Ich bin oberflächlich

Oberflächlicher jedenfalls, als ich bisher wahrhaben wollte.

Es ist immer noch Tag 1 bei Tinder. Ich sitze bei meiner Nachbarin und erzähle ihr von meiner neuen Errungenschaft. Sie ist neugierig. Und eine der wenigen, die noch NIE irgendwas mit Onlinedating zu tun hatte. Sie ist inzwischen eine tolle Freundin, ich nenne sie nur immer noch Nachbarin.
Wir stecken über meinem Handy die Köpfe zusammen. Nope. Like. Nope. Im Sekundentakt entscheiden wir, wer eine Chance bekommt und wer nicht. Mich erstaunt, dass wir in wirklich allen Fällen spontan die selben Assoziationen haben. Was uns nicht passt, ist eine ganze Reihe von Dingen.
Ich habe plötzlich meinen Projektleiter im Ohr, der sich beschwert, dass Männer heute so viel falsch machen können und man gar nicht mehr weiß, wie man einer Frau genügen soll.

Unsere Kriterien sind eher instinktiv als überlegt:
Unattraktiv – nope
Attraktiv, mit einer Frau abgebildet – nope
Attraktiv, mit alkoholischem Getränk abgebildet – nope
Attraktiv, komischer Name (exemplarisch zu nennen wären hier: Detlef, Reiner oder Peter) – nope
Sehr attraktiv, komischer Namen – na gut (das ist ein etwas zeitverzögertes like)
Ansonsten gelten für sehr attraktive dieselben Kriterien wie für attraktive.
Alles, was kein nope bekommt – like
Auch der Text ist wichtig:
Einfache Rechtschreibfehler können durch Attraktivität kompensiert werden.
Dumme nicht.
Langweilige Texte geben Minuspunkte.
Besonders witzige Pluspunkte.
Zu viele Emoticons Minuspunkte. („Kann der keine ganzen Sätze?!“)
Kein Text hat keine Auswirkung.

Mein Projektleiter hat Recht. Es ist schwer, unseren Ansprüchen zu genügen. Und wir sind oberflächlich. Das wissen wir im Alltag nur geschickt zu kaschieren.

Ich bin ein Moralapostel

Ich habe Tinder erfolgreich gestartet.Ich heiße Lenya und bin 34 Jahre alt.
Die Fotos sind zwischen 6 Jahre und wenige Wochen alt. Egal, ich sehe auf allen gleich jung aus. Figur, Haarfarbe und -länge haben sich quasi nicht verändert. 

Ich bekomme den ersten Mann angezeigt. Ich kann nach links oder rechts wischen für „nope“ oder „like“. Ich komme mit den Richtungen durcheinander. Habe ich eine mir bis dato unbekannte Links-Rechts-Schwäche?
Gott sei Dank gibt es für blöde, sorry, unerfahrene Tinderinnen wahlweise Buttons unter den Bildern. Ein grünes Herz für „like“ und ein rotes Kreuz für „nope“.
Ich will ein rotes Herz.

Einer der ersten Männer hat kein Foto von sich eingestellt.
Erstes Foto: Düsseldorfer Skyline. Hübsch. Zweites Foto: Landschaft. Auch hübsch.
Text unter den Bildern: „Ansehnlicher, verheirateter Mann sucht Affäre. Zeitlich flexibel. Fotos gerne über WhatsApp.“ WHAT?! Ich rege mich auf.

Und sollte an dieser Stelle ehrlicherweise erwähnen, dass ich selbst exakt einmal fremdgegangen bin. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich habe es nicht sofort, aber doch zeitnah gebeichtet und mir wurde verziehen. Seitdem reagiere ich empfindlicher auf das Thema als früher. Ich weiß, was es anrichtet. Es bringt es das Gefühlsleben von mindestens drei Personen gehörig durcheinander und kratzt an mindestens zwei Egos. Ich will auf das rote Kreuz klicken. Andererseits würde ich ihm gern den Marsch blasen! Wenn ich ihn wegblicke, kann ich ihm aber nicht schreiben.
Ich gebe ihm ein Like. Es ist ein Match. Ich schreibe ihm: „Arschlöcher wie Du haben hier nichts verloren!“ Er antwortet: „Häh?!“ Ich löse das Match auf.

Der Mann in meinem Ohr wacht auf. Er reibt sich die Augen und fragt mich, was das jetzt für eine Aktion war.

Ich: „Ich finde das unmöglich. Das muss man doch mal sagen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, es hilft?“
Ich: „Natürlich nicht.“
Mann im Ohr: „Was soll das dann?“
Ich: „Der soll mal drüber nachdenken, was er da macht.“
Mann im Ohr: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr ihn Deine Meinung interessiert?“
Ich: „1?“
Mann im Ohr: „Eben.“
Schweigen
Mann im Ohr: „Wie oft willst Du das noch machen?“
Ich: „Nie wieder?“
Mann im Ohr: „Ich glaube, Du kommst bis heute nicht damit klar, dass Du fremdgegangen bist. Mit Deiner katholischen Oma und diesem kirchlichen Mädchengymnasiumquatsch bist Du zu einer totalen Spießerin geworden, die sich die eigene Untreue von vor – wieviel Jahre ist das jetzt her? – nicht verzeihen kann. Das lässt Du an irgendwelchen Kerlen aus.“
Ich: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr mich Deine Meinung interessiert?“
Er legt sich beleidigt wieder hin.
Ich: „Eben.“

Ich bin eine Lügnerin

Die Idee, mich bei Tinder anzumelden, kam bei einem Mädelswochenende mit Übernachtung in Köln. Nachdem wir einige Cocktails genossen und uns über verschiedene Dating- und Onlinedatingerfahrungen ausgetauscht hatten, klang es, als hätte man bei Tinder nicht mehr und nicht weniger Chancen, auf Singles mit – oder eben ohne – Niveau zu treffen als bei anderen Plattformen. Außerdem bin ich neugierig.
Und dann gab es noch einen anderen Grund: Recherche. Aber dazu ein anderes Mal.
Sonntags mittags war ich wieder zuhause und lud mir die App runter. Und – oh Schreck – stellte fest, dass ich einen Facebook-Account benötigte. Eigentlich halte ich mich von solchen Plattformen fern. Nun war ich gezwungen, mir einen Facebook-Account einzurichten. Meinen Namen wollte ich auf keinen Fall preisgeben. Wer wusste schon, auf wen ich da treffen würde. Ex-Freunde? Eher unwahrscheinlich. Ich hatte vier ernste, längere Beziehungen, die in Summe 15 Jahre gedauert haben. Die Anzahl „meiner Männer“ ist also sehr überschaubar. Obwohl viele Leute einen ganz anderen Eindruck haben. Ich gehe dauernd mit allen möglichen Männern aus und erzähle davon auch ganz offen. Es sind fast immer Freunde (ohne Benefits) oder  Kollegen. Beim Erzählen vergesse ich manchmal, dass andere Leute das anders interpretieren könnten. Ex-Männer musste ich also nicht fürchten. Die vier sind alle gebunden und haben Familie. Die anderen erinnern sich wahrscheinlich kaum mehr an mich oder sind mir egal.
Trotzdem, die Vorstellung, hier meinen Namen preiszugeben, behagt mir nicht. Kollegen? Auch da sind die meisten verheiratet. Und als Single muss mir so was gar nicht unangenehm sein. Aber…lieber doch ein falscher Name. Lenya. Den mochte ich schon immer. Klingt besonders und irgendwie aufregend.
Ich lüge. Aber so schlimm ist das nicht, Namen sind Schall und Rauch.

Dann muss ich ein Geburtsdatum eingeben. Oh.
Ich bin vor wenigen Tagen 36 geworden. Das ist die hintere 30er-Hälfte. Klingt unschön. Ich mag mein Alter. Ich fühle mich viel besser als mit 25. Bin klüger, kreativer, glücklicher, trainierter und habe kaum mehr Falten als damals. Aber das können potentielle Kandidaten nicht wissen. Wenn ich einen Filter für´s Alter einstellen müsste als Mann, wie sähe der aus? Ich bin von Berufs wegen darauf getrimmt, kundenorientiert zu denken. Der potentielle „Kunde“ würde wahrscheinlich ein Produkt zwischen 25 und 35 wollen. Mit 36 wäre ich aus dem Scope. Also wird aus 1980 ein 1982. Das ist fast richtig und entspricht meiner Optik ohnehin viel besser.
Das machen doch alle. Viele bestimmt. Und eigentlich ist es egal. Oder?

Tinder mal anders

Tinder ist bekannt als Dating-Plattform. Sie soll Menschen einander näher bringen. Tinder will zu Dates, Beziehungen, Affären, Ehen, Kindern oder One-Night-Stands führen.  Mir hat sie außer Dates vor allem eins gebracht: Selbsterkenntnis.
Kaum ein Gespräch mit Familie oder Freunden, kein tiefsinniges Gespräch mit meiner Yogalehrerin, kein Krisengespräch mit einem Partner, nicht mal Meditation hat erreicht, was Tinder gelungen ist.

Seien wir ehrlich: auch in offenen Gesprächen mit ehrlichen Freunden versuchen wir doch immer, unsere Schokoladenseite zu zeigen. Und Freunde versuchen meist, das Gute in uns zu sehen und das Schlechte zu relativieren. Warum sonst sollten Sie mit uns befreundet sein wollen? Selbst Therapeuten, Coaches und Berater sind selten schonungslos ehrlich, denn sie wollen, dass wir wiederkommen.

Tinder ist ehrlich und schonungslos. Nichts hat mir je so gnadenlos den Spiegel vorgehalten.