Ich schrecke hoch und bin schweißgebadet. Mein Herz pocht. Irgendwas habe ich geträumt und dann ist mir was eingefallen. Das H E R Z. Darüber habe ich mit dem kleinen Mann nicht gesprochen. Wir reden über Männer und Beziehungstypen und das Wort Herz fiel kein einziges Mal. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.
Das ist nicht gut. Wir haben das allerwichtigste vergessen. In meinem Bauch fühle ich einen kleinen Hüpfer.
Was macht nur der kleine Mann? Wenn ich denke, müsste er doch wach werden und protestieren? Wir müssen darüber reden, sonst habe ich das wieder vergessen. Die wichtigsten Ideen kommen mir immer im Schlaf oder unter der Dusche. Jedenfalls immer, wenn ich sie nicht sofort notieren kann. Zum Aufstehen bin ich zu müde.
„Du kannst im Halbschlaf in Gedanken ein komplettes Storyboard entwerfen und Figuren und alles, und reden kannst Du auch immer, aber drei Meter laufen und einen Zettel holen geht nicht?“ Der kleine Mann klingt schlecht gelaunt.
Ich hatte vergessen, dass man Männer nicht mitten in der Nacht wegen einer Idee wecken sollte.
„Genau. Aber Du lernst einfach nicht aus Deinen Fehlern.“ tönt es beleidigt.
Das stimmt so nicht. Ich fasse schon ganz lang nicht mehr auf heiße Herdplatten, weil ich mir einmal Brandblasen geholt habe. Ich höre ein Grummeln. Jetzt ist er eh wach, da können wir auch reden.
Ich frage „Warum haben wir über Verstand und Bauch und die Verbindung und alles gesprochen und nicht über mein Herz?“
Mann im Ohr: „Was glaubst Du wohl?“
Ich: „Verstehe ich nicht. Ist das nicht das wichtigste?“
Mann im Ohr: „Ich dachte, Du bist noch nicht so weit.“
Ich: „Aber jetzt. Wie hängt das Herz mit all dem zusammen? Worauf soll ich denn hören, wenn ich einen Mann gut finde? Das Schlimmste ist ja, wenn mein Bauch, mein Herz und mein Verstand alle unterschiedliche Dinge wollen.“
Mann im Ohr: „Dann kann es nicht funktionieren.“
Ich: „Heißt das, da muss K O N S E N S bestehen?“
Mann im Ohr: „Bien sûr.“
Das macht es schwieriger, als ich dachte.
Mann im Ohr: „Wie oft hast Du Dein Herz verschenkt? So richtig, meine ich.“
Ich überlege und bin mir nicht sicher. Einmal gibt ein sicheres ja. Mmh. „Ein oder zweimal. Ich weiß es nicht genau.“
Mann im Ohr: „Wie viele längere Beziehungen hattest Du?“
Ich: „Vier.“
Mann im Ohr: „Finde den Fehler.“
Jetzt imitiert der kleine Mann meinen Kollegen Axel. Das ist sein Lieblingssatz. Ich mag das nicht. Ich komme mir dabei immer so dumm vor.
Mann im Ohr: „Und welche Beziehung war sehr lange glücklich?“
Ich: „Die mit Herz. Und der Rest war auch d´accord.“
Der Mann im Ohr erklärt mir noch mal, wie das funktioniert. „Dein Bauch warnt Dich, wenn irgendwas nicht stimmt oder signalsiert, dass alles in Ordnung ist. Dein Verstand analysiert die Umstände und bestätigt idealerweise Dein Bauchgefühl. Erst wenn beides passt, solltest Du Dein Herz öffnen. Wenn Du es vorher tust, läufst Du Gefahr, unnötig verletzt zu werden. Wenn Du es nicht tust, wird nichts daraus.“
Welcher Mann will schon eine Frau, die nicht mit dem Herz dabei ist?
Ich: „So schwierig klingt das nicht.“
Mann im Ohr: „Du bleibst manchmal zu lange in der Analysenhase stecken. Entweder sagen Dir Bauch und Kopf, dass alles gut ist und Du traust Dich trotzdem nicht. Oder – und das ist schlimmer – einer von beiden warnt Dich sehr deutlich und Du legst den Kerl trotzdem nicht ad acta.“ Er hat recht. Manchmal ist es allein mein Ehrgeiz. Dann will ich jemanden, den ich eigentlich gar nicht will, nur um mir zu beweisen, dass ich könnte, wenn ich wollte.
Mann im Ohr: „Deshalb hast Du Jura studiert.“ Ich stutze – es stimmt. Ich wollte mir hauptsächlich beweisen, dass ich es kann.
Mann im Ohr: „Und? Arbeitest Du heute als Juristin?“ Nein. Schon länger nicht und das werde ich wahrscheinlich auch nie wieder. „Du hast mit allem drum und dran acht Jahre in Studium und Referendariat investiert, nur um hinterher zu sagen ‘Och nö, ich mach mal lieber was, wofür ich gar nicht hätte studieren müssen.’“
Ich: „Wir kommen zu sehr vom Thema ab, finde ich.“
Mann im Ohr: „Es ist genau das richtige Thema. Ist doch bei Männern genau so. Du kannst Jahre mit einem verschwenden, den Du nicht wirklich willst.“
Das würde ich nicht tun. Beim Studium war das was anderes. Ich war immer sicher, dass mir das später in allen möglichen Lebenslagen helfen würde. Und das tut es. Es war keine Zeitverschwendung. Nur vielleicht nicht ganz das richtige Motiv.
Ich muss gähnen. „Ich möchte mich mal wieder so richtig verlieben.“ Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Ich höre nicht mehr, wie der kleine Mann sagt: „An den Punkt musstest Du aber erst mal kommen. Letztes Jahr hast Du zu Eric gesagt, das sei Dir alles zu anstrengend. Dieses schlecht schlafen und nichts essen können und immer an irgendwen denken müssen.“