Back to the roots

Ich sitze hier mal wieder an einem Sonntag morgen. Wach bin ich seit 5:30 Uhr. Hatte ich schon erwähnt, dass die Sache mit Ben unter anderem daran gescheitert ist?

Unsere Hochzeitsreise lief ungefähr so:
Ich wache um 6 Uhr auf und bin hellwach. Am liebsten würde ich über Ben herfallen, aber er schläft noch tief und fest. Lesen wäre eine Alternative – aber Licht anmachen ist doof, dann wird er wach und bekommt schlechte Laune. Hätten wir doch nur eine Suite mit mehreren Zimmern gebucht. Also gut, ich gehe schwimmen.
Nach einer Stunde im Pool mache ich ganz leise noch ein bisschen Bauch, Beine, Po. Ohne Licht. Ich schleiche mich ins Bad und dusche. Es ist jetzt ungefähr 8 Uhr. Nach dem Duschen noch Schönheitsprogramm, sonst bekomme ich die Zeit bis zum Frühstück nicht rum. Irgendwann stehe ich vor dem Bett. Mir reicht´s. Ich bin seit vier Stunden auf, meine Haut strahlt, meine Füße sind pedi- und meine Hände manikürt, meine Haare duften und mein Körper ist trainiert wie selten. Und da liegt einer und pennt und würdigt das kein Stück. Ich lege mich daneben und stupse ihn an. Hilft nicht, kenne ich schon. Küsse sind vergebene Liebesmüh – jedenfalls zum Wecken. Nach 8 1/2 Jahren zieht nicht mal mehr ein Blowjob. Jedenfalls nicht, wenn die Alternative süße Träume sind. Mein Magen knurrt. Ich bin sauer. Das ist verdammt noch mal meine Hochzeitsreise. Und unser erster Urlaub zu zweit, seit wir uns kennen. Ich will was vom Tag haben, aber der ist schon halb rum. Alle Leute frühstücken. Alle! Ich rüttle an Ben und sage „Aufstehen, ich will frühstücken.“. Er dreht sich rum und grummelt irgendwas, das klingt wie „Noch ein bisschen.“. Um 11 sitzen wir am Frühstückstisch. Meine Laune ist im Keller. Ben sagt „Ich würde so gern neben Dir aufwachen. Ist doch unsere Hochzeitsreise. Das ist total unromantisch, dass Du immer so früh auf bist.“. Ich atme ganz tief ein uns aus und dann implodiere ich. Ist ja unsere Hochzeitsreise und ich will nicht unromantisch sein.

Mann im Ohr: „Warum heißt der Post ‘Back to the roots’?“
Ich: „Ich habe so lange nicht über Männer geschrieben und da dachte ich, ich schreibe vielleicht mal wieder über ein Date, das nicht stattgefunden hat.“
Mann im Ohr: „Ist Dir gelungen.“
Ich: „Es ist noch nicht mal acht und Du meckerst schon an mir rum.“
Mann im Ohr: „Das wird sich Ben auch gedacht haben in Eurem einzigen Urlaub.“

Stimmt. Aus Ben´s Sicht war das wahrscheinlich eher so:
Ich bin noch nicht mal wach und meine Frau keift schon in mein Ohr, dass sie hungrig ist und ich endlich aufstehen soll. Ich würde jetzt gern über sie herfallen. Sie riecht so gut und so sommergebräunt ist sie unglaublich sexy. Aber wenn ich ihr damit jetzt komme, rastet sie völlig aus. Wenn sie Hunger hat, ist nicht mit ihr zu spaßen. Vielleicht wird es ja später was. Unwahrscheinlich. Tagsüber will sie an den Strand oder etwas unternehmen oder lesen und abends fällt sie tot ins Bett, weil sie seit 6 Uhr auf ist. Na ja, jetzt erst mal ganz entspannt frühstücken, dann bessert sich ihre Laune hoffentlich.

Mann im Ohr: „Welches Date meinst Du? Du hattest so viele Nicht-Dates.“
Ich: „So viele waren das gar nicht. Aber es gab, glaube ich, mehr Dates, die nicht stattgefunden haben als ‘richtige’ Dates.“ 

Ich meinte das Date mit Joshua.

Joshua klang nett. Und wollte ‘was Ernstes’. Wenn man sich denn versteht, versteht sich. Der Termin für unser Date stand schon. Dann schrieb er plötzlich Fragen wie „Trägst Du eigentlich Nylons?“. Eigentlich weiß man bei so einer Frage gleich, wie das weiterläuft. Dementsprechend garstig habe ich reagiert. Allerdings fühlen sich manche Männer ja durchaus angezogen von widerborstigen Frauen. Jedenfalls äußerte er den Wunsch, ich möge doch bitte zu unserem ersten Date einen Rock, Nylons und ‘die braunen Stiefel da’ tragen. Da war ich nicht umsichtig gewesen. Ich hatte ihm ein Selfie geschickt, das in meinem Zimmer aufgenommen ist. Darauf bin ich in Jeans und T-shirt zu sehen und in der Zimmerecke stehen braune Lederstiefel. Um sicherzustellen, dass das Outfit auch seinen Vorstellungen entsprechen würde, schickte Joshua noch einige Links. Von Wolford und Gerbe. Wolford kennt man ja. Als Frau jedenfalls. Gerbe sagte mir nichts. Auf der Website steht ‘Preciously handmade in France. Since 1904’. Aha. Teuren Geschmack hat der Gute.

Ich habe geantwortet, dass ich prinzipiell trage, worauf ich Lust habe. Na ja fast. Der einzige, der da ein bisschen mitreden darf, ist mein Chef. Der hat zwar auch schon mal eine Erwartungshaltung geäußert, die mir nicht geschmeckt hat. Aber die war doch nachvollziehbar begründet und wesentlich angemessener als das. Nach Nylonstrümpfen hat er noch nie gefragt.

Darauf kamen von Joshua noch mehr Fotos von Frauen in hübschen Strümpfen und etwas, das man fast schon als Betteln bezeichnen muss.

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich antworten sollte. Am besten gefiel mir, worauf mein Bauch spontan hüpfte: „Nylons kosten extra.“. Ich glaube wirklich, er war so heiß darauf, mich in diesen Strümpfen und den braunen Stiefeln zu sehen, dass wir ein Geschäft daraus hätten machen können. Da bekommt der Ausdruck ‘Marktwert testen’ eine ganz neue Bedeutung.
Aber dann habe ich eine Stimme in meinem Kopf gehört: „Wie muss man sowas eigentlich versteuern?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Und dann dachte ich, irgendwie lassen wir das Ganze doch besser.

Zu nett ist auch nichts

Ich sitze mit meinem Café Latte am Tisch und habe meine Stirn in Falten gelegt. Wäre Ben jetzt hier, würde er was sagen. Er hat mir schon vor acht Jahren verboten, meine Nase zu kräuseln. Weil das keine Anti-Falten-Creme je wieder wett machen könnte. Einmal hat er gefragt, ob ich eigentlich diese Anti-Cellulite-Creme noch benutze. Auf meine Verneinung kam ein „Sieht man.“. Ich hätte ihn umbringen können. Habe mich auf ihn gestürzt und ihm gesagt, was für ein unverschämter Arsch er ist. Aber noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, haben wir Dinge getan, bei denen wir sowohl den Streit als auch die Cellulite ganz schnell vergessen haben.

Wie kam ich da jetzt drauf? „Du brauchst einen Mann, an dem Du Dich reiben kannst. Der Dich herausfordert. Der Dich trotz Deiner Macken liebt. Deshalb kamst Du drauf. Aber eigentlich wolltest Du über Guiseppe schreiben.“ Ach ja. Guiseppe.

Er war einer der ersten, der mich über Tinder angeschrieben hat. Als ich endlich Zeit hatte, mich zu treffen, war meine Tinder-Zeit eigentlich schon vorbei. Trotzdem kann man sich den ja mal anschauen, dachte ich. Das habe ich getan, zwei mal schon, tagsüber.

Guiseppe ist nett. „Kommt irgendein Wort häufiger vor in diesem Blog?“ Der kleine Mann beginnt, zu zählen. Damit wird er eine Weile beschäftigt sein.

Jedenfalls halte ich Guiseppe, soweit ich das beurteilen kann, für einen anständigen, ehrlichen Kerl. Er kocht hervorragend, sieht ganz gut aus, ohne ein Schönling zu sein, ist groß und immer gut angezogen. Er ist ein Familienmensch. Seine Familie kommt aus Sizilien und zum Teil aus Frankreich. Er ist braungebrannt. Zur Zeit ist er freigestellt, bekommt von seiner Firma eine vermutlich großzügige Abfindung und orientiert sich gerade beruflich neu. Dafür nimmt er sich Zeit, das sollte man ja auch bei wichtigen Entscheidungen.

Wir sitzen beim Portugiesen. Es ist Freitagabend, ich habe gearbeitet und Erledigungen gemacht und trage immer noch meine Business-Hose. Ich bin völlig platt und sterbe vor Hunger. Er sieht mich an und erzählt von seinem Tag am See. Und wie sehr er den Sommer genießt. Als ich von meinem Tag erzähle kommt er auf meinen Blog-Eintrag zum Thema „auf der Arbeit privat schreiben“ zu sprechen. Er findet, ein zuverlässiger Mensch ist für seine Freunde und Familie immer erreichbar. Dann sprechen wir über das Arbeiten an sich. Bei mir ist es im Moment gar nicht so viel, trotzdem bleibt vergleichsweise wenig Freizeit. Und ich nehme die Arbeit manchmal gedanklich mit nach Hause. Allerdings liebe ich meinen Job. Das Projekt macht Spaß, wir ziehen alle an einem Strang. Ich merke, dass sich was bewegt hat in den letzten Wochen. Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche, wenn ich kurz vor´m Einschlafen bin oder im Auto. Wenn ich sie nicht gleich aufschreibe, sind sie weg. Deswegen kommt es auch in meiner Freizeit schon mal vor, dass ich etwas notiere. Außerdem lese ich gern Fachartikel am Wochenende. Dazu komme ich im Büro nicht.
Ihm gefällt das nicht. Er kennt das. Hat er früher auch, er hat immer 150% gegeben, aber das sei doch kein Leben. Außerdem sind Großkonzerne für ihn das personifizierte Böse. Ich arbeite in einem. Gerne. Guiseppe versteht das nicht. Er findet, ich arbeite zu viel und fragt, wie meine Abende aussehen.
Unspektakulär. Essen, Yoga, lesen, Nachrichten schauen, Wäsche machen, so was eben.
Er spricht davon, dass er dringend wieder zur Maniküre müsste. Noch ein Punkt, den ich selbst und nach Feierabend erledige. Er gibt mir das Gefühl, mein Leben sei schrecklich. Als wäre ich völlig unentspannt und müsste dringend etwas ändern.

Wenn ich mich mit Männern treffe, die einen ähnlichen Tag hatten wie ich, bin ich deutlich entspannter. Ich mag es, wenn ich sehe, wie sich beim ersten Wein die Anspannung langsam löst. Ich finde es völlig okay, wenn sich die ersten Sätze noch um die Arbeit drehen. Ich kenne das nicht anders. Ich habe einen Vater und hatte immer Männer, die ihren Beruf geliebt und auch zu Hause thematisiert haben. Ich mag es, wenn ein Mann mich um Rat fragt in beruflichen Dingen. Damit zeigt er mir, dass er mich ernst nimmt und für halbwegs intelligent hält. Und ich mag diesen Moment, wenn ich merke, jetzt ist er im Kopf nicht mehr im Büro, sondern bei mir.

Guiseppe war schon den ganzen Tag gedanklich bei mir. Und die Tage davor. Er hat sich sogar gefragt, wie er mich unterstützen kann und bietet an, meine Wäsche zu bügeln oder irgendetwas anderes zu tun, um mich zu entlasten.

„Der hat nicht alle Latten am Zaun.“ Der kleine Mann ist fertig mit zählen.
Ich: „Das ist doch nett. Er macht sich Gedanken.“
Mann im Ohr: „Ihr seid kein Paar. Es ist nicht mal irgendwas zwischen Euch gelaufen. Ihr habt Euch nicht mal geküsst! Was meinst Du, was er als Gegenleistung will?“
Ich: „Ich habe sein Angebot ja auch abgelehnt.“ Wenn es mal ganz schlimm ist, unterstützt mich meine Mutter. Und da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht funktioniert das mit der Reziprozität bei mir doch.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist er gar nicht nett und will nur an Deinen Wohnungsschlüssel kommen. Oder an Deine Adresse. Damit er Dich stalken kann.“ Der Gedanke war mir auch gekommen. Ich halte das für unwahrscheinlich, trotzdem bin ich zu vorsichtig für sowas.

Am Ende des Abends streite ich mit ihm. Er hatte mir gesagt, er wolle in die Schwanenhöfe. Da war ich noch nie. Ich hatte extra gefragt, was denn da sei und die Antwort lautete „Da kann man ganz gechillt ein Bier trinken. Vorher noch was essen?“
Das klang okay in meinen Ohren. Nach dem Essen laufen wir rüber. Ich finde mich mitten auf einer House-Party wieder. Ich mag kein House, sofern es sich um Musik handelt. House alias Hugh Laurie liebe ich. Ich mag seinen Sex-Appeal und seinen Sarkasmus.
Guiseppe sagt, dass man hier ja einige Leute kennt. Ich kenne niemanden. Sein erstes Bier hat er ziemlich schnell geleert. Er will Nachschub holen. Ich stehe allein unter hunderten von Menschen und nippe an meinem „Krefelder“. Ich sehe mich um. Der Hinterhof ist hübsch. Ich höre durch das Gewummer ein „Nächste Woche soll wieder geil werden.“. Ob das Wetter gemeint ist? Es vergehen zehn Minuten. Mein Bauch meldet, dass er sich unwohl fühlt. Er sendet die Nachricht an mein Gehirn. Das analysiert ungefähr weitere zehn Minuten die Lage. Es ist mir zu laut. Ich bin müde. Mein Outfit passt nicht hierher. Ich mag die Musik nicht. Die Leute um mich herum sehen aus, als wären sie wahlweise angetrunken oder unter Drogen oder beides. Mein Auto steht 2 Gehminuten entfernt. Ich kann und darf noch fahren. Guiseppe ist immer noch nicht wieder da und ich kann ihn nirgendwo entdecken.
Weder meine Erziehung noch sonst irgendwas funkt dazwischen. Ich gehe in Richtung Auto. Und tippe dabei eine Nachricht. Dass es mir leid tut, ich müde bin und nach Hause fahre.

Mann im Ohr: „Das ist untypisch für Dich. Es hat alles zusammengepasst. Bauch – Analyse – daraus resultierende Handlung.“ 
Ich „Es hat sich gut angefühlt.“ 
Mann im Ohr: „Vielleicht ist der Defekt doch nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

Guiseppe ruft mich noch an an dem Abend. Er ist sauer und sagt mir „So etwas macht man nicht.“ Und fügt hinzu „Mach das nie wieder mit mir, Lenya. Versprich mir das.“

In meinem Kopf schnaubt es erbost „Der spinnt doch! Ansprüche zu stellen an Dich.“.
Er findet mein Verhalten eben nicht nett und legt – wie ich – viel Wert darauf.
Ich: „Weißt Du, ich hätte ihn nicht ohne Nachricht da stehen lassen. Aber das ist dann auch genug der Nettigkeiten. Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“ 

Ich bin picky

Mein erstes Tinder-Date hat zum Schluss unseres Dates gemeint „Du bist schon picky, oder?“ Ich war völlig von den Socken. Erst sagt er mir, dass ich viel hübscher bin als auf den Bildern und dann das? Wir haben kaum 5 Sätze miteinander geredet, aber er hat die Essenz meines Charakters erkannt. Und den Mut, das auszusprechen. In mir streiten zwei Gefühle: Ich bin beeindruckt. Und irgendwie finde ich es frech. Er kennt mich doch gar nicht.
Ein Mann sollte genau so sein – verstehen, was ich für ein Mensch bin und mir von Zeit zu Zeit den Spiegel vorhalten. Er hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, es ist einfach eine Feststellung. Wenn er jetzt noch gut aussähe und es nicht hinterher mit diesem furchtbaren „Das war´s dann.“ versaut hätte, wäre er ein prima Kerl.

Mann im Ohr: „Und wenn er nicht bei Tinder wäre.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Du hast insgeheim jeden Mann bei Tinder als potentiellen Partner ausgeschlossen.“
Ich lasse mir den Gedanken durch den Kopf gehen. Wenn ich ehrlich bin, unterstelle ich Menschen, die tindern, dass sie oberflächlich sind und nicht an einer Partnerschaft interessiert. Und es schon „sehr nötig“ haben müssen.
Mann im Ohr: „Was Du hier betreibst, ist zumindest für die Partnersuche völlige Zeitverschwendung.“
Das erinnert mich an Peter, den ich inzwischen ein zweites Mal getroffen habe. Er hat mich beim ersten Date gefragt, ob er jetzt also nur ein Recherche-Objekt sei. Ich habe nicht allen Männern, aber allen, die mich gefragt haben, offen gesagt, dass Recherche ein Grund war, Tinder zu installieren. Und dass ich darüber schreiben werde. Ich hätte es allen gesagt, aber zum Teil fehlte einfach der Aufhänger. Auf die Frage, was mich denn zu Tinder gebracht hat, ging es mir ganz leicht über die Lippen.
Ursprünglich wollte ich gar nicht bloggen, sondern die Inhalte in einen Krimi einfließen lassen. Aber ich wusste ja auch nicht, was das für Gedanken lostreten würde.
Mann im Ohr: „Tinder bringt Dir nichts außer Input für diverse Projekte.“
Ich: „Das klingt, als würde ich die Männer nur benutzen.“
Mann im Ohr: „Es klingt nicht nur so.“
Diesmal widerspreche ich. „Ich hatte wirklich schöne Abende und tiefgründige Gespräche. Und gestern erst hat mir einer von denen, einer der meinen Blog liest und meine doppelte Absicht kennt, gesagt ‘Es ist keine Zeitverschwendung, hier mit Dir zu sitzen.’.“

Ich war schon immer picky. Nicht in einem Prinzessinnen-es-ist-nichts-gut-genug-für-mich-Sinne. Ich weiß einfach ganz genau, was ich will oder warte, bis es soweit ist. Ich schaffe mir nichts an, wenn ich nicht 100%ig davon überzeugt bin, dass es zu mir passt.

Am besten kann ich das am Beispiel meiner Wohnungseinrichtung erklären. Ich bin in eine wunderschöne Wohnung eingezogen, die um einiges größer ist als meine vorherige. Ich hätte in irgendein Möbelhaus fahren können, um alles zu kaufen, was ich brauche. Aber das ist nicht mein Ding. Ich hatte einfach noch kein Sofa gesehen, was mich wirklich überzeugt hat. Bei Deckenlampen waren es gleich mehrere, die ich gut fand: Tilt und Caravaggio. Dann bin ich Secto begegnet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Bauch sich für Caravaggio entschieden hat. Secto kommt dafür ins Schlafzimmer. Glaube ich. Mal sehen. Ich habe ein halbes Jahr ohne Sofa und 2 Jahre ohne Leuchten über meinem Esstisch gelebt. Dafür habe ich mir eine wunderschöne Biedermeier-Kommode angeschafft, die nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ich habe sie gesehen und wusste sofort „Die steht hier und hat nur auf mich gewartet.“. Wenn mir mein Gefühl nicht sagt „Das ist es!“ und in meinem Bauch nicht dieser kleine Hüpfer entsteht, kann ich mich nicht zu einer Anschaffung durchringen. Es gibt Leute, die sich „erst mal“ was von Ikea kaufen und es dann austauschen, wenn sie „das richtige“ gefunden haben. Auch das ist nicht mein Ding. Ganz oder gar nicht. Lieber lasse ich den Flur leer, als dass ich mir ein Sideboard kaufe, das sich „nicht richtig anfühlt“.

„Lieber lebst Du enthaltsam, als mit dem falschen Mann zu …“
Ich unterbreche ihn: „Findest Du das falsch?“
„Es geht nicht um richtig oder falsch.“
„Es geht hier um Deine Interessen. Du willst, dass ich mal wieder…“
„Es ist dann so schön ruhig hier oben. Du hörst auf zu denken. Du denkst echt über jeden Scheiß nach.“

Er hat recht. Gestern habe ich mich gefragt, wie solche Bilder wie von Fabian wohl entstehen. Ob er sich wohl ohnehin mit sich selbst beschäftigt hat und zwischendrin dachte ‘Ich mal ein Foto’? Unwahrscheinlich, das Denken ist in so einer Situation ja eher eingeschränkt meines Wissens. Das hieße, dass er mir ein Foto schicken wollte und nur für mich… „Du fühlst Dich geschmeichelt, wenn ein Mann sich ‘für Dich’ einen runterholt?“ Ich werde rot. Unfassbar, was so alles das eigene Ego streichelt. „Vielleicht sind deshalb so viele Menschen bei Tinder? Weil die Matches und alles, was daraus folgt, irgendwie das Ego pimpt? Und gar nicht, um einen Partner zu finden?“ 
Er antwortet nicht mehr. Ich glaube, er ist eingeschlafen.

Ich bin gemein

Ene fiese Möpp, wie man hier im Rheinland sagt. Das klingt schon viel netter.

Auf Nettigkeit lege ich viel wert, nicht nur bei mir selbst. Ich mag nette Menschen und will einen netten Mann. Nett ist nicht die kleine Schwester von irgendwem. Wären alle Menschen nett zueinander, wäre die Welt ein besserer Ort.
Mal ehrlich, es weiß doch keiner, was bei anderen Menschen das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ja der Nachbar, der schon wieder nicht gegrüßt hat. Nett sein schadet garantiert nicht. Aber irgendwie ist es nicht mehr en vogue. Ich sage Menschen immer, wenn sie mir als besonders nett auffallen, weil ich das wichtig finde. Von Männern wird das oft geradezu als Beleidigung aufgefasst. Als wäre das die selbe Schublade wie impotent.

Unter meinem Tinder-Bild stand: „BE NICE – It´s a small world.“

Aber heute bin ich fies. Gleich mehrmals.
Ein Typ hat mich angeschrieben mit „Hey“. Einfallslos! Ich schreibe zurück „Hey“. Soll er mal Spiegel vorgehalten bekommen. Es folgt ein „Guten Morgen“ und von mir ebenfalls ein „Guten Morgen“. Das geht mit „Guten Abend“ so weiter. Ich hätte einfach nicht zurückschreiben können. Oder ihm sagen, dass ich das einfallslos finde. Stattdessen habe ich zurückgeechot. Und dann einen Screenshot der Konversation gemacht und an meine Nachbarin geschickt. Mit so einem Smiley, der Tränen lacht. Pfui.

Aber das war noch harmlos. Ich schreibe schon länger mit Fabian. Er wohnt in München und Köln und wenn er das nächste Mal hier ist, woll(t)en wir uns treffen. Er schreibt mir seit Tagen, wie wahnsinnig hübsch er mein Gesicht findet. Und ich freu mich drüber. Das pimpt mein Ego so schön.
Heute hat er geschrieben: „Ich finde Dein Gesicht so geil. Soll ich Dir mal zeigen, was passiert, wenn ich Deine Bild angucke? Hab ich extra für Dich fotografiert.“
Nur für´s Protokoll: er hat von mir ausschließlich Bilder, auf denen ich sehr angezogen bin. Meine Antwort lautet: „Lieber nicht.“
Er: „Aber ich hab´s extra nur für Dich fotografiert.“ Das geht eine Weile so hin und her. Dann schreibe ich: „Tu was Du willst. Aber erwarte nichts im Gegenzug.“ Deshalb machen Männer das doch. Oder? Aber so was habe ich noch nie gemacht.

Das mit der Reziprozität funktioniert bei mir nicht. Ich liebe dieses Wort. Es klingt oberschlau. Mein Chef hat mir das mal beim Mittagessen erklärt. Wir waren beim Thema „sich von Männern einladen lassen“. Er erklärt uns komplizierte Dinge gern an einfachen Sachverhalten. Und seit er gekündigt hat, ist er viel entspannter. Da hat er doch tatsächlich mal zu mir gesagt, es gäbe ja auch viele Männer, die ich „mit dem Arsch nicht angucken“ würde. „Woher er das wohl weiß?“ murmelt es über meinem Ohrläppchen.
„Ich finde es komisch, dass er mit uns über so was redet, wir ihn aber nicht mal duzen dürfen.“

Während ich noch denke, sind zwei Bilder angekommen. Bilder seines erigierten – wie sagt man das in so einem Blog?
Ich antworte nicht. Nach ein paar Minuten folgt: „Macht Dich das an?“
„Nein!“ Ich google „Warum Männer Penis-Selfies verschicken“ und schicke ihm einen Link. Ich höre den Mann im Ohr flüstern „Bitch.“ Fabian schreibt: „Das spricht ja irgendwie für Dich.“ und dass das mit uns ja schon was werden könnte.

Etwas später komme ich auf die Idee, dass man, also ich, wenn ich es drauf anlegen würde, viel mehr solcher Bilder bekommen könnte. Und sich die toll in einer Ausstellung machen würden. Bilder in 1:1-Größe mit der entsprechenden Konversation daneben. In Düsseldorf war neulich eine Ausstellung „Ego Update“. Es ging um Selfies.
Ich erörtere das mit Freunden beim Italiener in Düsseldorf. Einer kommt auf die Idee für den Titel: „Ego Update 2.0“. Und eine Freundin schlägt vor, noch zu analysieren, was sich der „Künstler“ dabei gedacht hat.

Das einzig Gute, was ich heute über mich sagen kann: Ich habe die Bilder niemandem gezeigt. Und sie umgehend gelöscht.

Ich weiß, was ich nicht will

Bjarne sieht gut aus, ist Banker und auf der Suche nach was „Ernstem“. Sagt er. Mittlerweile glaube ich ihm nicht mehr, aber dazu vielleicht ein anderes Mal. Wir haben uns nie getroffen und seine Nummer habe ich wieder gelöscht. Irgendwann hatte ich das sichere Gefühl, dass er eine Freundin hat und eine Ersatzspielerin für gewisse Tage oder Stunden sucht.

Es ist bei Tinder scheinbar üblich, dass man gefragt wird, wonach man denn eigentlich sucht. Ich fühle mich bei der Frage immer unangenehm berührt. Ich bin der Meinung, das muss sich alles irgendwie ergeben. Mit 20 habe ich auch nicht nach einem Ehemann gesucht, sondern mich ganz unbeschwert verliebt. Daraus entstand ein Kuss, ein paar Tage später sind wir in der Kiste gelandet, alles lief super und es folgten 10 ganz überwiegend glückliche Jahre. So will ich das wieder.

Mann im Ohr: „Willst Du nicht.“ 
Der schon wieder.
Mann im Ohr: „Du willst ein Treueversprechen noch vor dem ersten Kuss.“ 
Ich: „Das stimmt so nicht. Ich will nur nicht wieder…“
Mann im Ohr: „…einer anderen in die Quere kommen.“

Mein Verhältnis zum Fremdgehen hatten wir ja schon. Nun ist es so, dass ich vor etwa 6 Jahren eine SMS bekam, die lautete „Are you sleeping with my boyfriend?“.
Damals habe ich nicht geantwortet. Mir war das zu blöd und ich hatte schon länger mit überhaupt niemandem geschlafen. Ich hätte gern mit ihm geschlafen. Aber ich hätte damals auch gern mit Ashton Kutcher geschlafen. Oder mit Ben Affleck. Ich hatte ihn nicht mal geküsst oder Händchen mit ihm gehalten.
Seitdem habe ich diese Frage in verschiedenen Varianten über verschiedene Medien in verschiedenen Sprachen gehört. Meistens konnte ich guten Gewissens „Nein.“ sagen. Einmal stellte sich raus, dass der Mann, den ich für meinen Freund hielt, schon länger der einer anderen war. Unschöne Situation.
Ich habe nie wissentlich mit einem liierten Mann geschlafen. Aber mehr als einmal unwissentlich. Jedes Mal kam es raus. Jedes Mal gab es Tränen und Anrufe und die Frage in meinem Kopf „Hätte ich das früher merken können? Müssen?“ Nun habe ich den festen Vorsatz, das nie wieder zu tun.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, sicher auszuschließen, dass ein Mann mit einer anderen schläft. Kann man beim ersten Date ja wohl kaum fragen. Und wenn die Antwort „ja“ wäre, könnte man ihm das nicht mal vorhalten.

Ich ziehe liierte Männer an wie Licht die Motten. Und ich verstehe nicht, wieso. Allein in den letzten paar Wochen hatte ich zwei sehr eindeutige Angebote von verheirateten Männern. Das war nicht bei Tinder, sondern im wahren Leben. Beide sagen, dass sie ihre Frau über alles lieben.

„Sie können das nur nicht so zeigen.“ Kichern in meinem Ohr.
Ich: „Warum ziehe ich verlogene, untreue Männer an?“
Mann im Ohr: „Vielleicht strahlst Du aus, dass Du gern die zweite Geige spielst?“
Ich: „Tu ich nicht! Im Gegenteil. Ich bin es gewöhnt, die Nummer 1 zu sein.“ Ich bin die älteste von 3 Schwestern. Mit ziemlich großem Abstand.
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie eine dumme Gans, die es nicht checkt?“
Ich: „Ausgeschlossen.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie ne Granate im Bett, die man sich nicht entgehen lassen will?
Ich: „Das wäre möglich.“ 
Etwas in meinem Kopf wackelt und rüttelt und mein Ohr tut weh, weil der kleine Mann so laut juchzt.
Mann im Ohr: „Die Frage wäre dann allerdings, warum nicht auch alle anderen Männer mit Dir in die Kiste wollen.“
Ich: „Vielleicht wollen sie das ja.“
Mann im Ohr: „Sie können das nur nicht so zeigen.“
Er kugelt sich so, dass ich Kopfschmerzen bekomme.

 

Ich will geliebt werden

Ich hatte wirklich versucht, mir einzureden, Tinder sei schuld. Bis ich an den Fremdgänger von Tag 1 denken musste. Eigentlich ist Tinder nur ein Tool, das es uns leichter macht, ein Arschloch zu sein. Aber damit ist Tinder nicht allein. Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die ganze Scheiße denke, die über soziale Medien verbreitet wird.

„Kein Mann will eine Frau, die Arschloch und Scheiße sagt.“ Ich habe mir noch nicht mal die Zähne geputzt und höre schon Stimmen. Die Bemerkung, dass ich das gedacht und nicht gesagt habe, verkneife ich mir.
Ich: „Ich glaube, es gab noch nie so viel technischen Support zum Fremdgehen und gemein sein wie heute.“
Mann im Ohr: „Aber Ihr Menschen habt Euch nicht geändert. Die Phänomene sind schon immer die selben. Sie haben heute nur schickere Namen.“ Da ist was dran.

Ich mache mich an die Arbeit. So fühlt es sich jedenfalls an. Dating ist anstrengend. Nachdem ich meine Männer priorisiert habe, verabrede ich mich mit Carl. Er hat mich schon mal angerufen und wirkt sympathisch. Wir treffen uns nachmittags, er sieht aus wie auf den Bildern. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv, nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, beruhigend normal. Es funkt nicht, aber er ist wirklich nett und wir unterhalten uns gut.

Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl hinterher. Ich kann nicht einschätzen, ob er Interesse hat oder nicht. Er wirkte überhaupt nicht begeistert. So neutral. Aber er hat Fragen gestellt und Dinge gesagt, die irgendwie interessiert klangen. Irgendwas passt da nicht. Mein Bauch zieht sich komisch zusammen.

Ich: „Hast Du das auch gemerkt? Dass da was komisch ist?“
Mann im Ohr: „Es geht nicht um Dich.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Er hat eine Vision. Von einem Leben mit einem gutgezahlten Job, einem eigenen, schönen Haus in der Nähe seiner Familie, mit seinen Freunden, einer Frau und Kindern.“
Ich: „Ja, das hat er gesagt. Er hat uns sogar die Fotos gezeigt. Mir gefällt sein Einrichtungsstil nicht. Aber das erklärt nicht mein Gefühl.“
Mann im Ohr: „Er hat alles. Den Job, das selbst ausgebaute Haus, Mama in der Nähe und den Freundeskreis.“
Ich: „Nur die Frau fehlt noch.“
Mann im Ohr: „Er hatte eine Checkliste dabei.“
Ich: „Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
In meinem Kopf seufzt es: „Dummerchen. Im Kopf. Er hat Dir ganz gezielt Fragen gestellt, um zu prüfen, ob Du ins Profil passt. Kinderlieb? Ein Must. Kochst Du gut und gern? Ein Nice-to-have, vielleicht ein Must. Ist Dir Dein Job wichtiger als Dein Privatleben? Ein No-go. Würdest Du wegziehen für einen besseren Job? Ebenfalls ein No-go. Willst Du Kinder? Ein Must.“
Ich: „Das klingt nach einem Bewerbungsgespräch, nicht nach einem Date.“
Mann im Ohr: „Es war eins.“
Ich: „Es war ihm ganz wichtig, dass ich keine Kinder aus meiner Ehe habe.“
Mann im Ohr: „Er hat auch gesagt, dass es da diese Süße aus seinem Bekanntenkreis gibt, die aber nicht in Frage kommt, weil sie alleinerziehende Mutter ist.
Ich: „Das würde nicht in seine Vision passen.“
Mann im Ohr: „Seine zukünftige Frau soll sich in sein Leben einfügen. Das ist schwierig, wenn man schon ein eigenes hat.“

Ich: „Es geht hier weder um Gefühle noch um mich, oder?“
Mann im Ohr: „Ihm fehlt nur das letzte Puzzlestück, um sein Bild von einem perfekten Leben zu vervollständigen.“

Das kenne ich sonst nur von Frauen. Dabei scheint das so ungewöhnlich nicht zu sein. Ich finde einen Artikel in der Süddeutschen dazu: Die Muttersucher.
Ein Mann soll mich wollen. MICH. Und mich lieben, wie ich bin. Und dann Kinder mit mir wollen. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen.
Die Reihenfolge ist mir wichtig. Wenn ich nur ein Punkt auf seiner Checkliste bin, wird es nicht halten. Dann werde ich ausgetauscht, wenn ich nicht performe. Wenn ich nicht schwanger werde oder das Essen versalze.
„Du würdest niemals das Essen versalzen. Dein Essen ist Bombe.“ Ich muss grinsen. Mit Komplimenten wickelt man mich ganz schnell um den kleinen Finger. „Wenn ich nur jemanden finden würde, für den ich überhaupt kochen will. Für jemanden, dem es nur um das eine geht, sicher nicht.“ Der Mann im Ohr kichert. „Um was jetzt?“

Ich bin wie die

Wie diese Kerle, die sich einfach nicht mehr melden. Die Ghosting oder Benching betreiben. Ich kannte das bisher nur vom Hörensagen. Oder…na ja, jemand hat das mit dem Benching mal mehr oder weniger erfolglos bei mir versucht.

Als ich ungefähr 5 war, war ich eine Petze. Ich bin heulend zu meiner Mama gerannt, wann immer jemand gemein zu mir war. Habe mich schluchzend an sie geschmiegt, wollte getröstet werden und hören, dass man eine Prinzessin so nicht behandeln darf. Sie hat mir jedes mal dasselbe gesagt: „Es gehören immer zwei dazu. Einer, der ärgert und einer, der sich ärgern lässt.“ Diesen Satz werde ich nie vergessen.

Ich finde Ghosting und Benching das Allerletzte. So was machen Männer, die nicht wissen, was sie wollen. Keine Eier haben. Da herrscht Konsens zwischen mir, meinen Schwestern und allen meinen Freundinnen – das ist die dunkle Seite der Macht. So etwas würden wir nie tun.

Inzwischen habe ich 88 Matches. Dabei habe ich schon 20 gelöscht. Mir haben so viele Männer geschrieben, dass ich nicht allen antworten kann. Ich screene oberflächlich Profile und Nachrichten, lösche und löse Matches auf. Mit einigen habe ich eine Weile nett geschrieben. Einer hat schon ein paar Nachrichten hintereinander geschickt und gefragt, wann ich mich wieder melde. Er kommt aus irgendwelchen Gründen nicht in Frage. Warum, weiß ich selbst nicht mehr. Wie soll ich mir das auch merken bei so vielen Kerlen? Irgendwie muss ich priorisieren und da fallen eben ziemlich viele hinten runter.
Einige finde ich gut und würde sie gern treffen. Aber ich brauche Zeit für meine Familie, Freunde, ein zweites Date mit Peter und will auch mal einen Abend für mich. Yoga machen. Lesen. Sherlock gucken oder so. Ich erfinde Ausreden und vertröste die Männer. Ich bin erst mal in Urlaub, mache Überstunden. Ich achte darauf, dass ich nicht lüge. Ich drehe die Wahrheit nur so und lasse Details (wie andere Dates) weg, dass ein leicht verzerrtes Bild der Realität entsteht.

Ich kann nichts dafür, mein Tag hat nur 24 Stunden, ich arbeite Vollzeit und schlafe gern und viel. Im Büro schreibe ich quasi nicht. Einem Mann habe ich netterweise geschrieben, er solle sich nicht wundern, wenn ich erst abends antworte. Ich könnte auf der Arbeit schlecht privat schreiben. Seine Antwort: „Warum? Bist Du Seiltänzerin?“ Blödmann! „Ich werde für´s Arbeiten bezahlt!“ Danach hört er nichts mehr von mir.

Etwas in meinem Kopf fragt spitz: „Eine falsche Frage, und ein Mann ist raus?“ Es war eine wirklich dämliche Frage. Und sie lässt darauf schließen, dass er selbst beim Arbeiten tindert. Er ist also unzuverlässig.
„Vielleicht ist er Rettungsassistent oder Feuerwehrmann und wartet manchmal stundenlang auf den nächsten Einsatz. Rettet Menschenleben. Ist das unzuverlässig?“
Man kann sich auch alles schönreden. Jedenfalls schaffe ich es nicht, allen zu antworten und das ist nicht meine Schuld. Auf einmal verstehe ich diese Männer, die ich vor ein paar Wochen noch in die Arschloch-Schublade gesteckt hätte. Der Mann in meinem Ohr räuspert sich und versucht es noch mal.
Mann im Ohr: „Erklär mir noch mal, wie kommen diese Matches zustande?“
Ich: „Ich like jemanden und wenn der mich auch liked, wird es ein Match und wir können uns schreiben.“
Mann im Ohr: „Und Du kannst nichts dafür, dass Du mit dem Antworten nicht mehr hinterher kommst?“
Ich: „Worauf willst Du hinaus?“
Mann im Ohr: „Wie viele Männer hast Du wohl geliked, damit 108 Matches zusammen kamen?“
Ich: „Ich konnte ja nicht wissen, dass die mich auch alle gut finden.“
Mann im Ohr: „Du hast ein Foto eingestellt, auf dem Du 30 bist und ausnahmsweise mal geschminkt. Du weißt selbst, dass man so ein Foto liked. Und falls das nicht angekommen ist: die Männer finden das Bild gut, nicht Dich.“

Wie werde ich nur diese Nervensäge wieder los?!

 

Ich hab schöne Ohren

Mein 2. Tinder-Date kommt überraschend. Peter hat durch ein spektakuläres erstes Foto überzeugt. Er ist kein Schönling, aber gutaussehend. Das Bild zeigt sein abgeschnittenes Profil schräg von oben. Der Hintergrund ist dunkel. Es ist professionell genug aufgenommen, um Eindruck zu machen, aber nicht so fachmännisch, dass man den Eindruck bekommt, er hätte einen Profi beauftragt. Vom Winkel her könnte es ein Selfie sein. Aber dafür wäre es außergewöhnlich gelungen. Er lacht. Ich mag ihn jetzt schon. Und er hat ein sehr schönes linkes Ohr. Das ist mir wichtig, weil ich glaube, Menschen mit komischen Ohren hätten einen schlechten Charakter.

Mann im Ohr: „Da ist was dran. Dann ist der Ohrbewohner nachlässig.“
Ich: „Dachte immer, das sei angeboren.“
Mann im Ohr: „Die Basis schon. Das ist wie mit einem Haus. Wenn man es nicht in Stand hält, wird es nicht schöner. Wenn man Zeit und Liebe investiert, kann aus einem Reihenhaus eine kleine Perle werden.“
Ich: „Darf ich jetzt die Geschichte von Peter erzählen?“
Mann im Ohr: „Noch ein Kerl, mit dem Du nicht geschlafen hast.“
Ich: „Vermisst Du Sex?“
Mann im Ohr: „Das meinte ich nicht. Sex sells. Über Ohren will doch keiner lesen.“

Am Tag unseres ersten Dates fällt Peters Flieger aus. Nur deshalb ist er an dem Abend in Köln und fragt spontan nach einem Treffen. Erst zögere ich, sage ab, dann schiebe ich ein „vielleicht, mal sehen, spontan?“ hinterher. Ich bin nicht vorbereitet auf ein Date. Bad Hair Day, verschwitzt, meine Schuhe staubig und ich habe einen Fleck auf der Hose. Andererseits – wenn das wieder nur so ein Kerl ist, der nicht hält, was das Foto verspricht…
Ich schreibe „Du wohnst quasi auf meinem Nachhauseweg. Wir könnten uns spontan auf ein Kölsch treffen, Du erlebst aber ein Worst-Case-Szenario.“ Das ist ihm lieber als eine aufgebrezelte Tussi. Na dann. Früher wäre das undenkbar gewesen. So hätte ich nicht mal den Müll rausgebracht. Ob das mein Alter ist?

Jemand meldet sich zu Wort: „Weißt Du noch, was Hannes uns damals erzählt hat?“
Ich: „Mir. Von Deiner Existenz wusste er nichts.“
Er reagiert verschnupft. „Du bist gemein. Übrigens nicht nur zu mir.“
Ich: „Es stimmt doch.“
Mann im Ohr: „Nur weil etwas wahr ist, muss man es nicht sagen.“ 
Ich: „Du meinst, ich sollte öfter mal die Klappe halten?“ Er schweigt, aber ich meine, ein Nicken zu spüren.
Ich: „Was meintest Du mit Hannes?“ 
Mann im Ohr: „Er hat gesagt, unsere übertriebene Körperhygiene führt zu schlechterer Partnerwahl.“
Ich: „Weil wir nicht mehr riechen, ob der andere zu uns passt…na dann hoffen wir mal, dass Peter auch nicht geduscht hat.“ 

Peter sieht aus wie auf dem Bild. Und hat eine tiefe, sexy Stimme. Mein Herz macht einen Hüpfer. Wir trinken 1, 2, 3 Getränke, unterhalten uns großartig und vergessen die Zeit. Ich muss um halb sechs raus morgen und sitze kurz vor Mitternacht immer noch mit ihm da. Er ist sympathisch und witzig. Er zahlt für uns beide und sagt, dass er mich gern wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen habe ich eine lange Nachricht von ihm. Er fand den Abend toll und mich wahnsinnig sympathisch und witzig. WOW.
Als ich den Spiegel gucke, bleibt mein Blick an meinem Ohr hängen. Es ist eigentlich ganz hübsch.

Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.

Ich bin ein Moralapostel

Ich habe Tinder erfolgreich gestartet.Ich heiße Lenya und bin 34 Jahre alt.
Die Fotos sind zwischen 6 Jahre und wenige Wochen alt. Egal, ich sehe auf allen gleich jung aus. Figur, Haarfarbe und -länge haben sich quasi nicht verändert. 

Ich bekomme den ersten Mann angezeigt. Ich kann nach links oder rechts wischen für „nope“ oder „like“. Ich komme mit den Richtungen durcheinander. Habe ich eine mir bis dato unbekannte Links-Rechts-Schwäche?
Gott sei Dank gibt es für blöde, sorry, unerfahrene Tinderinnen wahlweise Buttons unter den Bildern. Ein grünes Herz für „like“ und ein rotes Kreuz für „nope“.
Ich will ein rotes Herz.

Einer der ersten Männer hat kein Foto von sich eingestellt.
Erstes Foto: Düsseldorfer Skyline. Hübsch. Zweites Foto: Landschaft. Auch hübsch.
Text unter den Bildern: „Ansehnlicher, verheirateter Mann sucht Affäre. Zeitlich flexibel. Fotos gerne über WhatsApp.“ WHAT?! Ich rege mich auf.

Und sollte an dieser Stelle ehrlicherweise erwähnen, dass ich selbst exakt einmal fremdgegangen bin. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich habe es nicht sofort, aber doch zeitnah gebeichtet und mir wurde verziehen. Seitdem reagiere ich empfindlicher auf das Thema als früher. Ich weiß, was es anrichtet. Es bringt es das Gefühlsleben von mindestens drei Personen gehörig durcheinander und kratzt an mindestens zwei Egos. Ich will auf das rote Kreuz klicken. Andererseits würde ich ihm gern den Marsch blasen! Wenn ich ihn wegblicke, kann ich ihm aber nicht schreiben.
Ich gebe ihm ein Like. Es ist ein Match. Ich schreibe ihm: „Arschlöcher wie Du haben hier nichts verloren!“ Er antwortet: „Häh?!“ Ich löse das Match auf.

Der Mann in meinem Ohr wacht auf. Er reibt sich die Augen und fragt mich, was das jetzt für eine Aktion war.

Ich: „Ich finde das unmöglich. Das muss man doch mal sagen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, es hilft?“
Ich: „Natürlich nicht.“
Mann im Ohr: „Was soll das dann?“
Ich: „Der soll mal drüber nachdenken, was er da macht.“
Mann im Ohr: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr ihn Deine Meinung interessiert?“
Ich: „1?“
Mann im Ohr: „Eben.“
Schweigen
Mann im Ohr: „Wie oft willst Du das noch machen?“
Ich: „Nie wieder?“
Mann im Ohr: „Ich glaube, Du kommst bis heute nicht damit klar, dass Du fremdgegangen bist. Mit Deiner katholischen Oma und diesem kirchlichen Mädchengymnasiumquatsch bist Du zu einer totalen Spießerin geworden, die sich die eigene Untreue von vor – wieviel Jahre ist das jetzt her? – nicht verzeihen kann. Das lässt Du an irgendwelchen Kerlen aus.“
Ich: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr mich Deine Meinung interessiert?“
Er legt sich beleidigt wieder hin.
Ich: „Eben.“