Wenn der Postmann…

…doch nur endlich klingeln würde.

Ich sitze gespannt wie ein Flitzebogen an meinem Schreibtisch und warte darauf, dass der Postmann klingelt. Er sollte, so die Ankündigung, das Päckchen gestern zwischen 13:30 und 16:30 zustellen. Ich erwähnte ja bereits, dass ich gegen Online-Shopping bin. Wegen der Nachhaltigkeitssache und so. Weil zu viel zurückgeschickt wird, zu viel Verpackung verwendet und überhaupt. Aber diesen Bikini musste ich haben. Ich habe ihn schon vor einigen Wochen bestellt, allerdings zu klein. In 36B. Das ist, für meine Verhältnisse ‘groß’. Während ich einen normalen 36/38-Po habe, ist es oben eher eine 34A.

Ich höre ein „Du hast keine Brüste. Aber das macht nichts. Dein Po ist gut und du hast ein hübsches Gesicht.“
Ich: „Da fehlt ein kleines L.“
Mann im Ohr: „Wo?“
Ich: „In deinem ersten Satz.“

Ich kann spüren, wie es grübelt in meinem Ohr.

„Nein. Auch nach mehrfachem Lektorieren des Satzes kann ich nicht feststellen, dass da etwas fehlt.“

Ich frage mich, wie gut der kleine Mann das wohl kann, also lektorieren. Ich bin ein wenig traumatisiert, was die fehlende Größe meiner Brüste betrifft. Als ich 18 war, hat mal ein süßer Junge mir hinterhergeschaut. Und dann hat sein Kumpel ihn angestoßen und geraunt „Nicht die, die hat keine Titten“.

Mann im Ohr: „Dafür hat Russel gemeint, die kleinen Brüste würden dir etwas Lolitahaftes geben.“

Was ein Buchstabe bewirken kann.

Ich kann jedenfalls nicht abwarten, mich in einem 38B-Bikini zu sehen. Wenn der dann immer noch zu spack sitzt, mache ich vielleicht eine Diät. Also ganz vielleicht.

Mann im Ohr: „Du wolltest eigentlich über Markus schreiben.“

Das wollte ich in der Tat. Er ist eigentlich nett, geht mir aber kolossal auf die Nerven. Ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit ein Problem, das ich früher ständig hatte. Einen ‘Verehrer’, der so zurückhaltend ist, dass ich ihn nur schwer in die Schranken weisen könnte, aber aufdringlich genug, um mir auf den Nerv zu gehen. Was macht man mit solchen Leuten? Wenn jemand mich küssen will, kann ich den Kopf wegdrehen, wenn mir einer ein Liebesgeständnis macht, kann ich das erwidern oder eingestehen, dass ich nicht so empfinde. Aber was macht man mit Leuten, die einem irgendwie zu nah kommen, dabei aber immer gerade so unverbindlich bleiben, dass man alles auch ‘ganz anders’ verstehen könnte.

Früher habe ich mal präventiv erklärt, ich hätte kein Interesse. Woraufhin ich beschimpft wurde und gefragt, wie ich mir einbilden könnte, er hätte Interesse an einer wie mir. Nach der Erfahrung habe ich mal gewartet, bis es wirklich eindeutig war und dann etwas gesagt. Darauf kamen erbitterte Vorwürfe, ich hätte ihm viel zu lange Hoffnungen gemacht.

Mann im Ohr: „Das Problem ist, dass die Leute irgendwie immer aus deinem Umfeld kommen. Aus dem Freundes- oder Kollegenkreis oder von deinen Lieblingsplätzen.“
Ich: „Wenn ich ihn einfach nie wieder sehen müsste, hätte ich ja kein Problem damit, ihn vor den Kopf zu stoßen.“
Mann im Ohr: „Wenn du das nicht tust, wird er dir noch lange auf die Nerven gehen. Du musst deutlich werden.“

Ich mag es nicht, wenn der kleine Mann mir unangenehme Dinge sagt und ich weiß, dass er recht hat. Ich leide an einer Umsetzungsschwäche. An Erkenntnis mangelt es nicht.

Mann im Ohr: „Die ganze Republik leidet darunter.“
Ich: „Daran. Nicht darunter. Das hieße, die ganze Republik würde darunter leiden, dass ich Markus gegenüber nicht deutlich werde.“
Mann im Ohr: „Meinetwegen daran. Bei deinem Arbeitgeber predigt der Vorstand das seit Jahren und in dieser Sendung über den Datenskandal bei Facebook haben sie das auch gesagt und in Liebesdingen ist das bei dir auch so.“

Offensichtlich leidet auch Markus unter einer Umsetzungsschwäche in Liebesdingen.

Mann im Ohr: „An.“
Ich: „Sonst hieße das, er würde leiden, aber tatsächlich leide ich darunter. Woher hast du nur diese Klugscheißerei?“

Ich weiß von einem gemeinsamen Bekannten, dass er ernsthafte Gefühle für mich hat und mir das eigentlich schon vor einem halben Jahr sagen wollte („Aber sag ihm bloß nicht, dass ich dir das gesagt habe!!!“). Natürlich nicht. Dann kam ihm eine Weltreise von sechs Monaten dazwischen und jetzt will er mir wohl irgendwie zeigen, dass er etwas für mich empfindet. Was er durch tägliche Nachrichten und Anrufe tut, aber nie expressis verbis. Wenn ich nicht antworte oder nicht rangehe, kommt ein vorwurfsvolles „Bitte melde dich, ich mache mir Sorgen!“. Gestern dann ein kommandoartiges „Lass uns gegen 10 Uhr morgen früh telefonieren“. Wie bitte? Es gibt einen Menschen auf der Welt, der von mir ein Telefonat um eine bestimmte Uhrzeit verlangen darf: meinen Chef. Nicht mal mein Geliebter würde das wagen.

Jemand räuspert sich und flüstert: „Hier weiß niemand von ihm.“

Ups. Na ja, es ist auch klüger, ihn nicht zu erwähnen. Also nicht mal meine Mutter würde das wagen.

Abgesehen von seiner zur Zeit anstrengenden Art gefällt mir Markus nicht. Er ist mir, es lebe mein oberflächliches Ich, zu alt, zu dick und hat zu gelbe Zähne. Außerdem tut er immer so, als seinen wir eins. Diese Angewohnheit hatte er schon immer und selbst ein Brad Pitt oder besser noch ein Christian Bale dürfte mir so nicht kommen. Er sagt Dinge wie „Abbamaehrlich, sowas haben w i r doch nich nötig“ oder „Hömmal, w i r sin doch noch nich alt“. Ich habe auf diesen Satz, das ist erst ein paar Tage her, ganz ernst geantwortet: „Ich nicht“. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist. Aber so ungefähr 17 Jahre älter als ich. Er hat laut gelacht und gemeint, es ginge mir ja offensichtlich hervorragend, so wie ich zu Scherzen aufgelegt sei.

Mann im Ohr: „Du musst deine Umsetzungsschwäche überwinden und deine Angst vor einer garstigen Reaktion.“
Ich: „Ich hasse garstige Männer. Sie demolieren mein Ego. Ich will nicht, dass er gemeine Sachen zu mir sagt.“
Mann im Ohr: „Der Tag wird kommen. Er kommt sowieso und er wird not amused sein, denn kein Mann kassiert gern einen Korb. Er wird dir Vorwürfe machen oder dich runterputzen. Auf gar keinen Fall wird er es mit Fassung tragen. Dazu ist er viel zu sehr von sich überzeugt.“
Ich: „Und jetzt?“
Mann im Ohr: „Warte, bis er das nächste Mal anruft. Und dann sagst du ihm, dass du kein Interesse hast.“
Ich: „Kann ich nicht einfach sagen, ich hätte jemand anders?“
Mann im Ohr: „Dann will er den sicher kennenlernen. Und fragt dich, warum er dich nie mit ihm sieht. Was das für einer ist. Woher du ihn kennst.“
Ich: „Ach, da fällt mir schon was ein.“
Mann im Ohr: „Dann musst du lügen. Das liegt dir nicht. Früher oder später kommt so was immer raus. Außerdem ist das Problem damit nur aufgeschoben. Er muss begreifen, dass du kein Interesse an ihm hast. Sonst glaubt er, er müsse nur warten, bis das mit dem Anderen vorbeigeht. Sag ihm, dass du, wenn ihr die letzten beiden Menschen auf diesem Planeten wärt, lieber mit einem Schimpansen als mit ihm…“
Ich: „Also da bin ich mir nicht sicher. Ich finde beide Vorstellungen irgendwie fies.“
Mann im Ohr: „Dann eben mit dir selbst.“

Das wäre mir in der Tat wesentlich lieber und vermutlich auch befriedigender. Das klingt so einfach. So vernünftig. Als könnte man das mal eben so machen.

Mann im Ohr: „Ich flüstere dir im richtigen Moment den Text ein. Wir schaffen das.“
Ich: „Das ist doch so ein blöder Satz, den Leute sagen, die Sachen selbst nicht umsetzen müssen. Die Eindruck schinden wollen, große Reden schwingen und sich dann schön zurücklehnen.“
Mann im Ohr: „Na gut. Dann eben ‘Yes we can’.“

Gott und die Welt

Wenn ich gefragt werde, worüber ich blogge, sage ich meist irgendetwas, das ‘Gott und die Welt’ enthält. Diese Woche ist mir klargeworden, dass das nicht stimmt. Und dass kein Zeitpunkt so gut passt, Gott hier zu thematisieren, wie diese Woche.

Ich höre ein empörtes „Über Politik willst Du nicht schreiben, damit Dir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Meinst Du nicht, Religion ist da bei weitem gefährlicher?“.

Ist mir egal. Ich hatte diese Woche gleich zwei Streitgespräche zum Thema Religion. Beide mit relativ viel älteren, männlichen Atheisten. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Alter und dem Geschlecht eine Rolle spielt.

„Klar tut es das. Du ziehst in letzter Zeit diesen Typ Mann magisch an. Männlich, alt, erfolgreich, besserwisserisch. Die fahren total ab auf so ein Mäuschen, dem sie die Welt erklären können.“ höre ich zwischen meinen Ohren.

Das eine war kein richtiger Streit. Ich habe zu Paul, dem Pessimisten, gesagt, er solle doch mal ein bisschen Gottvertrauen haben. Und dann hat er mir erklärt, das sei ein ganz schlechtes Thema, er sei ungläubig und wenn das bei mir anders sei, sollten wir lieber über andere Dinge sprechen. Ich habe dann noch ein paar Fragen gestellt, kritische Antworten erhalten und das Gespräch verlief schließlich ganz entspannt weiter.

Mit Johann sah das schon anders aus. Er hat mich in ziemlich aggressivem Ton gefragt, wie mein erstes Gebot laute.

„Du solltest Deinen Lesern vielleicht noch mitteilen, dass Du Katholikin bist. Keine gute, denn Du gehst viel zu selten in die Messe und warst skandalös lange nicht bei der Beichte, obwohl mir da so einiges einfallen würde…“ brummt es.

Jedenfalls wusste ich aus Johanns Vorrede schon, worauf er hinauswollte und habe mich gefragt, ob das sein Ernst ist, dass er jetzt schullehrerhaft die zehn Gebote abfragt. Er hat sich seine Frage zum Glück selbst beantwortet: ‘Du sollst keine anderen Götter haben neben mir’. Dieser Satz ist in seinen Augen verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Er hat mir erklärt, dass alle, die Juden, Muslime und die Christen wegen dieses Gebots für das Schlechte in der Welt verantwortlich seinen. Weil wir ständig missionieren wollten. Der ganze Terror käme nur daher.
Johann behauptet von sich selbst, wenig emphatisch zu sein.

Mann im Ohr: „Er ist nicht nur wenig emphatisch, ich finde ihn auch dumm.“
Ich: „Wieso dumm? Dann wäre er nicht so erfolgreich.“
Mann im Ohr: „Dummheit und monetärer Erfolg schließen sich nicht aus. Man sagt doch, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben?“
Ich: „So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber sonderlich argumentationsstark ist er nicht. Er ist es eben gewöhnt, dass Leute ihm glauben, weil er Chef ist. Wer Macht hat, braucht keine guten Argumente.“

Meinen Hinweis auf das fünfte Gebot ‘Du sollst nicht töten’ hat er weggewischt mit dem Satz „Ihr haltet Euch ja alle nicht dran, da muss man nur die Realität betrachten!“.
Ich habe es noch versucht mit ‘Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen’ und dass eine Tötung in seinem Namen immer ein Verstoß gegen Gebot Nummer zwei sei. Auch das kam nicht an. Es folgte noch einiges à la „Ein intelligenter Mensch kann doch nicht an etwas glauben, dessen Existenz nicht bewiesen ist.“ und der Hinweis, dass er nicht gegen den Glauben an sich sei, sondern nur gegen meine Institution Kirche, und dass von der nun mal alles Übel ausgehe. Dass der Terror dieser Welt nur möglich sei, weil Leute gläubig seien und versuchen würden, andere zu missionieren.

Jemand meldet sich. „Das meinte ich mit dumm! Wenn jemand tatsächlich den Glauben verantwortlich macht für Dinge wie Selbstmordanschläge, dann müsste er konsequenterweise den Glauben verteufeln und nicht nur die Institution Kirche, richtig?“
Ich: „Richtig. Es sei denn, er heißt Selbstmordanschläge gut.“
Mann im Ohr: „Dann müsste er sich aber nicht über den Terror beklagen.“

Alles Positive wurde vom Tisch gewischt. Im Christentum solle man nur seinen nächsten Christen lieben, nicht jeden Nächsten. Das hat Johann ernsthaft so gesagt. Obwohl es heißt ‘Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ und nicht ‘Liebe Deinen Glaubensbruder wie Dich selbst’. Da ist nicht viel Raum für Interpretation.

Mann im Ohr: „Johann war Dein Nächster in dem Moment. Hast Du Dich dran gehalten?“
Ich: „Du bist gemein. Auf wessen Seite stehst Du 
eigentlich?“

Dass das Judentum keine missionierende Religion ist, habe ich runtergeschluckt und stattdessen gesagt, dass ich jetzt lieber gehe. Was kommentiert wurde mit „Das ist ja ein tolles Beispiel für Toleranz und Nächstenliebe.“.
Eigentlich hatte ich versprochen, während seiner Dienstreise die Blumen zu gießen.

„In Sachen Nächstenliebe ist bei Dir noch Luft nach oben. Ist doch gut, da hast Du ein Entwicklungsfeld. Und das mit der rechten Wange hast Du auch noch nicht verinnerlicht.“

Nur weil ich katholisch bin, lasse ich mich noch lange nicht beschimpfen. Ich habe in meinem Leben nie versucht, irgendwen zu missionieren. Ich bin in vielen Dingen sehr tolerant und mit mancherlei Engstirnigkeit meiner Kirche nicht glücklich. Ich kann meinem Glauben mehr Gutes als Schlechtes abgewinnen. Ich stehe hinter den Werten meiner Kirche, auch wenn ich mir mehr Toleranz gegenüber Schwulen und eine Aufhebung des Zölibats wünschen würde.
Meine gesamte Familie ist katholisch und es sind beinah alle Ausprägungen vorhanden: die strenge Rosenkranzbeterin ebenso wie die zwar getaufte, aber Ungläubige. Und viele irgendwo in der Mitte dazwischen. Wir alle sind mit dem Glauben und Werten wie Toleranz und Nächstenliebe großgeworden.

Am deutlichsten wird das bei meiner Schwester Sophie. Ich bin unglaublich stolz auf sie, weil es ihr gelingt, Frieden zu stiften. Klingt geschwollen, stimmt aber.
Sie ist Grundschullehrerin in einem Problembezirk. In ihrer Klasse ist ein christliches Kind und viele muslimische aus unterschiedlichen muslimischen Strömungen. Ebenso atheistische Kinder. Keines ist katholisch. Sophie hat katholische Religion studiert. Und vermittelt mit einer Hingabe zwischen den Glaubensrichtungen, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie verbietet ihren Kindern, Fußball ‘Christen gegen Muslime’ zu spielen. Das war auf dem Mist von Erst- oder Zweitklässlern gewachsen. Sie hat das zum Anlass genommen, Konflikte zwischen den Religionen zu thematisieren. Sie hat ein Stoffschwein als Klassenschwein etabliert und mit allen Kindern erarbeitet, warum dieses Tier in manchen Kulturen als ‘unrein’ empfunden wird. Die muslimischen Kinder reißen sich um dieses Tier und kuscheln inzwischen mit ihm. Im letzten Ramadan hat sie einen ‘Ramadan-Kalender’ für die Kinder gestaltet. Er hatte die Form eines Kamels und enthielt für jeden Tag Schokolade und im Wechsel je einen Spruch aus dem Islam, dem Christen- und Judentum, der dann besprochen wurde. Sie hat mit ihren Kindern eine Moschee besucht, eine Kirche und eine Synagoge. Sie bringt ihnen bei, dass es Widersprüche zwischen und innerhalb der Religionen gibt. Dass man Widersprüche auch mal aushalten muss und sie Anlass zum Nachdenken und Reden sein sollten, aber niemals zu Gewalt. Ich glaube, dass sie mit ihren Gesprächen mit den Kindern mehr für den Weltfrieden tut als jeder Talkshowgast oder Politiker, der für Toleranz wirbt. Ihre Kinder gehen nach Hause und erzählen ihren Eltern und Freunden davon, was sie gelernt haben. Ich glaube, wenn jedes Kind eine solche Lehrerin hätte, bräuchten wir uns über Terror in der Zukunft wesentlich weniger Gedanken zu machen.

Ich finde, man muss Religion kritisch hinterfragen, egal welche. Und man darf über sie lachen. Sophie und ich haben uns den Bauch gehalten, als das atheistische Känguru von Marc-Uwe Kling uns erklärt hat, dass die Bibel als Schurkenroman zu lesen sei. Es findet, wenn Gott der Böse ist, ergibt alles plötzlich einen Sinn.

„Aber die, die gelungen die Religion auf die Schippe nehmen, haben sich meist auf sehr intelligente Art mit ihr auseinandergesetzt. Das war bei Johann nicht so.“

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn meine Intelligenz in Frage gestellt wird, weil ich gläubig bin. Vor allem, wenn dieses Ist-doch-alles-nicht-bewiesen-Argument kommt. Wenn ich Beweise hätte, wäre glauben ja überflüssig.
Ich weiß im Übrigen ja auch nie, ob mein Partner treu ist. Beweisen kann ich Untreue, auf seine Treue muss ich vertrauen. Das tun viele, auch Atheisten. Und keiner käme auf die Idee, sie deswegen zu beschimpfen.

Mann im Ohr: „Könnte man sagen, dass Nichtwissen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Glauben ist?“
Ich: „Wenn man ein Klugscheißer wäre und obendrein noch Jurist, würde man das wahrscheinlich so ausdrücken.“

Zu nett ist auch nichts

Ich sitze mit meinem Café Latte am Tisch und habe meine Stirn in Falten gelegt. Wäre Ben jetzt hier, würde er was sagen. Er hat mir schon vor acht Jahren verboten, meine Nase zu kräuseln. Weil das keine Anti-Falten-Creme je wieder wett machen könnte. Einmal hat er gefragt, ob ich eigentlich diese Anti-Cellulite-Creme noch benutze. Auf meine Verneinung kam ein „Sieht man.“. Ich hätte ihn umbringen können. Habe mich auf ihn gestürzt und ihm gesagt, was für ein unverschämter Arsch er ist. Aber noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, haben wir Dinge getan, bei denen wir sowohl den Streit als auch die Cellulite ganz schnell vergessen haben.

Wie kam ich da jetzt drauf? „Du brauchst einen Mann, an dem Du Dich reiben kannst. Der Dich herausfordert. Der Dich trotz Deiner Macken liebt. Deshalb kamst Du drauf. Aber eigentlich wolltest Du über Guiseppe schreiben.“ Ach ja. Guiseppe.

Er war einer der ersten, der mich über Tinder angeschrieben hat. Als ich endlich Zeit hatte, mich zu treffen, war meine Tinder-Zeit eigentlich schon vorbei. Trotzdem kann man sich den ja mal anschauen, dachte ich. Das habe ich getan, zwei mal schon, tagsüber.

Guiseppe ist nett. „Kommt irgendein Wort häufiger vor in diesem Blog?“ Der kleine Mann beginnt, zu zählen. Damit wird er eine Weile beschäftigt sein.

Jedenfalls halte ich Guiseppe, soweit ich das beurteilen kann, für einen anständigen, ehrlichen Kerl. Er kocht hervorragend, sieht ganz gut aus, ohne ein Schönling zu sein, ist groß und immer gut angezogen. Er ist ein Familienmensch. Seine Familie kommt aus Sizilien und zum Teil aus Frankreich. Er ist braungebrannt. Zur Zeit ist er freigestellt, bekommt von seiner Firma eine vermutlich großzügige Abfindung und orientiert sich gerade beruflich neu. Dafür nimmt er sich Zeit, das sollte man ja auch bei wichtigen Entscheidungen.

Wir sitzen beim Portugiesen. Es ist Freitagabend, ich habe gearbeitet und Erledigungen gemacht und trage immer noch meine Business-Hose. Ich bin völlig platt und sterbe vor Hunger. Er sieht mich an und erzählt von seinem Tag am See. Und wie sehr er den Sommer genießt. Als ich von meinem Tag erzähle kommt er auf meinen Blog-Eintrag zum Thema „auf der Arbeit privat schreiben“ zu sprechen. Er findet, ein zuverlässiger Mensch ist für seine Freunde und Familie immer erreichbar. Dann sprechen wir über das Arbeiten an sich. Bei mir ist es im Moment gar nicht so viel, trotzdem bleibt vergleichsweise wenig Freizeit. Und ich nehme die Arbeit manchmal gedanklich mit nach Hause. Allerdings liebe ich meinen Job. Das Projekt macht Spaß, wir ziehen alle an einem Strang. Ich merke, dass sich was bewegt hat in den letzten Wochen. Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche, wenn ich kurz vor´m Einschlafen bin oder im Auto. Wenn ich sie nicht gleich aufschreibe, sind sie weg. Deswegen kommt es auch in meiner Freizeit schon mal vor, dass ich etwas notiere. Außerdem lese ich gern Fachartikel am Wochenende. Dazu komme ich im Büro nicht.
Ihm gefällt das nicht. Er kennt das. Hat er früher auch, er hat immer 150% gegeben, aber das sei doch kein Leben. Außerdem sind Großkonzerne für ihn das personifizierte Böse. Ich arbeite in einem. Gerne. Guiseppe versteht das nicht. Er findet, ich arbeite zu viel und fragt, wie meine Abende aussehen.
Unspektakulär. Essen, Yoga, lesen, Nachrichten schauen, Wäsche machen, so was eben.
Er spricht davon, dass er dringend wieder zur Maniküre müsste. Noch ein Punkt, den ich selbst und nach Feierabend erledige. Er gibt mir das Gefühl, mein Leben sei schrecklich. Als wäre ich völlig unentspannt und müsste dringend etwas ändern.

Wenn ich mich mit Männern treffe, die einen ähnlichen Tag hatten wie ich, bin ich deutlich entspannter. Ich mag es, wenn ich sehe, wie sich beim ersten Wein die Anspannung langsam löst. Ich finde es völlig okay, wenn sich die ersten Sätze noch um die Arbeit drehen. Ich kenne das nicht anders. Ich habe einen Vater und hatte immer Männer, die ihren Beruf geliebt und auch zu Hause thematisiert haben. Ich mag es, wenn ein Mann mich um Rat fragt in beruflichen Dingen. Damit zeigt er mir, dass er mich ernst nimmt und für halbwegs intelligent hält. Und ich mag diesen Moment, wenn ich merke, jetzt ist er im Kopf nicht mehr im Büro, sondern bei mir.

Guiseppe war schon den ganzen Tag gedanklich bei mir. Und die Tage davor. Er hat sich sogar gefragt, wie er mich unterstützen kann und bietet an, meine Wäsche zu bügeln oder irgendetwas anderes zu tun, um mich zu entlasten.

„Der hat nicht alle Latten am Zaun.“ Der kleine Mann ist fertig mit zählen.
Ich: „Das ist doch nett. Er macht sich Gedanken.“
Mann im Ohr: „Ihr seid kein Paar. Es ist nicht mal irgendwas zwischen Euch gelaufen. Ihr habt Euch nicht mal geküsst! Was meinst Du, was er als Gegenleistung will?“
Ich: „Ich habe sein Angebot ja auch abgelehnt.“ Wenn es mal ganz schlimm ist, unterstützt mich meine Mutter. Und da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht funktioniert das mit der Reziprozität bei mir doch.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist er gar nicht nett und will nur an Deinen Wohnungsschlüssel kommen. Oder an Deine Adresse. Damit er Dich stalken kann.“ Der Gedanke war mir auch gekommen. Ich halte das für unwahrscheinlich, trotzdem bin ich zu vorsichtig für sowas.

Am Ende des Abends streite ich mit ihm. Er hatte mir gesagt, er wolle in die Schwanenhöfe. Da war ich noch nie. Ich hatte extra gefragt, was denn da sei und die Antwort lautete „Da kann man ganz gechillt ein Bier trinken. Vorher noch was essen?“
Das klang okay in meinen Ohren. Nach dem Essen laufen wir rüber. Ich finde mich mitten auf einer House-Party wieder. Ich mag kein House, sofern es sich um Musik handelt. House alias Hugh Laurie liebe ich. Ich mag seinen Sex-Appeal und seinen Sarkasmus.
Guiseppe sagt, dass man hier ja einige Leute kennt. Ich kenne niemanden. Sein erstes Bier hat er ziemlich schnell geleert. Er will Nachschub holen. Ich stehe allein unter hunderten von Menschen und nippe an meinem „Krefelder“. Ich sehe mich um. Der Hinterhof ist hübsch. Ich höre durch das Gewummer ein „Nächste Woche soll wieder geil werden.“. Ob das Wetter gemeint ist? Es vergehen zehn Minuten. Mein Bauch meldet, dass er sich unwohl fühlt. Er sendet die Nachricht an mein Gehirn. Das analysiert ungefähr weitere zehn Minuten die Lage. Es ist mir zu laut. Ich bin müde. Mein Outfit passt nicht hierher. Ich mag die Musik nicht. Die Leute um mich herum sehen aus, als wären sie wahlweise angetrunken oder unter Drogen oder beides. Mein Auto steht 2 Gehminuten entfernt. Ich kann und darf noch fahren. Guiseppe ist immer noch nicht wieder da und ich kann ihn nirgendwo entdecken.
Weder meine Erziehung noch sonst irgendwas funkt dazwischen. Ich gehe in Richtung Auto. Und tippe dabei eine Nachricht. Dass es mir leid tut, ich müde bin und nach Hause fahre.

Mann im Ohr: „Das ist untypisch für Dich. Es hat alles zusammengepasst. Bauch – Analyse – daraus resultierende Handlung.“ 
Ich „Es hat sich gut angefühlt.“ 
Mann im Ohr: „Vielleicht ist der Defekt doch nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

Guiseppe ruft mich noch an an dem Abend. Er ist sauer und sagt mir „So etwas macht man nicht.“ Und fügt hinzu „Mach das nie wieder mit mir, Lenya. Versprich mir das.“

In meinem Kopf schnaubt es erbost „Der spinnt doch! Ansprüche zu stellen an Dich.“.
Er findet mein Verhalten eben nicht nett und legt – wie ich – viel Wert darauf.
Ich: „Weißt Du, ich hätte ihn nicht ohne Nachricht da stehen lassen. Aber das ist dann auch genug der Nettigkeiten. Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“ 

Ich bin picky

Mein erstes Tinder-Date hat zum Schluss unseres Dates gemeint „Du bist schon picky, oder?“ Ich war völlig von den Socken. Erst sagt er mir, dass ich viel hübscher bin als auf den Bildern und dann das? Wir haben kaum 5 Sätze miteinander geredet, aber er hat die Essenz meines Charakters erkannt. Und den Mut, das auszusprechen. In mir streiten zwei Gefühle: Ich bin beeindruckt. Und irgendwie finde ich es frech. Er kennt mich doch gar nicht.
Ein Mann sollte genau so sein – verstehen, was ich für ein Mensch bin und mir von Zeit zu Zeit den Spiegel vorhalten. Er hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, es ist einfach eine Feststellung. Wenn er jetzt noch gut aussähe und es nicht hinterher mit diesem furchtbaren „Das war´s dann.“ versaut hätte, wäre er ein prima Kerl.

Mann im Ohr: „Und wenn er nicht bei Tinder wäre.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Du hast insgeheim jeden Mann bei Tinder als potentiellen Partner ausgeschlossen.“
Ich lasse mir den Gedanken durch den Kopf gehen. Wenn ich ehrlich bin, unterstelle ich Menschen, die tindern, dass sie oberflächlich sind und nicht an einer Partnerschaft interessiert. Und es schon „sehr nötig“ haben müssen.
Mann im Ohr: „Was Du hier betreibst, ist zumindest für die Partnersuche völlige Zeitverschwendung.“
Das erinnert mich an Peter, den ich inzwischen ein zweites Mal getroffen habe. Er hat mich beim ersten Date gefragt, ob er jetzt also nur ein Recherche-Objekt sei. Ich habe nicht allen Männern, aber allen, die mich gefragt haben, offen gesagt, dass Recherche ein Grund war, Tinder zu installieren. Und dass ich darüber schreiben werde. Ich hätte es allen gesagt, aber zum Teil fehlte einfach der Aufhänger. Auf die Frage, was mich denn zu Tinder gebracht hat, ging es mir ganz leicht über die Lippen.
Ursprünglich wollte ich gar nicht bloggen, sondern die Inhalte in einen Krimi einfließen lassen. Aber ich wusste ja auch nicht, was das für Gedanken lostreten würde.
Mann im Ohr: „Tinder bringt Dir nichts außer Input für diverse Projekte.“
Ich: „Das klingt, als würde ich die Männer nur benutzen.“
Mann im Ohr: „Es klingt nicht nur so.“
Diesmal widerspreche ich. „Ich hatte wirklich schöne Abende und tiefgründige Gespräche. Und gestern erst hat mir einer von denen, einer der meinen Blog liest und meine doppelte Absicht kennt, gesagt ‘Es ist keine Zeitverschwendung, hier mit Dir zu sitzen.’.“

Ich war schon immer picky. Nicht in einem Prinzessinnen-es-ist-nichts-gut-genug-für-mich-Sinne. Ich weiß einfach ganz genau, was ich will oder warte, bis es soweit ist. Ich schaffe mir nichts an, wenn ich nicht 100%ig davon überzeugt bin, dass es zu mir passt.

Am besten kann ich das am Beispiel meiner Wohnungseinrichtung erklären. Ich bin in eine wunderschöne Wohnung eingezogen, die um einiges größer ist als meine vorherige. Ich hätte in irgendein Möbelhaus fahren können, um alles zu kaufen, was ich brauche. Aber das ist nicht mein Ding. Ich hatte einfach noch kein Sofa gesehen, was mich wirklich überzeugt hat. Bei Deckenlampen waren es gleich mehrere, die ich gut fand: Tilt und Caravaggio. Dann bin ich Secto begegnet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Bauch sich für Caravaggio entschieden hat. Secto kommt dafür ins Schlafzimmer. Glaube ich. Mal sehen. Ich habe ein halbes Jahr ohne Sofa und 2 Jahre ohne Leuchten über meinem Esstisch gelebt. Dafür habe ich mir eine wunderschöne Biedermeier-Kommode angeschafft, die nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ich habe sie gesehen und wusste sofort „Die steht hier und hat nur auf mich gewartet.“. Wenn mir mein Gefühl nicht sagt „Das ist es!“ und in meinem Bauch nicht dieser kleine Hüpfer entsteht, kann ich mich nicht zu einer Anschaffung durchringen. Es gibt Leute, die sich „erst mal“ was von Ikea kaufen und es dann austauschen, wenn sie „das richtige“ gefunden haben. Auch das ist nicht mein Ding. Ganz oder gar nicht. Lieber lasse ich den Flur leer, als dass ich mir ein Sideboard kaufe, das sich „nicht richtig anfühlt“.

„Lieber lebst Du enthaltsam, als mit dem falschen Mann zu …“
Ich unterbreche ihn: „Findest Du das falsch?“
„Es geht nicht um richtig oder falsch.“
„Es geht hier um Deine Interessen. Du willst, dass ich mal wieder…“
„Es ist dann so schön ruhig hier oben. Du hörst auf zu denken. Du denkst echt über jeden Scheiß nach.“

Er hat recht. Gestern habe ich mich gefragt, wie solche Bilder wie von Fabian wohl entstehen. Ob er sich wohl ohnehin mit sich selbst beschäftigt hat und zwischendrin dachte ‘Ich mal ein Foto’? Unwahrscheinlich, das Denken ist in so einer Situation ja eher eingeschränkt meines Wissens. Das hieße, dass er mir ein Foto schicken wollte und nur für mich… „Du fühlst Dich geschmeichelt, wenn ein Mann sich ‘für Dich’ einen runterholt?“ Ich werde rot. Unfassbar, was so alles das eigene Ego streichelt. „Vielleicht sind deshalb so viele Menschen bei Tinder? Weil die Matches und alles, was daraus folgt, irgendwie das Ego pimpt? Und gar nicht, um einen Partner zu finden?“ 
Er antwortet nicht mehr. Ich glaube, er ist eingeschlafen.

Ich weiß, was ich nicht will

Bjarne sieht gut aus, ist Banker und auf der Suche nach was „Ernstem“. Sagt er. Mittlerweile glaube ich ihm nicht mehr, aber dazu vielleicht ein anderes Mal. Wir haben uns nie getroffen und seine Nummer habe ich wieder gelöscht. Irgendwann hatte ich das sichere Gefühl, dass er eine Freundin hat und eine Ersatzspielerin für gewisse Tage oder Stunden sucht.

Es ist bei Tinder scheinbar üblich, dass man gefragt wird, wonach man denn eigentlich sucht. Ich fühle mich bei der Frage immer unangenehm berührt. Ich bin der Meinung, das muss sich alles irgendwie ergeben. Mit 20 habe ich auch nicht nach einem Ehemann gesucht, sondern mich ganz unbeschwert verliebt. Daraus entstand ein Kuss, ein paar Tage später sind wir in der Kiste gelandet, alles lief super und es folgten 10 ganz überwiegend glückliche Jahre. So will ich das wieder.

Mann im Ohr: „Willst Du nicht.“ 
Der schon wieder.
Mann im Ohr: „Du willst ein Treueversprechen noch vor dem ersten Kuss.“ 
Ich: „Das stimmt so nicht. Ich will nur nicht wieder…“
Mann im Ohr: „…einer anderen in die Quere kommen.“

Mein Verhältnis zum Fremdgehen hatten wir ja schon. Nun ist es so, dass ich vor etwa 6 Jahren eine SMS bekam, die lautete „Are you sleeping with my boyfriend?“.
Damals habe ich nicht geantwortet. Mir war das zu blöd und ich hatte schon länger mit überhaupt niemandem geschlafen. Ich hätte gern mit ihm geschlafen. Aber ich hätte damals auch gern mit Ashton Kutcher geschlafen. Oder mit Ben Affleck. Ich hatte ihn nicht mal geküsst oder Händchen mit ihm gehalten.
Seitdem habe ich diese Frage in verschiedenen Varianten über verschiedene Medien in verschiedenen Sprachen gehört. Meistens konnte ich guten Gewissens „Nein.“ sagen. Einmal stellte sich raus, dass der Mann, den ich für meinen Freund hielt, schon länger der einer anderen war. Unschöne Situation.
Ich habe nie wissentlich mit einem liierten Mann geschlafen. Aber mehr als einmal unwissentlich. Jedes Mal kam es raus. Jedes Mal gab es Tränen und Anrufe und die Frage in meinem Kopf „Hätte ich das früher merken können? Müssen?“ Nun habe ich den festen Vorsatz, das nie wieder zu tun.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, sicher auszuschließen, dass ein Mann mit einer anderen schläft. Kann man beim ersten Date ja wohl kaum fragen. Und wenn die Antwort „ja“ wäre, könnte man ihm das nicht mal vorhalten.

Ich ziehe liierte Männer an wie Licht die Motten. Und ich verstehe nicht, wieso. Allein in den letzten paar Wochen hatte ich zwei sehr eindeutige Angebote von verheirateten Männern. Das war nicht bei Tinder, sondern im wahren Leben. Beide sagen, dass sie ihre Frau über alles lieben.

„Sie können das nur nicht so zeigen.“ Kichern in meinem Ohr.
Ich: „Warum ziehe ich verlogene, untreue Männer an?“
Mann im Ohr: „Vielleicht strahlst Du aus, dass Du gern die zweite Geige spielst?“
Ich: „Tu ich nicht! Im Gegenteil. Ich bin es gewöhnt, die Nummer 1 zu sein.“ Ich bin die älteste von 3 Schwestern. Mit ziemlich großem Abstand.
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie eine dumme Gans, die es nicht checkt?“
Ich: „Ausgeschlossen.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie ne Granate im Bett, die man sich nicht entgehen lassen will?
Ich: „Das wäre möglich.“ 
Etwas in meinem Kopf wackelt und rüttelt und mein Ohr tut weh, weil der kleine Mann so laut juchzt.
Mann im Ohr: „Die Frage wäre dann allerdings, warum nicht auch alle anderen Männer mit Dir in die Kiste wollen.“
Ich: „Vielleicht wollen sie das ja.“
Mann im Ohr: „Sie können das nur nicht so zeigen.“
Er kugelt sich so, dass ich Kopfschmerzen bekomme.

 

Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.