Das hat verschiedene Gründe. Der Mann in meinem Bauch, der immer noch nicht regelmäßig mit mir spricht, fängt oft an, unangenehme Dinge zu machen, wenn ich online shoppe. Ich bekomme dann ein schlechtes Gewissen. Weil so viele Pakete mit Lastern hin- und hergefahren werden und ich nicht will, dass die Umwelt darunter leidet.
Mann im Ohr: „Du willst auch morgens nicht noch länger im Stau stehen und fragst Dich bei jedem LKW vor Dir, wer daran wohl Schuld ist und ob da Schuhe für Deine Kolleginnen unterwegs sind.“
Ich: „Das stimmt. Aber für die Umwelt finde ich es auch nicht schön.“
Es gibt noch einen Grund. Ich mag die Erinnerungen an echte Einkäufe. Gestern hat meine Mutter mir spontan einen Schlafanzug gekauft. Mit Pünktchen auf der Hose.
Mann im Ohr: „Neulich hat Dir jemand gesagt, Schlafanzüge bei Frauen seien ganz schrecklich.“
Ich: „An mir ist gar nichts schrecklich. Schon gar nicht eine kurze Schlafanzughose, die meinen Po betont.“
Mann im Ohr: „Ich dachte ja nur, vielleicht liegt es daran?“
Ich: „Vielleicht solltest auch Du mal das Denken einstellen.“
Jedenfalls sind meine Mutter und ich danach noch in dieser süßen kleinen Kaffeebar gewesen und haben Prosecco getrunken. Diese Erinnerung wird bleiben.
Und als ich danach nach einer Winterjacke gesucht habe, habe ich ungefähr zwanzig mal an Katrin gedacht. Mit ihr war ich letzten Herbst im Carsch-Haus und habe einen Boss-Mantel nicht gekauft. Damals habe ich nach Strumpfhosen geschaut und einen Rock gekauft. „Den, den Jan zu kurz findet für´s Büro.“ erinnert sich jemand zwischen meinen Ohren. Genau den. Den ich danach nie wieder angezogen habe. Und jetzt ist Jan mein neuer Chef. Bis der ‘richtige’ neue kommt.
Den Mantel werde ich nie vergessen. Ich habe ihn im Vorbeigehen gesehen und nur so grade mal übergezogen. Er saß perfekt. Ich habe Fotos gemacht und es sind Leute stehengeblieben und haben mich angesprochen, weil er einfach wie gemacht für mich war. Katrin und ich haben am Rhein gesessen und irgendsoeine Suppe gegessen in diesem orientalischen Laden „…in dem Du auch mit Ethan warst.“. Den Mantel habe ich nicht gekauft, weil er 450 Euro gekostet hat und ich eigentlich gar keinen Mantel brauchte. Aber ich weiß noch genau, wie Katrin geguckt hat und wie wir uns gefreut haben.
„Und Du denkst immer an Mo, wenn Du Deine Wickeljacke siehst.“ sagt der kleine Mann nachdenklich.
Weil Mo dabei war und hinterher gefragt hat „Oh, you bought this? I thought it was already yours. It´s so you.“ Jenny war auch dabei.
Ich: „Und weißt Du noch, wie ich dieses wunderschöne, teure Kleid gekauft habe in meiner Lieblingsboutique in Bonn?“
Ich wusste, wenn Ben das sieht, gibt es Stress. Obwohl ich mein Geld dafür ausgegeben habe. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, wofür man sinnvollerweise Geld ausgibt. Er war eher der Aktien- und Nintendo-Spiel-Typ und ich eher der Ein-Cashmere-Kleid-Gönn-Ich-Mir-Mal-Typ. Und der Kurs eines Cashmerekleids sinkt nicht annähernd so schnell wie der seiner Telekom-Aktien damals.
Ich habe also dieses Kleid gekauft und in meine Handtasche gepackt. Die Verkäuferin musste das Preisschild im Laden abschneiden und durfte mir keine Tüte mitgeben. Ich habe es heimlich in den Schrank gehängt und erst Monate später angezogen. Und dann behauptet, ich hätte es schon ‘ganz lange’.
Aus meinem Kopf tönt „Ben wusste genau, was das für ´ne Aktion war.“
Natürlich. „Er wusste immer alles ganz genau. Er kannte mich einfach zu gut.“
Den Streit hat mir das trotzdem erspart. Der Trick war, sich nicht in flagranti mit dem neuen Kleid erwischen zu lassen. Später war das Kind ja eh in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen.
Fast jeder Kauf im Laden ist Teil schöner oder skurriler Erinnerungen. Aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich welches Teil online bestellt habe und was mich an dem Tag bewegt hat. Ich freue mich auch meistens nicht, wenn ich ein Paket mit Klamotten bekomme. Weil das nämlich heißt auspacken-anprobieren-Teile wieder einpacken-zurück zur Post. Im Zweifel genau dann, wenn mir gar nicht nach shoppen ist und ich keine Zeit habe, zur Post zu fahren. Diese Packstationen sind auch nichts für mich. Die sind so…praktisch. Und irgendwie seelenlos.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist Online-Dating deshalb nichts für Dich? Weil das ähnlich ist wie Online-Shopping.“
Ich: „Es hat was davon. Und ich finde die ‘seriösen’ Plattformen nicht angenehmer als Tinder oder so. Eher schlimmer.“
Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Tinder ist ‘ehrlich’ oberflächlich.“
Der Mann in meinem Bauch macht einen zustimmenden Hüpfer, glaube ich.
„Die, die einem optisch nicht gefallen, hat man ratzfatz aussortiert. Bei den anderen Plattformen schreibt man sich erst, investiert Zeit und dann bekommt man ein Foto zu sehen, das einem überhaupt nicht gefällt. Dann kommt man sich wie ein Arschloch vor, wenn man den Kontakt abbricht. Aber wenn wir ehrlich sind, will doch niemand einen Partner, den er nicht attraktiv findet.“
Mann im Ohr: „Wer weiß. Denk nur an Steffis Kommentar gestern.“
Das stimmt. Sie hatte eine Bemerkung gemacht, dass man die optischen Ansprüche runterschrauben muss, wenn man einen netten Kerl will. Vielleicht gibt es noch mehr Frauen, die so denken.
Ich: „Aber ich kann die Theorie, dass schlechter aussehende Männer netter sind, nicht bestätigen.“
Ich kenne mäßig aussehende Männer, die ihre Frauen am laufenden Band betrügen. Und hässliche Männer, die ihre Frauen schlagen. Wenn ich an mein Referendariat zurückdenke, kann ich mich an keinen einzigen attraktiven Straftäter erinnern. Wohl aber an viele durchschnittliche. Ich kenne keinen ansehnlichen Vergewaltiger.
Außerdem war Ben attraktiv. Männer sind immer erstaunt, wenn sie das merken. Sie fragen fast alle nach ihm. Und wollen wissen, ob wir noch Kontakt haben und uns gut verstehen und wie das so war und warum wir uns getrennt haben. Ben hat in Wirklichkeit einen sehr altmodischen Namen. Vielleicht liegt es an der Kombination aus seinem Namen und der Tatsache, dass ich ihn immer als nett und treu beschreibe, dass alle Männer ihn für hässlich halten. Und dann kommt der Tag, an dem sie fragen, ob ich denn eigentlich ein Foto von ihm habe. Und dann kommt der Moment, wo sie nach Luft schnappen. Weil er groß, schlank und gutaussehend ist, volles Haar und ein sympathisches Lächeln hat. Intelligent und erfolgreich ist er auch. Und…
„Du verschreckst Männer damit. Sie haben dann das Gefühl, dass sie nicht mithalten können.“ Konnten sie auch nicht. Jedenfalls keiner von denen, die ein Foto sehen wollten.
Ich: „Dass er wohlhabend und intelligent und witzig und kinderlieb und all das ist, erzähle ich doch gar nicht. Ich sage immer nur ‘nett’ und dass wir keinen Kontakt mehr haben. Und auf Nachfrage, dass er mich nie betrogen hat.“
Mann im Ohr: „Das ist schon schlimm genug in Kombination mit seinem Bild.“
Ich: „Wenn ihr Selbstbewusstsein nicht ausreicht, sollen sie nicht nach Fotos fragen. Ich wollte in meinem Leben noch nie ein Foto der Ex sehen!“
Ich kann doch nicht so tun, als sei ich zehn Jahre mit einem hässlichen Gnom zusammen gewesen, nur damit der Mann an meiner Seite sich besser fühlt. Ben hat mich geprägt, er ist Teil meines Lebens. Und das ist gut so. Trotzdem bin ich immer ein wenig ratlos, was ich anderen Männern auf ihre Fragen sagen soll. Mir wurde gesagt, es gäbe nichts Schlimmeres als eine Frau, die über ihren Ex-Freund lästert. Dann bekäme ein Mann Angst, dass sie später über ihn auch so redet. Verständlich.
Aber: meiner Erfahrung nach mögen Männer es eben auch nicht, wenn man den Ex nett findet.
Mann im Ohr: „Das Problem ist nicht, dass Du ihn nett findest. Du magst ihn, Du schätzt ihn. Du würdest ihm immer noch Dein Leben anvertrauen.“
Das stimmt. Meine Familie hat die strikte Anweisung, keine Entscheidung ohne seinen Rat zu treffen, sollte mir etwas passieren und ich nicht mehr selbst entscheiden können. Er hat ein Vetorecht für alles. Das liegt allerdings weniger an meiner Sympathie für ihn als an der Tatsache, dass ich ihn für einen hervorragenden Arzt halte. Und er sich viel mit Ethikfragen in Zusammenhang mit lebenserhaltenden Maßnahmen beschäftigt hat. Er ist der einzige Mensch, dem ich sicher zutraue, dass er eine Entscheidung in meinem Sinne treffen wird.
Mann im Ohr: „Außerdem sagst Du immer, dass er der beste Liebhaber von allen war.“
Ich: „Das sage ich NIE. Zu Männern. Ich bin doch nicht irre!“
Mann im Ohr: „Doch. Zu mir. Und zu manchen Freundinnen.“
Ich: „Doch was? Doch, ich sage das oder doch, ich bin irre?“
Der kleine Mann schweigt. Wahrscheinlich beides.
Dabei stimmt das gar nicht mehr. Er ist nur noch auf Rang 2.
„Sag das Deinem nächsten Date genau so. Bitte.“ Der kleine Mann hält sich vor lachen den Bauch. Es wackelt ganz schön.
Ich: „Wir sollten mal wieder zurück zum Thema, finde ich.“
Ich habe keine Lust, mich mit unattraktiven Männern zu treffen. Erstens, weil ich ja auch irgendwann mit demjenigen ins Bett will. Und warum sollte ich das wollen, wenn ich ihn nicht attraktiv finde? Und zweitens hat sich vor ein paar Tagen wieder bestätigt, dass mäßig attraktive Männer Arschlöcher sein können. Da hat mir einer gesagt, dass ich nicht gut genug für ihn sei und war sauer, dass er ‘seine Zeit mit mir verschwendet’ hat. Die Details spare ich mal aus. Wir kennen uns seit zwei Jahren und ich dachte, er mag mich. Ich meine so zwischenmenschlich. Im Sinne von nett finden. Es ist nie etwas zwischen uns passiert, aber anscheinend hatte er sich Hoffnungen gemacht. Bis er ein Detail von mir erfahren hat, das ihm nicht passte. Es war, als hätte er irrtümlich was falsches ‘bestellt’. Von Freundschaft oder Sympathie war dann plötzlich nichts mehr zu spüren.
Ein Freund sagte dazu „Total kränkend und unpersönlich. Als ob der Artikel nicht der Beschreibung entspricht!?“ Ein schöneres Bild hätte ich nicht finden können.
Interessant ist, dass seit mehreren Jahren keine Frau gut genug für ihn ist. Oder die sich nicht für ihn interessieren. Jedenfalls ist er seit Jahren erfolglos bei mehreren Online-Plattformen parallel angemeldet.
Der kleine Mann meldet sich: „Wahrscheinlich schickt er einfach immer alles sofort wieder zurück. Es gibt ja so Leute, deren Hobby Online-Shopping ist. Die wild bestellen und alles geht retour.“
Ich: „Ich glaube, er bestellt einfach immer alles ne Nummer zu groß und meckert dann.“
Mann im Ohr: „Gott sei Dank hatte er Dich noch nicht ausgepackt und benutzt.“
Gott sei Dank, vor allem für mich. Und Gott sei Dank werden Frauen nicht mit dem LKW versendet. Das gäbe eine katastrophale Umwelt-Bilanz.