Was ist emanzipiert?

Die Frage hat mir der kleine Mann gestellt. Er hat ein Gespräch zwischen meiner Mutter und mir belauscht…

Ich höre ein: „Be-was? Ich wohne hier. Wie soll ich denn nicht hören, was du sagst?
Ich: „
Warum bist du so sensibel?“
Mann im Ohr: „Gehört. Nicht belauscht. Du musst das richtig stellen.“

Es war für den Mann im Ohr förmlich unumgänglich, zu hören, wie meine Mutter und ich diskutiert haben. 

Mann im Ohr: „Genau. Es hat mich verwirrt. Ich dachte, du seist emanzipiert. Aber in Wirklichkeit ist sie es.“
Ich: „Warum meinst du das?“
Mann im Ohr: „Du zerstörst mit deinem Verhalten Jahrzehnte emanzipatorischer Arbeit.“
Ich: „Ich B I N emanzipiert. Und du solltest das Problem wenigstens erläutern, die Leser verstehen ja kein Wort.“
Mann im Ohr: „Du tippst doch. Schreib auf, was du tust!“

Ich sehe es nicht ein, mich schlechter behandeln zu lassen, weil ich eine Frau bin. Oder weil ich Single bin. Bedauerlicherweise sind beides für manche Menschen Gründe, einen Unterschied zu machen. Zu einer verheirateten Frau zum Beispiel. 

Mann im Ohr: „Du zementierst dieses Verhalten förmlich.“
Ich: „Ach was.“

Ich weiß, wovon ich spreche, weil ich beides schon war. Ich war, so haben andere es genannt, ‘Arztfrau’. Ich habe erlebt, wie ich beim Arzt anders behandelt wurde, nachdem bekannt war, dass ich ‘Kollegenfrau’ bin. Ich habe auch erlebt, wie anders ich grundsätzlich als Frau des ‘Herrn Doktor’ behandelt wurde. Und ich sehe nicht ein, mich auch nur ein bisschen schlechter behandeln zu lassen, nur weil Dr. Ben nicht mehr Teil meines Lebens ist. 

Entsponnen hat sich die Diskussion, weil man meiner Mutter im Küchenstudio, das sie allein besucht hat, die erstellten Unterlagen mit Kostenvoranschlag nicht aushändigen wollte. Ich habe ihr gesagt, sie sollte eben sagen, ihr Mann hätte für so was wie Küchenstudiobesuche NUN WIRKLICH KEINE ZEIT, wolle das aber sehen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Meine Mutter war E N T R Ü S T E T. Sie hat keinen Mann und findet, dazu muss sie stehen. Beziehungsweise man. Ich auch.

Ich dagegen finde, ich sollte gut behandelt werden und wenn ich dazu einen Ehemann erfinden muss, dann ist das eben so. Wir hatten das Thema in ähnlicher Form, weil meine Mutter, allein auf Reisen in England, als Single immer nur den Katzentisch bekommen hat. Mein Rat war, immer für zwei zu reservieren und zu sagen, dass ihr Mann gerade noch einen Notfall hat und nachkommt, so schnell er kann. Dass sie aber schon bestellen will, weil man bei Ärzten ja nie weiß. Damals ist meine Mutter ebenso aufgebracht gewesen wie jetzt.

Ich bekomme meinen Willen fast immer. Ich trage meinen Ehering oder erwähne beiläufig meinen Mann – das Ex davor verschlucke ich ‘aus Versehen’ – wenn ich mir Männer vom Hals halten will. Ich packe meinen Mann aus, wenn ich bessere Konditionen aushandeln will und äußere, dass ich den Preis ja in Ordnung finde, aber mein Mann da ganz sicher nicht mitmacht. Er hat das Sagen in solchen Situationen. Aber selbstverständlich keine Zeit, das selbst vorzutragen. Er macht Karriere und hat Wichtigeres zu tun.

Mann im Ohr: „Aber sich dann aufregen über den Maler.“

Ups.

Den hatte ich fast vergessen. Ich weiß nicht, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.

Mann im Ohr: „Er hat gefragt, ob dein Mann denn damit einverstanden ist, was du da ausgesucht hast.“
Ich: „Ich bin innerlich explodiert.“
Mann im Ohr: „Und hast, mit bösem Blick und schneidenden Ton gesagt, dass du erstens alleine hier wohnst, was nicht mal stimmt.“
Ich: „Ich konnte ja wohl kaum von dir erzählen.“
Mann im Ohr: „Und D A N N hast du gesagt, wenn du einen Mann hättest, würdest du solche Entscheidungen ohne ihn treffen.“

Ich erinnere mich. Ich war richtig zickig nach dieser Bemerkung.

Mann im Ohr: „Da hast du genau reagiert wie deine Mutter.“
Ich: „Und zum Dank hat er mich nach getaner Arbeit ganz fies angegraben. Hätte ich gesagt, dass mein Mann die Farbe so will, hätte ich den Schlamassel nicht gehabt.“

Dummerweise begann das Angraben, bevor er die erforderlichen Nachbesserungen gemacht hatte. Es war eine wirkliche Kunst, freundlich und bestimmt die Nachbesserung zu verlangen, zu beaufsichtigen und ihn gleichzeitig auf Abstand zu halten. Und wie viel einfacher wäre es gewesen, hätte er jede Minute mit einem Ehemann gerechnet.

Mann im Ohr: „Es war ehrlich und richtig.“
Ich: „Es war dumm.“
Mann im Ohr: „Wie sollen denn Männer sonst lernen, Single-Frauen respektvoll zu behandeln?“
Ich: „Weißt du, es gibt genügend, die das tun. Und die, die es nicht tun, werden es nicht lernen. Die muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen.“
Mann im Ohr: „Es ist unehrlich.“

Eigentlich müsste man sogar sagen ‘gelogen’. Unehrlich klingt so beschönigend.

Mann im Ohr: „Und festigt diese Denke, von der die Gesellschaft deiner Meinung nach ja eigentlich weg sollte.“

Ich schweige.

Mann im Ohr: „Es ist ein unzulässiger Wettbewerbsvorteil gegenüber ehrlichen Frauen.“

Ich ziehe den Kopf ein bisschen ein.

Mann im Ohr: „Und opportunistisch.“

Ich drücke den Publish-Button und klappe meinen Laptop zu. Es muss ja nicht jeder weiter hören, was für ein schlechter Mensch ich bin.

Ich bin eine treue Seele

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Weil der kleine Mann mich heute eine ganze Weile mit dem Täter-Opfer-Retter-Dreieck genervt hat. Es heißt eigentlich Drama-Dreieck und das würde zu mir ganz gut passen; das jedenfalls sagte mein Ohr zu mir. Der Titel sollte ‘Ich bin (k)eine Drama-Queen heißen’ – weil ich eigentlich eine bin, mich diese Woche aber ganz vernünftig einfach verabschiedet habe, als jemand erfolglos versucht hat, sich als Retter aufzuspielen.

Mann im Ohr: „Nachdem er dir ausführlich klar gemacht hat, dass du ein Opfer bist.“
Ich: „Immerhin hat er nicht auf dem Schulhof „Du Opfer“ zu mir gesagt.“

Er arbeitet in der Psychiatrie und ist vermutlich mit dem Dreieck vertraut.

Mann im Ohr: „Ohne Kalkül waren seine Worte sicher nicht.“

Er hat mir in aller Ausführlichkeit ungefragt erläutert, wie scheiße mich manche Leute finden und mir gleichzeitig mit smartem Lächeln erklärt, dass er das natürlich anders sieht. Dummerweise ist mir in der Situation der Spruch nicht eingefallen. Ich kann mir lange Sprüche nicht gut merken. Wir haben im Team immer ein ‘Motto der Woche’ und deswegen lese ich sowas regelmäßig. Dank Google kann ich ihn hier wiedergeben: ‘Erzähl mir nicht, was andere über mich geredet haben. Erzähl mir lieber, warum sie das in deiner Anwesenheit durften’. 

Zurück zu oben. Ich habe alte Fotoalben durchgeschaut, weil meine Mutter mich animiert hat, ihre Schrankhälfte, in der ich seit gefühlten 20 Jahren Sachen einlagere, die zu schade zum Entsorgen und zu überflüssig für meine Wohnung sind, auszumisten.

Mann im Ohr: „Ähm. Also. Deine Sätze werden zu lang.“
Ich: „Immerhin setze ich keinen Punkt hinter Worte, die keine Sätze sind.“

Ich bin ein bisschen sentimental geworden und natürlich ist Ben auf der Bildfläche erschienen. Auf Fotos. Und in seiner Hochzeitsrede, denn sein Spickzettel war auch in der Kiste.

Mann im Ohr: „Wie war das mit den Punkten hinter Nicht-Sätzen?“

Ich frage mich manchmal, womit ich das verdient habe.

Mann im Ohr: „Jeder bekommt, was er verdient.“

Demnächst nenne ich dich nicht mehr den ‘kleinen Mann’ oder den ‘Mann im Ohr’, sondern ‘Phrasenschwein’.

Mann im Ohr: „Nur weil du dir selbst auf den Nerv gehst, musst du nicht gemein werden.“

Ich werde ein bisschen rot. Vor allem, weil ich heute mal über positive Eigenschaften schreiben wollte. Also an mir selbst. Vor lauter Titeln wie ‘Ich bin arrogant’ hätte ich fast vergessen, auch mal etwas Gutes über mich zu schreiben.

Ben hat mich an etwas erinnert, die Bilder auch. Ich trage auf einem zwölf Jahre alten Foto ein Kleid, das ich nicht nur immer noch besitze, sondern regelmäßig trage. Ich habe die gleichen Schuhe an und trage dieselbe Uhr auf Bildern, die vor zehn Jahren aufgenommen wurden. Auch die Sonnenbrille ist dieselbe geblieben. Obwohl ich zugeben muss, dass inzwischen zwei neue dazugekommen sind. Eines der Bilder ist vor 18 Jahren entstanden, an dem Abend, an dem Ben und ich uns das erste Mal geküsst haben. Meine Haare sind hochgesteckt und fliegen, weil ich meinen Kopf schnell wegdrehe, so, wie ich das immer tue, wenn eine Kamera auf mich gerichtet wird. Ich trage ein sexy Neckholdertop, von dem man fast nichts sieht, weil ich ein weißes Hemd mit Vatermörderkragen drübergezogen habe. Das Hemd gehört Ben und ich vermute, ich habe wie immer gefroren. Ein ganz ähnliches Top, das ich damals schon getragen habe, liegt immer noch in meinem Schrank und wird an besonders heißen Tagen rausgeholt. Ich bin eigentlich, nicht nur was Kleidung betrifft, eine treue Seele. Obwohl ich rebellischer geworden bin mit den Jahren und mich hin und wieder von Dingen und Menschen getrennt habe. Ich mag Konstanten in meinem Leben.

Bens Rede enthält einen Satz, in dem er mich beschreibt. Er ist in Gänze, wie die Rede überhaupt, zu intim, um ihn hier auszubreiten. Deswegen nur der notwendige Teil:
„Du bist (…), sanft und stark, voller Gefühl und Temperament, (…), mit Ecken und Kanten, mit einem klugen Kopf und einem großen Herzen“.
Ben hat mich nie unkritisch gesehen. Im Gegenteil. Er war mein größter Fan und Kritiker. Und er hat mich gesehen, wie ich war. Selbst in Momenten, in denen ich das selbst nicht konnte.

Ich: „Weißt du was?“
Mann im Ohr: „Was?“
Ich: „Ich will das wieder.“
Mann im Ohr: „Ben?“
Ich: „Blödmann.“
Mann im Ohr: „Du willst einen Mann, der all das sieht?“
Ich: „Der mich sieht, wie ich bin und nicht, wie er mich gern hätte oder wie es gesellschaftlich erwünscht wäre. Dostojewski hat gesagt ‘Lieben heißt, einen anderen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat’. Das will ich. So soll mich jemand lieben.“ 
Mann im Ohr: „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Das hat Mazzini gesagt.“

Ich kenne Mazzini nicht. Ich muss erst den Eintrag lesen. Ich frage mich, was für Wissen noch in meinem Kopf schlummert und mir nicht zugänglich ist.

Ich: „Meinst du, ich wollte nie wirklich?“
Mann im Ohr: „Du wolltest Trost, Bestätigung, guten Sex, Nähe auch, einen Freund. Respektiert werden ja, gut behandelt werden auch, ernst genommen und gemocht werden. Liebe ging dir zu weit.“ 

Ich bin nicht up to date

Da hört man ein paar Monate auf zu daten und schon hat man Trends verpasst.

Gestern habe ich über Cushioning und Submarining gelesen. Das sind im Dating verbreitete Phänomene, die ähnlich nett wie Benching und Ghosting daherkommen. Der Artikel ist schon über ein halbes Jahr alt und ich kannte nicht mal die Begriffe.

Jemand wacht auf, obwohl er schon um acht ins Bett ist:
„Die sind nicht neu. Es ist nur neu, dass es Wörter dafür gibt.“
Ich: „Ich kannte das nicht.“
Mann im Ohr: „Cushioning betreibst du schon länger. Das Wort kanntest du nicht, aber umgesetzt hast du es in Perfektion.“

Und das bei meiner Umsetzungsschwäche.

Ich bin seit einer gefühlten Ewigkeit auf keiner Dating-Plattform mehr vertreten. Ich wische nicht mehr von links nach rechts, lese keine Profile mehr und denke nicht mehr darüber nach, welches Foto einen potentiellen Traummann wohl am ehesten ansprechen könnte. Das erspart nicht nur viel Zeit, sondern auch Kopfzerbrechen. Die Meinungen, gerade was Fotos und Botschaften in Profilen angeht, gehen doch ziemlich auseinander und wie bitte soll man es einem Mann Recht machen, den man noch nicht mal kennt? Der eine findet das Foto ‘süß’, der nächste ‘aufreizend’, wieder einer ‘langweilig’. Einen Spruch unter dem Bild findet dieser ‘witzig’ und jener ‘zu forsch’. 

Zur Zeit mache ich nichts und damit jedenfalls auch nicht falsch.  

Mann im Ohr: „Du warst ja auch so recht erfolgreich. Haus verlassen und lächeln funktioniert doch.“ Es folgen sehr leise Zahlen und Namen.
Ich: „Na ja, erfolgreich klingt ja irgendwie, als wär was draus geworden.“

Eine Freundschaft ist draus geworden, zwei Beziehungen hätten es vermutlich werden können, da haben dir die Männer aber nicht gefallen und bei zweien weiß man es nicht so recht. Ob der kleine Mann aus Taktgefühl den einen nicht nennt, mit dem es eine Affäre geworden ist? Der mein Herz erobert hat?

Ich: „Glaubst du, es war ein Fehler?“

Unsere Affäre ging ungefähr ein halbes Jahr. Er hat sie Beziehung genannt. Außereheliche Beziehung. Ich habe nicht über ihn geschrieben und das werde ich auch jetzt nicht. Er hat mir jeden Morgen nach dem Aufwachen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, ich war entspannt und glücklich wie lange nicht. Und das, obwohl er nicht im eigentlichen Sinne perfekt war. Er hatte Hobbies, die ich nicht mochte und hat Meinungen vertreten, die ich nicht teile. Aber er hat mich herausgefordert und glücklich gemacht. Er war der ‘Gegner’ den ich brauche im Gespräch und der ideale Partner im Bett. 

Ich höre ein Räuspern. Darauf folgt: „Da ist ein Fehler im Text.“
„Wo?“ Ich frage mich, ob er zu viel Kontakt zu meiner Schwester hat, die Lektorin ist.
Mann im Ohr: „Da oben, wo steht, dass du nicht über ihn schreibst.“ 

Ich mag es nicht, wenn Männer mich kritisieren und recht haben damit. So war Jasper auch. Ich muss darüber nachdenken. Ich wollte Männer, die mir etwas bedeuten, nicht thematisieren. Es war ein Experiment und die Männer quasi meine Versuchskaninchen und welcher Mann möchte das schon sein für eine Frau? 

Mann im Ohr: „Du hast über Ben geschrieben und Ben…“
Ich: „Hat hier nichts mehr verloren.“
Mann im Ohr: „Ich mein ja nur. Da hast du den Grundsatz schon gebrochen, da kommt’s jetzt auch nicht mehr drauf an.“ 

Der kleine Mann hat mich neulich gefragt, was Liebe ist. Ich hatte angefangen, darüber zu schreiben und dann kam etwas dazwischen. Liebe.

Mann im Ohr: „Es war kein Fehler. Du hast ihn angesehen und dein Herz ist aufgegangen. Hier oben war alles rosa und wolkig und schön.“ 

Aber bei seiner Frau ist wahrscheinlich alles grau und trüb gewesen im Kopf. Nachdem sie von uns wusste.

Mann im Ohr: „Du kannst nicht die Welt retten. Du kannst nicht die Verantwortung für die Untreue anderer übernehmen. Und du kannst nicht erwarten, in deinem Alter noch jemanden kennenzulernen ohne Altlasten. Er ist unglücklich verheiratet, so what?“

Ich mag dieses Deutsch-Englisch-Mischmasch nicht. Aber Männern etwas abgewöhnen sollte man gar nicht versuchen. Erst recht nicht, wenn sie bei einem wohnen und eine Trennung keine Option ist.

Ich: „Ich kaufe keine Wegwerf-To-Go-Becher, weil ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten will. Ich kaufe Bio-Heu-Milch von Almkühen für den dreifachen Preis, damit ich die Guten unterstütze; die, die Vorbilder sind und nicht achtlos mit anderen umgehen. Ich habe eine Katze mit der Flasche großgezogen, obwohl sie ein kleines Miststück war und ich heute noch ein Stück ihrer Kralle in meinem linken Oberschenkel habe.“
Mann im Ohr: „Eben.“
Ich: „Was ist denn das für eine Argumentation. So wenig stringent bist du doch nicht.“
Mann im Ohr: „Du hast schon so viel Gutes getan, da hast du quasi was gut.“

Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet. Hätte ich das nicht, wäre nie etwas aus uns geworden. Darf man das? Die Verantwortung so auf den anderen abwälzen? Ach was, ein schlechtes Gewissen hilft jetzt auch nichts und eigentlich gefällt mir die Argumentation. Ich werde noch viel mehr darauf achten, keine Wegwerfbecher zu benutzen und weiter meine kleine, nachhaltige Möhre fahren.

Ich: „Dein Wort in Gottes Ohr.“
Mann im Ohr: „Jetzt nimmst du dich ein kleines bisschen zu wichtig.“

Ich habe keine Prinzipien

Es raschelt in meinem Kopf, noch bevor ich den ersten Satz geschrieben habe.

Mann im Ohr: „Hast du doch.“

Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis. Außerdem steht hier alles schwarz auf weiß. Jeder hier konnte lesen, dass ich nie wieder mit einem liierten Mann schlafen will.

Mann im Ohr: „Es gehörte und gehört noch zu deinen Prinzipien, nicht oder zumindest nicht wissentlich mit liierten Männern zu schlafen.“
Ich: „Habe ich aber.“
Mann im Ohr: „Und du hattest nach ner Weile nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen.“
Ich: „Warum sagst du dann, dass es noch zu meinen Prinzipien gehört?“
Mann im Ohr: „Mit unseren Prinzipien bringen wir zum Ausdruck, was wir für richtig und für falsch halten, was unsere Wertvorstellungen sind.“
Ich: „Ich habe nicht nur mit einem verheirateten Mann geschlafen, ich habe es genossen. Ich habe es so oft wiederholt, dass ich es nicht zählen kann und ich hätte damit die nächsten Jahrzehnte weitergemacht, wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre.“
Mann im Ohr: „Trotzdem würdest du bei der Suche nach einem Mann den Punkt ‘liiert’ wieder zum Ausschlusskriterium machen.“
Ich: „Grundsätzlich schon. Aber bei Jasper habe ich eine Ausnahme gemacht.“
Mann im 
Ohr: „So ist das mit Regeln.“
Ich: „Wie?“
Mann im Ohr: „Keine Regel ohne Ausnahme.“

Er hat aufgepasst in den Vorlesungen. Dabei hatte ich immer geglaubt, Jura sei ihm zu langweilig.

Mann im Ohr: „Weißt du, die Ausnahmetatbestände zu der Regel mit den liierten Männern muss man restriktiv handhaben.“
Ich: „Ich  will da gar nichts mehr handhaben.“

Wir schweigen eine Weile und schauen aus dem Fenster. Draußen ziehen Felder vorbei, der Raps leuchtet knallgelb.

Ich: „Ich hätte das hier zu einem Happy End machen können. Mein Blog hätte damit enden können, dass ich meinen Traummann gefunden habe. Einen, der überhaupt nicht mein Typ war und in den ich mich trotzdem verliebt habe, der mich glücklich gemacht hat und sich allerhand romantisches Zeug ausgedacht hat. Aber statt das Happy End zu verfassen, habe ich nichts geschrieben.“
Mann im Ohr: „Weißt du, diese ganzen Happy Ends sind gar keine Enden.“
Ich: „Vielleicht wollte ich auch nicht aufhören, zu schreiben. Ein Ende hätte ja bedeutet, dass ich nicht mehr über unsere Unterhaltungen schreiben kann.“
Mann im Ohr: „Eigentlich sind es immer Anfänge. Und wahrscheinlich sogar oft welche, die nicht gut enden. Aber wenn man sie als Ende darstellt, können die Menschen glauben, dass alles auf Dauer gut ist. Und dieses Gefühl mögt ihr.“
Ich: „Ja, das mögen wir. Deswegen hören Filme und Bücher mit einem Kuss auf und mit einer Hochzeit in weiß, aber nie mit der Frage, wer den Müll runter bringt.“

Mann im Ohr: „Ich glaube auch nicht, dass das mit Jasper ein Ende war. Eure Geschichte ist noch nicht vorbei.“

Ich weiß, dass das von mir abhängt. Wenn ich ganz viel Glück habe, meldet er sich nie wieder. Wahrscheinlich ist das nicht. Wenn sich alles beruhigt hat zuhause, wenn er sich wieder langweilt, wenn er bemerkt hat, dass es nicht so leicht ist, eine Geliebte zu finden, die mehr ist als nur fürs Bett und die keine Forderungen stellt, was das Verlassen der Familie betrifft, wenn er sich ungeliebt fühlt und Bestätigung sucht, dann wird er sich an mich erinnern.

„Und dann kannst du ein richtig schönes ‘Happy End’ schreiben.“

Mein Ego wünscht sich, dass er sich meldet. Mein Herz fürchtet, dass es verletzt wird. Und mein Verstand schweigt.

Gott und die Welt

Wenn ich gefragt werde, worüber ich blogge, sage ich meist irgendetwas, das ‘Gott und die Welt’ enthält. Diese Woche ist mir klargeworden, dass das nicht stimmt. Und dass kein Zeitpunkt so gut passt, Gott hier zu thematisieren, wie diese Woche.

Ich höre ein empörtes „Über Politik willst Du nicht schreiben, damit Dir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Meinst Du nicht, Religion ist da bei weitem gefährlicher?“.

Ist mir egal. Ich hatte diese Woche gleich zwei Streitgespräche zum Thema Religion. Beide mit relativ viel älteren, männlichen Atheisten. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Alter und dem Geschlecht eine Rolle spielt.

„Klar tut es das. Du ziehst in letzter Zeit diesen Typ Mann magisch an. Männlich, alt, erfolgreich, besserwisserisch. Die fahren total ab auf so ein Mäuschen, dem sie die Welt erklären können.“ höre ich zwischen meinen Ohren.

Das eine war kein richtiger Streit. Ich habe zu Paul, dem Pessimisten, gesagt, er solle doch mal ein bisschen Gottvertrauen haben. Und dann hat er mir erklärt, das sei ein ganz schlechtes Thema, er sei ungläubig und wenn das bei mir anders sei, sollten wir lieber über andere Dinge sprechen. Ich habe dann noch ein paar Fragen gestellt, kritische Antworten erhalten und das Gespräch verlief schließlich ganz entspannt weiter.

Mit Johann sah das schon anders aus. Er hat mich in ziemlich aggressivem Ton gefragt, wie mein erstes Gebot laute.

„Du solltest Deinen Lesern vielleicht noch mitteilen, dass Du Katholikin bist. Keine gute, denn Du gehst viel zu selten in die Messe und warst skandalös lange nicht bei der Beichte, obwohl mir da so einiges einfallen würde…“ brummt es.

Jedenfalls wusste ich aus Johanns Vorrede schon, worauf er hinauswollte und habe mich gefragt, ob das sein Ernst ist, dass er jetzt schullehrerhaft die zehn Gebote abfragt. Er hat sich seine Frage zum Glück selbst beantwortet: ‘Du sollst keine anderen Götter haben neben mir’. Dieser Satz ist in seinen Augen verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Er hat mir erklärt, dass alle, die Juden, Muslime und die Christen wegen dieses Gebots für das Schlechte in der Welt verantwortlich seinen. Weil wir ständig missionieren wollten. Der ganze Terror käme nur daher.
Johann behauptet von sich selbst, wenig emphatisch zu sein.

Mann im Ohr: „Er ist nicht nur wenig emphatisch, ich finde ihn auch dumm.“
Ich: „Wieso dumm? Dann wäre er nicht so erfolgreich.“
Mann im Ohr: „Dummheit und monetärer Erfolg schließen sich nicht aus. Man sagt doch, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben?“
Ich: „So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber sonderlich argumentationsstark ist er nicht. Er ist es eben gewöhnt, dass Leute ihm glauben, weil er Chef ist. Wer Macht hat, braucht keine guten Argumente.“

Meinen Hinweis auf das fünfte Gebot ‘Du sollst nicht töten’ hat er weggewischt mit dem Satz „Ihr haltet Euch ja alle nicht dran, da muss man nur die Realität betrachten!“.
Ich habe es noch versucht mit ‘Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen’ und dass eine Tötung in seinem Namen immer ein Verstoß gegen Gebot Nummer zwei sei. Auch das kam nicht an. Es folgte noch einiges à la „Ein intelligenter Mensch kann doch nicht an etwas glauben, dessen Existenz nicht bewiesen ist.“ und der Hinweis, dass er nicht gegen den Glauben an sich sei, sondern nur gegen meine Institution Kirche, und dass von der nun mal alles Übel ausgehe. Dass der Terror dieser Welt nur möglich sei, weil Leute gläubig seien und versuchen würden, andere zu missionieren.

Jemand meldet sich. „Das meinte ich mit dumm! Wenn jemand tatsächlich den Glauben verantwortlich macht für Dinge wie Selbstmordanschläge, dann müsste er konsequenterweise den Glauben verteufeln und nicht nur die Institution Kirche, richtig?“
Ich: „Richtig. Es sei denn, er heißt Selbstmordanschläge gut.“
Mann im Ohr: „Dann müsste er sich aber nicht über den Terror beklagen.“

Alles Positive wurde vom Tisch gewischt. Im Christentum solle man nur seinen nächsten Christen lieben, nicht jeden Nächsten. Das hat Johann ernsthaft so gesagt. Obwohl es heißt ‘Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ und nicht ‘Liebe Deinen Glaubensbruder wie Dich selbst’. Da ist nicht viel Raum für Interpretation.

Mann im Ohr: „Johann war Dein Nächster in dem Moment. Hast Du Dich dran gehalten?“
Ich: „Du bist gemein. Auf wessen Seite stehst Du 
eigentlich?“

Dass das Judentum keine missionierende Religion ist, habe ich runtergeschluckt und stattdessen gesagt, dass ich jetzt lieber gehe. Was kommentiert wurde mit „Das ist ja ein tolles Beispiel für Toleranz und Nächstenliebe.“.
Eigentlich hatte ich versprochen, während seiner Dienstreise die Blumen zu gießen.

„In Sachen Nächstenliebe ist bei Dir noch Luft nach oben. Ist doch gut, da hast Du ein Entwicklungsfeld. Und das mit der rechten Wange hast Du auch noch nicht verinnerlicht.“

Nur weil ich katholisch bin, lasse ich mich noch lange nicht beschimpfen. Ich habe in meinem Leben nie versucht, irgendwen zu missionieren. Ich bin in vielen Dingen sehr tolerant und mit mancherlei Engstirnigkeit meiner Kirche nicht glücklich. Ich kann meinem Glauben mehr Gutes als Schlechtes abgewinnen. Ich stehe hinter den Werten meiner Kirche, auch wenn ich mir mehr Toleranz gegenüber Schwulen und eine Aufhebung des Zölibats wünschen würde.
Meine gesamte Familie ist katholisch und es sind beinah alle Ausprägungen vorhanden: die strenge Rosenkranzbeterin ebenso wie die zwar getaufte, aber Ungläubige. Und viele irgendwo in der Mitte dazwischen. Wir alle sind mit dem Glauben und Werten wie Toleranz und Nächstenliebe großgeworden.

Am deutlichsten wird das bei meiner Schwester Sophie. Ich bin unglaublich stolz auf sie, weil es ihr gelingt, Frieden zu stiften. Klingt geschwollen, stimmt aber.
Sie ist Grundschullehrerin in einem Problembezirk. In ihrer Klasse ist ein christliches Kind und viele muslimische aus unterschiedlichen muslimischen Strömungen. Ebenso atheistische Kinder. Keines ist katholisch. Sophie hat katholische Religion studiert. Und vermittelt mit einer Hingabe zwischen den Glaubensrichtungen, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie verbietet ihren Kindern, Fußball ‘Christen gegen Muslime’ zu spielen. Das war auf dem Mist von Erst- oder Zweitklässlern gewachsen. Sie hat das zum Anlass genommen, Konflikte zwischen den Religionen zu thematisieren. Sie hat ein Stoffschwein als Klassenschwein etabliert und mit allen Kindern erarbeitet, warum dieses Tier in manchen Kulturen als ‘unrein’ empfunden wird. Die muslimischen Kinder reißen sich um dieses Tier und kuscheln inzwischen mit ihm. Im letzten Ramadan hat sie einen ‘Ramadan-Kalender’ für die Kinder gestaltet. Er hatte die Form eines Kamels und enthielt für jeden Tag Schokolade und im Wechsel je einen Spruch aus dem Islam, dem Christen- und Judentum, der dann besprochen wurde. Sie hat mit ihren Kindern eine Moschee besucht, eine Kirche und eine Synagoge. Sie bringt ihnen bei, dass es Widersprüche zwischen und innerhalb der Religionen gibt. Dass man Widersprüche auch mal aushalten muss und sie Anlass zum Nachdenken und Reden sein sollten, aber niemals zu Gewalt. Ich glaube, dass sie mit ihren Gesprächen mit den Kindern mehr für den Weltfrieden tut als jeder Talkshowgast oder Politiker, der für Toleranz wirbt. Ihre Kinder gehen nach Hause und erzählen ihren Eltern und Freunden davon, was sie gelernt haben. Ich glaube, wenn jedes Kind eine solche Lehrerin hätte, bräuchten wir uns über Terror in der Zukunft wesentlich weniger Gedanken zu machen.

Ich finde, man muss Religion kritisch hinterfragen, egal welche. Und man darf über sie lachen. Sophie und ich haben uns den Bauch gehalten, als das atheistische Känguru von Marc-Uwe Kling uns erklärt hat, dass die Bibel als Schurkenroman zu lesen sei. Es findet, wenn Gott der Böse ist, ergibt alles plötzlich einen Sinn.

„Aber die, die gelungen die Religion auf die Schippe nehmen, haben sich meist auf sehr intelligente Art mit ihr auseinandergesetzt. Das war bei Johann nicht so.“

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn meine Intelligenz in Frage gestellt wird, weil ich gläubig bin. Vor allem, wenn dieses Ist-doch-alles-nicht-bewiesen-Argument kommt. Wenn ich Beweise hätte, wäre glauben ja überflüssig.
Ich weiß im Übrigen ja auch nie, ob mein Partner treu ist. Beweisen kann ich Untreue, auf seine Treue muss ich vertrauen. Das tun viele, auch Atheisten. Und keiner käme auf die Idee, sie deswegen zu beschimpfen.

Mann im Ohr: „Könnte man sagen, dass Nichtwissen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Glauben ist?“
Ich: „Wenn man ein Klugscheißer wäre und obendrein noch Jurist, würde man das wahrscheinlich so ausdrücken.“

Ich bin ein Wüterich

Das hat mir neulich jemand gesagt.

„Recht hat er.“, murmelt es.
Ich muss dem kleinen Mann insgeheim zustimmen.
Trotzdem frage ich: „Warum hast Du mir das nie gesagt?“
Mann im Ohr: „Ich kannte das Wort nicht.“
Ich: „Es klingt ein bisschen nach Rumpelstilzchen. Nach jemandem, der mit dem Fuß aufstampft und rot wird vor Wut.“
Mann im Ohr: „Deswegen passt es ja so gut.“

Mir bleibt ganz kurz die Luft weg und ich werde rot. Einatmen. Ausatmen. Nicht aufstampfen.

Ich habe eben gelernt, mich zu streiten. Als ich noch als Juristin gearbeitet habe, war ich privat geradezu harmoniesüchtig. Den ganzen Tag beruflich zu diskutieren hat mir gereicht. Wenn ich abends nach Hause kam, wollte ich Harmonie. Sonst nichts.

Seit ich meinen jetzigen Job habe, darf ich nicht mehr streiten. Bei uns wird Feedback-Kultur großgeschrieben. Wichtigste Regel dabei: auf keinen Fall ehrlich sein. Es muss vorher weichgespült werden. Richtig und falsch gibt es nicht. Pro und Contra auch nicht. Positiv und ‘Delta’ darf man sagen. Die positiven Punkte sollten die negativen unbedingt überwiegen.

Mann im Ohr: „Und wenn es mal keine positiven Punkte gibt?“
Ich: „Dann denkt man sich welche aus.“

‘Sandwich-Technik’ ist das Zauberwort.

Mann im Ohr: „Ist Sandwich nicht das, wo die Frau in der Mitte zwischen zwei Männern…?“
Ich: „Das ist ein Teekesselchen.“
Mann im Ohr: „Einen Dreier nennt man Teekesselchen?“
Ich: „Nein.“
Mann im Ohr: „Was ist dann dieses Teedings?“
Ich: „Das ist nicht so wichtig. So nennt man etwas mit mehreren Bedeutungen.“

Zurück zum Thema. Was ich als argumentationsfreudig bezeichnen würde, finden manche meiner Kollegen streitlustig, andere rechthaberisch. Deswegen halte ich mich – für meine Verhältnisse – extrem zurück. Das bemerkt allerdings niemand, weil meine Kollegen keinen Vorher-Nachher-Vergleich hatten.

Ich sehne mich nach den Zeiten, in denen ich mich mit Pepe ‘gestritten’ habe. Pepe ist der einzige richtige Name hier. Da es ein Spitzname ist, der mit seinem richtigen Namen zumindest augenscheinlich nichts zu tun hat, geht das hoffentlich in Ordnung. Pepe war so unbarmherzig wie witzig und so klug wie entspannt. Er hat in meinen Aktenvorträgen nicht nur auf den Inhalt geachtet, sondern auch die überflüssigen Füllworte gezählt. Für jedes ‘äh’, ‘halt’ oder ‘eben’ gab es einen Strich und die Striche hatten gefälligst von Vortrag zu Vortrag weniger zu werden. Bei gleichbleibendem inhaltlichen Niveau. Nachdem er mich so richtig in die Zange genommen hatte, haben wir über Gott und die Welt geredet oder sind ein Bier oder einen Kaffee trinken gegangen. Meist mit anderen streitlustigen Kommilitonen.

Mir fehlt dieses sich erst zu Tode argumentieren und dann entspannt plaudern. Eine gewonnene Argumentation mit einem starken Gegner hebt meine Laune wie sonst kaum etwas. Ja, Gegner. Ich rede auch gern von Parteien. Ich liebe Wortgefechte. Ich brauche sie zum glücklich sein. Früher war mir nicht klar, dass so etwas nur mit einem bestimmten Typ Mensch geht. Viele nehmen einem leidenschaftlich vorgetragene Gegenargumente persönlich krumm.

Und irgendwie hat es sich eingeschlichen, dass ich, was ich mir beruflich verkneife, privat austrage. Das wiederum bekommt mir nicht. Denn privat kann man so schlecht den Schalter wieder auf ‘friedlich’ umlegen. Ein Ex-Freund hat mal gesagt, ich klänge immer, als sei ich im Gerichtssaal. Aber das zwischen uns sei kein Prozess und wir keine Gegner. Er hatte so recht damit.

Aber: Ich liebe Menschen, die Positionen vertreten. Selbst wenn ich die noch so absurd finde. Die den Mut haben, dagegenzuhalten. Mit Argumenten, nicht aus Prinzip. Die mich immer wieder in Frage stellen. Die Standhaftigkeit beweisen gegenüber ihren ‘Gegnern’. Die mich herausfordern.

Suche ich insgeheim einen ‘Gegner’ und keinen Partner? Kann ein Partner beides sein? Muss er für mich beides sein, damit ich glücklich sein kann?

Ich bin picky

Mein erstes Tinder-Date hat zum Schluss unseres Dates gemeint „Du bist schon picky, oder?“ Ich war völlig von den Socken. Erst sagt er mir, dass ich viel hübscher bin als auf den Bildern und dann das? Wir haben kaum 5 Sätze miteinander geredet, aber er hat die Essenz meines Charakters erkannt. Und den Mut, das auszusprechen. In mir streiten zwei Gefühle: Ich bin beeindruckt. Und irgendwie finde ich es frech. Er kennt mich doch gar nicht.
Ein Mann sollte genau so sein – verstehen, was ich für ein Mensch bin und mir von Zeit zu Zeit den Spiegel vorhalten. Er hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, es ist einfach eine Feststellung. Wenn er jetzt noch gut aussähe und es nicht hinterher mit diesem furchtbaren „Das war´s dann.“ versaut hätte, wäre er ein prima Kerl.

Mann im Ohr: „Und wenn er nicht bei Tinder wäre.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Du hast insgeheim jeden Mann bei Tinder als potentiellen Partner ausgeschlossen.“
Ich lasse mir den Gedanken durch den Kopf gehen. Wenn ich ehrlich bin, unterstelle ich Menschen, die tindern, dass sie oberflächlich sind und nicht an einer Partnerschaft interessiert. Und es schon „sehr nötig“ haben müssen.
Mann im Ohr: „Was Du hier betreibst, ist zumindest für die Partnersuche völlige Zeitverschwendung.“
Das erinnert mich an Peter, den ich inzwischen ein zweites Mal getroffen habe. Er hat mich beim ersten Date gefragt, ob er jetzt also nur ein Recherche-Objekt sei. Ich habe nicht allen Männern, aber allen, die mich gefragt haben, offen gesagt, dass Recherche ein Grund war, Tinder zu installieren. Und dass ich darüber schreiben werde. Ich hätte es allen gesagt, aber zum Teil fehlte einfach der Aufhänger. Auf die Frage, was mich denn zu Tinder gebracht hat, ging es mir ganz leicht über die Lippen.
Ursprünglich wollte ich gar nicht bloggen, sondern die Inhalte in einen Krimi einfließen lassen. Aber ich wusste ja auch nicht, was das für Gedanken lostreten würde.
Mann im Ohr: „Tinder bringt Dir nichts außer Input für diverse Projekte.“
Ich: „Das klingt, als würde ich die Männer nur benutzen.“
Mann im Ohr: „Es klingt nicht nur so.“
Diesmal widerspreche ich. „Ich hatte wirklich schöne Abende und tiefgründige Gespräche. Und gestern erst hat mir einer von denen, einer der meinen Blog liest und meine doppelte Absicht kennt, gesagt ‘Es ist keine Zeitverschwendung, hier mit Dir zu sitzen.’.“

Ich war schon immer picky. Nicht in einem Prinzessinnen-es-ist-nichts-gut-genug-für-mich-Sinne. Ich weiß einfach ganz genau, was ich will oder warte, bis es soweit ist. Ich schaffe mir nichts an, wenn ich nicht 100%ig davon überzeugt bin, dass es zu mir passt.

Am besten kann ich das am Beispiel meiner Wohnungseinrichtung erklären. Ich bin in eine wunderschöne Wohnung eingezogen, die um einiges größer ist als meine vorherige. Ich hätte in irgendein Möbelhaus fahren können, um alles zu kaufen, was ich brauche. Aber das ist nicht mein Ding. Ich hatte einfach noch kein Sofa gesehen, was mich wirklich überzeugt hat. Bei Deckenlampen waren es gleich mehrere, die ich gut fand: Tilt und Caravaggio. Dann bin ich Secto begegnet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Bauch sich für Caravaggio entschieden hat. Secto kommt dafür ins Schlafzimmer. Glaube ich. Mal sehen. Ich habe ein halbes Jahr ohne Sofa und 2 Jahre ohne Leuchten über meinem Esstisch gelebt. Dafür habe ich mir eine wunderschöne Biedermeier-Kommode angeschafft, die nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ich habe sie gesehen und wusste sofort „Die steht hier und hat nur auf mich gewartet.“. Wenn mir mein Gefühl nicht sagt „Das ist es!“ und in meinem Bauch nicht dieser kleine Hüpfer entsteht, kann ich mich nicht zu einer Anschaffung durchringen. Es gibt Leute, die sich „erst mal“ was von Ikea kaufen und es dann austauschen, wenn sie „das richtige“ gefunden haben. Auch das ist nicht mein Ding. Ganz oder gar nicht. Lieber lasse ich den Flur leer, als dass ich mir ein Sideboard kaufe, das sich „nicht richtig anfühlt“.

„Lieber lebst Du enthaltsam, als mit dem falschen Mann zu …“
Ich unterbreche ihn: „Findest Du das falsch?“
„Es geht nicht um richtig oder falsch.“
„Es geht hier um Deine Interessen. Du willst, dass ich mal wieder…“
„Es ist dann so schön ruhig hier oben. Du hörst auf zu denken. Du denkst echt über jeden Scheiß nach.“

Er hat recht. Gestern habe ich mich gefragt, wie solche Bilder wie von Fabian wohl entstehen. Ob er sich wohl ohnehin mit sich selbst beschäftigt hat und zwischendrin dachte ‘Ich mal ein Foto’? Unwahrscheinlich, das Denken ist in so einer Situation ja eher eingeschränkt meines Wissens. Das hieße, dass er mir ein Foto schicken wollte und nur für mich… „Du fühlst Dich geschmeichelt, wenn ein Mann sich ‘für Dich’ einen runterholt?“ Ich werde rot. Unfassbar, was so alles das eigene Ego streichelt. „Vielleicht sind deshalb so viele Menschen bei Tinder? Weil die Matches und alles, was daraus folgt, irgendwie das Ego pimpt? Und gar nicht, um einen Partner zu finden?“ 
Er antwortet nicht mehr. Ich glaube, er ist eingeschlafen.

Ich bin gemein

Ene fiese Möpp, wie man hier im Rheinland sagt. Das klingt schon viel netter.

Auf Nettigkeit lege ich viel wert, nicht nur bei mir selbst. Ich mag nette Menschen und will einen netten Mann. Nett ist nicht die kleine Schwester von irgendwem. Wären alle Menschen nett zueinander, wäre die Welt ein besserer Ort.
Mal ehrlich, es weiß doch keiner, was bei anderen Menschen das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ja der Nachbar, der schon wieder nicht gegrüßt hat. Nett sein schadet garantiert nicht. Aber irgendwie ist es nicht mehr en vogue. Ich sage Menschen immer, wenn sie mir als besonders nett auffallen, weil ich das wichtig finde. Von Männern wird das oft geradezu als Beleidigung aufgefasst. Als wäre das die selbe Schublade wie impotent.

Unter meinem Tinder-Bild stand: „BE NICE – It´s a small world.“

Aber heute bin ich fies. Gleich mehrmals.
Ein Typ hat mich angeschrieben mit „Hey“. Einfallslos! Ich schreibe zurück „Hey“. Soll er mal Spiegel vorgehalten bekommen. Es folgt ein „Guten Morgen“ und von mir ebenfalls ein „Guten Morgen“. Das geht mit „Guten Abend“ so weiter. Ich hätte einfach nicht zurückschreiben können. Oder ihm sagen, dass ich das einfallslos finde. Stattdessen habe ich zurückgeechot. Und dann einen Screenshot der Konversation gemacht und an meine Nachbarin geschickt. Mit so einem Smiley, der Tränen lacht. Pfui.

Aber das war noch harmlos. Ich schreibe schon länger mit Fabian. Er wohnt in München und Köln und wenn er das nächste Mal hier ist, woll(t)en wir uns treffen. Er schreibt mir seit Tagen, wie wahnsinnig hübsch er mein Gesicht findet. Und ich freu mich drüber. Das pimpt mein Ego so schön.
Heute hat er geschrieben: „Ich finde Dein Gesicht so geil. Soll ich Dir mal zeigen, was passiert, wenn ich Deine Bild angucke? Hab ich extra für Dich fotografiert.“
Nur für´s Protokoll: er hat von mir ausschließlich Bilder, auf denen ich sehr angezogen bin. Meine Antwort lautet: „Lieber nicht.“
Er: „Aber ich hab´s extra nur für Dich fotografiert.“ Das geht eine Weile so hin und her. Dann schreibe ich: „Tu was Du willst. Aber erwarte nichts im Gegenzug.“ Deshalb machen Männer das doch. Oder? Aber so was habe ich noch nie gemacht.

Das mit der Reziprozität funktioniert bei mir nicht. Ich liebe dieses Wort. Es klingt oberschlau. Mein Chef hat mir das mal beim Mittagessen erklärt. Wir waren beim Thema „sich von Männern einladen lassen“. Er erklärt uns komplizierte Dinge gern an einfachen Sachverhalten. Und seit er gekündigt hat, ist er viel entspannter. Da hat er doch tatsächlich mal zu mir gesagt, es gäbe ja auch viele Männer, die ich „mit dem Arsch nicht angucken“ würde. „Woher er das wohl weiß?“ murmelt es über meinem Ohrläppchen.
„Ich finde es komisch, dass er mit uns über so was redet, wir ihn aber nicht mal duzen dürfen.“

Während ich noch denke, sind zwei Bilder angekommen. Bilder seines erigierten – wie sagt man das in so einem Blog?
Ich antworte nicht. Nach ein paar Minuten folgt: „Macht Dich das an?“
„Nein!“ Ich google „Warum Männer Penis-Selfies verschicken“ und schicke ihm einen Link. Ich höre den Mann im Ohr flüstern „Bitch.“ Fabian schreibt: „Das spricht ja irgendwie für Dich.“ und dass das mit uns ja schon was werden könnte.

Etwas später komme ich auf die Idee, dass man, also ich, wenn ich es drauf anlegen würde, viel mehr solcher Bilder bekommen könnte. Und sich die toll in einer Ausstellung machen würden. Bilder in 1:1-Größe mit der entsprechenden Konversation daneben. In Düsseldorf war neulich eine Ausstellung „Ego Update“. Es ging um Selfies.
Ich erörtere das mit Freunden beim Italiener in Düsseldorf. Einer kommt auf die Idee für den Titel: „Ego Update 2.0“. Und eine Freundin schlägt vor, noch zu analysieren, was sich der „Künstler“ dabei gedacht hat.

Das einzig Gute, was ich heute über mich sagen kann: Ich habe die Bilder niemandem gezeigt. Und sie umgehend gelöscht.

Ich will geliebt werden

Ich hatte wirklich versucht, mir einzureden, Tinder sei schuld. Bis ich an den Fremdgänger von Tag 1 denken musste. Eigentlich ist Tinder nur ein Tool, das es uns leichter macht, ein Arschloch zu sein. Aber damit ist Tinder nicht allein. Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die ganze Scheiße denke, die über soziale Medien verbreitet wird.

„Kein Mann will eine Frau, die Arschloch und Scheiße sagt.“ Ich habe mir noch nicht mal die Zähne geputzt und höre schon Stimmen. Die Bemerkung, dass ich das gedacht und nicht gesagt habe, verkneife ich mir.
Ich: „Ich glaube, es gab noch nie so viel technischen Support zum Fremdgehen und gemein sein wie heute.“
Mann im Ohr: „Aber Ihr Menschen habt Euch nicht geändert. Die Phänomene sind schon immer die selben. Sie haben heute nur schickere Namen.“ Da ist was dran.

Ich mache mich an die Arbeit. So fühlt es sich jedenfalls an. Dating ist anstrengend. Nachdem ich meine Männer priorisiert habe, verabrede ich mich mit Carl. Er hat mich schon mal angerufen und wirkt sympathisch. Wir treffen uns nachmittags, er sieht aus wie auf den Bildern. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv, nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, beruhigend normal. Es funkt nicht, aber er ist wirklich nett und wir unterhalten uns gut.

Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl hinterher. Ich kann nicht einschätzen, ob er Interesse hat oder nicht. Er wirkte überhaupt nicht begeistert. So neutral. Aber er hat Fragen gestellt und Dinge gesagt, die irgendwie interessiert klangen. Irgendwas passt da nicht. Mein Bauch zieht sich komisch zusammen.

Ich: „Hast Du das auch gemerkt? Dass da was komisch ist?“
Mann im Ohr: „Es geht nicht um Dich.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Er hat eine Vision. Von einem Leben mit einem gutgezahlten Job, einem eigenen, schönen Haus in der Nähe seiner Familie, mit seinen Freunden, einer Frau und Kindern.“
Ich: „Ja, das hat er gesagt. Er hat uns sogar die Fotos gezeigt. Mir gefällt sein Einrichtungsstil nicht. Aber das erklärt nicht mein Gefühl.“
Mann im Ohr: „Er hat alles. Den Job, das selbst ausgebaute Haus, Mama in der Nähe und den Freundeskreis.“
Ich: „Nur die Frau fehlt noch.“
Mann im Ohr: „Er hatte eine Checkliste dabei.“
Ich: „Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
In meinem Kopf seufzt es: „Dummerchen. Im Kopf. Er hat Dir ganz gezielt Fragen gestellt, um zu prüfen, ob Du ins Profil passt. Kinderlieb? Ein Must. Kochst Du gut und gern? Ein Nice-to-have, vielleicht ein Must. Ist Dir Dein Job wichtiger als Dein Privatleben? Ein No-go. Würdest Du wegziehen für einen besseren Job? Ebenfalls ein No-go. Willst Du Kinder? Ein Must.“
Ich: „Das klingt nach einem Bewerbungsgespräch, nicht nach einem Date.“
Mann im Ohr: „Es war eins.“
Ich: „Es war ihm ganz wichtig, dass ich keine Kinder aus meiner Ehe habe.“
Mann im Ohr: „Er hat auch gesagt, dass es da diese Süße aus seinem Bekanntenkreis gibt, die aber nicht in Frage kommt, weil sie alleinerziehende Mutter ist.
Ich: „Das würde nicht in seine Vision passen.“
Mann im Ohr: „Seine zukünftige Frau soll sich in sein Leben einfügen. Das ist schwierig, wenn man schon ein eigenes hat.“

Ich: „Es geht hier weder um Gefühle noch um mich, oder?“
Mann im Ohr: „Ihm fehlt nur das letzte Puzzlestück, um sein Bild von einem perfekten Leben zu vervollständigen.“

Das kenne ich sonst nur von Frauen. Dabei scheint das so ungewöhnlich nicht zu sein. Ich finde einen Artikel in der Süddeutschen dazu: Die Muttersucher.
Ein Mann soll mich wollen. MICH. Und mich lieben, wie ich bin. Und dann Kinder mit mir wollen. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen.
Die Reihenfolge ist mir wichtig. Wenn ich nur ein Punkt auf seiner Checkliste bin, wird es nicht halten. Dann werde ich ausgetauscht, wenn ich nicht performe. Wenn ich nicht schwanger werde oder das Essen versalze.
„Du würdest niemals das Essen versalzen. Dein Essen ist Bombe.“ Ich muss grinsen. Mit Komplimenten wickelt man mich ganz schnell um den kleinen Finger. „Wenn ich nur jemanden finden würde, für den ich überhaupt kochen will. Für jemanden, dem es nur um das eine geht, sicher nicht.“ Der Mann im Ohr kichert. „Um was jetzt?“

Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.