht-bewiesen-Argument kommt. Wenn ich Beweise hätte, wäre glauben ja überflüssig.
Ich weiß im Übrigen ja auch nie, ob mein Partner treu ist. Beweisen kann ich Untreue, auf seine Treue muss ich vertrauen. Das tun viele, auch Atheisten. Und keiner käme auf die Idee, sie deswegen zu beschimpfen.

Mann im Ohr: „Könnte man sagen, dass Nichtwissen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Glauben ist?“
Ich: „Wenn man ein Klugscheißer wäre und obendrein noch Jurist, würde man das wahrscheinlich so ausdrücken.“

Back to the roots

Ich sitze hier mal wieder an einem Sonntag morgen. Wach bin ich seit 5:30 Uhr. Hatte ich schon erwähnt, dass die Sache mit Ben unter anderem daran gescheitert ist?

Unsere Hochzeitsreise lief ungefähr so:
Ich wache um 6 Uhr auf und bin hellwach. Am liebsten würde ich über Ben herfallen, aber er schläft noch tief und fest. Lesen wäre eine Alternative – aber Licht anmachen ist doof, dann wird er wach und bekommt schlechte Laune. Hätten wir doch nur eine Suite mit mehreren Zimmern gebucht. Also gut, ich gehe schwimmen.
Nach einer Stunde im Pool mache ich ganz leise noch ein bisschen Bauch, Beine, Po. Ohne Licht. Ich schleiche mich ins Bad und dusche. Es ist jetzt ungefähr 8 Uhr. Nach dem Duschen noch Schönheitsprogramm, sonst bekomme ich die Zeit bis zum Frühstück nicht rum. Irgendwann stehe ich vor dem Bett. Mir reicht´s. Ich bin seit vier Stunden auf, meine Haut strahlt, meine Füße sind pedi- und meine Hände manikürt, meine Haare duften und mein Körper ist trainiert wie selten. Und da liegt einer und pennt und würdigt das kein Stück. Ich lege mich daneben und stupse ihn an. Hilft nicht, kenne ich schon. Küsse sind vergebene Liebesmüh – jedenfalls zum Wecken. Nach 8 1/2 Jahren zieht nicht mal mehr ein Blowjob. Jedenfalls nicht, wenn die Alternative süße Träume sind. Mein Magen knurrt. Ich bin sauer. Das ist verdammt noch mal meine Hochzeitsreise. Und unser erster Urlaub zu zweit, seit wir uns kennen. Ich will was vom Tag haben, aber der ist schon halb rum. Alle Leute frühstücken. Alle! Ich rüttle an Ben und sage „Aufstehen, ich will frühstücken.“. Er dreht sich rum und grummelt irgendwas, das klingt wie „Noch ein bisschen.“. Um 11 sitzen wir am Frühstückstisch. Meine Laune ist im Keller. Ben sagt „Ich würde so gern neben Dir aufwachen. Ist doch unsere Hochzeitsreise. Das ist total unromantisch, dass Du immer so früh auf bist.“. Ich atme ganz tief ein uns aus und dann implodiere ich. Ist ja unsere Hochzeitsreise und ich will nicht unromantisch sein.

Mann im Ohr: „Warum heißt der Post ‘Back to the roots’?“
Ich: „Ich habe so lange nicht über Männer geschrieben und da dachte ich, ich schreibe vielleicht mal wieder über ein Date, das nicht stattgefunden hat.“
Mann im Ohr: „Ist Dir gelungen.“
Ich: „Es ist noch nicht mal acht und Du meckerst schon an mir rum.“
Mann im Ohr: „Das wird sich Ben auch gedacht haben in Eurem einzigen Urlaub.“

Stimmt. Aus Ben´s Sicht war das wahrscheinlich eher so:
Ich bin noch nicht mal wach und meine Frau keift schon in mein Ohr, dass sie hungrig ist und ich endlich aufstehen soll. Ich würde jetzt gern über sie herfallen. Sie riecht so gut und so sommergebräunt ist sie unglaublich sexy. Aber wenn ich ihr damit jetzt komme, rastet sie völlig aus. Wenn sie Hunger hat, ist nicht mit ihr zu spaßen. Vielleicht wird es ja später was. Unwahrscheinlich. Tagsüber will sie an den Strand oder etwas unternehmen oder lesen und abends fällt sie tot ins Bett, weil sie seit 6 Uhr auf ist. Na ja, jetzt erst mal ganz entspannt frühstücken, dann bessert sich ihre Laune hoffentlich.

Mann im Ohr: „Welches Date meinst Du? Du hattest so viele Nicht-Dates.“
Ich: „So viele waren das gar nicht. Aber es gab, glaube ich, mehr Dates, die nicht stattgefunden haben als ‘richtige’ Dates.“ 

Ich meinte das Date mit Joshua.

Joshua klang nett. Und wollte ‘was Ernstes’. Wenn man sich denn versteht, versteht sich. Der Termin für unser Date stand schon. Dann schrieb er plötzlich Fragen wie „Trägst Du eigentlich Nylons?“. Eigentlich weiß man bei so einer Frage gleich, wie das weiterläuft. Dementsprechend garstig habe ich reagiert. Allerdings fühlen sich manche Männer ja durchaus angezogen von widerborstigen Frauen. Jedenfalls äußerte er den Wunsch, ich möge doch bitte zu unserem ersten Date einen Rock, Nylons und ‘die braunen Stiefel da’ tragen. Da war ich nicht umsichtig gewesen. Ich hatte ihm ein Selfie geschickt, das in meinem Zimmer aufgenommen ist. Darauf bin ich in Jeans und T-shirt zu sehen und in der Zimmerecke stehen braune Lederstiefel. Um sicherzustellen, dass das Outfit auch seinen Vorstellungen entsprechen würde, schickte Joshua noch einige Links. Von Wolford und Gerbe. Wolford kennt man ja. Als Frau jedenfalls. Gerbe sagte mir nichts. Auf der Website steht ‘Preciously handmade in France. Since 1904’. Aha. Teuren Geschmack hat der Gute.

Ich habe geantwortet, dass ich prinzipiell trage, worauf ich Lust habe. Na ja fast. Der einzige, der da ein bisschen mitreden darf, ist mein Chef. Der hat zwar auch schon mal eine Erwartungshaltung geäußert, die mir nicht geschmeckt hat. Aber die war doch nachvollziehbar begründet und wesentlich angemessener als das. Nach Nylonstrümpfen hat er noch nie gefragt.

Darauf kamen von Joshua noch mehr Fotos von Frauen in hübschen Strümpfen und etwas, das man fast schon als Betteln bezeichnen muss.

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich antworten sollte. Am besten gefiel mir, worauf mein Bauch spontan hüpfte: „Nylons kosten extra.“. Ich glaube wirklich, er war so heiß darauf, mich in diesen Strümpfen und den braunen Stiefeln zu sehen, dass wir ein Geschäft daraus hätten machen können. Da bekommt der Ausdruck ‘Marktwert testen’ eine ganz neue Bedeutung.
Aber dann habe ich eine Stimme in meinem Kopf gehört: „Wie muss man sowas eigentlich versteuern?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Und dann dachte ich, irgendwie lassen wir das Ganze doch besser.

One-Night-Stand der anderen Art

Jetzt haben wir den Salat. Der Kletter-Nerd will mich treffen. Zum besser Kennenlernen und sich unterhalten, nicht zum Klettern.

„Hab ich’s Dir gesagt?“ Der Vorwurf in der Stimme ist beim besten Willen nicht zu überhören. 
Ich: „Hast Du. Was mache ich denn jetzt?“
Mann im Ohr: „Ihm ehrlich sagen, dass du nur das eine willst?“ Der kleine Mann kichert. Ich meine, da nicht nur Belustigung, sondern auch eine Spur Schadenfreude zu hören. 
Ich: „Wenn ich ihm sage, dass er mir nicht mal sympathisch genug ist für ein Feierabendbier und ich wirklich nur will, dass er mich sichert, hat das ungefähr so viel wie Niveau wie ‘Ich will nur vögeln und zum Frühstück darfst Du übrigens nicht bleiben’.“
Mann im Ohr: „Der Vergleich trifft es ganz gut.“
Ich: „Aber das ist überhaupt nicht wertschätzend. Ich will nicht gemein sein.“
Mann im Ohr: „Welche Möglichkeiten hast Du?“
Ich: „Ihm sagen, dass ich kein Interesse habe und nur klettern will. Das ist fies und danach bin ich ihn als Kletterpartner los.“
Mann im Ohr: „Was noch?“
Ich: „Ihn treffen und heucheln, dass ich ihn mag. Das ist noch fieser und ich behalte ihn erst mal zum Klettern. Aber dadurch ist das Problem nur verschoben und verschlimmert sich wahrscheinlich. Das ist eine lose lose Situation.“
Mann im Ohr: „Das erste lose ist weniger schlimm. Du wusstest doch, dass es so kommt.“

Nein. Geahnt vielleicht. Ich wäre gern ein Mann. Es ist nämlich viel leichter, männliche Kletterpartner zu finden. Es klettern weniger Frauen und mir fällt keine ein, die in Frage käme. Bea hat Höhenangst. Fatma macht Ballett und hat keine Zeit mehr. Inka kann am Wochenende nicht mehr und ich schaffe es in der Woche nicht. Alle anderen potentiellen Kandidatinnen haben Kinder und keine Zeit oder Kinder und Höhenangst. Wenn ich ein Mann wäre, wäre es nie zu dieser Situation gekommen.

Der Mann im Ohr merkt an, dass wir dann gar nicht erst klettern gegangen wären.
Ich: „Ich habe eine Alternative gefunden.“ 
Mann im Ohr: „Wie bitte?“
Ich: „In meiner Stamm-Kletterhalle sucht jemand. Männlich, 37 Jahre alt, 86 Kilo und klettert täglich.“
Mann im Ohr: „Kannst Du Dir vorstellen, was der für einen Körper haben muss?“ 
Kann ich. Und jetzt wird der kleine Mann mir sagen, dass ich bloß nicht auf die Idee kommen soll, ihn zu kontaktieren. Aber dazu ist es schon zu spät.
Mann im Ohr: „Wie bitte?!“ Davon hat er nichts mitbekommen.
Er hat sogar schon geantwortet und gefragt, ob mir Donnerstag passt.
Mann im Ohr: „Willst Du jetzt jede Woche mit einem anderen…“
Ich: „Wenn es anders nicht geht, J A.“
Mann im Ohr: „Du bist doch so emotional. Ich weiß nicht, ob Dir das guttut. Du hattest noch nie einen One-Night-Stand. Weil Du zu sowas nicht taugst. Du willst kuscheln und Frühstück am nächsten Tag…“
Ich: „Wir reden hier doch nicht über Sex. Ich bekomme das schon hin.“

Der kleine Mann sagt, dass er das nicht gut findet. Er mag Veränderungen nicht. Da ist er mir sehr ähnlich. Wenn ich dann doch mal spontan bin, braucht er immer ein bisschen, um sich davon zu erholen. Er fragt schüchtern, ob ich da vielleicht noch mal drüber schlafen kann. Ich glaube, das mache ich.

Zu nett ist auch nichts

Ich sitze mit meinem Café Latte am Tisch und habe meine Stirn in Falten gelegt. Wäre Ben jetzt hier, würde er was sagen. Er hat mir schon vor acht Jahren verboten, meine Nase zu kräuseln. Weil das keine Anti-Falten-Creme je wieder wett machen könnte. Einmal hat er gefragt, ob ich eigentlich diese Anti-Cellulite-Creme noch benutze. Auf meine Verneinung kam ein „Sieht man.“. Ich hätte ihn umbringen können. Habe mich auf ihn gestürzt und ihm gesagt, was für ein unverschämter Arsch er ist. Aber noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, haben wir Dinge getan, bei denen wir sowohl den Streit als auch die Cellulite ganz schnell vergessen haben.

Wie kam ich da jetzt drauf? „Du brauchst einen Mann, an dem Du Dich reiben kannst. Der Dich herausfordert. Der Dich trotz Deiner Macken liebt. Deshalb kamst Du drauf. Aber eigentlich wolltest Du über Guiseppe schreiben.“ Ach ja. Guiseppe.

Er war einer der ersten, der mich über Tinder angeschrieben hat. Als ich endlich Zeit hatte, mich zu treffen, war meine Tinder-Zeit eigentlich schon vorbei. Trotzdem kann man sich den ja mal anschauen, dachte ich. Das habe ich getan, zwei mal schon, tagsüber.

Guiseppe ist nett. „Kommt irgendein Wort häufiger vor in diesem Blog?“ Der kleine Mann beginnt, zu zählen. Damit wird er eine Weile beschäftigt sein.

Jedenfalls halte ich Guiseppe, soweit ich das beurteilen kann, für einen anständigen, ehrlichen Kerl. Er kocht hervorragend, sieht ganz gut aus, ohne ein Schönling zu sein, ist groß und immer gut angezogen. Er ist ein Familienmensch. Seine Familie kommt aus Sizilien und zum Teil aus Frankreich. Er ist braungebrannt. Zur Zeit ist er freigestellt, bekommt von seiner Firma eine vermutlich großzügige Abfindung und orientiert sich gerade beruflich neu. Dafür nimmt er sich Zeit, das sollte man ja auch bei wichtigen Entscheidungen.

Wir sitzen beim Portugiesen. Es ist Freitagabend, ich habe gearbeitet und Erledigungen gemacht und trage immer noch meine Business-Hose. Ich bin völlig platt und sterbe vor Hunger. Er sieht mich an und erzählt von seinem Tag am See. Und wie sehr er den Sommer genießt. Als ich von meinem Tag erzähle kommt er auf meinen Blog-Eintrag zum Thema „auf der Arbeit privat schreiben“ zu sprechen. Er findet, ein zuverlässiger Mensch ist für seine Freunde und Familie immer erreichbar. Dann sprechen wir über das Arbeiten an sich. Bei mir ist es im Moment gar nicht so viel, trotzdem bleibt vergleichsweise wenig Freizeit. Und ich nehme die Arbeit manchmal gedanklich mit nach Hause. Allerdings liebe ich meinen Job. Das Projekt macht Spaß, wir ziehen alle an einem Strang. Ich merke, dass sich was bewegt hat in den letzten Wochen. Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche, wenn ich kurz vor´m Einschlafen bin oder im Auto. Wenn ich sie nicht gleich aufschreibe, sind sie weg. Deswegen kommt es auch in meiner Freizeit schon mal vor, dass ich etwas notiere. Außerdem lese ich gern Fachartikel am Wochenende. Dazu komme ich im Büro nicht.
Ihm gefällt das nicht. Er kennt das. Hat er früher auch, er hat immer 150% gegeben, aber das sei doch kein Leben. Außerdem sind Großkonzerne für ihn das personifizierte Böse. Ich arbeite in einem. Gerne. Guiseppe versteht das nicht. Er findet, ich arbeite zu viel und fragt, wie meine Abende aussehen.
Unspektakulär. Essen, Yoga, lesen, Nachrichten schauen, Wäsche machen, so was eben.
Er spricht davon, dass er dringend wieder zur Maniküre müsste. Noch ein Punkt, den ich selbst und nach Feierabend erledige. Er gibt mir das Gefühl, mein Leben sei schrecklich. Als wäre ich völlig unentspannt und müsste dringend etwas ändern.

Wenn ich mich mit Männern treffe, die einen ähnlichen Tag hatten wie ich, bin ich deutlich entspannter. Ich mag es, wenn ich sehe, wie sich beim ersten Wein die Anspannung langsam löst. Ich finde es völlig okay, wenn sich die ersten Sätze noch um die Arbeit drehen. Ich kenne das nicht anders. Ich habe einen Vater und hatte immer Männer, die ihren Beruf geliebt und auch zu Hause thematisiert haben. Ich mag es, wenn ein Mann mich um Rat fragt in beruflichen Dingen. Damit zeigt er mir, dass er mich ernst nimmt und für halbwegs intelligent hält. Und ich mag diesen Moment, wenn ich merke, jetzt ist er im Kopf nicht mehr im Büro, sondern bei mir.

Guiseppe war schon den ganzen Tag gedanklich bei mir. Und die Tage davor. Er hat sich sogar gefragt, wie er mich unterstützen kann und bietet an, meine Wäsche zu bügeln oder irgendetwas anderes zu tun, um mich zu entlasten.

„Der hat nicht alle Latten am Zaun.“ Der kleine Mann ist fertig mit zählen.
Ich: „Das ist doch nett. Er macht sich Gedanken.“
Mann im Ohr: „Ihr seid kein Paar. Es ist nicht mal irgendwas zwischen Euch gelaufen. Ihr habt Euch nicht mal geküsst! Was meinst Du, was er als Gegenleistung will?“
Ich: „Ich habe sein Angebot ja auch abgelehnt.“ Wenn es mal ganz schlimm ist, unterstützt mich meine Mutter. Und da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht funktioniert das mit der Reziprozität bei mir doch.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist er gar nicht nett und will nur an Deinen Wohnungsschlüssel kommen. Oder an Deine Adresse. Damit er Dich stalken kann.“ Der Gedanke war mir auch gekommen. Ich halte das für unwahrscheinlich, trotzdem bin ich zu vorsichtig für sowas.

Am Ende des Abends streite ich mit ihm. Er hatte mir gesagt, er wolle in die Schwanenhöfe. Da war ich noch nie. Ich hatte extra gefragt, was denn da sei und die Antwort lautete „Da kann man ganz gechillt ein Bier trinken. Vorher noch was essen?“
Das klang okay in meinen Ohren. Nach dem Essen laufen wir rüber. Ich finde mich mitten auf einer House-Party wieder. Ich mag kein House, sofern es sich um Musik handelt. House alias Hugh Laurie liebe ich. Ich mag seinen Sex-Appeal und seinen Sarkasmus.
Guiseppe sagt, dass man hier ja einige Leute kennt. Ich kenne niemanden. Sein erstes Bier hat er ziemlich schnell geleert. Er will Nachschub holen. Ich stehe allein unter hunderten von Menschen und nippe an meinem „Krefelder“. Ich sehe mich um. Der Hinterhof ist hübsch. Ich höre durch das Gewummer ein „Nächste Woche soll wieder geil werden.“. Ob das Wetter gemeint ist? Es vergehen zehn Minuten. Mein Bauch meldet, dass er sich unwohl fühlt. Er sendet die Nachricht an mein Gehirn. Das analysiert ungefähr weitere zehn Minuten die Lage. Es ist mir zu laut. Ich bin müde. Mein Outfit passt nicht hierher. Ich mag die Musik nicht. Die Leute um mich herum sehen aus, als wären sie wahlweise angetrunken oder unter Drogen oder beides. Mein Auto steht 2 Gehminuten entfernt. Ich kann und darf noch fahren. Guiseppe ist immer noch nicht wieder da und ich kann ihn nirgendwo entdecken.
Weder meine Erziehung noch sonst irgendwas funkt dazwischen. Ich gehe in Richtung Auto. Und tippe dabei eine Nachricht. Dass es mir leid tut, ich müde bin und nach Hause fahre.

Mann im Ohr: „Das ist untypisch für Dich. Es hat alles zusammengepasst. Bauch – Analyse – daraus resultierende Handlung.“ 
Ich „Es hat sich gut angefühlt.“ 
Mann im Ohr: „Vielleicht ist der Defekt doch nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

Guiseppe ruft mich noch an an dem Abend. Er ist sauer und sagt mir „So etwas macht man nicht.“ Und fügt hinzu „Mach das nie wieder mit mir, Lenya. Versprich mir das.“

In meinem Kopf schnaubt es erbost „Der spinnt doch! Ansprüche zu stellen an Dich.“.
Er findet mein Verhalten eben nicht nett und legt – wie ich – viel Wert darauf.
Ich: „Weißt Du, ich hätte ihn nicht ohne Nachricht da stehen lassen. Aber das ist dann auch genug der Nettigkeiten. Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“ 

Ich bin picky

Mein erstes Tinder-Date hat zum Schluss unseres Dates gemeint „Du bist schon picky, oder?“ Ich war völlig von den Socken. Erst sagt er mir, dass ich viel hübscher bin als auf den Bildern und dann das? Wir haben kaum 5 Sätze miteinander geredet, aber er hat die Essenz meines Charakters erkannt. Und den Mut, das auszusprechen. In mir streiten zwei Gefühle: Ich bin beeindruckt. Und irgendwie finde ich es frech. Er kennt mich doch gar nicht.
Ein Mann sollte genau so sein – verstehen, was ich für ein Mensch bin und mir von Zeit zu Zeit den Spiegel vorhalten. Er hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, es ist einfach eine Feststellung. Wenn er jetzt noch gut aussähe und es nicht hinterher mit diesem furchtbaren „Das war´s dann.“ versaut hätte, wäre er ein prima Kerl.

Mann im Ohr: „Und wenn er nicht bei Tinder wäre.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Du hast insgeheim jeden Mann bei Tinder als potentiellen Partner ausgeschlossen.“
Ich lasse mir den Gedanken durch den Kopf gehen. Wenn ich ehrlich bin, unterstelle ich Menschen, die tindern, dass sie oberflächlich sind und nicht an einer Partnerschaft interessiert. Und es schon „sehr nötig“ haben müssen.
Mann im Ohr: „Was Du hier betreibst, ist zumindest für die Partnersuche völlige Zeitverschwendung.“
Das erinnert mich an Peter, den ich inzwischen ein zweites Mal getroffen habe. Er hat mich beim ersten Date gefragt, ob er jetzt also nur ein Recherche-Objekt sei. Ich habe nicht allen Männern, aber allen, die mich gefragt haben, offen gesagt, dass Recherche ein Grund war, Tinder zu installieren. Und dass ich darüber schreiben werde. Ich hätte es allen gesagt, aber zum Teil fehlte einfach der Aufhänger. Auf die Frage, was mich denn zu Tinder gebracht hat, ging es mir ganz leicht über die Lippen.
Ursprünglich wollte ich gar nicht bloggen, sondern die Inhalte in einen Krimi einfließen lassen. Aber ich wusste ja auch nicht, was das für Gedanken lostreten würde.
Mann im Ohr: „Tinder bringt Dir nichts außer Input für diverse Projekte.“
Ich: „Das klingt, als würde ich die Männer nur benutzen.“
Mann im Ohr: „Es klingt nicht nur so.“
Diesmal widerspreche ich. „Ich hatte wirklich schöne Abende und tiefgründige Gespräche. Und gestern erst hat mir einer von denen, einer der meinen Blog liest und meine doppelte Absicht kennt, gesagt ‘Es ist keine Zeitverschwendung, hier mit Dir zu sitzen.’.“

Ich war schon immer picky. Nicht in einem Prinzessinnen-es-ist-nichts-gut-genug-für-mich-Sinne. Ich weiß einfach ganz genau, was ich will oder warte, bis es soweit ist. Ich schaffe mir nichts an, wenn ich nicht 100%ig davon überzeugt bin, dass es zu mir passt.

Am besten kann ich das am Beispiel meiner Wohnungseinrichtung erklären. Ich bin in eine wunderschöne Wohnung eingezogen, die um einiges größer ist als meine vorherige. Ich hätte in irgendein Möbelhaus fahren können, um alles zu kaufen, was ich brauche. Aber das ist nicht mein Ding. Ich hatte einfach noch kein Sofa gesehen, was mich wirklich überzeugt hat. Bei Deckenlampen waren es gleich mehrere, die ich gut fand: Tilt und Caravaggio. Dann bin ich Secto begegnet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Bauch sich für Caravaggio entschieden hat. Secto kommt dafür ins Schlafzimmer. Glaube ich. Mal sehen. Ich habe ein halbes Jahr ohne Sofa und 2 Jahre ohne Leuchten über meinem Esstisch gelebt. Dafür habe ich mir eine wunderschöne Biedermeier-Kommode angeschafft, die nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ich habe sie gesehen und wusste sofort „Die steht hier und hat nur auf mich gewartet.“. Wenn mir mein Gefühl nicht sagt „Das ist es!“ und in meinem Bauch nicht dieser kleine Hüpfer entsteht, kann ich mich nicht zu einer Anschaffung durchringen. Es gibt Leute, die sich „erst mal“ was von Ikea kaufen und es dann austauschen, wenn sie „das richtige“ gefunden haben. Auch das ist nicht mein Ding. Ganz oder gar nicht. Lieber lasse ich den Flur leer, als dass ich mir ein Sideboard kaufe, das sich „nicht richtig anfühlt“.

„Lieber lebst Du enthaltsam, als mit dem falschen Mann zu …“
Ich unterbreche ihn: „Findest Du das falsch?“
„Es geht nicht um richtig oder falsch.“
„Es geht hier um Deine Interessen. Du willst, dass ich mal wieder…“
„Es ist dann so schön ruhig hier oben. Du hörst auf zu denken. Du denkst echt über jeden Scheiß nach.“

Er hat recht. Gestern habe ich mich gefragt, wie solche Bilder wie von Fabian wohl entstehen. Ob er sich wohl ohnehin mit sich selbst beschäftigt hat und zwischendrin dachte ‘Ich mal ein Foto’? Unwahrscheinlich, das Denken ist in so einer Situation ja eher eingeschränkt meines Wissens. Das hieße, dass er mir ein Foto schicken wollte und nur für mich… „Du fühlst Dich geschmeichelt, wenn ein Mann sich ‘für Dich’ einen runterholt?“ Ich werde rot. Unfassbar, was so alles das eigene Ego streichelt. „Vielleicht sind deshalb so viele Menschen bei Tinder? Weil die Matches und alles, was daraus folgt, irgendwie das Ego pimpt? Und gar nicht, um einen Partner zu finden?“ 
Er antwortet nicht mehr. Ich glaube, er ist eingeschlafen.

Ich will geliebt werden

Ich hatte wirklich versucht, mir einzureden, Tinder sei schuld. Bis ich an den Fremdgänger von Tag 1 denken musste. Eigentlich ist Tinder nur ein Tool, das es uns leichter macht, ein Arschloch zu sein. Aber damit ist Tinder nicht allein. Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die ganze Scheiße denke, die über soziale Medien verbreitet wird.

„Kein Mann will eine Frau, die Arschloch und Scheiße sagt.“ Ich habe mir noch nicht mal die Zähne geputzt und höre schon Stimmen. Die Bemerkung, dass ich das gedacht und nicht gesagt habe, verkneife ich mir.
Ich: „Ich glaube, es gab noch nie so viel technischen Support zum Fremdgehen und gemein sein wie heute.“
Mann im Ohr: „Aber Ihr Menschen habt Euch nicht geändert. Die Phänomene sind schon immer die selben. Sie haben heute nur schickere Namen.“ Da ist was dran.

Ich mache mich an die Arbeit. So fühlt es sich jedenfalls an. Dating ist anstrengend. Nachdem ich meine Männer priorisiert habe, verabrede ich mich mit Carl. Er hat mich schon mal angerufen und wirkt sympathisch. Wir treffen uns nachmittags, er sieht aus wie auf den Bildern. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv, nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, beruhigend normal. Es funkt nicht, aber er ist wirklich nett und wir unterhalten uns gut.

Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl hinterher. Ich kann nicht einschätzen, ob er Interesse hat oder nicht. Er wirkte überhaupt nicht begeistert. So neutral. Aber er hat Fragen gestellt und Dinge gesagt, die irgendwie interessiert klangen. Irgendwas passt da nicht. Mein Bauch zieht sich komisch zusammen.

Ich: „Hast Du das auch gemerkt? Dass da was komisch ist?“
Mann im Ohr: „Es geht nicht um Dich.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Er hat eine Vision. Von einem Leben mit einem gutgezahlten Job, einem eigenen, schönen Haus in der Nähe seiner Familie, mit seinen Freunden, einer Frau und Kindern.“
Ich: „Ja, das hat er gesagt. Er hat uns sogar die Fotos gezeigt. Mir gefällt sein Einrichtungsstil nicht. Aber das erklärt nicht mein Gefühl.“
Mann im Ohr: „Er hat alles. Den Job, das selbst ausgebaute Haus, Mama in der Nähe und den Freundeskreis.“
Ich: „Nur die Frau fehlt noch.“
Mann im Ohr: „Er hatte eine Checkliste dabei.“
Ich: „Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
In meinem Kopf seufzt es: „Dummerchen. Im Kopf. Er hat Dir ganz gezielt Fragen gestellt, um zu prüfen, ob Du ins Profil passt. Kinderlieb? Ein Must. Kochst Du gut und gern? Ein Nice-to-have, vielleicht ein Must. Ist Dir Dein Job wichtiger als Dein Privatleben? Ein No-go. Würdest Du wegziehen für einen besseren Job? Ebenfalls ein No-go. Willst Du Kinder? Ein Must.“
Ich: „Das klingt nach einem Bewerbungsgespräch, nicht nach einem Date.“
Mann im Ohr: „Es war eins.“
Ich: „Es war ihm ganz wichtig, dass ich keine Kinder aus meiner Ehe habe.“
Mann im Ohr: „Er hat auch gesagt, dass es da diese Süße aus seinem Bekanntenkreis gibt, die aber nicht in Frage kommt, weil sie alleinerziehende Mutter ist.
Ich: „Das würde nicht in seine Vision passen.“
Mann im Ohr: „Seine zukünftige Frau soll sich in sein Leben einfügen. Das ist schwierig, wenn man schon ein eigenes hat.“

Ich: „Es geht hier weder um Gefühle noch um mich, oder?“
Mann im Ohr: „Ihm fehlt nur das letzte Puzzlestück, um sein Bild von einem perfekten Leben zu vervollständigen.“

Das kenne ich sonst nur von Frauen. Dabei scheint das so ungewöhnlich nicht zu sein. Ich finde einen Artikel in der Süddeutschen dazu: Die Muttersucher.
Ein Mann soll mich wollen. MICH. Und mich lieben, wie ich bin. Und dann Kinder mit mir wollen. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen.
Die Reihenfolge ist mir wichtig. Wenn ich nur ein Punkt auf seiner Checkliste bin, wird es nicht halten. Dann werde ich ausgetauscht, wenn ich nicht performe. Wenn ich nicht schwanger werde oder das Essen versalze.
„Du würdest niemals das Essen versalzen. Dein Essen ist Bombe.“ Ich muss grinsen. Mit Komplimenten wickelt man mich ganz schnell um den kleinen Finger. „Wenn ich nur jemanden finden würde, für den ich überhaupt kochen will. Für jemanden, dem es nur um das eine geht, sicher nicht.“ Der Mann im Ohr kichert. „Um was jetzt?“

Ich hab schöne Ohren

Mein 2. Tinder-Date kommt überraschend. Peter hat durch ein spektakuläres erstes Foto überzeugt. Er ist kein Schönling, aber gutaussehend. Das Bild zeigt sein abgeschnittenes Profil schräg von oben. Der Hintergrund ist dunkel. Es ist professionell genug aufgenommen, um Eindruck zu machen, aber nicht so fachmännisch, dass man den Eindruck bekommt, er hätte einen Profi beauftragt. Vom Winkel her könnte es ein Selfie sein. Aber dafür wäre es außergewöhnlich gelungen. Er lacht. Ich mag ihn jetzt schon. Und er hat ein sehr schönes linkes Ohr. Das ist mir wichtig, weil ich glaube, Menschen mit komischen Ohren hätten einen schlechten Charakter.

Mann im Ohr: „Da ist was dran. Dann ist der Ohrbewohner nachlässig.“
Ich: „Dachte immer, das sei angeboren.“
Mann im Ohr: „Die Basis schon. Das ist wie mit einem Haus. Wenn man es nicht in Stand hält, wird es nicht schöner. Wenn man Zeit und Liebe investiert, kann aus einem Reihenhaus eine kleine Perle werden.“
Ich: „Darf ich jetzt die Geschichte von Peter erzählen?“
Mann im Ohr: „Noch ein Kerl, mit dem Du nicht geschlafen hast.“
Ich: „Vermisst Du Sex?“
Mann im Ohr: „Das meinte ich nicht. Sex sells. Über Ohren will doch keiner lesen.“

Am Tag unseres ersten Dates fällt Peters Flieger aus. Nur deshalb ist er an dem Abend in Köln und fragt spontan nach einem Treffen. Erst zögere ich, sage ab, dann schiebe ich ein „vielleicht, mal sehen, spontan?“ hinterher. Ich bin nicht vorbereitet auf ein Date. Bad Hair Day, verschwitzt, meine Schuhe staubig und ich habe einen Fleck auf der Hose. Andererseits – wenn das wieder nur so ein Kerl ist, der nicht hält, was das Foto verspricht…
Ich schreibe „Du wohnst quasi auf meinem Nachhauseweg. Wir könnten uns spontan auf ein Kölsch treffen, Du erlebst aber ein Worst-Case-Szenario.“ Das ist ihm lieber als eine aufgebrezelte Tussi. Na dann. Früher wäre das undenkbar gewesen. So hätte ich nicht mal den Müll rausgebracht. Ob das mein Alter ist?

Jemand meldet sich zu Wort: „Weißt Du noch, was Hannes uns damals erzählt hat?“
Ich: „Mir. Von Deiner Existenz wusste er nichts.“
Er reagiert verschnupft. „Du bist gemein. Übrigens nicht nur zu mir.“
Ich: „Es stimmt doch.“
Mann im Ohr: „Nur weil etwas wahr ist, muss man es nicht sagen.“ 
Ich: „Du meinst, ich sollte öfter mal die Klappe halten?“ Er schweigt, aber ich meine, ein Nicken zu spüren.
Ich: „Was meintest Du mit Hannes?“ 
Mann im Ohr: „Er hat gesagt, unsere übertriebene Körperhygiene führt zu schlechterer Partnerwahl.“
Ich: „Weil wir nicht mehr riechen, ob der andere zu uns passt…na dann hoffen wir mal, dass Peter auch nicht geduscht hat.“ 

Peter sieht aus wie auf dem Bild. Und hat eine tiefe, sexy Stimme. Mein Herz macht einen Hüpfer. Wir trinken 1, 2, 3 Getränke, unterhalten uns großartig und vergessen die Zeit. Ich muss um halb sechs raus morgen und sitze kurz vor Mitternacht immer noch mit ihm da. Er ist sympathisch und witzig. Er zahlt für uns beide und sagt, dass er mich gern wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen habe ich eine lange Nachricht von ihm. Er fand den Abend toll und mich wahnsinnig sympathisch und witzig. WOW.
Als ich den Spiegel gucke, bleibt mein Blick an meinem Ohr hängen. Es ist eigentlich ganz hübsch.

Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.