Warum der?

Ich sitze im „Schiffchen“ an der Theke. Öfter mal was Neues. Ich habe heute Urlaub und hole einen Freund vom Bahnhof ab. Der kleine Mann und ich sind 2 Stunden vor der Zeit und ich schreibe vor einem Holzfass und neben einem Zapfhahn aus poliertem Messing. Ich glaube, er braucht öfter Gelegenheiten, bei denen er sich wie ein Mann fühlen kann. Seine Laune steigt spürbar in diesem Setting mit Theke, Bierfässern und Spielautomaten. Es duftet nach Rostbratwürstchen.

Mann im Ohr: Bestellen wir welche? Er klingt sehnsüchtig.
Ich: Ich habe gekocht, wir essen alle zusammen zuhause.
Es grummelt in meinem Ohr.
Mann im Ohr: Darf ich einen Schluck?
Wie soll ich das denn…ich kann mein Glas ja schlecht an mein Ohr halten.
Ich: Wenn Du es unauffällig zum Glas und hinterher wieder rauf schaffst: ja.  
Mann im Ohr: Schreibst Du jetzt über Benny?

Darüber muss ich noch nachdenken. Ich hatte vor ein paar Tagen ein merkwürdiges Erlebnis. Jemand hat die Frage aufgeworfen, ob er es nicht wert sei, in meinem Blog erwähnt zu werden.

Der Typ gegenüber an der Theke hat grade abgelehnt, mit rauszugehen, weil ich so süß lächel. Das jedenfalls hat er gesagt, als er seinem Raucherkumpel einen Korb gegeben hat. Er kommt von der ProWein und hat halbleere Flaschen dabei. Die Etiketten sind mit Strass verziert. Der Typ sagt, er will mich weiter beobachten, wie ich vor mich hin grinsend schreibe. Wie leicht man manche Menschen glücklich machen kann.

Jedenfalls kannte ich bisher eher den umgekehrten Fall. Dass Leute erbost waren, dass ich überhaupt über sie geschrieben habe. Oder über das, was ich über sie geschrieben habe.  Oder Sorge hatten, ich könne über sie schreiben. Manchen war’s auch einfach egal. Enttäuschung wegen Nichterwähnung ist neu für mich.

Mann im Ohr: „Das ist so’n Egoding. Als Frau verstehst Du das nicht.“

Mein Handy blinkt. Christian steht irgendwo auf der Strecke und hat Verspätung. Länger. Er will mich auf dem laufenden halten. Die Typen mit den Weinflaschen verabschieden sich. Nur einer bleibt. Er stellt sich zu mir und stellt sich vor. Alfredo. Sein Zug Richtung Stuttgart geht erst in anderthalb Stunden.

Aus dem Augenwinkel kann ich eine WhatsApp-Konversation von Alfredo sehen. Bestandteil ist ein Bild mit drei nackten Frauenhintern. In jedem Anus steckt eine bunte Blume. Mir schießen Gedanken durch den Kopf. Darüber, dass große Displays nicht nur Vorteile haben. Ob seine Frau ihm das geschickt hat? Oder ein Kumpel? Eine andere Frau? Woher kommen solche Bilder? Stecken sich Frauen wirklich Blumen in den Allerwertesten? Oder ist das Photoshop?

Inzwischen hat Alfredo mir erzählt, dass er eine Frau und drei Kinder hat. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Er hat zuerst von seinen Ex-Freundinnen erzählt. Erst als ich auf sein Lock-Screen-Hintergrundbild gedeutet habe und fragend geschaut habe, ist er mit der Familie rausgerückt. Er fährt einen Ferrari und einen Q7 und seine Frau einen Fiat 500 Cabrio. Ich frage, was der Ferrari gekostet hat. 160.000 EUR. Was mich zur nächsten Frage bringt: „Wie viel läuft schwarz in Deinem Business? 50%?“ Alfredo schüttelt den Kopf. Auf mein „30?“ folgt ein Nicken. Er erläutert, dass der Ferrari auf einen anderen Namen läuft – sonst würde das Finanzamt, na ja, ich wisse schon. Ich würde jetzt gern einen Ausweis zücken und sagen „Steuerfahndung“.

Ich bin erstaunt, dass er einen Audi fährt. Die Geographie und seine Geschichten hätten einen Mercedes nahegelegt. Ich frage Alfredo, warum Audi und nicht Mercedes. Es folgt ein „Nur Türken fahren Mercedes, Deutsche fahren Audi.“. Während ich noch verwirrt darüber nachdenke, dass er Italiener ist, höre ich mich sagen: „Nee, Türken fahren BMW.“. Bevor ich den Satz ganz ausgesprochen habe, meldet sich mein schlechtes Gewissen. Eigentlich habe ich was gegen Vorurteile.

Mann im Ohr: „Gegen die anderer hauptsächlich.“
Ich: „Kleiner Mann, ich wollte hier nur sitzen und über Benny schreiben. Und jetzt denke ich über Blumendeko und Steuerhinterziehung nach und habe ein schlechtes Gewissen.“
Mann im Ohr: „Weil Du nicht über ihn geschrieben hast?“

Ich kann nicht sagen, warum ich über die einen schreibe und über die anderen nicht. Es hat weder etwas mit Sympathie noch mit Relevanz in meinem Leben zu tun. Über manche schreibe ich nicht, weil ich drum gebeten wurde oder es taktlos fände.

Mann im Ohr: „Du weißt immer, warum Du etwas nicht machst oder willst…“
Ich: „…aber selten, was ich will und warum?“

Mein Handy leuchtet auf. Es ist Zeit, zu gehen – das Thema muss ich wohl vertagen.

Die verfügbare Masse

Dieser Post ist der, den ich Tobi schon vor geraumer Zeit versprochen hatte.

Ich bin in letzter Zeit öfter ein bisschen in Verzug. Meine Schwester hat mich vor kurzem ganz aufgebracht begrüßt: „Unsere Familie kann es sich nicht leisten, dass Du auch noch unzuverlässig wirst!“. Ich war zu spät, vielleicht 15 Minuten. Es war kein Drama. Wir hatten keinen wichtigen Termin oder so. Aber verabredet war es eben anders. Es folgte ein „Papa ist unzuverlässig und Emma auch und ich, wo soll das hinführen, wenn nicht mal mehr auf Dich Verlass ist?!“. Das stimmt nur teilweise. Mein Vater ist zum Beispiel sehr pünktlich. Im Gegensatz zu meiner Schwester Sophie, die frauentypisch immer zu spät ist. Emma meldet sich skandalös selten beim Rest der Familie und ist für uns fast nie zu erreichen. Papa macht gern Zusagen, die er dann nicht einhält. Er vergisst sie manchmal auch einfach. Sophie hat sich früher beschwert, ich sei immer so perfekt und es sei ätzend, so eine zuverlässige Schwester zu haben, da könne man schwer mithalten. Nun bin ich also unzuverlässig. Ich verspreche, einen Tisch zu reservieren und vergesse es. Oder – schlimmer – ich denke dran und mache es trotzdem nicht. Ich komme zu spät und habe nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Ich verpacke Geschenke nicht, weil sich der Aufwand doch irgendwie nicht lohnt, wenn man sie ohnehin gleich wieder auspackt.

Mann im Ohr: „Sag nicht ‘unzuverlässig’. Entspannt klingt viel besser.“
Ich: „Trifft es das denn? Das klingt so positiv.“
Mann im Ohr: „Du hast Dein Studium abgebrochen, als Du beim Block Selbstmarketing angekommen warst…“
Ich weiß, worauf er hinaus will und unterbreche ihn: „Ich habe mein Studium nicht abgebrochen! Es liegt nur momentan auf Eis.“
Mann im Ohr: „Trifft es das denn?“

Um mal zum eigentlichen Thema zu kommen. In dem neulich verlinkten Artikel heißt es zum Thema Partnersuche: ‘Wir entscheiden uns letztlich zwischen den verfügbaren Optionen – ganz gleich, wie schlecht diese Optionen auch zu uns passen mögen.’.

Wir wählen unseren Partner also aus der verfügbaren Masse. Selbst dann, wenn darin kein einziges zu uns passendes Objekt zu finden ist. Ich höre ein leises, aber bestimmtes „Subjekt!“ in meinem Kopf. Eigentlich hat der kleine Mann recht. Aber wenn ich, wie mir die ‘Welt’ nahelegt, den Kreis der verfügbaren Masse zum Beispiel durch Online-Dating erweitere, so dass darin zu mir passende Optionen auftauchen, wenn ich zumindest im Kopf eine Excel-Tabelle baue mit entsprechenden Wenn-Dann-Verknüpfungen, mache ich meinen potentiellen zukünftigen Partner, dem ich 18.000 mal erzähle, wie mein Tag war, dann nicht zum Objekt? Und wenn ich wüsste, dass ein Mann mich ausgewählt hat, weil ich die Punkte auf der Checkliste in seinem Kopf oder, schlimmer noch, in Excel, erfülle, würde ich mich dann noch geliebt fühlen?

Mann im Ohr: „Gilt das mit der verfügbaren Masse nicht überall?“
Ich: „Was meinst Du mit überall?“
Mann im Ohr: „In der Kantine nimmst Du doch auch das Essen, das Dir am besten schmeckt. Selbst wenn keine der verfügbaren Optionen Deinem Geschmack entspricht.“
Ich: „Weil ich Hunger habe. Wenn es um elementare Bedürfnisse geht, wird der Wunsch nach einem medium-rare gegarten Lammkarree zum Luxusproblem.“
Mann im Ohr: „Ist das denn schlimm?“
Ich: „Nein. Aber nur, weil das eine Entscheidung ist, die ich immer wieder treffe.“
Mann im Ohr: „Verstehe ich nicht.“
Ich: „Was ich esse, entscheide ich mindestens dreimal täglich. Wenn in der Kantine das Lammkarree nicht verfügbar ist, bestelle ich das eben Freitags abends im Restaurant. Wenn es an der ersten Raststätte keine Soja-Latte gibt, nehme ich eben was anderes und freue mich umso mehr auf den nächsten Stop. Wenn der Kinofilm nicht läuft, wenn ich Zeit habe, schaue ich ihn eben in ein paar Wochen online. Bei der Wahl des Lebenspartners habe ich nicht viele Möglichkeiten, mich umzuentscheiden. Es dauert verhältnismäßig lange, bis ich überhaupt merke, ob es längerfristig passt oder nicht und wenn ich zum Beispiel Familie gründen will, habe ich ein relativ kleines Zeitfenster. Irgendwann muss es passen.“
Mann im Ohr: „Also kann ich Kantinenessen nicht mit Männern vergleichen.“
Ich: „Vielleicht mit One-Night-Stands. Aber wenn es um einen Partner geht, wäre eher Autokauf ein passender Vergleich.“
Mann im Ohr: „Autokauf?!“
Ich: „Na ja, ein Auto schaffe ich mir nicht dauernd neu an. Jedenfalls nicht in sehr kurzen Abständen.“
Mann im Ohr: „Dein Vater schon.“
Ich: „Alle zwei Jahre. Aber auch zwei Jahre können lang sein. Jedenfalls, wenn man sich für ein ‘falsches’ Auto entschieden hat.“
Mann im Ohr: „Wann wäre ein Auto falsch?“
Ich: „Wenn ich eine Familienkutsche benötige für meine Zwillinge und ich einen Sportwagen mit winzigem Kofferraum fahre, ärgere ich mich wahrscheinlich jeden Tag darüber. Bei einem Auto sollte ich genau wissen, was ich brauche, was ich will und was ich mir leisten kann. Und dann zu einem Händler gehen, der genau das hat. Wenn nicht, gehe ich zum nächsten oder konfiguriere mir ein Auto genau nach meinen Wünschen – dann muss ich nur länger warten.“
Mann im Ohr: „Einen Tod muss man sterben.“
Den Satz hat er von mir.
Mann im Ohr: „Aber viele schaffen sich doch dann einfach ein zweites Auto an. Wenn sie plötzlich eine Familienkutsche brauchen. Und behalten den Sportwagen trotzdem.“
Ich: „Das muss man sich leisten können. Aber es stimmt, viele machen das.“
Mann im Ohr: „Warum macht ihr das nicht auch bei Partnern? Dann wäre es nicht so stressig.“
Ich: „Na ja. Es ist bei uns verboten, mehrere Menschen zu heiraten. Und selbst wenn man ‘nur so’ zusammen ist, haben die meisten Leute etwas dagegen, ihren Partner zu teilen.“ 
Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Weil sie eifersüchtig sind. Weil sie Angst haben, ihren Partner zu verlieren.“
Mann im Ohr: „Warum? Wenn es normal wäre, müsste ja keiner Angst haben, den Partner zu verlieren. Die Menschen müssten nur teilen.“
Ich: „Aber das wollen viele nicht.“
Mann im Ohr: „Warum nicht? Ihr teilt doch auch Autos. Das wird sogar online organisiert und funktioniert super. Schont die Umwelt. Das hat doch viele Vorteile.“ 
Ich: „Das kannst Du nicht vergleichen.“
Mann im Ohr: „Warum nicht? Hast Du doch eben selbst.“

Ich bin sprachlos. Der kleine Mann hat ja Recht. Und in anderen Ländern funktioniert die Ehe mit mehreren Frauen ja schließlich auch seit Jahrhunderten. Ich muss erst mal in mich gehen. Hinkt der Vergleich? Finde ich einen besseren?

Jemand meldet sich zurück: „Ist es nicht in der Praxis ohnehin so?“
Ich: „Wie?“
Mann im Ohr: „Dass ihr Menschen euch einen weiteren Partner dazu nehmt, wenn manche Dinge mit dem einen nicht so gut funktionieren? Warum sonst haben so viele Menschen Affären oder wie ihr das nennt?“
Ich: „Na ja, da gibt es schon viele. Aber das ist nicht das, was die meisten Menschen anstreben. Wir wollen einen Partner, mit dem wir alles teilen können und der uns treu ist.“
Mann im Ohr: „Ich finde, ihr macht euch das Leben unnötig schwer. Es spricht doch nichts dagegen, einen Touran und einen Z8 zu fahren.“

Mir fällt kein plausibles Gegenargument ein. Außer, dass kein Mensch der Touran für seinen Partner sein will.

Küssen 2.0

Eigentlich sollte dieser Post ‘Die verfügbare Masse’ heißen. Das hatte ich Tobi versprochen. Er ist ein Kollege, von dem ich kürzlich erfahren habe, dass er meinen Blog liest – was mich gleichermaßen erstaunt und erfreut hat.

Jedenfalls wird Tobi warten müssen, weil ich, wenn mich etwas wirklich bewegt, darüber schreiben muss. Und das ist grade weniger die verfügbare Masse als die nicht verfügbare Masse. Konkret: 102 Kilo, die mich geküsst haben.

Bemerkenswerterweise weiß ich von unserem ersten Kuss quasi nichts mehr. Obwohl ich stocknüchtern war. Ich kann mich an das Setting erinnern und daran, wie ich mich gefühlt habe, aber der Kuss selbst ist weg. Ich meine, vollkommen weg. Christian hat eine rötliche Lederjacke getragen und wir standen auf der Straße nicht weit von seinem Haus. Um uns herum waren hübsche, rot verklinkerte Häuser und ich war erstaunt, wie schön seine Wohngegend ist. Mir ist aufgefallen, wie gut seine Lederjacke sich farblich in die Umgebung einfügt. Während ich noch die Umgebung bestaunt habe, hat er meine Hand genommen, mich umgedreht, gleichzeitig zu sich herangezogen und geküsst. Und ich habe schon bevor sich unsere Lippen berührt haben gedacht ‘Nicht jetzt! Bitte, bitte lass uns ganz schnell nach drinnen, mir ist eiskalt und bestimmt muss ich gleich niesen, weil ich völlig unterkühlt bin.’. Natürlich habe ich das nicht gesagt, so dass es dann doch zum Kuss kam.

Währenddessen hat der kleine Mann sich gemeldet:

Mann im Ohr: „Warum zum Teufel hast Du Deinen dünnen Trench angezogen statt der Daunenjacke? Du wusstest, dass es scheißkalt ist am Meer um diese Jahreszeit.“
Ich: „Ich wollte gut aussehen.“ 
Mann im Ohr: „Das ist Dir gelungen. Sonst würden wir grade nicht bei gefühlten minus fünf Grad geküsst.“

Normalerweise würde ich auf so etwas antworten „Einen Tod muss man sterben.“, aber in dem Fall war ich einfach nur kleinlaut.

Der Kuss kann nicht lang gedauert haben, denn ich kann mich nicht erinnern, dass der kleine Mann und ich noch über andere Dinge gesprochen hätten an dem Abend. Wenn er länger gedauert hätte, müsste ich mich ja entweder an eine Konversation oder an Teile des Kusses erinnern können.

Obwohl man wohl sagen muss, dass ich es in der Situation gehörig vergeigt habe, kam es einige Zeit später zu einem weiteren Kuss. Dem bislang besten Kuss meines Lebens. Was mich zu der Frage bringt, ob ein erster Kuss wirklich so entscheidend ist, wie ich mir immer eingebildet habe.

„Vielleicht war der erste Kuss schon genauso toll und wir haben es nur nicht gemerkt.“ murmelt es.

Der zweite Kuss war wie ein erster Kuss sein sollte, nur besser. Ich erinnere mich an das Setting, den Kuss, wie er mich berührt hat und meine Gefühle.

„Ich wüsste gern, wie er das sieht. Vielleicht würde er das ganz anders beschreiben? Wollen wir ihn fragen?“

Ich halte das für keine gute Idee. Denn seine Schilderung wäre sicher nicht annähernd so schön wie meine Erinnerung. Wir waren in seiner Wohnung, er in der Küche mit Blick in Richtung Flur und ich im Flur, unterwegs in Richtung Küche. Wir waren beide ungefähr gleich weit vom Türrahmen entfernt. Es sind schöne Türrahmen und noch schönere Türen. Jugendstil. Altweiß gestrichen bilden sie einen schönen Kontrast zum dunkleren Dielenboden. Ich habe korallenfarbene ziemlich kurze Shorts und ein weißes Top getragen, er ebenfalls Shorts (nicht Koralle!) und ein graues T-shirt.
Ich habe mich gefragt, ob wir uns jetzt noch in die Küche setzen und unterhalten oder ins Bett gehen. Ich glaube, wir waren beide unsicher, denn wir haben uns fragend angeschaut und sind beide so weit vom Türrahmen entfernt stehengeblieben, dass die Frage offen blieb. Dann hat Christian einen Schritt in meine Richtung gemacht, so dass er genau im Türrahmen stand. Ich habe mich nicht bewegt und musste an den ersten Kuss denken und wie der wohl war. Wir haben uns in die Augen gesehen und irgendwann hat Christian gefragt „Bleiben wir auf Distanz?“. Es klang weder ironisch noch vorwurfsvoll. Es war eine erst gemeinte Frage und ich hätte in dem Moment gehen können oder vorschlagen, dass wir bei einem Glas Wein noch ein bisschen reden.
Das war der Moment, in dem ich wusste, was ich wollte. Ich habe einen Schritt auf ihn zugemacht und meinen Kopf an seine Brust geschmiegt. Höher kam ich nicht. Christian gehört zu den Männern, die so groß sind, dass sie mit 102 Kilo nicht mal mopsig sind. Er hat eine Weile durch meine offenen Haare gestrichen und mich einfach nur gehalten. Und dann hat er meinen Kopf mit seinen Händen umfasst, ein bisschen nach oben gedreht und sich so weit zu mir runtergebeugt, wie es nötig war für einen Kuss.
An diesem Kuss war einfach alles richtig. Er hatte zu jedem Zeitpunkt das richtige Tempo und die richtige Intensität, mir war nicht zu kalt und nicht zu warm, der Kuss nicht zu feucht und nicht zu trocken, seine Lippen waren unglaublich weich und er hat gut geschmeckt. Und seine Hände waren immer an der richtigen Stelle. Sie haben meinen Kopf seitlich oder im Nacken umfasst.

Wenn es nach mir ginge, würde ich jeden Tag so geküsst. Mehrmals. Bedauerlicherweise gehört Christian aber zumindest räumlich nicht zur verfügbaren Masse.

Ich bin ein verkrampfter Freak

Als ich schon fast eingeschlafen bin, fällt dem kleinen Mann noch etwas ein.

„Du musst den Artikel noch verlinken! Der war interessant.“ 
Ich bin erstaunt. „Seit wann liest Du mit?“
Mann im Ohr: „Wenn es interessant ist. Nur Krimis mag ich nicht. Die machen schlechte Träume.“

Ein aufmerksamer Leser hat mir einen Link zu einem Artikel in der ‘Welt’ geschickt. Er war aufschlussreich. Und ich habe mich und einige andere darin erkannt. Es ist schon eine ganze Weile her und irgendwie passte es inhaltlich nie so richtig. Heute habe ich den Artikel zum dritten Mal gelesen. Eigentlich bin ich schon zu müde zum bloggen. Andererseits bin ich nicht der Typ, Dinge lange aufzuschieben. Es sei denn, sie sind wirklich unangenehm.

Mann im Ohr: „Findest Du Karneval feiern unangenehm?“
Ich: „Wie kommst Du drauf?“
Mann im Ohr: „Weil Du das schon seit Jahren immer wieder um ein Jahr aufschiebst.“
Ich: „Aber dieses Jahr machen wir das. Ehrlich.“ 
Themawechsel. Aber schnell.

In dem Artikel geht es darum, wie wir klugerweise vorgehen sollten bei der Partnersuche. Und darum, wie wir es tatsächlich tun. Und darum, mit welchen gesellschaftlichen Erwartungen ein Mensch auf Partnersuche konfrontiert wird. Und darum, dass Menschen, die rational und sinnvoll vorgehen, abgetan werden als verkrampft oder Freaks.

Ich kann zwar nicht behaupten, je eine Excel-Tabelle angelegt zu haben bezüglich möglicher Lebenspartner. Das liegt aber nicht daran, dass ich dieses Vorgehen abwegig finde. Sondern eher darin begründet, dass Excel und ich miteinander auf Kriegsfuß stehen. Trotz Web Based Training, durch das ich mich gequält habe. Ich mache so etwas – old school – auf Papier oder im Kopf. Ich stelle Aufwand und Risiken dem erwarteten Nutzen gegenüber. Wenn ich mit jemandem etwas anfange, der kein Potential als dauerhafter Partner hat, ich also nicht voraussichtlich ca. 20.000 Mahlzeiten und 100 Urlaube mit ihm verbringe, welche Voraussetzungen muss er dann erfüllen? Dabei ist zu bedenken, dass ich in der Zeit, die ich mit ihm ‘verschwende’ möglicherweise den Mann verpasse, der geeignet sein könnte, ihm 18.000 Mal zu erzählen, wie mein Tag war. Muss er also weniger Kriterien erfüllen, weil er ohnehin nicht bleibt oder mehr, weil er mir Zeit auf der Suche nach dem ‘Richtigen’ stiehlt? Da bin ich mir noch nicht so sicher.

Mann im Ohr: „Weniger im Bezug auf dauerhaft wichtige Kriterien und mehr im Bezug auf … andere Dinge. Ist doch logisch.“
Ich: „Was meinst Du konkret?“
Mann im Ohr: „Er muss verfügbar sein und gut küssen und all das.“
Ich: „All das?“
Mann im Ohr: „Du weißt schon. Er muss hier oben Feuerwerk machen.“

Das klingt ziemlich unromantisch. Aber letztlich ist es doch mit jeder Entscheidung so. Ich überlege mir ja auch morgens, was mir mehr Wert ist: die 2,50 EUR im Portemonnaie oder der Koffeinschub durch den Latte Macchiato. Und die Entscheidung fällt beinahe immer zugunsten des Koffeins. Vernünftig ist das nicht.

Ich bin nicht sicher, was ich dem kleinen Mann sagen soll wegen Karneval. Ich hatte bisher jedes Jahr eine adäquate Ausrede. Kein Kostüm, keine Zeit, weiß nicht, mit wem ich feiern soll, krank. Aber dieses Jahr stimmt das alles nicht. Und er freut sich schon seit Jahren wie ein kleines Kind auf Weihnachten, wenn es auf Karneval zugeht. Er singt auch die Lieder immer begeistert mit, wenn ich im Auto Karnevalslieder höre, statt zu feiern.

Ich höre ein aufgeregtes Flüstern: „Gehen wir dieses Jahr wirklich? Und singen ganz laut kölsche Lieder?“
Und dann höre ich mich ernsthaft sagen: „Versprochen.“.

Warum ist das so?

Dass wir an die bösen Typen so viel mehr Gedanken verschwenden als an die guten?

Ich komme auf das Thema, weil ich an Donald so viel öfter denke als an Barack. Der hat meine Gedanken alle paar Wochen mal beschäftigt. Wenn sein Name in den Nachrichten auftauchte, habe ich das so nebenher irgendwie wahrgenommen. Und ihn sonst nicht weiter beachtet. Obwohl ich ihn für gutaussehend und unglaublich intelligent halte.

Müsste ich mir einen Mann backen – Obama wäre was Größe, Figur, Intellekt und Charakter angeht ziemlich nah an meinem Ideal. Gut, das mit dem Charakter ist ein Stück weit spekulativ. Trotzdem. Er bekäme von mir 9 von 10 Punkten beim Net Promoter Score. Als Mann und als Präsident. Aber schlaflose Nächte hatte ich seinetwegen nie.

Donald sieht nicht halb so gut aus. Sein Sex-Appeal erreicht meines Erachtens nicht mal 20 Prozent, wenn Barack bei 100 liegt.

Ich höre ein „Du bist aber großzügig.“.
Ich: „Meinst Du, das ist übertrieben?“
Mann im Ohr: „Gemessen an ihm erreicht Donald höchstens 5, würde ich sagen.“
Ich: „Na ja, wenn Geld sexy macht, dann vielleicht ein bisschen mehr. Aber vergleichsweise würde er schon sehr schlecht abschneiden.“

Wir sind uns einig. Donald ist der Loser in diesem Spiel. Als Mann und als Präsident.

Und trotzdem ist er es, der mich manchmal nicht schlafen lässt. Der mir ein mulmiges Gefühl macht. Der sich in meinem Kopf festgesetzt hat.

Solange alles läuft, nehmen wir diejenigen, die dafür verantwortlich sind, kaum wahr. Erst wenn uns etwas nicht gefällt, bekommt es unsere Aufmerksamkeit. Dass Amerika ein Verbündeter ist, war in den letzten Jahrzehnten selbstverständlich. Selbst, als Barack Angelas Handy abgehört hat. Dass das mal in Frage stehen könnte, war so abwegig, dass ich lange keinen Gedanken daran verschwendet habe.

Mann im Ohr: „Bei anderen Menschen ist das doch genauso.“
Ich: „Du meinst bei Männern? Oder Frauen? Also in Beziehungen?“
Mann im Ohr: „Ja. Aber nicht nur.“

Ich versuche mich zu erinnern. Mit den guten Männern habe ich mehr Zeit verbracht. Viel mehr. Gottseidank.

„Gedanklich auch?“ fragt jemand sehr leise.

Wenn ich ehrlich bin: nein. Ich habe mehr mit ihnen unternommen, öfter mit ihnen geredet, mehr Sex mit ihnen gehabt. Aber gedanklich habe ich viel zu viel Zeit mit denen verbracht, die mich enttäuscht haben. Warum auch immer.

Das findet jemand interessant: „Wie kommt das?“
„Gute Frage.“ Ich überlege eine Weile. „Wenn ich zum Beispiel richtig guten Sex hatte, hab ich den genossen und danach nicht weiter daran gedacht. Und mich auf´s nächste Mal gefreut.“
Mann im Ohr: „Und bei schlechtem?“ 
Ich: „Habe ich mich hinterher gefragt, ob das nächste Mal wohl besser wird. Und mir nen Kopf gemacht. Mich gefragt, ob es an mir lag oder an ihm und was ich vielleicht tun könnte, damit es besser wird. Überlegt, ob ich es ansprechen soll. Und wie. Ich meine, wie sagt man jemandem, dass er einen nicht befriedigt? Wenn er es anscheinend selbst nicht schnallt?“
Mann im Ohr: „Warum hast Du nicht einfach aufgehört damit?“
Ich: „Womit?“
Mann im Ohr: „Dich mit den Schlechten-Sex-Männern zu treffen.“

Das ist eine sehr gute Frage. Wenn einen etwas nicht glücklich macht, ist es eine Option, damit aufzuhören. Und nicht die schlechteste.

„Bei sowas hast Du die Wahl. Donald wirst Du nicht so schnell los.“ Der kleine Mann klingt fast hoffnungslos.

Wie wahr. Eigentlich ist das doch eine gute Nachricht. Die allermeisten Menschen, die einem nicht in den Kram passen oder einen nicht gut behandeln, könnte man im Handumdrehen loswerden. Man müsste nur den Mut haben, laut und deutlich zu sagen, dass sie sich verpissen sollen. Und sich auf die fokussieren, die einen glücklich machen.

Mann im Ohr: „Wann gewöhnst Du Dir diese Bauarbeiter-Flucherei ab?“
Ich: „Nie. Ich mag die entsetzen Gesichter in die ich dann jedes Mal schaue. Diesen ‘Huch, hat dieses zarte Blondchen wirklich grade Wichser gesagt?’-Blick.“ 

Kurz bevor mir die Augen zufallen schießt mir ein Gedanke durch den Kopf:
Kann es sein, dass wir den idealen Partner vor der Nase haben und nicht mal bemerken? Weil unser Augenmerk viel zu sehr auf denjenigen liegt, die wir besser einfach ignorieren würden?

Will ich einen Korinthenkacker?

Mein Physiotherapeut hat mich zum Nachdenken gebracht. Und dabei ging es nicht um meinen Rücken oder ähnliches. Sondern um die Liebe.

Er hat von seiner Freundin erzählt. Und davon, wie ihre Beziehung so ist. Er ist glücklich mit ihr und die beiden sind auf der Suche nach einem Haus. Er beschrieb seine Freundin als ‘Korinthenkackerin’ und sich selbst als ‘charismatischen Visionär’. Er findet, dass sie sich super ergänzen. Er hat tolle Visionen und sie checkt sie ganz nüchtern auf ihre Realitätstauglichkeit. Dadurch muss er sich keine Sorgen machen, auf die Nase zu fallen. Sie bewahrt ihn davor. Als Dank wird sie als Korinthenkackerin bezeichnet. Nice.

Der Dialog hat mich deshalb so bewegt, weil ich in meiner Beziehung mit Ben auch die Korithenkackerin war. Er war der charming boy und ich die Spielverderberin. Er der good cop, ich der bad cop. Das hat mich unfassbar genervt und ich wollte nie wieder in so einer Rolle sein.

Jetzt frage ich mich: was ist, wenn keiner von beiden der Korinthenkacker ist? Läuft man als Paar dann nicht Gefahr, unverhältnismäßig hohe Risiken einzugehen? Sich zum Beispiel mit einem Haus zu belasten, das man sich eigentlich nicht leisten kann? Oder mit einem, bei dem man Baumängel übersehen hat, deren Behebung einen in den Ruin treibt?

„Es ist schon sinnvoll, wenn einer diese Rolle hat.“ murmelt es von meiner Ohrmuschel.

Wenn also sinnvollerweise einer von beiden derjenige ist, dann bleibt einem nur die Wahl, selbst der Spielverderber zu sein oder mit einem zusammen zu sein.

Und das stelle ich mir ehrlich gesagt ziemlich blöd vor. Ich will keinen, der mir meine Träume mit nerviger Realität vermiest. Und wenn mich jemand fragt, wie mein Partner so ist, möchte ich nicht sagen müssen, dass er etwas von einem Korinthenkacker hat.

„Zwei Korinthenkacker in einer Beziehung wären auch etwas viel des Guten.“ 

Sind zwei einer zu wenig?

Momentan dominieren zwei Männer mein Leben. Der kleine Mann. Und Donald Trump. Der Punkt zwischen den beiden Sätzen, die keine Sätze sind, ist unsinnig. Eigentlich. Aber ich bringe es nicht über mich, den kleinen Mann und Trump in einem Satz zu nennen.

„Es wäre toll, wenn mal ein Mann, der größer ist als ich, Dein Leben dominieren würde.“, murmelt es.
Ich: „Donald ist viel größer als Du.“
Mann im Ohr: „Ich war noch nicht fertig. Größer als ich und einen besseren Charakter als Donald. Denk nur daran, was Deine Oma gesagt hat. Du musst zu ihm aufschauen können, in jeder Hinsicht.“

Ich bin froh, dass wir wieder solche Gespräche führen können. Der kleine Mann war nämlich ausgezogen. Aus meinem Kopf in meine Hosentasche. Weil ich so einen schlimmen Husten hatte, dass er nicht schlafen konnte und wir beide Angst hatten, er würde sich ein Schleudertrauma zuziehen, wenn er noch länger diesen Erschütterungen ausgesetzt ist. Das hatte zur Folge, dass er nicht mitbekommen hat, was ich denke und wir quasi nicht mehr miteinander geredet haben.

Inzwischen wohnt er wieder in seinem kleinen Zimmer unterm Dach und gibt mehr oder weniger sinnvolle Kommentare zu meinem Leben ab, in dem sich gerade außer Massagen, Physiotherapie und Yoga nicht viel abspielt.

„Yoga? Ihr habt nur geatmet!“

Ich war diese Woche zum ersten Mal wieder beim Yoga. In dem ‘sanften’ Kurs, der kürzer dauert und in dem nur Menschen über 50 sind. Und ich. Und ich war die einzige, die nach dem Übungen kaum noch Luft bekommen hat. Dafür sah ich dabei von allen am besten aus.

„Nur, dass Dein Aussehen da keinen interessiert.“

Zurück zu Trump. Ich habe vor einigen Tagen gehört, dass er Finasterid nimmt. Und da habe ich plötzlich verstanden, warum Melania es mit ihm aushält.

Ich: „Heißt die so? Seine Frau? Oder ist Melania die Tochter?“
Mann im Ohr: „Die Tochter ist Ivanka.“

Ich erwähnte schon mal mein Problem mit Namen? Jedenfalls kann ich seine Frau jetzt besser verstehen. Und auch, warum er ein Pussygrabber ist.

Ich hatte mal einen Freund. Jan. Er hat viele Vorzüge. Oberflächlich betrachtet. Er sieht gut aus, küsst gut, hat erlesenen Geschmack und eine hammermäßig eingerichtete Wohnung mit Blick auf den Kölner Dom. Er hat einen Fernseher, so einen gebogenen, der mich schwer beeindruckt hat, obwohl ich immer dachte, Fernseher seien mir völlig schnuppe. Er ist immer gut angezogen. Und zwar nicht gut spießig, sondern gut lässig. Immer stilvoll, immer hochwertig, immer diesen Hauch besser als alle anderen, so dass er auffällt. Aber nie so, dass es gewollt aussieht.

Es schnaubt in meinem Ohr: „Es war so was von gewollt.“
Ich: „Natürlich war es das. Aber es wirkte nicht so. Und das, kleiner Mann, ist doch die ganz hohe Kunst.“

Sein größter Vorzug war seine süße kleine Tochter. Aber ich schweife ab.

Jan ist Anfang 40, legt aber viel Wert darauf, dass er jünger aussieht und lügt, nicht nur was das betrifft, großzügig. Und Jan nahm – und nimmt wahrscheinlich immer noch – Finasterid. Damit ihm seine noch vorhandene Haarpracht nicht abhanden kommt. Um junge, attraktive Frauen zu beeindrucken. Denn abgesehen von mir hatte er eigentlich immer Frauen Anfang oder Mitte 20. Und die neigen dazu, einen Anfang Vierzigjährigen für alt zu halten, es sei denn, er hat noch volles Haar und behauptet, 33 zu sein. Ich habe keine Ahnung, wie Jan aussähe, würde er Finasterid nicht nehmen. Aber so mit dem Zeug sind seine Haare toll. Er hat sich darüber aufgeregt, dass junge Frauen versuchen, sich ihn als Sugardaddy zu krallen. Bis dahin wusste ich nicht wirklich, was das ist. Na ja, jedenfalls hat es mich nach ein bisschen Recherche nicht wirklich erstaunt. Wer in einer solchen Wohnung wohnt und beim ersten Date demonstrativ seinen Porsche-Schlüssel auf den Tisch legt, muss sich nicht wundern, wenn er Frauen anzieht, die hinter Geld her sind. Und wenn eine Frau dann noch feststellt, dass er dieses finasteridbedingte kleine Problem hat, was soll sie sonst von ihm wollen?

Als Frau sagt sich das so leicht. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen Haaren und Potenz, wüsste ich auch nicht recht weiter. Eigentlich müsste man erst Finasterid nehmen, sich dann eine sehr tolle Frau angeln, mit Charakter überzeugen und es dann, aber wirklich erst dann, wieder absetzen. Dann würde die Frau wohl über schütteres Haar hinwegsehen.

Als es das erste Mal passiert ist, war mir das relativ egal. Ich dachte, vielleicht ist er nervös oder überarbeitet oder müde. Beim zweiten Mal war das schon anders. Nicht, weil es schon das zweite Mal war, sondern wegen dieses Satzes, der folgte: „Es liegt nicht an Dir.“
Bis zu diesem Moment hatte ich nicht in Erwägung gezogen, es könne mit mir zu tun haben. Aber so ein Satz bringt eine Frau zum Nachdenken. Das ist, als würde einem einer sagen: „Keine Sorge, Du bist nicht zu dick.“
Mir lag ein „Natürlich nicht, ist vor Dir auch noch keinem passiert.“ auf der Zunge. Aber dafür bin ich zu nett. Oder zu feige. Oder zu sensibel.
Ich höre ein dezentes Kichern.

Jedenfalls sehe ich Melania und Donald jetzt in anderem Licht.

„In besserem?“
Gute Frage. „Du hast mir gefehlt, kleiner Mann.“

Ich dachte bisher, Melania würde ihren schönen Körper hergeben für einen wie ihn. Aber wahrscheinlich ist das gar nicht nötig. Und ich verstehe Donald besser. Wenn man mit einer Pussy nichts anderes mehr anstellen kann, Pussygrabbin also alles ist, was einem noch bleibt, dann ist es zwar immer noch schlimm. Aber mein Blick auf dieses zweifellos ungehörige Verhalten wird doch ein wenig milder.

Schreck lass nach

Der kleine Mann ist seit Tagen wehleidig. Außerdem leidet er unter Angstzuständen. Er wäre beinah verloren gegangen und hat den Schreck noch nicht verdaut.

„Ich wäre beinah in diesem Wrack geblieben. Da hätte mich niemals irgendwer gefunden.“ höre ich seine zittrige Stimme.

Wir hatten einen Autounfall. Der kleine Mann ist auf meiner Ohrmuschel rumgeturnt und hat eine laute und ausführliche Rede gehalten. Er war der Meinung, dass ich grade wirklich alles falsch mache. Dass ich zu Hause im Bett hätte bleiben sollen wegen der Halsschmerzen. Dass mein Männergeschmack ihm nicht passt. Und mein Job nicht. Dass ich Urlaub buchen soll und und und. Ich hatte zu jedem seiner Punkte eine Art Rechtfertigung. Bei einigen habe ich ihm zugestimmt. Aber das reichte nicht. Ihm ging mal wieder alles nicht schnell genug. Er war so aufgedreht, dass er auf meiner Ohrmuschel auf und ab lief und ein bisschen turnte. Und dann hat es geknallt und die Airbags gingen auf und er ist nach vorn geschleudert worden gegen die Windschutzscheibe. Ich habe zitternd im Auto gesessen, Blut gesehen und im ersten Augenblick dachte ich, das Auto brennt. Weil aus dem Airbag so komischer Rauch kam und es verbrannt roch.
Aussteigen ging nicht, weil mir die Knie weggesackt sind. Die anderen Beteiligten haben Polizei und Krankenwagen gerufen und mir Wasser gebracht und ich habe einfach nur da gesessen und gewartet und heulend und zitternd drei Anrufe gemacht. Nachdem ich gecheckt hatte, dass es nicht brennt. Sonst wäre ich schon auf die Idee gekommen, mich da rausholen zu lassen. Immerhin, mein Hirn funktionierte noch.

Irgendwann habe ich mich völlig fertig nach vorn gebeugt und meinen Kopf in die Hände gelegt. Das war sein Glück. Sonst hätte der kleine Mann es nicht geschafft, sich an meinem Blazer festzuhalten. Er hat sich an den untersten Knopf am Ärmel geklammert und sich dann ins Knopfloch gesetzt. Nur deshalb ist er mit ins Krankenhaus gekommen. Nur deshalb kann er sich jetzt in seinem ‘Zimmer’ in meinem Kopf erholen.

Seitdem frage ich mich, was passiert, wenn man seine innere Stimme verliert. Geht das überhaupt? Gibt es in meinem Kopf eine Art Backup, aus dem ich einen neuen kleinen Mann kreieren könnte?

„Ich bin einzigartig. Du kannst mich nicht ersetzen.“ schluchzt es.

Dann ist er wieder still. Er mag es nicht, wenn ich ihn weinen höre. Männer weinen nicht. Dieser Glaubenssatz ist noch irgendwo ganz hinten in meinem Kopf und er will mich nicht enttäuschen. Armer kleiner Kerl.
Er zittert und hat Angst, dass er tatsächlich mal abhanden kommen könnte. Oder dass ich beim nächsten Mal weniger Glück habe und sterbe. Wir wissen beide nicht, was in einem solchen Fall mit ihm passiert. Logisch denkbar wäre, dass er mit mir stirbt oder ohne mich weiter leben muss. Beides gefällt ihm nicht.

Seit ich die Schmerzmittel abgesetzt habe, bin ich fast so wehleidig wie er. Nur fast, denn Männer sind von Natur aus wehleidiger als Frauen. Aber eine Woche muss reichen. Außerdem habe ich vor lauter Ibuprofen gar nicht richtig mitbekommen, dass ich krank bin. Ich hatte eine ziemliche Erkältung und Husten und Halsweh. Aber das merkt man gar nicht so, wenn man genügend fiebersenkende Schmerzmittel nimmt. Jetzt habe ich eine ausgewachsene Bronchitis. Der Unfallchirurg sagt, ich soll mich viel bewegen und drei mal die Woche zur Physiotherapie, damit es meinem Rücken bald besser geht. Mein Hausarzt hat mir Bettruhe verordnet. Der Physiotherapeut meint, Sauna wäre gut für meinen Rücken. Wenn die Bronchitis nicht wäre.

Nicht nur dem kleinen Mann kann ich es nicht recht machen.

Wer bin ich?

Das ist der Titel des Buchs, das ich gerade lese. Der Untertitel lautet: 777 indiskrete Fragen.

Es ist voller Fragen. Sonst nichts. Ich habe es 2007 geschenkt bekommen und immer dekorativ neben dem Bett oder dem Sofa hingelegt. Nur gelesen habe ich nie darin.

Die heutige Frage lautet:

Was würden Sie für dauerhaft guten Sex eintauschen?
a) Ihre Karriere.
b) Ihr Aussehen.
c) Ihren Ehepartner.
d) Die letzten zehn Jahre Ihres Lebens.
e) 10 Punkte Ihres Intelligenzquotienten.

Meine spontane Antwort, aus dem Bauch heraus, war e).

Das, dachte ich, würde gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn erstens habe ich ja diverse Artikel gelesen und verlinkt, wonach weniger intelligente Frauen es deutlich leichter haben bei Männern. Und zweitens sollen weniger Intelligente weniger grübeln und tendenziell glücklicher sein. Wenn ich also weniger nachdenken würde und dauerhaft guten Sex hätte, müsste ich platzen vor Glück, oder? Mit ‘dauerhaft gutem Sex’ wäre aber natürlich noch nicht gesagt, dass ich auch den idealen Partner hätte. Vielleicht wäre der dumm wie Brot und einfach nur gut im Bett? Mir würde das natürlich weniger auffallen, wenn ich selbst dümmer wäre. Es sei denn, er wäre noch viel dümmer als ich mit meinem IQ -10.

Dann habe ich über die Antwortoptionen nachgedacht.

b) schließe ich sicher aus. Ich mag mein Aussehen. Und auch der beste Sex der Welt würde nicht helfen, wenn ich morgens beim Blick in den Spiegel einen Schreck bekäme. Irgendwann werde ich Falten haben und graue Haare, aber die sollen sich in mein vertrautes Gesicht einfügen. Sie sollen mich an zu viele schmutzige Lacher und vor Liebeskummer durchweinte Nächte erinnern. Aber das bitte in meinem Gesicht, rund um meine graublauen Augen.

c) fällt mangels Ehepartner raus.

Bleibt unter anderem a). Karriere ist für mich etwas übertrieben. Ich glaube, dazu stehe ich nicht weit genug oben auf der Leiter. Und verdiene nicht genug. Aber ich unterstelle hier einfach mal, dass mein Beruf gemeint wäre. Ein Beruf, den ich liebe. Denn wie sollte ich erfolgreich sein in etwas, das mir keinen Spaß macht? Wenn ich nun darüber nachdenke, wie viel Zeit ich voraussichtlich durchschnittlich für den Rest meines Lebens mit meinem Beruf und wie viel Zeit ich mit dem dann eintretenden großartigen Sex verbringen würde, fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Was sollte ich denn bitteschön den ganzen lieben langen Tag machen, während ich auf den guten Sex warte? Irgendwann hätte ich alle meine Bücher gelesen, alles aufgeräumt und geputzt und alle Blumen umgetopft. Und dann? Würde ich mich langweilen, bis Mister Lover Lover nach Hause kommt.

Bleibt neben e) nur noch d). Die letzten zehn Jahre meines Lebens. Dummerweise kann ich den Autor, Rolf Dobelli, nicht fragen, wie er das genau gemeint hat. Wäre ich dann 10 Jahre jünger? Und würde die letzten 10 Jahre erneut durchleben? Hätte ich dann die Chance, Dinge zu ändern, einen anderen Weg einzuschlagen? Oder wären die letzten 10 Jahre ausradiert und ich wäre trotzdem 36 Jahre alt?
Letzteres wäre schade. Ich hätte meinen Uniabschluss mit Ball verpasst, die Olympischen Winterspiele in Vancouver, ich wäre nie in Oregon und auf Hawaii gewesen und hätte viele nette Leute nicht kennengelernt.
Und wieder 26 sein? Ich hätte meine mündliche Prüfung des ersten Staatsexamens noch vor mir. Risikolos, durchfallen könnte ich nicht mehr. Aber durch das komplette zweite Examen müsste ich mich noch mal durchquälen. Ich hätte die Chance, Ben nicht zu heiraten. Oder ihn noch mal zu heiraten und ihn nicht zu verlassen. Ich könnte noch Kinder bekommen. Ich könnte alles richtig machen. Aber würde ich das? Würde ich ohne die Lebenserfahrung von heute und ohne mein Wissen nicht die selben Dinge wieder tun?

e) wäre wohl die beste Wahl. Da ‘nichts’ in diesem Fall keine zulässige Option ist.

„Siehst Du. Dein Bauch lenkt Dich schon ganz richtig.“, meldet sich eine leise Stimme.

Früher war es wirklich nicht besser

Gestern war ich auf einer Geburtstagsfeier. Geburtstagskind war meine Freundin Inka. Wir kennen uns schon eine Ewigkeit, nämlich seit dem ersten Tag in der 5. Klasse. Das Schicksal hat es netterweise so gefügt, dass sie nun schon eine halbe Ewigkeit mit einem Freund von mir zusammen ist, mit dem ich studiert habe.

Mit ihm und einigen anderen hatten wir zu Studienzeiten eine ‘Mittagsrunde’.
DIE Mittagsrunde. Wir waren legendär.

„Das glaubt nur ihr.“ murmelt es.
Ich: „Das haben alle gesagt damals. Alle.“
Der kleine Mann schweigt. Ich werte das als Zustimmung.
Mann im Ohr: „Schweigen ist rechtliches Nullum.“

Es gab eine Stammrunde und wechselnde Gäste. In keiner anderen Mittagsrunde wurde so viel gelacht und so viel über schmutzige Themen geredet. Und, was wirklich toll war, alle unsere Anhänge, also Partner, waren irgendwie mit der Runde kompatibel. Zwar waren die teilweise aus anderen Fachrichtungen oder wohnten nicht vor Ort. Aber man konnte die Runde abends und an den Wochenenden quasi in beliebiger Kombination zusammenstellen, Spaß war garantiert. Wir haben wunderbar diskutiert. Über alles. Juristische Grundsatzfragen gehörten ebenso auf die Agenda wie gesellschaftspolitische Themen. Dass fun factory die besten Vibratoren baut war genauso wichtig wie die Doku über Analsex im WDR, die eine von uns gesehen hatte. Wir waren ein Haufen sexuell aufgeschlossener Intellektueller.

„Ihr habt über Hausfrauenthemen geredet. Wie man Zwiebelkuchen macht. Und Katrin hat selbst Toastbrot gebacken.“
„Sehr gutes. Ich erinnere mich.“
Der kleine Mann schweigt.
„Ich sag ja, kein Thema kam zu kurz. Wir waren genial.“
Der kleine Mann schweigt immer noch.

Jedenfalls war Inkas Geburtstagsfeier in mehrfacher Hinsicht ein Traum. Erstens gab es tolles Essen und rosa Sekt, von dem ich gern noch viel mehr getrunken hätte. Und zweitens bringt Inka genau die richtige Kombi an Leuten für mich zusammen. Es sind alte Schulfreundinnen und Kommilitonen. Leute, die ursprünglich mal nichts miteinander zu tun hatten, aber irgendwie wunderbar zusammenpassen. Ich habe alle Leute gesehen, bei denen ich mich viel zu selten melde und die ich gern viel öfter sehen würde.

„Hier oben war wirklich gute Stimmung, das muss ich zugeben. Es war fast so entspannt wie wenn Du…“
So hat es sich auch angefühlt.
„Ich lache viel mehr in so einer Runde. Es ist die Kombi aus ernsten Gesprächen und furztrockenen Anmerkungen, die unter die Gürtellinie zielen. Es ist manchmal schmutzig, aber nie niveaulos.“
„Ihr habt Euch überhaupt nicht verändert.“

Das stimmt tatsächlich mehr oder weniger. Wir sehen alle fast so aus wie früher. Wir sind erfahrener, aber noch sieht man es uns nicht an. Wir haben alle die gleiche Haarlänge und -farbe wie damals, keiner von uns hat wesentlich zu- oder abgenommen, wir haben quasi keine Schönheitsoperationen hinter uns. Also ich eine. Aber sonst keiner.

„Trotzdem wurde gestern gesagt, dass Du mit inneren Werten punkten musst.“ Es kichert in meinem Ohr.

Wir reden immer noch mehr oder weniger über die gleichen Themen. Und natürlich gehört da auch das Für und Wider von Dingen wie Lippen aufspritzen und Brust-OPs dazu. Bisher haben meine inneren Werte Gott sei Dank ausgereicht, Männer auch ohne solche Maßnahmen zu überzeugen. Ich höre erneutes Kichern.