Ich bin eine Lügnerin

Die Idee, mich bei Tinder anzumelden, kam bei einem Mädelswochenende mit Übernachtung in Köln. Nachdem wir einige Cocktails genossen und uns über verschiedene Dating- und Onlinedatingerfahrungen ausgetauscht hatten, klang es, als hätte man bei Tinder nicht mehr und nicht weniger Chancen, auf Singles mit – oder eben ohne – Niveau zu treffen als bei anderen Plattformen. Außerdem bin ich neugierig.
Und dann gab es noch einen anderen Grund: Recherche. Aber dazu ein anderes Mal.
Sonntags mittags war ich wieder zuhause und lud mir die App runter. Und – oh Schreck – stellte fest, dass ich einen Facebook-Account benötigte. Eigentlich halte ich mich von solchen Plattformen fern. Nun war ich gezwungen, mir einen Facebook-Account einzurichten. Meinen Namen wollte ich auf keinen Fall preisgeben. Wer wusste schon, auf wen ich da treffen würde. Ex-Freunde? Eher unwahrscheinlich. Ich hatte vier ernste, längere Beziehungen, die in Summe 15 Jahre gedauert haben. Die Anzahl „meiner Männer“ ist also sehr überschaubar. Obwohl viele Leute einen ganz anderen Eindruck haben. Ich gehe dauernd mit allen möglichen Männern aus und erzähle davon auch ganz offen. Es sind fast immer Freunde (ohne Benefits) oder  Kollegen. Beim Erzählen vergesse ich manchmal, dass andere Leute das anders interpretieren könnten. Ex-Männer musste ich also nicht fürchten. Die vier sind alle gebunden und haben Familie. Die anderen erinnern sich wahrscheinlich kaum mehr an mich oder sind mir egal.
Trotzdem, die Vorstellung, hier meinen Namen preiszugeben, behagt mir nicht. Kollegen? Auch da sind die meisten verheiratet. Und als Single muss mir so was gar nicht unangenehm sein. Aber…lieber doch ein falscher Name. Lenya. Den mochte ich schon immer. Klingt besonders und irgendwie aufregend.
Ich lüge. Aber so schlimm ist das nicht, Namen sind Schall und Rauch.

Dann muss ich ein Geburtsdatum eingeben. Oh.
Ich bin vor wenigen Tagen 36 geworden. Das ist die hintere 30er-Hälfte. Klingt unschön. Ich mag mein Alter. Ich fühle mich viel besser als mit 25. Bin klüger, kreativer, glücklicher, trainierter und habe kaum mehr Falten als damals. Aber das können potentielle Kandidaten nicht wissen. Wenn ich einen Filter für´s Alter einstellen müsste als Mann, wie sähe der aus? Ich bin von Berufs wegen darauf getrimmt, kundenorientiert zu denken. Der potentielle „Kunde“ würde wahrscheinlich ein Produkt zwischen 25 und 35 wollen. Mit 36 wäre ich aus dem Scope. Also wird aus 1980 ein 1982. Das ist fast richtig und entspricht meiner Optik ohnehin viel besser.
Das machen doch alle. Viele bestimmt. Und eigentlich ist es egal. Oder?

Tinder mal anders

Tinder ist bekannt als Dating-Plattform. Sie soll Menschen einander näher bringen. Tinder will zu Dates, Beziehungen, Affären, Ehen, Kindern oder One-Night-Stands führen.  Mir hat sie außer Dates vor allem eins gebracht: Selbsterkenntnis.
Kaum ein Gespräch mit Familie oder Freunden, kein tiefsinniges Gespräch mit meiner Yogalehrerin, kein Krisengespräch mit einem Partner, nicht mal Meditation hat erreicht, was Tinder gelungen ist.

Seien wir ehrlich: auch in offenen Gesprächen mit ehrlichen Freunden versuchen wir doch immer, unsere Schokoladenseite zu zeigen. Und Freunde versuchen meist, das Gute in uns zu sehen und das Schlechte zu relativieren. Warum sonst sollten Sie mit uns befreundet sein wollen? Selbst Therapeuten, Coaches und Berater sind selten schonungslos ehrlich, denn sie wollen, dass wir wiederkommen.

Tinder ist ehrlich und schonungslos. Nichts hat mir je so gnadenlos den Spiegel vorgehalten.