Ich bin eine Heulsuse

Was ist nur mit unseren Emotionen los?

Mann im Ohr: „Hast du das eben gelesen?“
Ich: „Du meinst die Überschrift?“

Emotionen managen. Ich hatte ein an sich interessant aussehendes Heft in der Hand und hätte es beinah gekauft, bis mir beim groben Durchblättern diese Überschrift ins Gesicht sprang.
Man sollte eher fragen, was ist mit unserem Verhältnis zu unseren Emotionen los? Warum glauben wir, da was managen zu müssen?

Mann im Ohr: „Ihr managt einfach alles inzwischen. Das hast du nur noch nicht so mitbekommen. Du lebst ja hinterm Mond in vielerlei Hinsicht.“

Da lebt es sich irgendwie auch entspannter. So ohne Battle um Likes und das niedlichste Babyfoto und das beste Essen und den schönsten selbstgebackenen Kuchen und so.

Mann im Ohr: „Das meinte ich nicht. Ihr managt euer ganzes Leben. Der Kalorienverbrauch und die Schritte, die ihr an einem Tag gelaufen seid und die Stunden Schlaf, die ihr bekommen habt und die Laufrunde, das wird doch alles getrackt und gemanagt.“
Ich: „Mmmmh.“

Ich hab so n Ding nicht. So ein Armband. Ich halte auch nix davon. Es ist teuer, meist häßlich…

Mann im Ohr: Teuer passt also nicht an dein Handgelenk?

Ich weiß, dass das eine Falle ist. 

Ich: „Wenn es eine klassische Uhr ist, schon. Das ist eine zulässige Ausnahme.“
Mann im Ohr: „Dann ist dein einzig verbliebenes Argument gegen ein solches Band ‘häßlich’. Es gibt aber auch schöne, das hast du selbst schon mal gesagt. Wir haben so eins im Schaufenster gesehen.“

Ich: „Es bringt auch nix. Es ist nutzlos.“
Mann im Ohr: „Woher weißt du das, ohne es je probiert zu haben?“
Ich: „Ich schaue mir die Leute an, die eins tragen. Das sind zum einen die Übergewichtigen. Die, ich vermute mal, mit dem Ziel, abzunehmen, so ein Ding anschaffen. Ich kenne Leute, die seit Jahren alles tracken und immer noch genauso dick sind wie immer. Als würden sie nicht verstehen, dass das Ding sie nicht bewegt und nicht gesund ernährt, sondern ihnen nur jeden Tag wieder schwarz auf weiß gibt, dass ihr BMI zu hoch ist.“

Mann im Ohr: „Wenn einem jemand jeden Tag sagt, dass man zu dick ist, wird man wahrscheinlich auch noch depressiv.“ 

Vermutlich. Jedenfalls muss man, wenn man nach Jahren des Tragens keinen sichtbaren Effekt erzielt, eigentlich mal an den Punkt kommen, an dem man einsieht, dass das wohl der falsche Lösungsansatz war.

Ich: „Man könnte sich so akzeptieren, wie man ist.“
Mann im Ohr: „Oder zumindest so tun.“
Ich: „Aber weißt du, ich glaube, umgekehrt funktioniert das.“
Mann im Ohr: „Umgekehrt? Dass man zunimmt mit dem Ding?“

Ich: „Nee, dass man nicht zunimmt.“
Mann im Ohr: „Das Gegenteil von nicht abnehmen ist doch nicht nicht zunehmen. Sondern zunehmen.“

Mir kommt das beides nicht logisch vor, aber es ist auch unerträglich heiß draußen. Vielleicht funktionieren meine grauen Zellen nicht so gut heute.

Ich: „Erinnerst du dich an Jens?“

Ich weiß, dass das ein überflüssige Frage ist. Der kleine Mann liebt Jens. Er freut sich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn ich mich mit ihm unterhalte. Jens ist der integerste Mann, den er kennt. Er flirtet gerade so viel, dass es meinem Ego gefällt, aber nie mehr, als es sich für einen glücklich verheirateten Mann gehört.

Mann im Ohr: „Was ist mit Jens?“
Ich: „Er hat auch ganz lange so ein Ding getragen.“
Mann im Ohr: „Er war immer schlank. Und trainiert. Und sah auch nie nach Schlafstörungen aus. Bei ihm lief doch alles. Er ist schlank, sportlich und glücklich.“
Ich: „Genau.“
Mann im Ohr: „Ich versteh die Pointe nicht.“
Ich: „Dieses Ding zeigt ihm jeden Tag, wie geil er ist.“
Mann im Ohr: „Das führt zum Gegenteil von Depressionen.“
Ich: „Du hast es verstanden. Es pusht sicher sein Ego, obwohl er das gar nicht bräuchte.“
Mann im Ohr: „
Umgekehrt zieht es Übergewichtige runter, ihre schlechten Kennzahlen zu sehen. Was sie möglicherweise aus Frust essen und das Problem noch größer werden lässt.
Ich: „Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Haufen.“

Mann im Ohr: „Wer hat, dem wird gegeben.“
Ich: „Man nennt das Matthäus-Effekt.“
Mann im Ohr: „Eigentlich wolltest du über Emotionen schreiben. Aber dafür ist keine Zeit mehr. Wir müssen los und deine Haare schön machen. Das wird ein Spaß.“ 

Ich höre den kleinen Mann kichern. Er freut sich seit Tagen darauf, dass ich meine Haare mit dem Glätteisen locken werde. Er macht dabei immer Blödsinn und rutscht über die schon gewellten Strähnen.

Mann im Ohr: „Weißt du, was ich wette?“
Ich: „Dass ich das mit den Wellen wieder nicht so hinbekomme, wie es sein soll?“
Mann im Ohr: „Dass es dir bei der Hochzeit nicht gelingt, deine Emotionen zu managen.“
Ich: „Ich halte nicht dagegen.“

Es wird romantisch werden und Küsse geben und es wird kein Happy End sein, sondern der glückliche Anfang von etwas Neuem. Sie werden es besser machen als ich und ich werde an die ganzen Jahre denken, die wir uns jetzt schon kennen und an all die schönen und schlimmen Momente, die wir zusammen erlebt haben und ein schlechtes Gewissen haben, weil wir uns viel zu selten sehen und telefonieren und ich werde…

Mann im Ohr: „Deine Tastatur ist nass. Heb dir das für später auf. Die Leute halten dich noch für verrückt. Hier im Café so scheinbar anlasslos zu heulen.“

Ich zücke ein Taschentuch, wische unauffällig Rotz und Tränen weg und packe meinen Laptop und den kleinen Mann ein. Wir machen jetzt die Haare schön und feiern die Liebe.

Ich bin verknallt

Wenn nicht sogar verliebt. Wir haben fast das ganze Wochenende auf meinem Sofa verbracht. In seiner Gegenwart traue ich mich sogar, meine Brille aufzulassen. Er ist intelligent, eloquent, gerissen, argumentationsstark, gutaussehend, kurz: (m)ein Traum. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist, aber nicht viel älter als ich, wenn man nach dem Äußeren geht. Er trägt maßgeschneiderte Anzüge und hat darunter einen atemberaubenden Körper.

Sein Name ist Harvey. Harvey Specter.

Gäbe es ihn wie im Drehbuch und wäre ich mit ihm zusammen, ich würde ihn lieben. Heiß und innig.

Mann im Ohr: „Deine Freunde würden ihn gelackt finden.“
Ich: „Meine Mutter arrogant.“
Mann im Ohr: „Sophie fände ihn eingebildet.“
Ich: „Emma würde ihn nicht mögen, aber vielleicht seine Brillanz schätzen.“
Mann im Ohr: „Deinem Vater würde sein Erfolg nicht gefallen.“

Eigentlich wäre alles wie immer.

Mann im Ohr: „Was magst du an ihm?“
Ich: „Er ist gerissen, ohne skrupellos zu sein.“

Außerdem hat er dieses süße, jungenhafte Lächeln.

Mann im Ohr: „Einen Hundeblick.“
Ich: „Und die Muttermale im Gesicht, diese Makel, die es unperfekt genug machen, um interessant statt schön zu sein.“
Mann im Ohr: „Trotzdem würde dir das normalerweise nicht reichen.“

Das ist wahr. Es ist das Gesamtpaket, das ich mag. Seine Art – auch sein Charakter ist nicht perfekt. Er ist arrogant, aber nicht so arrogant, dass ich ihn nicht mag. Zoe sagt in einer Folge zu ihm „Sie laufen durchs Leben und denken die Männer wollen so sein wie Sie und die Frauen wollen mit Ihnen schlafen“ und ich glaube, das denkt er wirklich.

Eigentlich würde ich denken, er ist ein arroganter Arsch, aber dann sagt er so unglaublich kluge Dinge und das immer im passenden Moment. So etwas wie „Don´t raise your voice. Improve your argument.“ oder „The only time success comes before work is in the dictionary“. 

Mann im Ohr: „Ihr würdet nie zusammenfinden.“
Ich: „Warum nicht?“
Mann im Ohr: „Er ist genauso unnahbar wie du.“
Ich: „Er kann sich nicht einlassen.“
Mann im Ohr: „Du willst dich nicht einlassen.“
Ich: „Mit einem Harvey schon.“
Mann im Ohr: „Weißt du, warum gute Männer so schwer zu finden sind?“
Ich: „The reason good men are hard to find is because they are busy working for what they want.“

Was ist emanzipiert?

Die Frage hat mir der kleine Mann gestellt. Er hat ein Gespräch zwischen meiner Mutter und mir belauscht…

Ich höre ein: „Be-was? Ich wohne hier. Wie soll ich denn nicht hören, was du sagst?
Ich: „
Warum bist du so sensibel?“
Mann im Ohr: „Gehört. Nicht belauscht. Du musst das richtig stellen.“

Es war für den Mann im Ohr förmlich unumgänglich, zu hören, wie meine Mutter und ich diskutiert haben. 

Mann im Ohr: „Genau. Es hat mich verwirrt. Ich dachte, du seist emanzipiert. Aber in Wirklichkeit ist sie es.“
Ich: „Warum meinst du das?“
Mann im Ohr: „Du zerstörst mit deinem Verhalten Jahrzehnte emanzipatorischer Arbeit.“
Ich: „Ich B I N emanzipiert. Und du solltest das Problem wenigstens erläutern, die Leser verstehen ja kein Wort.“
Mann im Ohr: „Du tippst doch. Schreib auf, was du tust!“

Ich sehe es nicht ein, mich schlechter behandeln zu lassen, weil ich eine Frau bin. Oder weil ich Single bin. Bedauerlicherweise sind beides für manche Menschen Gründe, einen Unterschied zu machen. Zu einer verheirateten Frau zum Beispiel. 

Mann im Ohr: „Du zementierst dieses Verhalten förmlich.“
Ich: „Ach was.“

Ich weiß, wovon ich spreche, weil ich beides schon war. Ich war, so haben andere es genannt, ‘Arztfrau’. Ich habe erlebt, wie ich beim Arzt anders behandelt wurde, nachdem bekannt war, dass ich ‘Kollegenfrau’ bin. Ich habe auch erlebt, wie anders ich grundsätzlich als Frau des ‘Herrn Doktor’ behandelt wurde. Und ich sehe nicht ein, mich auch nur ein bisschen schlechter behandeln zu lassen, nur weil Dr. Ben nicht mehr Teil meines Lebens ist. 

Entsponnen hat sich die Diskussion, weil man meiner Mutter im Küchenstudio, das sie allein besucht hat, die erstellten Unterlagen mit Kostenvoranschlag nicht aushändigen wollte. Ich habe ihr gesagt, sie sollte eben sagen, ihr Mann hätte für so was wie Küchenstudiobesuche NUN WIRKLICH KEINE ZEIT, wolle das aber sehen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Meine Mutter war E N T R Ü S T E T. Sie hat keinen Mann und findet, dazu muss sie stehen. Beziehungsweise man. Ich auch.

Ich dagegen finde, ich sollte gut behandelt werden und wenn ich dazu einen Ehemann erfinden muss, dann ist das eben so. Wir hatten das Thema in ähnlicher Form, weil meine Mutter, allein auf Reisen in England, als Single immer nur den Katzentisch bekommen hat. Mein Rat war, immer für zwei zu reservieren und zu sagen, dass ihr Mann gerade noch einen Notfall hat und nachkommt, so schnell er kann. Dass sie aber schon bestellen will, weil man bei Ärzten ja nie weiß. Damals ist meine Mutter ebenso aufgebracht gewesen wie jetzt.

Ich bekomme meinen Willen fast immer. Ich trage meinen Ehering oder erwähne beiläufig meinen Mann – das Ex davor verschlucke ich ‘aus Versehen’ – wenn ich mir Männer vom Hals halten will. Ich packe meinen Mann aus, wenn ich bessere Konditionen aushandeln will und äußere, dass ich den Preis ja in Ordnung finde, aber mein Mann da ganz sicher nicht mitmacht. Er hat das Sagen in solchen Situationen. Aber selbstverständlich keine Zeit, das selbst vorzutragen. Er macht Karriere und hat Wichtigeres zu tun.

Mann im Ohr: „Aber sich dann aufregen über den Maler.“

Ups.

Den hatte ich fast vergessen. Ich weiß nicht, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.

Mann im Ohr: „Er hat gefragt, ob dein Mann denn damit einverstanden ist, was du da ausgesucht hast.“
Ich: „Ich bin innerlich explodiert.“
Mann im Ohr: „Und hast, mit bösem Blick und schneidenden Ton gesagt, dass du erstens alleine hier wohnst, was nicht mal stimmt.“
Ich: „Ich konnte ja wohl kaum von dir erzählen.“
Mann im Ohr: „Und D A N N hast du gesagt, wenn du einen Mann hättest, würdest du solche Entscheidungen ohne ihn treffen.“

Ich erinnere mich. Ich war richtig zickig nach dieser Bemerkung.

Mann im Ohr: „Da hast du genau reagiert wie deine Mutter.“
Ich: „Und zum Dank hat er mich nach getaner Arbeit ganz fies angegraben. Hätte ich gesagt, dass mein Mann die Farbe so will, hätte ich den Schlamassel nicht gehabt.“

Dummerweise begann das Angraben, bevor er die erforderlichen Nachbesserungen gemacht hatte. Es war eine wirkliche Kunst, freundlich und bestimmt die Nachbesserung zu verlangen, zu beaufsichtigen und ihn gleichzeitig auf Abstand zu halten. Und wie viel einfacher wäre es gewesen, hätte er jede Minute mit einem Ehemann gerechnet.

Mann im Ohr: „Es war ehrlich und richtig.“
Ich: „Es war dumm.“
Mann im Ohr: „Wie sollen denn Männer sonst lernen, Single-Frauen respektvoll zu behandeln?“
Ich: „Weißt du, es gibt genügend, die das tun. Und die, die es nicht tun, werden es nicht lernen. Die muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen.“
Mann im Ohr: „Es ist unehrlich.“

Eigentlich müsste man sogar sagen ‘gelogen’. Unehrlich klingt so beschönigend.

Mann im Ohr: „Und festigt diese Denke, von der die Gesellschaft deiner Meinung nach ja eigentlich weg sollte.“

Ich schweige.

Mann im Ohr: „Es ist ein unzulässiger Wettbewerbsvorteil gegenüber ehrlichen Frauen.“

Ich ziehe den Kopf ein bisschen ein.

Mann im Ohr: „Und opportunistisch.“

Ich drücke den Publish-Button und klappe meinen Laptop zu. Es muss ja nicht jeder weiter hören, was für ein schlechter Mensch ich bin.

Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen

Ich bin immer noch in Montreux und möchte meinen Urlaub genießen. Es gibt allerdings einen Störfaktor: den Krimi, den ich eingepackt und etwas mehr als zur Hälfte gelesen habe. Es ist mein erster von Håkan Nesser, der laut Klappentext einer der interessantesten und aufregendsten Spannungsautoren Schwedens ist. Ich finde ihn einfach nur anstrengend zu lesen und anstrengend sollte im Urlaub allenfalls eine Wanderung sein. Er springt permanent in der Zeit und zwischen den handelnden Personen. Es ist, obwohl ich schon fast zwei Drittel geschafft habe, immer noch nicht klar, ob die Personen, über die ich jetzt schon eine Weile lese, die gleichen sind wie die am Anfang, nur in ihrer jüngeren Version. Personen ändern ihre Namen, weil sie mit Spionage zu tun haben. Nun dachte ich, beim Thema Spionage würde es spannend. Weit gefehlt. Das Thema wird seit mehreren hundert Seiten ausschließlich dazu genutzt, die Sehnsucht eines jungen Mannes nach einer gewissen Carla aufrecht zu erhalten. Die ist Spionin und kann deswegen trotz der Sehnsucht, von der man nicht so recht weiß, ob sie beidseitig ist, den jungen Mann immer wieder zeitweise nicht treffen und nie weiß er, ob sie sich überhaupt je wiedersehen. 

Mann im Ohr: „Du solltest das hier umbenennen in ‘Krimikritik 1.0’.“
Ich: „Das Buch ist total langweilig!“
Mann im Ohr: „Nur weil Håkan Nesser dich langweilt, musst du das mit deinen Lesern ja nicht tun.“
Ich: „Du kennst mein Dilemma.“

Ihr Dilemma ist ihr Spleen, Bücher zu Ende lesen zu müssen. Sonst hat sie all die unvollständigen Geschichten im Kopf und fragt sich auch Monate und Jahre später noch, wie es wohl ausgegangen ist.

Ich: „Stop! Du fängst hier nicht an, deine Geschichte zu erzählen! Dich kann man ja keine 2 Minuten allein lassen.“
Mann im Ohr: „War mir eh zu anstrengend. Für diese zwei Sätze musste ich auf deiner Tastatur schon einen halben Marathon laufen.“

Tatsächlich ist das eine Macke von mir. Häufig lege ich die Bücher dann eine Weile weg und gebe ihnen später eine zweite Chance. 

Mann im Ohr: „Du quälst dich seit anderthalb Jahren mit dem Ding. Das ist die vierte oder fünfte Chance und ich bemerke nicht, dass es spannender oder literarisch wertvoll würde.“
Ich: „Du liest doch vor lauter Langeweile schon lange nicht mehr mit.“
Mann im Ohr: „Muss ich auch nicht, wenn es schön ist oder spannend, dann merke ich das auch so. Dann schweben rosa Wölkchen oder Gewitterwolken oder so hier oben rum.“
Ich: „Meinst du, ich sollte damit aufhören?“
Mann im Ohr: „Unbedingt.“
Ich: „Aber ich werde mich fragen, wie es weitergegangen wäre.“
Mann im Ohr: „Hätte hätte Fahrradkette. Du fragst dich ja auch nicht bei jedem Mann, den du je geküsst hast, was für ein hollywoodreifes Ende es hätte werden können.“
Ich: „Das ist, wenn man meinen Spleen bedenkt, eigentlich erstaunlich.“
Mann im Ohr: „Stell dir vor, du wärst damals wirklich nach Kanada ausgewandert für Rice. Dann hättest du vielleicht Tinder nie entdeckt, nie angefangen, darüber zu bloggen und unsere Geschichten gäbe es nicht. Oder du wärst bei Ben geblieben. Dann wärst du eine unglückliche Spießerin und hättest inzwischen vermutlich Mundwinkel wie Angela Merkel. Du hättest nicht mit Yoga angefangen, nicht Journalismus studiert und wärst seit zehn Jahren nicht in Urlaub gefahren.“

Ich hole tief Luft und will mich empören, aber eigentlich hat der kleine Mann recht. 

Ich: „Ist ja gut. Ich höre auf mit dem Buch.“
Mann im Ohr: „Versprochen?“
Ich: „Wenn du still bist.“

Ich habe ein schlechtes Gedächtnis

Ich sitze am See in der Sonne und versuche, nicht an Ben zu denken. 

Ich erwähnte ja bereits, dass Namen nicht so mein Ding sind. Ortsnamen merke ich mir noch weniger als andere. Deswegen wusste ich, als ich den Urlaub mit einer Freundin geplant habe, nicht, dass ich schon mal hier war. 

Mann im Ohr: „Ben hätte das auch nicht gewusst.“
Ich: „Vermutlich nicht.“
Mann im Ohr: „Ihr wart irgendwie auf ähnliche Art verpeilt.“

Ich weiß, dass ich auf Mallorca war, aber auch da darf man mich nicht nach dem Ortsnamen fragen. Ich kann sagen, dass es an der Küste war, im Südosten. Namen sind mir offenbar nicht so wichtig. Sonst würde ich sie mir vermutlich merken, so wie all den anderen Kram. Wichtig ist die Frage, ob es mir dort gefällt. Und sollte es mir so gut gefallen haben, dass ich wieder hin will, kann ich es immer noch rekonstuieren. Dann gehe ich hin und checke alle Buchten im Südosten, google Fotos und finde irgendwie raus, wie es dort hieß.

Ich höre etwas in meinem Kopf.

Es sagt: „Es wäre weniger aufwändig, es dir zu merken.“

„Na ja, die Rekonstruktion im Nachgang ist natürlich aufwändiger. Aber ich betreibe diese Art der Recherche ja nicht für viele Orte. Nur für die, die so schön waren, dass ich noch mal hin will.“

Dafür erinnere ich mich an Details. Ich kann sagen, dass da eine kleine Käserei neben einem Schuhgeschäft und einem Tortenladen war und welches der Gebäude Jugendstil war und welches Bauhaus und welche Farbe und welchen Schrifttyp das jeweilige Label hatte. Wie die Frau hinter der Käsetheke aussah und mit welchem Akzent sie gesprochen und was sie zu mir gesagt hat.

Mann im Ohr: „Ich bin froh, dass du so ein schlechtes Namensgedächtnis hast.“
Ich: „Warum?“
Mann im Ohr: „Wären wir sonst hier?“

Ich vermute: ja. Die Alternative wäre gewesen, zu Hause zu bleiben. Bea hat das Glück, hier eine Ferienwohnung zu haben, in die wir relativ spontan gefahren sind. Wir waren kaum da, da sind wir von der Wohnung, die wunderschön am Berg mit Blick über den Genfer See gelegen ist, runter in die kleine Stadt gefahren. Und dann habe ich all die Orte gesehen, an denen ich mit Ben war. Das Hotel, das Casino, die Pension, in der wir übernachtet haben. Ich konnte sogar den Garten unseres kleinen Zimmers erkennen, in dem wir damals abgestiegen sind. Das ist neun Jahre her.

Ich spüre eine Art Hüpfen in meinem Ohr. Es fühlt sich an, als würde jemand tanzen oder Purzelbäume schlagen.

Ein wenig später vernehme ich ein „Es ist hübsch hier. Und du bist so entspannt.“
Ich: „Was soll ich sonst sein? Ich war laufen, habe Yoga gemacht, sitze tippend am See in der Sonne und habe kein Internet. Eine ganze Woche nicht.“
Mann im Ohr: „Es ist komisch, offline zu sein.“
Ich: „Ich wollte schon sicher zehn mal – wenn man gestern nicht mitzählt, irgendwelche Sachen googeln und musste mich dann damit abfinden, dass ich die Dinge irgendwie analog herausfinden muss.
Mann im Ohr: „Oder deine Fragen unbeantwortet bleiben. Das war bei den meisten so.“

Ich: „Stimmt. Ich weiß immer noch nicht, welche Restaurants es im Ort gibt und wie viel ein Friseurbesuch hier kostet, wo Geldautomaten sind und wie der Kurs zwischen Franken und Euro liegt.“

Schlimm ist das nicht. Der nächste Geldautomat wird mir früher oder später über den Weg laufen. Zum Friseur gehe sowieso am besten zuhause – was das betrifft, bin ich wenig experimentierfreudig. Und die Restaurants entdecke ich im Vorbeigehen. Ich muss daran denken, wie das vor 15 Jahren war, als mein Handy noch nicht smart war und ich nicht mal Zuhause Internet hatte, weil mir der Anschluss als Studentin zu teuer war.

Mann im Ohr: „Was, wenn Google falsch liegt?“
Ich: „Google sammelt doch nur Informationsquellen.“
Mann im Ohr: „Es priorisiert sie auch und entscheidet, was du siehst und was nicht. Was, wenn es dir die Dinge, die du viel lieber lesen würdest, vorenthält?
Ich: „Oder mir fehlerhafte Quellen anzeigt.“
Mann im Ohr: „Vielleicht fußt deine Weltanschauung auf falschen Prämissen.“
Ich: „Vielleicht fußt unser aller Weltanschauung auf falschen Prämissen.“
Mann im Ohr: „Können wir damit aufhören?“

Mein Herz setzt kurz aus.

Ich: „Du willst OFFLINE leben? Für immer?“
Mann im Ohr: „Ja.“

Ich: „Nein.“

Es gibt Situationen, in denen ich froh bin, dass ich am längeren Hebel sitze.

Mann im Ohr: „Aber hin und wieder?“
Ich: „Weißt du, es kann natürlich sein, dass Google über seine Algorithmen unser Leben stärker bestimmt als uns bewusst ist. Aber ich denke, wir lassen uns ohnehin nicht so gut beeinflussen.“
Mann im Ohr: „Weil du immer alles hinterfragst?“
Ich: „Und weil du mir immer dann, wenn ich damit aufhöre, auf die Nerven gehst.“
Mann im Ohr: „Ich werde nicht damit aufhören.“

Ich muss an einen Artikel über Online-Detox denken, bei dem Menschen bewusst für eine Weile darauf verzichten, online zu sein. Jetzt, wo wir das gezwungenermaßen tun, wird mir klar, wie viel entspannter das Leben ist. Ich mache mir keine Gedanken darüber, warum irgendwer nicht auf meine Nachrichten geantwortet hat. Ich war wandern – ganz ohne irgendwas in der Tasche. Na gut, Taschentücher brauchte mein heuschnupfengeplagtes Ich. Ich schreibe mehr, denke mehr und habe trotzdem noch Zeit übrig. Während ich tippe, sehe die ausgegrauten Bogen, die mir sonst anzeigen, dass ich im WLAN bin. Schade, dass ich das hier nicht posten kann. 

Mann im Ohr: „Du kannst es nur ein paar Tage nicht posten. Wir kommen doch wieder nach Hause, oder?“

Mich beschleicht das Gefühl, dass dem kleinen Mann so ein Offline-Leben auf Dauer nicht gefallen hätte. Wenn ich seine Geschichten nicht mehr veröffentlichen würde, wäre er sicher enttäuscht.

Ich: „Weißt du was? Wir können dieses Online-Detox mal ausprobieren. Vielleicht legen wir alle zwei Wochen mal einen onlinefreien Tag ein oder machen noch mal so einen Urlaub wie hier.“

Mein Ohr wackelt ein bisschen. Als würde jemand übermütig hüpfen.

Kann man mehrere Menschen lieben?

Ich sitze in meinem Schaukelstuhl und blogge. Ich habe neulich gelesen, dass schaukeln das gleiche Hormon freisetzt wie stillen und guter Sex: Oxytocin. Das sogenannte Kuschel-Hormon. Das hat mich daran erinnert, dass ich den bequemsten Schaukelsessel aller Zeiten besitze, aber viel zu selten besitze.

Ich höre ein Räuspern, dann

„Gott ist das schlechter Wortwitz.“
Ich: „Man sollte seinen Mitmenschen häufiger nette Dinge sagen, findest du nicht?“

Der Sessel steht im Schlafzimmer und da tue ich eigentlich nur zwei Dinge: schlafen und … na ja, was man da eben so macht, wenn man nicht alleine ist. Den Sessel brauche ich für beide Praktiken nicht.

Mann im Ohr: „Stell dir nur vor, wie schön es wäre, einen geblasen zu bekommen, während man darin schaukelt.“
Ich: „Ich halte das für recht risikoreich.“
Mann im Ohr: „Probier´s aus.“
Ich: „ICH kann dann ja nicht beurteilen, was besser ist. Ich besitze das relevante Körperteil dafür nicht.“
Mann im Ohr: „Aber du könntest die Testperson fragen.“
Ich: „Wenn ich wissen will, ob es besser ist im Schaukelstuhl müsste ich ja zum Vergleich…“
Mann im Ohr: „Du müsstest auch eine größere Zahl als N=1 nehmen, damit das Ergebnis aussagekräftig ist.“

Als ob ich sonst nichts zu tun hätte. Außerdem stelle ich mir das wenig romantisch vor.

Mann im Ohr: „Ein Blowjob muss nicht romantisch sein, sondern geil.“
Ich: „Warum habe ich eigentlich keine Frau im Ohr?“
Mann im Ohr: „Weil du hetero bist. Dann ist das so.“

‘Isso’ war schon immer eine meiner liebsten Antworten. Was mich zum eigentlichen Thema bringt: der Frage, ob man mehrere Menschen lieben kann. Gleichzeitig, versteht sich. Franz hat neulich behauptet, das ginge nicht. Sexuell mehrere Menschen begehren ginge, lieben nicht. Näher begründet hat er das nicht. Für ihn ist das einfach ausgeschlossen.

Mann im Ohr: „Denk doch mal nach.“
Ich: „Ich denke.“
Mann im Ohr: „Liebst du Emma?“

Ich weiß, worauf der kleine Klugscheißer hinaus will: ich liebe Emma und Sophie und meine Eltern.

Mann im Ohr: „Franz ist widerlegt.“
Ich: „Er meinte aber doch keine Verwandtschaft, sondern…“

Mir fehlen die richtigen Worte. Also er meinte so richtig lieben. Wie einen Partner, einen, mit dem man auch schläft. Für viele scheint es so selbstverständlich zu sein, dass das nur mit jeweils einem geht, aber stimmt das?

Mann im Ohr: „Franz hat noch was gesagt.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Dass Liebe und Hass das gleiche sind. Dass man nur hassen kann, wen man liebt.“
Ich: „Du willst dich also nähern über die Frage, ob wir mehrere Menschen hassen können?“
Mann im Ohr: „Kannst du?“
Ich: „Ja.“
Mann im Ohr: „Weiter.“
Ich: „Dann muss ich notwendigerweise mehrere lieben können.“
Mann im Ohr: „Aber: vielleicht hasst du sie nacheinander und nicht gleichzeitig.“
Ich: „Aber oft ist doch vom Hass auf den einen noch was übrig.“
Mann im Ohr: „Aber dann geht das doch denklogisch mit Liebe auch. Den einen noch lieben, obwohl man den anderen schon liebt.“

Logisch ist das. Jedenfalls wenn man, wie Franz, Liebe und Hass für das Gleiche hält. Ich bin mir da nicht so sicher. Mir leuchtet jedenfalls nicht ein, warum wir so ziemlich jedes Gefühl für ganz viele Personen und Sachen haben können sollten, nur das eine nicht. Ich kann viele Freunde mögen und alle Familienmitglieder lieben…

„Nur die angeheirateten nicht“, murmelt es.
Ich: „Diese Blut-ist-dicker-als-Wasser-Sache hat hier nichts verloren!“
Mann im Ohr: „Hasst du es, wenn ich das sage?“
Ich: „Ich finde es dämlich.“

Wir schweigen und ich denke weiter nach, bis ich unterbrochen werde.

Mann im Ohr: „Es gibt doch Menschen, die das von sich sagen. Die sagen, dass sie mehrere Menschen lieben.“
Ich: „Ja.“
Mann im Ohr: „Dann geht es. Man kann die Nichtexistenz nicht beweisen.“
Ich: „Mathematisch kann man das indirekt, wenn die Annahme der Nichtexistenz zu einem Widerspruch führen würde.“
Mann im Ohr: „Siehst du einen?“
Ich: „Nein. Aber nur weil ich keine sehe, heißt das ja nicht, dass es keinen gibt. Ich kann die Nichtexistenz des Widerspruchs nicht beweisen.“

Es kichert in meinem Ohr. Die Frage ist, ob Gefühle überhaupt bewiesen werden können. Aber nähme man mal an, sie könnten es, leuchtet mir nicht ein, warum das nicht gehen sollte mit der Polyamorie.

Mann im Ohr: „Weil euch der Gedanke Angst macht. Ihr wollt Sicherheit. Ihr wollt glauben, dass es Gott gibt, weil ihr euch besser fühlt, wenn euer Leben irgendeinen Sinn und Ursprung hat und weitergeht. Weil ihr nicht klarkommt mit dem Gefühl, dass ihr vielleicht einfach ebenso bedeutungslos seid wie eine Ameise.“
Ich: „Was hat Gott mit Polyamorie zu tun?“

Dazu fällt dem kleinen Mann offensichtlich nichts mehr ein. Ich höre erst nichts und dann ein leises Schnarchen.

Ich bin eine treue Seele

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Weil der kleine Mann mich heute eine ganze Weile mit dem Täter-Opfer-Retter-Dreieck genervt hat. Es heißt eigentlich Drama-Dreieck und das würde zu mir ganz gut passen; das jedenfalls sagte mein Ohr zu mir. Der Titel sollte ‘Ich bin (k)eine Drama-Queen heißen’ – weil ich eigentlich eine bin, mich diese Woche aber ganz vernünftig einfach verabschiedet habe, als jemand erfolglos versucht hat, sich als Retter aufzuspielen.

Mann im Ohr: „Nachdem er dir ausführlich klar gemacht hat, dass du ein Opfer bist.“
Ich: „Immerhin hat er nicht auf dem Schulhof „Du Opfer“ zu mir gesagt.“

Er arbeitet in der Psychiatrie und ist vermutlich mit dem Dreieck vertraut.

Mann im Ohr: „Ohne Kalkül waren seine Worte sicher nicht.“

Er hat mir in aller Ausführlichkeit ungefragt erläutert, wie scheiße mich manche Leute finden und mir gleichzeitig mit smartem Lächeln erklärt, dass er das natürlich anders sieht. Dummerweise ist mir in der Situation der Spruch nicht eingefallen. Ich kann mir lange Sprüche nicht gut merken. Wir haben im Team immer ein ‘Motto der Woche’ und deswegen lese ich sowas regelmäßig. Dank Google kann ich ihn hier wiedergeben: ‘Erzähl mir nicht, was andere über mich geredet haben. Erzähl mir lieber, warum sie das in deiner Anwesenheit durften’. 

Zurück zu oben. Ich habe alte Fotoalben durchgeschaut, weil meine Mutter mich animiert hat, ihre Schrankhälfte, in der ich seit gefühlten 20 Jahren Sachen einlagere, die zu schade zum Entsorgen und zu überflüssig für meine Wohnung sind, auszumisten.

Mann im Ohr: „Ähm. Also. Deine Sätze werden zu lang.“
Ich: „Immerhin setze ich keinen Punkt hinter Worte, die keine Sätze sind.“

Ich bin ein bisschen sentimental geworden und natürlich ist Ben auf der Bildfläche erschienen. Auf Fotos. Und in seiner Hochzeitsrede, denn sein Spickzettel war auch in der Kiste.

Mann im Ohr: „Wie war das mit den Punkten hinter Nicht-Sätzen?“

Ich frage mich manchmal, womit ich das verdient habe.

Mann im Ohr: „Jeder bekommt, was er verdient.“

Demnächst nenne ich dich nicht mehr den ‘kleinen Mann’ oder den ‘Mann im Ohr’, sondern ‘Phrasenschwein’.

Mann im Ohr: „Nur weil du dir selbst auf den Nerv gehst, musst du nicht gemein werden.“

Ich werde ein bisschen rot. Vor allem, weil ich heute mal über positive Eigenschaften schreiben wollte. Also an mir selbst. Vor lauter Titeln wie ‘Ich bin arrogant’ hätte ich fast vergessen, auch mal etwas Gutes über mich zu schreiben.

Ben hat mich an etwas erinnert, die Bilder auch. Ich trage auf einem zwölf Jahre alten Foto ein Kleid, das ich nicht nur immer noch besitze, sondern regelmäßig trage. Ich habe die gleichen Schuhe an und trage dieselbe Uhr auf Bildern, die vor zehn Jahren aufgenommen wurden. Auch die Sonnenbrille ist dieselbe geblieben. Obwohl ich zugeben muss, dass inzwischen zwei neue dazugekommen sind. Eines der Bilder ist vor 18 Jahren entstanden, an dem Abend, an dem Ben und ich uns das erste Mal geküsst haben. Meine Haare sind hochgesteckt und fliegen, weil ich meinen Kopf schnell wegdrehe, so, wie ich das immer tue, wenn eine Kamera auf mich gerichtet wird. Ich trage ein sexy Neckholdertop, von dem man fast nichts sieht, weil ich ein weißes Hemd mit Vatermörderkragen drübergezogen habe. Das Hemd gehört Ben und ich vermute, ich habe wie immer gefroren. Ein ganz ähnliches Top, das ich damals schon getragen habe, liegt immer noch in meinem Schrank und wird an besonders heißen Tagen rausgeholt. Ich bin eigentlich, nicht nur was Kleidung betrifft, eine treue Seele. Obwohl ich rebellischer geworden bin mit den Jahren und mich hin und wieder von Dingen und Menschen getrennt habe. Ich mag Konstanten in meinem Leben.

Bens Rede enthält einen Satz, in dem er mich beschreibt. Er ist in Gänze, wie die Rede überhaupt, zu intim, um ihn hier auszubreiten. Deswegen nur der notwendige Teil:
„Du bist (…), sanft und stark, voller Gefühl und Temperament, (…), mit Ecken und Kanten, mit einem klugen Kopf und einem großen Herzen“.
Ben hat mich nie unkritisch gesehen. Im Gegenteil. Er war mein größter Fan und Kritiker. Und er hat mich gesehen, wie ich war. Selbst in Momenten, in denen ich das selbst nicht konnte.

Ich: „Weißt du was?“
Mann im Ohr: „Was?“
Ich: „Ich will das wieder.“
Mann im Ohr: „Ben?“
Ich: „Blödmann.“
Mann im Ohr: „Du willst einen Mann, der all das sieht?“
Ich: „Der mich sieht, wie ich bin und nicht, wie er mich gern hätte oder wie es gesellschaftlich erwünscht wäre. Dostojewski hat gesagt ‘Lieben heißt, einen anderen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat’. Das will ich. So soll mich jemand lieben.“ 
Mann im Ohr: „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Das hat Mazzini gesagt.“

Ich kenne Mazzini nicht. Ich muss erst den Eintrag lesen. Ich frage mich, was für Wissen noch in meinem Kopf schlummert und mir nicht zugänglich ist.

Ich: „Meinst du, ich wollte nie wirklich?“
Mann im Ohr: „Du wolltest Trost, Bestätigung, guten Sex, Nähe auch, einen Freund. Respektiert werden ja, gut behandelt werden auch, ernst genommen und gemocht werden. Liebe ging dir zu weit.“ 

Ich bin nicht up to date

Da hört man ein paar Monate auf zu daten und schon hat man Trends verpasst.

Gestern habe ich über Cushioning und Submarining gelesen. Das sind im Dating verbreitete Phänomene, die ähnlich nett wie Benching und Ghosting daherkommen. Der Artikel ist schon über ein halbes Jahr alt und ich kannte nicht mal die Begriffe.

Jemand wacht auf, obwohl er schon um acht ins Bett ist:
„Die sind nicht neu. Es ist nur neu, dass es Wörter dafür gibt.“
Ich: „Ich kannte das nicht.“
Mann im Ohr: „Cushioning betreibst du schon länger. Das Wort kanntest du nicht, aber umgesetzt hast du es in Perfektion.“

Und das bei meiner Umsetzungsschwäche.

Ich bin seit einer gefühlten Ewigkeit auf keiner Dating-Plattform mehr vertreten. Ich wische nicht mehr von links nach rechts, lese keine Profile mehr und denke nicht mehr darüber nach, welches Foto einen potentiellen Traummann wohl am ehesten ansprechen könnte. Das erspart nicht nur viel Zeit, sondern auch Kopfzerbrechen. Die Meinungen, gerade was Fotos und Botschaften in Profilen angeht, gehen doch ziemlich auseinander und wie bitte soll man es einem Mann Recht machen, den man noch nicht mal kennt? Der eine findet das Foto ‘süß’, der nächste ‘aufreizend’, wieder einer ‘langweilig’. Einen Spruch unter dem Bild findet dieser ‘witzig’ und jener ‘zu forsch’. 

Zur Zeit mache ich nichts und damit jedenfalls auch nicht falsch.  

Mann im Ohr: „Du warst ja auch so recht erfolgreich. Haus verlassen und lächeln funktioniert doch.“ Es folgen sehr leise Zahlen und Namen.
Ich: „Na ja, erfolgreich klingt ja irgendwie, als wär was draus geworden.“

Eine Freundschaft ist draus geworden, zwei Beziehungen hätten es vermutlich werden können, da haben dir die Männer aber nicht gefallen und bei zweien weiß man es nicht so recht. Ob der kleine Mann aus Taktgefühl den einen nicht nennt, mit dem es eine Affäre geworden ist? Der mein Herz erobert hat?

Ich: „Glaubst du, es war ein Fehler?“

Unsere Affäre ging ungefähr ein halbes Jahr. Er hat sie Beziehung genannt. Außereheliche Beziehung. Ich habe nicht über ihn geschrieben und das werde ich auch jetzt nicht. Er hat mir jeden Morgen nach dem Aufwachen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, ich war entspannt und glücklich wie lange nicht. Und das, obwohl er nicht im eigentlichen Sinne perfekt war. Er hatte Hobbies, die ich nicht mochte und hat Meinungen vertreten, die ich nicht teile. Aber er hat mich herausgefordert und glücklich gemacht. Er war der ‘Gegner’ den ich brauche im Gespräch und der ideale Partner im Bett. 

Ich höre ein Räuspern. Darauf folgt: „Da ist ein Fehler im Text.“
„Wo?“ Ich frage mich, ob er zu viel Kontakt zu meiner Schwester hat, die Lektorin ist.
Mann im Ohr: „Da oben, wo steht, dass du nicht über ihn schreibst.“ 

Ich mag es nicht, wenn Männer mich kritisieren und recht haben damit. So war Jasper auch. Ich muss darüber nachdenken. Ich wollte Männer, die mir etwas bedeuten, nicht thematisieren. Es war ein Experiment und die Männer quasi meine Versuchskaninchen und welcher Mann möchte das schon sein für eine Frau? 

Mann im Ohr: „Du hast über Ben geschrieben und Ben…“
Ich: „Hat hier nichts mehr verloren.“
Mann im Ohr: „Ich mein ja nur. Da hast du den Grundsatz schon gebrochen, da kommt’s jetzt auch nicht mehr drauf an.“ 

Der kleine Mann hat mich neulich gefragt, was Liebe ist. Ich hatte angefangen, darüber zu schreiben und dann kam etwas dazwischen. Liebe.

Mann im Ohr: „Es war kein Fehler. Du hast ihn angesehen und dein Herz ist aufgegangen. Hier oben war alles rosa und wolkig und schön.“ 

Aber bei seiner Frau ist wahrscheinlich alles grau und trüb gewesen im Kopf. Nachdem sie von uns wusste.

Mann im Ohr: „Du kannst nicht die Welt retten. Du kannst nicht die Verantwortung für die Untreue anderer übernehmen. Und du kannst nicht erwarten, in deinem Alter noch jemanden kennenzulernen ohne Altlasten. Er ist unglücklich verheiratet, so what?“

Ich mag dieses Deutsch-Englisch-Mischmasch nicht. Aber Männern etwas abgewöhnen sollte man gar nicht versuchen. Erst recht nicht, wenn sie bei einem wohnen und eine Trennung keine Option ist.

Ich: „Ich kaufe keine Wegwerf-To-Go-Becher, weil ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten will. Ich kaufe Bio-Heu-Milch von Almkühen für den dreifachen Preis, damit ich die Guten unterstütze; die, die Vorbilder sind und nicht achtlos mit anderen umgehen. Ich habe eine Katze mit der Flasche großgezogen, obwohl sie ein kleines Miststück war und ich heute noch ein Stück ihrer Kralle in meinem linken Oberschenkel habe.“
Mann im Ohr: „Eben.“
Ich: „Was ist denn das für eine Argumentation. So wenig stringent bist du doch nicht.“
Mann im Ohr: „Du hast schon so viel Gutes getan, da hast du quasi was gut.“

Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet. Hätte ich das nicht, wäre nie etwas aus uns geworden. Darf man das? Die Verantwortung so auf den anderen abwälzen? Ach was, ein schlechtes Gewissen hilft jetzt auch nichts und eigentlich gefällt mir die Argumentation. Ich werde noch viel mehr darauf achten, keine Wegwerfbecher zu benutzen und weiter meine kleine, nachhaltige Möhre fahren.

Ich: „Dein Wort in Gottes Ohr.“
Mann im Ohr: „Jetzt nimmst du dich ein kleines bisschen zu wichtig.“

Ich habe keine Prinzipien

Es raschelt in meinem Kopf, noch bevor ich den ersten Satz geschrieben habe.

Mann im Ohr: „Hast du doch.“

Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis. Außerdem steht hier alles schwarz auf weiß. Jeder hier konnte lesen, dass ich nie wieder mit einem liierten Mann schlafen will.

Mann im Ohr: „Es gehörte und gehört noch zu deinen Prinzipien, nicht oder zumindest nicht wissentlich mit liierten Männern zu schlafen.“
Ich: „Habe ich aber.“
Mann im Ohr: „Und du hattest nach ner Weile nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen.“
Ich: „Warum sagst du dann, dass es noch zu meinen Prinzipien gehört?“
Mann im Ohr: „Mit unseren Prinzipien bringen wir zum Ausdruck, was wir für richtig und für falsch halten, was unsere Wertvorstellungen sind.“
Ich: „Ich habe nicht nur mit einem verheirateten Mann geschlafen, ich habe es genossen. Ich habe es so oft wiederholt, dass ich es nicht zählen kann und ich hätte damit die nächsten Jahrzehnte weitergemacht, wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre.“
Mann im Ohr: „Trotzdem würdest du bei der Suche nach einem Mann den Punkt ‘liiert’ wieder zum Ausschlusskriterium machen.“
Ich: „Grundsätzlich schon. Aber bei Jasper habe ich eine Ausnahme gemacht.“
Mann im 
Ohr: „So ist das mit Regeln.“
Ich: „Wie?“
Mann im Ohr: „Keine Regel ohne Ausnahme.“

Er hat aufgepasst in den Vorlesungen. Dabei hatte ich immer geglaubt, Jura sei ihm zu langweilig.

Mann im Ohr: „Weißt du, die Ausnahmetatbestände zu der Regel mit den liierten Männern muss man restriktiv handhaben.“
Ich: „Ich  will da gar nichts mehr handhaben.“

Wir schweigen eine Weile und schauen aus dem Fenster. Draußen ziehen Felder vorbei, der Raps leuchtet knallgelb.

Ich: „Ich hätte das hier zu einem Happy End machen können. Mein Blog hätte damit enden können, dass ich meinen Traummann gefunden habe. Einen, der überhaupt nicht mein Typ war und in den ich mich trotzdem verliebt habe, der mich glücklich gemacht hat und sich allerhand romantisches Zeug ausgedacht hat. Aber statt das Happy End zu verfassen, habe ich nichts geschrieben.“
Mann im Ohr: „Weißt du, diese ganzen Happy Ends sind gar keine Enden.“
Ich: „Vielleicht wollte ich auch nicht aufhören, zu schreiben. Ein Ende hätte ja bedeutet, dass ich nicht mehr über unsere Unterhaltungen schreiben kann.“
Mann im Ohr: „Eigentlich sind es immer Anfänge. Und wahrscheinlich sogar oft welche, die nicht gut enden. Aber wenn man sie als Ende darstellt, können die Menschen glauben, dass alles auf Dauer gut ist. Und dieses Gefühl mögt ihr.“
Ich: „Ja, das mögen wir. Deswegen hören Filme und Bücher mit einem Kuss auf und mit einer Hochzeit in weiß, aber nie mit der Frage, wer den Müll runter bringt.“

Mann im Ohr: „Ich glaube auch nicht, dass das mit Jasper ein Ende war. Eure Geschichte ist noch nicht vorbei.“

Ich weiß, dass das von mir abhängt. Wenn ich ganz viel Glück habe, meldet er sich nie wieder. Wahrscheinlich ist das nicht. Wenn sich alles beruhigt hat zuhause, wenn er sich wieder langweilt, wenn er bemerkt hat, dass es nicht so leicht ist, eine Geliebte zu finden, die mehr ist als nur fürs Bett und die keine Forderungen stellt, was das Verlassen der Familie betrifft, wenn er sich ungeliebt fühlt und Bestätigung sucht, dann wird er sich an mich erinnern.

„Und dann kannst du ein richtig schönes ‘Happy End’ schreiben.“

Mein Ego wünscht sich, dass er sich meldet. Mein Herz fürchtet, dass es verletzt wird. Und mein Verstand schweigt.

Wenn der Postmann…

…doch nur endlich klingeln würde.

Ich sitze gespannt wie ein Flitzebogen an meinem Schreibtisch und warte darauf, dass der Postmann klingelt. Er sollte, so die Ankündigung, das Päckchen gestern zwischen 13:30 und 16:30 zustellen. Ich erwähnte ja bereits, dass ich gegen Online-Shopping bin. Wegen der Nachhaltigkeitssache und so. Weil zu viel zurückgeschickt wird, zu viel Verpackung verwendet und überhaupt. Aber diesen Bikini musste ich haben. Ich habe ihn schon vor einigen Wochen bestellt, allerdings zu klein. In 36B. Das ist, für meine Verhältnisse ‘groß’. Während ich einen normalen 36/38-Po habe, ist es oben eher eine 34A.

Ich höre ein „Du hast keine Brüste. Aber das macht nichts. Dein Po ist gut und du hast ein hübsches Gesicht.“
Ich: „Da fehlt ein kleines L.“
Mann im Ohr: „Wo?“
Ich: „In deinem ersten Satz.“

Ich kann spüren, wie es grübelt in meinem Ohr.

„Nein. Auch nach mehrfachem Lektorieren des Satzes kann ich nicht feststellen, dass da etwas fehlt.“

Ich frage mich, wie gut der kleine Mann das wohl kann, also lektorieren. Ich bin ein wenig traumatisiert, was die fehlende Größe meiner Brüste betrifft. Als ich 18 war, hat mal ein süßer Junge mir hinterhergeschaut. Und dann hat sein Kumpel ihn angestoßen und geraunt „Nicht die, die hat keine Titten“.

Mann im Ohr: „Dafür hat Russel gemeint, die kleinen Brüste würden dir etwas Lolitahaftes geben.“

Was ein Buchstabe bewirken kann.

Ich kann jedenfalls nicht abwarten, mich in einem 38B-Bikini zu sehen. Wenn der dann immer noch zu spack sitzt, mache ich vielleicht eine Diät. Also ganz vielleicht.

Mann im Ohr: „Du wolltest eigentlich über Markus schreiben.“

Das wollte ich in der Tat. Er ist eigentlich nett, geht mir aber kolossal auf die Nerven. Ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit ein Problem, das ich früher ständig hatte. Einen ‘Verehrer’, der so zurückhaltend ist, dass ich ihn nur schwer in die Schranken weisen könnte, aber aufdringlich genug, um mir auf den Nerv zu gehen. Was macht man mit solchen Leuten? Wenn jemand mich küssen will, kann ich den Kopf wegdrehen, wenn mir einer ein Liebesgeständnis macht, kann ich das erwidern oder eingestehen, dass ich nicht so empfinde. Aber was macht man mit Leuten, die einem irgendwie zu nah kommen, dabei aber immer gerade so unverbindlich bleiben, dass man alles auch ‘ganz anders’ verstehen könnte.

Früher habe ich mal präventiv erklärt, ich hätte kein Interesse. Woraufhin ich beschimpft wurde und gefragt, wie ich mir einbilden könnte, er hätte Interesse an einer wie mir. Nach der Erfahrung habe ich mal gewartet, bis es wirklich eindeutig war und dann etwas gesagt. Darauf kamen erbitterte Vorwürfe, ich hätte ihm viel zu lange Hoffnungen gemacht.

Mann im Ohr: „Das Problem ist, dass die Leute irgendwie immer aus deinem Umfeld kommen. Aus dem Freundes- oder Kollegenkreis oder von deinen Lieblingsplätzen.“
Ich: „Wenn ich ihn einfach nie wieder sehen müsste, hätte ich ja kein Problem damit, ihn vor den Kopf zu stoßen.“
Mann im Ohr: „Wenn du das nicht tust, wird er dir noch lange auf die Nerven gehen. Du musst deutlich werden.“

Ich mag es nicht, wenn der kleine Mann mir unangenehme Dinge sagt und ich weiß, dass er recht hat. Ich leide an einer Umsetzungsschwäche. An Erkenntnis mangelt es nicht.

Mann im Ohr: „Die ganze Republik leidet darunter.“
Ich: „Daran. Nicht darunter. Das hieße, die ganze Republik würde darunter leiden, dass ich Markus gegenüber nicht deutlich werde.“
Mann im Ohr: „Meinetwegen daran. Bei deinem Arbeitgeber predigt der Vorstand das seit Jahren und in dieser Sendung über den Datenskandal bei Facebook haben sie das auch gesagt und in Liebesdingen ist das bei dir auch so.“

Offensichtlich leidet auch Markus unter einer Umsetzungsschwäche in Liebesdingen.

Mann im Ohr: „An.“
Ich: „Sonst hieße das, er würde leiden, aber tatsächlich leide ich darunter. Woher hast du nur diese Klugscheißerei?“

Ich weiß von einem gemeinsamen Bekannten, dass er ernsthafte Gefühle für mich hat und mir das eigentlich schon vor einem halben Jahr sagen wollte („Aber sag ihm bloß nicht, dass ich dir das gesagt habe!!!“). Natürlich nicht. Dann kam ihm eine Weltreise von sechs Monaten dazwischen und jetzt will er mir wohl irgendwie zeigen, dass er etwas für mich empfindet. Was er durch tägliche Nachrichten und Anrufe tut, aber nie expressis verbis. Wenn ich nicht antworte oder nicht rangehe, kommt ein vorwurfsvolles „Bitte melde dich, ich mache mir Sorgen!“. Gestern dann ein kommandoartiges „Lass uns gegen 10 Uhr morgen früh telefonieren“. Wie bitte? Es gibt einen Menschen auf der Welt, der von mir ein Telefonat um eine bestimmte Uhrzeit verlangen darf: meinen Chef. Nicht mal mein Geliebter würde das wagen.

Jemand räuspert sich und flüstert: „Hier weiß niemand von ihm.“

Ups. Na ja, es ist auch klüger, ihn nicht zu erwähnen. Also nicht mal meine Mutter würde das wagen.

Abgesehen von seiner zur Zeit anstrengenden Art gefällt mir Markus nicht. Er ist mir, es lebe mein oberflächliches Ich, zu alt, zu dick und hat zu gelbe Zähne. Außerdem tut er immer so, als seinen wir eins. Diese Angewohnheit hatte er schon immer und selbst ein Brad Pitt oder besser noch ein Christian Bale dürfte mir so nicht kommen. Er sagt Dinge wie „Abbamaehrlich, sowas haben w i r doch nich nötig“ oder „Hömmal, w i r sin doch noch nich alt“. Ich habe auf diesen Satz, das ist erst ein paar Tage her, ganz ernst geantwortet: „Ich nicht“. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist. Aber so ungefähr 17 Jahre älter als ich. Er hat laut gelacht und gemeint, es ginge mir ja offensichtlich hervorragend, so wie ich zu Scherzen aufgelegt sei.

Mann im Ohr: „Du musst deine Umsetzungsschwäche überwinden und deine Angst vor einer garstigen Reaktion.“
Ich: „Ich hasse garstige Männer. Sie demolieren mein Ego. Ich will nicht, dass er gemeine Sachen zu mir sagt.“
Mann im Ohr: „Der Tag wird kommen. Er kommt sowieso und er wird not amused sein, denn kein Mann kassiert gern einen Korb. Er wird dir Vorwürfe machen oder dich runterputzen. Auf gar keinen Fall wird er es mit Fassung tragen. Dazu ist er viel zu sehr von sich überzeugt.“
Ich: „Und jetzt?“
Mann im Ohr: „Warte, bis er das nächste Mal anruft. Und dann sagst du ihm, dass du kein Interesse hast.“
Ich: „Kann ich nicht einfach sagen, ich hätte jemand anders?“
Mann im Ohr: „Dann will er den sicher kennenlernen. Und fragt dich, warum er dich nie mit ihm sieht. Was das für einer ist. Woher du ihn kennst.“
Ich: „Ach, da fällt mir schon was ein.“
Mann im Ohr: „Dann musst du lügen. Das liegt dir nicht. Früher oder später kommt so was immer raus. Außerdem ist das Problem damit nur aufgeschoben. Er muss begreifen, dass du kein Interesse an ihm hast. Sonst glaubt er, er müsse nur warten, bis das mit dem Anderen vorbeigeht. Sag ihm, dass du, wenn ihr die letzten beiden Menschen auf diesem Planeten wärt, lieber mit einem Schimpansen als mit ihm…“
Ich: „Also da bin ich mir nicht sicher. Ich finde beide Vorstellungen irgendwie fies.“
Mann im Ohr: „Dann eben mit dir selbst.“

Das wäre mir in der Tat wesentlich lieber und vermutlich auch befriedigender. Das klingt so einfach. So vernünftig. Als könnte man das mal eben so machen.

Mann im Ohr: „Ich flüstere dir im richtigen Moment den Text ein. Wir schaffen das.“
Ich: „Das ist doch so ein blöder Satz, den Leute sagen, die Sachen selbst nicht umsetzen müssen. Die Eindruck schinden wollen, große Reden schwingen und sich dann schön zurücklehnen.“
Mann im Ohr: „Na gut. Dann eben ‘Yes we can’.“