Die Frage hat mir der kleine Mann gestellt. Er hat ein Gespräch zwischen meiner Mutter und mir belauscht…
Ich höre ein: „Be-was? Ich wohne hier. Wie soll ich denn nicht hören, was du sagst?
Ich: „Warum bist du so sensibel?“
Mann im Ohr: „Gehört. Nicht belauscht. Du musst das richtig stellen.“
Es war für den Mann im Ohr förmlich unumgänglich, zu hören, wie meine Mutter und ich diskutiert haben.
Mann im Ohr: „Genau. Es hat mich verwirrt. Ich dachte, du seist emanzipiert. Aber in Wirklichkeit ist sie es.“
Ich: „Warum meinst du das?“
Mann im Ohr: „Du zerstörst mit deinem Verhalten Jahrzehnte emanzipatorischer Arbeit.“
Ich: „Ich B I N emanzipiert. Und du solltest das Problem wenigstens erläutern, die Leser verstehen ja kein Wort.“
Mann im Ohr: „Du tippst doch. Schreib auf, was du tust!“
Ich sehe es nicht ein, mich schlechter behandeln zu lassen, weil ich eine Frau bin. Oder weil ich Single bin. Bedauerlicherweise sind beides für manche Menschen Gründe, einen Unterschied zu machen. Zu einer verheirateten Frau zum Beispiel.
Mann im Ohr: „Du zementierst dieses Verhalten förmlich.“
Ich: „Ach was.“
Ich weiß, wovon ich spreche, weil ich beides schon war. Ich war, so haben andere es genannt, ‘Arztfrau’. Ich habe erlebt, wie ich beim Arzt anders behandelt wurde, nachdem bekannt war, dass ich ‘Kollegenfrau’ bin. Ich habe auch erlebt, wie anders ich grundsätzlich als Frau des ‘Herrn Doktor’ behandelt wurde. Und ich sehe nicht ein, mich auch nur ein bisschen schlechter behandeln zu lassen, nur weil Dr. Ben nicht mehr Teil meines Lebens ist.
Entsponnen hat sich die Diskussion, weil man meiner Mutter im Küchenstudio, das sie allein besucht hat, die erstellten Unterlagen mit Kostenvoranschlag nicht aushändigen wollte. Ich habe ihr gesagt, sie sollte eben sagen, ihr Mann hätte für so was wie Küchenstudiobesuche NUN WIRKLICH KEINE ZEIT, wolle das aber sehen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.
Meine Mutter war E N T R Ü S T E T. Sie hat keinen Mann und findet, dazu muss sie stehen. Beziehungsweise man. Ich auch.
Ich dagegen finde, ich sollte gut behandelt werden und wenn ich dazu einen Ehemann erfinden muss, dann ist das eben so. Wir hatten das Thema in ähnlicher Form, weil meine Mutter, allein auf Reisen in England, als Single immer nur den Katzentisch bekommen hat. Mein Rat war, immer für zwei zu reservieren und zu sagen, dass ihr Mann gerade noch einen Notfall hat und nachkommt, so schnell er kann. Dass sie aber schon bestellen will, weil man bei Ärzten ja nie weiß. Damals ist meine Mutter ebenso aufgebracht gewesen wie jetzt.
Ich bekomme meinen Willen fast immer. Ich trage meinen Ehering oder erwähne beiläufig meinen Mann – das Ex davor verschlucke ich ‘aus Versehen’ – wenn ich mir Männer vom Hals halten will. Ich packe meinen Mann aus, wenn ich bessere Konditionen aushandeln will und äußere, dass ich den Preis ja in Ordnung finde, aber mein Mann da ganz sicher nicht mitmacht. Er hat das Sagen in solchen Situationen. Aber selbstverständlich keine Zeit, das selbst vorzutragen. Er macht Karriere und hat Wichtigeres zu tun.
Mann im Ohr: „Aber sich dann aufregen über den Maler.“
Ups.
Den hatte ich fast vergessen. Ich weiß nicht, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.
Mann im Ohr: „Er hat gefragt, ob dein Mann denn damit einverstanden ist, was du da ausgesucht hast.“
Ich: „Ich bin innerlich explodiert.“
Mann im Ohr: „Und hast, mit bösem Blick und schneidenden Ton gesagt, dass du erstens alleine hier wohnst, was nicht mal stimmt.“
Ich: „Ich konnte ja wohl kaum von dir erzählen.“
Mann im Ohr: „Und D A N N hast du gesagt, wenn du einen Mann hättest, würdest du solche Entscheidungen ohne ihn treffen.“
Ich erinnere mich. Ich war richtig zickig nach dieser Bemerkung.
Mann im Ohr: „Da hast du genau reagiert wie deine Mutter.“
Ich: „Und zum Dank hat er mich nach getaner Arbeit ganz fies angegraben. Hätte ich gesagt, dass mein Mann die Farbe so will, hätte ich den Schlamassel nicht gehabt.“
Dummerweise begann das Angraben, bevor er die erforderlichen Nachbesserungen gemacht hatte. Es war eine wirkliche Kunst, freundlich und bestimmt die Nachbesserung zu verlangen, zu beaufsichtigen und ihn gleichzeitig auf Abstand zu halten. Und wie viel einfacher wäre es gewesen, hätte er jede Minute mit einem Ehemann gerechnet.
Mann im Ohr: „Es war ehrlich und richtig.“
Ich: „Es war dumm.“
Mann im Ohr: „Wie sollen denn Männer sonst lernen, Single-Frauen respektvoll zu behandeln?“
Ich: „Weißt du, es gibt genügend, die das tun. Und die, die es nicht tun, werden es nicht lernen. Die muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen.“
Mann im Ohr: „Es ist unehrlich.“
Eigentlich müsste man sogar sagen ‘gelogen’. Unehrlich klingt so beschönigend.
Mann im Ohr: „Und festigt diese Denke, von der die Gesellschaft deiner Meinung nach ja eigentlich weg sollte.“
Ich schweige.
Mann im Ohr: „Es ist ein unzulässiger Wettbewerbsvorteil gegenüber ehrlichen Frauen.“
Ich ziehe den Kopf ein bisschen ein.
Mann im Ohr: „Und opportunistisch.“
Ich drücke den Publish-Button und klappe meinen Laptop zu. Es muss ja nicht jeder weiter hören, was für ein schlechter Mensch ich bin.