Ich bin verknallt

Wenn nicht sogar verliebt. Wir haben fast das ganze Wochenende auf meinem Sofa verbracht. In seiner Gegenwart traue ich mich sogar, meine Brille aufzulassen. Er ist intelligent, eloquent, gerissen, argumentationsstark, gutaussehend, kurz: (m)ein Traum. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist, aber nicht viel älter als ich, wenn man nach dem Äußeren geht. Er trägt maßgeschneiderte Anzüge und hat darunter einen atemberaubenden Körper.

Sein Name ist Harvey. Harvey Specter.

Gäbe es ihn wie im Drehbuch und wäre ich mit ihm zusammen, ich würde ihn lieben. Heiß und innig.

Mann im Ohr: „Deine Freunde würden ihn gelackt finden.“
Ich: „Meine Mutter arrogant.“
Mann im Ohr: „Sophie fände ihn eingebildet.“
Ich: „Emma würde ihn nicht mögen, aber vielleicht seine Brillanz schätzen.“
Mann im Ohr: „Deinem Vater würde sein Erfolg nicht gefallen.“

Eigentlich wäre alles wie immer.

Mann im Ohr: „Was magst du an ihm?“
Ich: „Er ist gerissen, ohne skrupellos zu sein.“

Außerdem hat er dieses süße, jungenhafte Lächeln.

Mann im Ohr: „Einen Hundeblick.“
Ich: „Und die Muttermale im Gesicht, diese Makel, die es unperfekt genug machen, um interessant statt schön zu sein.“
Mann im Ohr: „Trotzdem würde dir das normalerweise nicht reichen.“

Das ist wahr. Es ist das Gesamtpaket, das ich mag. Seine Art – auch sein Charakter ist nicht perfekt. Er ist arrogant, aber nicht so arrogant, dass ich ihn nicht mag. Zoe sagt in einer Folge zu ihm „Sie laufen durchs Leben und denken die Männer wollen so sein wie Sie und die Frauen wollen mit Ihnen schlafen“ und ich glaube, das denkt er wirklich.

Eigentlich würde ich denken, er ist ein arroganter Arsch, aber dann sagt er so unglaublich kluge Dinge und das immer im passenden Moment. So etwas wie „Don´t raise your voice. Improve your argument.“ oder „The only time success comes before work is in the dictionary“. 

Mann im Ohr: „Ihr würdet nie zusammenfinden.“
Ich: „Warum nicht?“
Mann im Ohr: „Er ist genauso unnahbar wie du.“
Ich: „Er kann sich nicht einlassen.“
Mann im Ohr: „Du willst dich nicht einlassen.“
Ich: „Mit einem Harvey schon.“
Mann im Ohr: „Weißt du, warum gute Männer so schwer zu finden sind?“
Ich: „The reason good men are hard to find is because they are busy working for what they want.“

Was ist emanzipiert?

Die Frage hat mir der kleine Mann gestellt. Er hat ein Gespräch zwischen meiner Mutter und mir belauscht…

Ich höre ein: „Be-was? Ich wohne hier. Wie soll ich denn nicht hören, was du sagst?
Ich: „
Warum bist du so sensibel?“
Mann im Ohr: „Gehört. Nicht belauscht. Du musst das richtig stellen.“

Es war für den Mann im Ohr förmlich unumgänglich, zu hören, wie meine Mutter und ich diskutiert haben. 

Mann im Ohr: „Genau. Es hat mich verwirrt. Ich dachte, du seist emanzipiert. Aber in Wirklichkeit ist sie es.“
Ich: „Warum meinst du das?“
Mann im Ohr: „Du zerstörst mit deinem Verhalten Jahrzehnte emanzipatorischer Arbeit.“
Ich: „Ich B I N emanzipiert. Und du solltest das Problem wenigstens erläutern, die Leser verstehen ja kein Wort.“
Mann im Ohr: „Du tippst doch. Schreib auf, was du tust!“

Ich sehe es nicht ein, mich schlechter behandeln zu lassen, weil ich eine Frau bin. Oder weil ich Single bin. Bedauerlicherweise sind beides für manche Menschen Gründe, einen Unterschied zu machen. Zu einer verheirateten Frau zum Beispiel. 

Mann im Ohr: „Du zementierst dieses Verhalten förmlich.“
Ich: „Ach was.“

Ich weiß, wovon ich spreche, weil ich beides schon war. Ich war, so haben andere es genannt, ‘Arztfrau’. Ich habe erlebt, wie ich beim Arzt anders behandelt wurde, nachdem bekannt war, dass ich ‘Kollegenfrau’ bin. Ich habe auch erlebt, wie anders ich grundsätzlich als Frau des ‘Herrn Doktor’ behandelt wurde. Und ich sehe nicht ein, mich auch nur ein bisschen schlechter behandeln zu lassen, nur weil Dr. Ben nicht mehr Teil meines Lebens ist. 

Entsponnen hat sich die Diskussion, weil man meiner Mutter im Küchenstudio, das sie allein besucht hat, die erstellten Unterlagen mit Kostenvoranschlag nicht aushändigen wollte. Ich habe ihr gesagt, sie sollte eben sagen, ihr Mann hätte für so was wie Küchenstudiobesuche NUN WIRKLICH KEINE ZEIT, wolle das aber sehen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Meine Mutter war E N T R Ü S T E T. Sie hat keinen Mann und findet, dazu muss sie stehen. Beziehungsweise man. Ich auch.

Ich dagegen finde, ich sollte gut behandelt werden und wenn ich dazu einen Ehemann erfinden muss, dann ist das eben so. Wir hatten das Thema in ähnlicher Form, weil meine Mutter, allein auf Reisen in England, als Single immer nur den Katzentisch bekommen hat. Mein Rat war, immer für zwei zu reservieren und zu sagen, dass ihr Mann gerade noch einen Notfall hat und nachkommt, so schnell er kann. Dass sie aber schon bestellen will, weil man bei Ärzten ja nie weiß. Damals ist meine Mutter ebenso aufgebracht gewesen wie jetzt.

Ich bekomme meinen Willen fast immer. Ich trage meinen Ehering oder erwähne beiläufig meinen Mann – das Ex davor verschlucke ich ‘aus Versehen’ – wenn ich mir Männer vom Hals halten will. Ich packe meinen Mann aus, wenn ich bessere Konditionen aushandeln will und äußere, dass ich den Preis ja in Ordnung finde, aber mein Mann da ganz sicher nicht mitmacht. Er hat das Sagen in solchen Situationen. Aber selbstverständlich keine Zeit, das selbst vorzutragen. Er macht Karriere und hat Wichtigeres zu tun.

Mann im Ohr: „Aber sich dann aufregen über den Maler.“

Ups.

Den hatte ich fast vergessen. Ich weiß nicht, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.

Mann im Ohr: „Er hat gefragt, ob dein Mann denn damit einverstanden ist, was du da ausgesucht hast.“
Ich: „Ich bin innerlich explodiert.“
Mann im Ohr: „Und hast, mit bösem Blick und schneidenden Ton gesagt, dass du erstens alleine hier wohnst, was nicht mal stimmt.“
Ich: „Ich konnte ja wohl kaum von dir erzählen.“
Mann im Ohr: „Und D A N N hast du gesagt, wenn du einen Mann hättest, würdest du solche Entscheidungen ohne ihn treffen.“

Ich erinnere mich. Ich war richtig zickig nach dieser Bemerkung.

Mann im Ohr: „Da hast du genau reagiert wie deine Mutter.“
Ich: „Und zum Dank hat er mich nach getaner Arbeit ganz fies angegraben. Hätte ich gesagt, dass mein Mann die Farbe so will, hätte ich den Schlamassel nicht gehabt.“

Dummerweise begann das Angraben, bevor er die erforderlichen Nachbesserungen gemacht hatte. Es war eine wirkliche Kunst, freundlich und bestimmt die Nachbesserung zu verlangen, zu beaufsichtigen und ihn gleichzeitig auf Abstand zu halten. Und wie viel einfacher wäre es gewesen, hätte er jede Minute mit einem Ehemann gerechnet.

Mann im Ohr: „Es war ehrlich und richtig.“
Ich: „Es war dumm.“
Mann im Ohr: „Wie sollen denn Männer sonst lernen, Single-Frauen respektvoll zu behandeln?“
Ich: „Weißt du, es gibt genügend, die das tun. Und die, die es nicht tun, werden es nicht lernen. Die muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen.“
Mann im Ohr: „Es ist unehrlich.“

Eigentlich müsste man sogar sagen ‘gelogen’. Unehrlich klingt so beschönigend.

Mann im Ohr: „Und festigt diese Denke, von der die Gesellschaft deiner Meinung nach ja eigentlich weg sollte.“

Ich schweige.

Mann im Ohr: „Es ist ein unzulässiger Wettbewerbsvorteil gegenüber ehrlichen Frauen.“

Ich ziehe den Kopf ein bisschen ein.

Mann im Ohr: „Und opportunistisch.“

Ich drücke den Publish-Button und klappe meinen Laptop zu. Es muss ja nicht jeder weiter hören, was für ein schlechter Mensch ich bin.

Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen

Ich bin immer noch in Montreux und möchte meinen Urlaub genießen. Es gibt allerdings einen Störfaktor: den Krimi, den ich eingepackt und etwas mehr als zur Hälfte gelesen habe. Es ist mein erster von Håkan Nesser, der laut Klappentext einer der interessantesten und aufregendsten Spannungsautoren Schwedens ist. Ich finde ihn einfach nur anstrengend zu lesen und anstrengend sollte im Urlaub allenfalls eine Wanderung sein. Er springt permanent in der Zeit und zwischen den handelnden Personen. Es ist, obwohl ich schon fast zwei Drittel geschafft habe, immer noch nicht klar, ob die Personen, über die ich jetzt schon eine Weile lese, die gleichen sind wie die am Anfang, nur in ihrer jüngeren Version. Personen ändern ihre Namen, weil sie mit Spionage zu tun haben. Nun dachte ich, beim Thema Spionage würde es spannend. Weit gefehlt. Das Thema wird seit mehreren hundert Seiten ausschließlich dazu genutzt, die Sehnsucht eines jungen Mannes nach einer gewissen Carla aufrecht zu erhalten. Die ist Spionin und kann deswegen trotz der Sehnsucht, von der man nicht so recht weiß, ob sie beidseitig ist, den jungen Mann immer wieder zeitweise nicht treffen und nie weiß er, ob sie sich überhaupt je wiedersehen. 

Mann im Ohr: „Du solltest das hier umbenennen in ‘Krimikritik 1.0’.“
Ich: „Das Buch ist total langweilig!“
Mann im Ohr: „Nur weil Håkan Nesser dich langweilt, musst du das mit deinen Lesern ja nicht tun.“
Ich: „Du kennst mein Dilemma.“

Ihr Dilemma ist ihr Spleen, Bücher zu Ende lesen zu müssen. Sonst hat sie all die unvollständigen Geschichten im Kopf und fragt sich auch Monate und Jahre später noch, wie es wohl ausgegangen ist.

Ich: „Stop! Du fängst hier nicht an, deine Geschichte zu erzählen! Dich kann man ja keine 2 Minuten allein lassen.“
Mann im Ohr: „War mir eh zu anstrengend. Für diese zwei Sätze musste ich auf deiner Tastatur schon einen halben Marathon laufen.“

Tatsächlich ist das eine Macke von mir. Häufig lege ich die Bücher dann eine Weile weg und gebe ihnen später eine zweite Chance. 

Mann im Ohr: „Du quälst dich seit anderthalb Jahren mit dem Ding. Das ist die vierte oder fünfte Chance und ich bemerke nicht, dass es spannender oder literarisch wertvoll würde.“
Ich: „Du liest doch vor lauter Langeweile schon lange nicht mehr mit.“
Mann im Ohr: „Muss ich auch nicht, wenn es schön ist oder spannend, dann merke ich das auch so. Dann schweben rosa Wölkchen oder Gewitterwolken oder so hier oben rum.“
Ich: „Meinst du, ich sollte damit aufhören?“
Mann im Ohr: „Unbedingt.“
Ich: „Aber ich werde mich fragen, wie es weitergegangen wäre.“
Mann im Ohr: „Hätte hätte Fahrradkette. Du fragst dich ja auch nicht bei jedem Mann, den du je geküsst hast, was für ein hollywoodreifes Ende es hätte werden können.“
Ich: „Das ist, wenn man meinen Spleen bedenkt, eigentlich erstaunlich.“
Mann im Ohr: „Stell dir vor, du wärst damals wirklich nach Kanada ausgewandert für Rice. Dann hättest du vielleicht Tinder nie entdeckt, nie angefangen, darüber zu bloggen und unsere Geschichten gäbe es nicht. Oder du wärst bei Ben geblieben. Dann wärst du eine unglückliche Spießerin und hättest inzwischen vermutlich Mundwinkel wie Angela Merkel. Du hättest nicht mit Yoga angefangen, nicht Journalismus studiert und wärst seit zehn Jahren nicht in Urlaub gefahren.“

Ich hole tief Luft und will mich empören, aber eigentlich hat der kleine Mann recht. 

Ich: „Ist ja gut. Ich höre auf mit dem Buch.“
Mann im Ohr: „Versprochen?“
Ich: „Wenn du still bist.“

Ich bin eine treue Seele

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Weil der kleine Mann mich heute eine ganze Weile mit dem Täter-Opfer-Retter-Dreieck genervt hat. Es heißt eigentlich Drama-Dreieck und das würde zu mir ganz gut passen; das jedenfalls sagte mein Ohr zu mir. Der Titel sollte ‘Ich bin (k)eine Drama-Queen heißen’ – weil ich eigentlich eine bin, mich diese Woche aber ganz vernünftig einfach verabschiedet habe, als jemand erfolglos versucht hat, sich als Retter aufzuspielen.

Mann im Ohr: „Nachdem er dir ausführlich klar gemacht hat, dass du ein Opfer bist.“
Ich: „Immerhin hat er nicht auf dem Schulhof „Du Opfer“ zu mir gesagt.“

Er arbeitet in der Psychiatrie und ist vermutlich mit dem Dreieck vertraut.

Mann im Ohr: „Ohne Kalkül waren seine Worte sicher nicht.“

Er hat mir in aller Ausführlichkeit ungefragt erläutert, wie scheiße mich manche Leute finden und mir gleichzeitig mit smartem Lächeln erklärt, dass er das natürlich anders sieht. Dummerweise ist mir in der Situation der Spruch nicht eingefallen. Ich kann mir lange Sprüche nicht gut merken. Wir haben im Team immer ein ‘Motto der Woche’ und deswegen lese ich sowas regelmäßig. Dank Google kann ich ihn hier wiedergeben: ‘Erzähl mir nicht, was andere über mich geredet haben. Erzähl mir lieber, warum sie das in deiner Anwesenheit durften’. 

Zurück zu oben. Ich habe alte Fotoalben durchgeschaut, weil meine Mutter mich animiert hat, ihre Schrankhälfte, in der ich seit gefühlten 20 Jahren Sachen einlagere, die zu schade zum Entsorgen und zu überflüssig für meine Wohnung sind, auszumisten.

Mann im Ohr: „Ähm. Also. Deine Sätze werden zu lang.“
Ich: „Immerhin setze ich keinen Punkt hinter Worte, die keine Sätze sind.“

Ich bin ein bisschen sentimental geworden und natürlich ist Ben auf der Bildfläche erschienen. Auf Fotos. Und in seiner Hochzeitsrede, denn sein Spickzettel war auch in der Kiste.

Mann im Ohr: „Wie war das mit den Punkten hinter Nicht-Sätzen?“

Ich frage mich manchmal, womit ich das verdient habe.

Mann im Ohr: „Jeder bekommt, was er verdient.“

Demnächst nenne ich dich nicht mehr den ‘kleinen Mann’ oder den ‘Mann im Ohr’, sondern ‘Phrasenschwein’.

Mann im Ohr: „Nur weil du dir selbst auf den Nerv gehst, musst du nicht gemein werden.“

Ich werde ein bisschen rot. Vor allem, weil ich heute mal über positive Eigenschaften schreiben wollte. Also an mir selbst. Vor lauter Titeln wie ‘Ich bin arrogant’ hätte ich fast vergessen, auch mal etwas Gutes über mich zu schreiben.

Ben hat mich an etwas erinnert, die Bilder auch. Ich trage auf einem zwölf Jahre alten Foto ein Kleid, das ich nicht nur immer noch besitze, sondern regelmäßig trage. Ich habe die gleichen Schuhe an und trage dieselbe Uhr auf Bildern, die vor zehn Jahren aufgenommen wurden. Auch die Sonnenbrille ist dieselbe geblieben. Obwohl ich zugeben muss, dass inzwischen zwei neue dazugekommen sind. Eines der Bilder ist vor 18 Jahren entstanden, an dem Abend, an dem Ben und ich uns das erste Mal geküsst haben. Meine Haare sind hochgesteckt und fliegen, weil ich meinen Kopf schnell wegdrehe, so, wie ich das immer tue, wenn eine Kamera auf mich gerichtet wird. Ich trage ein sexy Neckholdertop, von dem man fast nichts sieht, weil ich ein weißes Hemd mit Vatermörderkragen drübergezogen habe. Das Hemd gehört Ben und ich vermute, ich habe wie immer gefroren. Ein ganz ähnliches Top, das ich damals schon getragen habe, liegt immer noch in meinem Schrank und wird an besonders heißen Tagen rausgeholt. Ich bin eigentlich, nicht nur was Kleidung betrifft, eine treue Seele. Obwohl ich rebellischer geworden bin mit den Jahren und mich hin und wieder von Dingen und Menschen getrennt habe. Ich mag Konstanten in meinem Leben.

Bens Rede enthält einen Satz, in dem er mich beschreibt. Er ist in Gänze, wie die Rede überhaupt, zu intim, um ihn hier auszubreiten. Deswegen nur der notwendige Teil:
„Du bist (…), sanft und stark, voller Gefühl und Temperament, (…), mit Ecken und Kanten, mit einem klugen Kopf und einem großen Herzen“.
Ben hat mich nie unkritisch gesehen. Im Gegenteil. Er war mein größter Fan und Kritiker. Und er hat mich gesehen, wie ich war. Selbst in Momenten, in denen ich das selbst nicht konnte.

Ich: „Weißt du was?“
Mann im Ohr: „Was?“
Ich: „Ich will das wieder.“
Mann im Ohr: „Ben?“
Ich: „Blödmann.“
Mann im Ohr: „Du willst einen Mann, der all das sieht?“
Ich: „Der mich sieht, wie ich bin und nicht, wie er mich gern hätte oder wie es gesellschaftlich erwünscht wäre. Dostojewski hat gesagt ‘Lieben heißt, einen anderen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat’. Das will ich. So soll mich jemand lieben.“ 
Mann im Ohr: „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Das hat Mazzini gesagt.“

Ich kenne Mazzini nicht. Ich muss erst den Eintrag lesen. Ich frage mich, was für Wissen noch in meinem Kopf schlummert und mir nicht zugänglich ist.

Ich: „Meinst du, ich wollte nie wirklich?“
Mann im Ohr: „Du wolltest Trost, Bestätigung, guten Sex, Nähe auch, einen Freund. Respektiert werden ja, gut behandelt werden auch, ernst genommen und gemocht werden. Liebe ging dir zu weit.“ 

„Weine nicht …

… um Dinge, die Geld ersetzen kann.“

Das hat meine Oma mir beigebracht, als ich noch sehr klein war. Die, die mir auch gesagt hat, man müsse zu einem Mann aufschauen können.

Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich selbst erstaunt bin, wie sehr mir dieser Satz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und wie viele Menschen anders ticken.

Vor einigen Jahren ist ein Freund auf mein MacBook getreten. Nachdem er es neben dem Sofa auf den Boden gelegt hatte. Das Display war hin und auch nicht zu reparieren. Jedenfalls nicht, wenn man nicht bereit war, dafür den Preis eines neuen MacBooks auf den Tisch zu legen. Ich habe damals kurz die Luft angehalten, erschreckt geguckt und gedacht „Dann ist es wohl Zeit für ein Neues“. Für Rice, der draufgetreten ist, war das Ganze viel schlimmer als für mich.

Mann im Ohr: „War deine Oma eigentlich reich?“
Ich: „Nein! Das weißt du doch.“
Mann im Ohr: „Nein, damals war dein Leben so langweilig, dass ich viel geschlafen und wenig mitbekommen habe.“
Ich: „Na großartig. Dabei hätte damals einen Coach gebrauchen können. Die Pubertät ohne Beistand zu überstehen ist nicht leicht.“
Mann im Ohr: „Einen Teenager gegen ihren Willen zu coachen ist noch viel schwieriger.“
Ich: „Das ist dein Job!“
Mann im Ohr: „Teenager coachen?“
Ich: „Für mich da sein, wenn ich dich brauche.“

Schweigen.

Ich: „Meine Oma war schon sehr jung Witwe mit 3 relativ kleinen Kindern. Mein Opa ist ja nur 35 Jahre alt geworden. Sie hatte keinen Beruf, damals war man ja mit drei Kindern einfach zuhause. Und sie kam nicht aus einer reichen Familie. Also nein, sie war nicht nur nicht reich, sie war sogar ziemlich arm.“ 
Mann im Ohr: „Warum hat sie dann sowas gesagt?“
Ich: „Es geht dabei doch nicht darum, wie schnell man in der Lage ist, die kaputte Sache zu ersetzen.“
Mann im Ohr: „Aber dann wäre die Einstellung verständlich. Also logisch nachvollziehbar.“
Ich: „Erstaunlicherweise machen die reichen Leute, die ich kenne, viel mehr Aufhebens um kaputte Dinge.“
Mann im Ohr: „Verstehe ich nicht.“
Ich: „Weißt Du, es geht um die Einstellung. Darum, an welche Dinge man sein Herz hängt und an welche nicht. Darum, dass man sein Herz an Menschen hängt und vielleicht auch an Dinge, die Erinnerungsstücke und deswegen nicht zu ersetzen sind.“
Mann im Ohr: „Aber nicht an ein iPhone? Oder einen Fernseher?“
Ich: „Genau.“

Ich würde einen Porsche zu Schrott fahren und denken ‘Shit happens’, aber wenn eines der Jugendstilgläser meiner Großtante runterfallen würde, würde ich mir Vorwürfe machen und wahrscheinlich weinen. Es sind 6 Gläser, die die Eltern meiner Großtante 1900 zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Alle 6 sind ohne eine einzige Macke erhalten. Obwohl sie seit über 100 Jahren benutzt werden. Aus ihnen wurde Wein getrunken und Sekt. Eigentlich sind es Weingläser. Aber Sektgläser hatten sie damals, glaube ich, nicht. Wahrscheinlich haben sie damit darauf angestoßen, als die Kriege vorbei waren. Und darauf, dass sie meinen behinderten Großonkel erfolgreich versteckt haben bis alles vorbei war 1945. Auf Hochzeiten und Todesfälle und eigentlich immer, wenn wir zu Besuch waren.

Mann im Ohr: „Wenn niemand verletzt worden wäre bei dem Unfall?“
Ich hab den Faden verloren und muss erst nachdenken. „Natürlich nur dann!“

Eine Weile sagt der kleine Mann nichts.

Mann im Ohr: „Du hast gar keinen Porsche.“
Ich: „Nein, ich habe einen…“
Mann im Ohr: „Pscht!“
Ich: „Was ist los?“
Mann im Ohr: „Die Sache mit dem Selbstmarketing hast du immer noch nicht verstanden. Über manche Dinge spricht man besser nicht. Dein Auto gehört dazu. Und es ist nicht mal deins.“
Ich: „Pfff. So ein Blödsinn, aber bitte.“

Ich bin uneitel, was Autos angeht. Sie sollen nicht liegenbleiben. Ich will nicht irgendwo nachts in der Pampa enden, mit leerem Akku, während ich Hunger habe, friere und Pipi muss. Das ist die einzige Anforderung, die ich an ein Auto stelle.

Mann im Ohr: „Und müde bist. Hunger, müde, Pipi, kalt. So heißt das.“
Ich: „Es müsste ja nicht mein Porsche sein.“
Mann im Ohr: „Hast du das alles geschrieben, weil du dein iPhone geschrottet hast?“
Ich: „Lustig. Immer, wenn ich hier ‘geschrottet’ schreibe, macht die Autokorrektur ‘geschrotet’ daraus.“
Mann im Ohr: „Es sieht auch ehrlich gesagt aus, als hätte jemand versucht, es zu schroten. In dieser grauseligen Mühle, die deine Mutter hat. In der du immer deine Körner schrotest. Die so fiese Geräusche macht.“
Ich: „Wenn du schon so viel Wert legst auf mein Selbstmarketing, dann verkneif dir doch in Zukunft Kommentare, durch die ich wie eine körnerfressende Ökotussi wirke.“
Mann im Ohr: „Versprochen.“

Nach einer Weile fragt er zur Sicherheit noch mal nach.

Mann im Ohr: „Ich sag also nix über deine Birkenstocks? Und das Dinkelkörnerkissen darf ich auch nicht erwähnen? Wie ist es mit dem fair gehandelten Öko-Espresso? Der ist ja fast schon wieder hip. Dass du vom Anblick von Kapselmaschinen Pickel bekommst auch nicht?“
Ich: „Das solltest du alles auf die 
Not-to-say-Liste setzen.“