Es gibt ihn doch

Den perfekten Mann. Ich kenne ihn seit Jahren und bin heute zufällig mal wieder auf ihn aufmerksam geworden.

Ich saß mit akuter Bronchitis auf dem Sofa und habe rumgezappt und dann war er da. Jetzt schaue ich ‘Batman begins’. Wenn es etwas gibt, was mich aufheitert, ist es Batman. Genauer: Christian Bale alias Batman. Ich habe die Filme schon seit Erscheinen rauf und runter geschaut und in diesem L I E B E ich wirklich alle Darsteller. Pennyworthes trockener Humor ist großartig. Das Gute siegt. Wie im wahren Leben.

Ich vernehme ein andächtiges „Katie Holmes“ und wundere mich, dass es keine böse Bemerkung über meinen Optimismus ist.

Mann im Ohr: „Vielleicht wird am Ende ja doch alles gut.“
Ich: „Im Film?“
Mann im Ohr: „In echt.“

Ich kann mich kaum auf´s Schreiben konzentrieren, weil Bruce mit nacktem Oberkörper voller bruises auf dem Bett sitzt und einen grünen Smoothie trinkt. Sein wunderschöner Bizeps ist rot und blau gescheckt.

Mann im Ohr: „Warum haben wir keinen Butler, der uns grüne Smoothies macht? Wo wir doch krank sind?“
Ich: „Weil das hier das wahre Leben ist.“
Mann im Ohr: „Du bräuchtest genau so einen! Der immer für dich da ist, aber nicht bedingungslos nach deiner 
Pfeife tanzt. Er hält Master Wayne auch schon mal eine Standpauke und nordet ihn ein, wenn es nötig ist. Trotzdem ist er absolut loyal.“
Ich: „So wie du, aber in groß?“

Ich spüre, wie ein winziger Fleck in meinem Ohr sehr warm wird. Das passiert selten und kitzelt ein bisschen. Es ist ein sicheres Zeichen dafür, dass der kleine Mann rot wird.

Bruce erklärt Rachel gerade, dass er das nicht ist, der da nass und mit halbnackten Frauen aus dem Pool kommt. Dass er im Inneren anders ist. Sie antwortet, „Was wir tun zeigt, wer wir sind“.

Deswegen glauben wir Männern, wenn sie sagen, dass sie eigentlich ganz anders sind. Weil wir zu viele Superhelden-Filme gesehen haben, in denen hinter scheinbar oberflächlichen Lügnern sehr tiefgründige, verantwortungsbewusste Männer mit dem Herz am rechten Fleck stecken.

Mann im Ohr: „Der richtige Mann für dich muss nicht ehrlich sein.“
Ich: „Er darf mir ruhig sagen, dass ich immer noch einen knackigen Po habe.“
Es kichert. „Ohne Cellulite“.
Ich: „Du bist gemein.“
Mann im Ohr: „Das meine ich nicht. Er darf lügen, auch bei größeren Sachen. Aber er muss es aus edlen Motiven tun. Um die Welt zu retten oder so.
Ich: „Oder um mich glücklich zu machen?“
Mann im Ohr: „Das fällt unter ‘oder so’.“

Der Bösewicht fleht gerade „Ich schwöre vor Gott…“ und Batman antwortet „Schwöre vor mir“. Ein Satz, den ich umgehend auf meine Liste der Sätze setze, die ich im Leben noch sagen will.

Ich: „Kleiner Mann?“ 
Mann im Ohr: „Zu Diensten.“
Ich: „Wie lautet die weibliche Form von Master? Nur, damit ich weiß, wie ich angeredet werden muss, wenn ich den geeigneten Butler ausfindig mache.“
Mann im Ohr: „Mistress.“
Ich: „Bedeutet das nicht auch ‘Mätresse’?“

Ich höre es rascheln. Dann folgt ein Nicken. Großartig. Noch ein Grund, das Gendern zu lassen.

Russel Crowe

„Warum schreibst du über Russel Crowe?“, schallt es in meinem Kopf.

Was habe ich das vermisst. Der kleine Mann war viel unterwegs in letzter Zeit und ich bin sogar ohne ihn in Urlaub gefahren.

Mann im Ohr: „Ich hätte mich nur gelangweilt da am Strand.“
Ich: „Du hättest mir ständig ungebetene Ratschläge gegeben zu all den Typen da.“
Mann im Ohr: „Was für Typen?“

Der kleine Mann klingt hellwach, obwohl ich eben ganz deutlich gehört habe, wie seine Bettdecke geraschelt hat. Er macht neuerdings Mittagsschlaf und denkt, ich merke es nicht. Da bekommt die Wendung ‘im Ohr liegen’ eine ganz neue Bedeutung. Es ist regelrecht erholsam. Ich lege alles, was ihm nervige Bemerkungen entlocken könnte, in diese Zeit.

Mann im Ohr: „Ich muss damit aufhören. Sicher habe ich Eisenmangel oder so.“

Ich denke mir, dass er von mir sicher kein Eisen zusätzlich bekommt.

Mann im Ohr: „Ich kann deine Gedanken lesen. Du musst nicht leise denken.“
Ich: „Warum nicht? Ich habe an ihn gedacht.“
Mann im Ohr: „Du bist wieder bei Russel?“
Ich: „Ja.“
Mann im Ohr: „Wir kennen ihn seit fast vier Jahren und du hast ihn nie erwähnt.“
Ich: „Dann wird es Zeit. Ich finde, er hat einen Post verdient.“
Mann im Ohr: „Als einer von Millionen Männern, mit denen du nicht geschlafen hast.“
Ich: „Milliarden. 3,81 Milliarden laut ‘Deutsche Stiftung Weltbevölkerung’.“
Mann im Ohr: „Wir haben noch viel vor uns.“

Ich denke darüber nach, mit wie viel Prozent dieser 3,81 Milliarden ich geschlafen habe. Mathe ist nicht meine Stärke.

Mann im Ohr: „So dumm bist du gar nicht. Aber es lohnt nicht. Schreib über Thomas.“
Ich: „Über wen?“
Mann im Ohr: „Thomas. Russel. Wie auch immer du magst.“
Ich: „Du weißt, wie er heißt?“
Mann im Ohr: „Natürlich. Ich mache meine Hausaufgaben. Und träume nicht in der Gegend rum in der Sauna.“ 
Ich: „Warst du in seinem Ohr?!“

Mein Ohr schweigt. Lange.

„Was weißt du noch über ihn?“, frage ich.

Statt einer Antwort höre ich ein Rascheln. Dann nichts mehr.

Russel ist nach Russel Crowe benannt. So habe ich ihn getauft, nachdem wir uns vor knapp vier Jahren zum ersten Mal begegnet sind. Das war in einer Sauna, genauer, während eines Aufgusses. Also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Gehirn hitzebedingt nicht unbedingt in bester Verfassung ist. Er hat mich angesehen. Ich weiß nicht, ob ich das gespürt habe und deswegen hingeschaut. Jedenfalls habe ich ihm direkt in die Augen gesehen und er hatte diesen Blick, als wolle er mich ausziehen.

„Du warst nackt“, tönt es.
Ich: „Es war trotzdem dieser Blick. Ich habe mich noch nackter gefühlt in dem Moment.“
Mann im Ohr: „Dich hat niemand je so angesehen in der Sauna.“
Ich: „Dabei haben mich da schon andere angeschaut.“

Was mich am meisten überrascht hat, war, dass ich genauso zurückgeschaut habe. Ich habe ihn gesehen und wollte ihn. Eigentlich würde ich mich empören in so einem Moment. Aber ich habe mich gefreut. Uneingeschränkt und schamlos gefreut. Und mit einem Nimm-mich-am-liebsten-gleich-hier-Blick zurückgeschaut.

Sein Blick war eindeutig, aber nicht lüstern. Es gibt diesen lüsternen Blick, der mich sofort auf die Palme bringt. Den hat er nicht. Noch immer nicht. Nach fast vier Jahren. Sein Blick ist unverändert.

Wir sehen ihn seitdem regelmäßig. Würde ich öfter in die Sauna gehen, würde ich ihn vermutlich fast wöchentlich sehen. Aber ich verbringe meine Wochenenden inzwischen öfter mit schreiben oder malen statt in einem Wellnesstempel. Ich besuche häufiger meine Schwester oder fahre mal weg. Ich bin nicht mehr ganz so sehr Gewohnheitstier, wie ich es damals war.

Mann im Ohr: „Ich finde ihn toll.“
Ich: „Du findest nie einen toll, der mir gefällt.“
Mann im Ohr: „Das ist mal ein richtiger Kerl.“
Ich: „Er hat eine Freundin. Oder Frau.“
Mann im Ohr: „Die viel älter ist als du. Ich mag sie nicht.“
Ich: „Ich auch nicht. Sie grüßt nie und unterhält sich nicht und läuft mir hinterher in die Dusche, damit ich ja nicht die Gelegenheit habe, mit ihm zu sprechen.“

So viel Konsens hatten wir lange nicht.

Mann im Ohr: „Doch. Bei deinem letzten iPhone. Bei den Esszimmerstühlen auch. Und…“
Ich: „Bei Männern?“
Mann im Ohr: „Ach so. Apropos Männer. Hier war alles rosa, als ich aus dem Urlaub wiederkam.“
Ich: „Wo?“
Mann im Ohr: „Hier oben. In deinem Kopf. Es schimmert immer noch leicht. Wie Einhornstaub.“
Ich: „Ich hab da was ausprobiert. Ich will neu streichen lassen und …“
Mann im Ohr: „Du warst noch nie gut darin, dir Geschichten auszudenken.“

Ich bin ich mir sicher, dass der kleine Mann mehr über ihn weiß. Aber er wird damit rausrücken, wenn es mir am wenigsten passt. Vermutlich am Tag meiner nächsten Hochzeit. Ich meine, ein leises „So optimistisch?“ zu hören. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

Russel hat unglaubliche Ähnlichkeit mit Russel Crowe, daher der Name. Er ist groß und hat einen tollen Körper. Er ist deutlich älter als ich, aber einer von denen, die mit jedem Jahr besser aussehen. Nach mehr Lachfalten und mehr geleerten Flaschen Rotwein. Nach glücklicher Lebenserfahrung. Nach Abenteuern. Er ist muskulös, ohne aufgepumpt zu sein. Ich habe selten jemanden gesehen, der so aufrecht steht wie er. Obwohl er groß ist, gehört er zu dem Männern, die durch ihre Haltung noch größer wirken. Bei den meisten großen Männern ist das umgekehrt. Er ist dunkelhaarig und beim Lesen trägt er eine Brille. Sein Gesicht ist nie glatt rasiert. Wenn er wüsste, wie sehr ich auf Bart und Brille stehe, würde er sich vermutlich rasieren und Kontaktlinsen tragen. Ich höre manchmal, wie er sich mit anderen unterhält und er hat mich auch schon mal im Vorbeigehen gegrüßt oder gefragt, wie es mir geht. Seine Stimme ist genauso tief, wie sein Äußeres mich hat hoffen lassen. Er wirkt sympathisch und ein bisschen rebellisch. Ein bisschen ungeduldig, aber trotzdem in sich ruhend.

Sein einziger Makel ist die Art, wie er mich ansieht, während seine Frau neben ihm sitzt.

Perfect match

Es raschelt in meinem Ohr. Kurz darauf spüre ich, wie jemand in meiner Ohrmuschel auftaucht. Der kleine Mann hangelt sich über meine Haare auf meinen Wangenknochen in Richtung Nase. Das tut er nur, wenn er wichtige Grundsatzfragen mit mir besprechen will.

Ich: „Weißt du noch, wie dieser Friseur meinte, man müsste meine Wangenknochen kaschieren?“ 
Mann im Ohr: „Das war der, der dir den skandalösen Rotstich verpasst hat.“

Ich war damals so erbost über Schnitt UND Farbe, dass ich einen angepissten Post verfasst habe. Damals, als ich noch tagebuchmäßig für meine Freunde gebloggt habe, weil ich so weit weg gewohnt habe.

Mann im Ohr: „Das war eigentlich eine schöne Zeit. Wir waren viel unter uns und die Stadt ist toll.“
Ich: „Was machst du auf meiner Nase?“
Mann im Ohr: „Hast du das Make-Up-Pröbchen gesehen?“
Ich: „Das, das ich aus der Zeitschrift genommen und weggeworfen habe?“

Wie immer. Ich mag es nicht, mir irgendetwas ins Gesicht zu schmieren, was ich nicht kenne und das wahrscheinlich Parabene oder sonst einen Quatsch enthält.

Jemand wedelt aufgeregt mit einer winzigen Hand und sagt laut: „Das war eine wichtige Botschaft!“

Ich: „So wie die Weihnachtsbotschaft der Engel? Für die Hirten?“

Der kleine Mann stemmt die Hände in die Hüften. Ich weiß schon, was kommt. Er kann es nicht leiden, wenn ich über Religion blogge. Zu heikel das Thema. Wie Politik.

Mann im Ohr: „Ich fühle mich nicht ernst genommen.“
Ich: „Ich komme mir vor wie in einer Paartherapie.“
Mann im Ohr: „Dich würde überhaupt keiner nehmen für eine Paartherapie.“

Jetzt bin ich empört.

Ich: „Für Geld nehmen Therapeuten alles.“
Mann im Ohr: „Du bist kein Paar. Auch nicht die Hälfte eines Paares. Nicht mal ein Viertel…“
Ich: „Du hockst nie auf meiner Nase. Es sei denn, du möchtest mir etwas Wichtiges sagen.“
Mann im Ohr: „Perfect Match.“
Ich: „Wer?!“
Mann im Ohr: „Das stand auf dem Pröbchen. Da waren 24 verschiedene Frauen mit unterschiedlichen Hauttönen abgebildet und das Zeug heißt ‘Perfect Match’.“
Ich: „Findest Du, ich sollte den Farbton wechseln?“

Ich versuche, so unauffällig in den Spiegel zu schauen, dass der kleine Mann nicht runterfällt.

Mann im Ohr: „Ich finde, Du solltest bei der Männerwahl annähernd so viel Zeit, Hirn und Herz investieren wie bei der Wahl von so was.“

Seine Hand deutet erst in Richtung der ‘Myself’ und dann zu den über 20 Nagellackfläschchen in meiner Schublade. Ich höre ein leises Geräusch, das ein Schnauben auf meiner Nase sein könnte.

Mann im Ohr: „Du nimmst die, die dich ansprechen, aber du suchst nicht den passenden für dich raus.“
Ich: „Wenn ich 24 Männer zur Auswahl hätte, wär vielleicht einer dabei.“ 
Mann im Ohr: „Würdest du weniger Typen einen Korb verpassen, hättest du die.“

Ich denke nach.

Mann im Ohr: „Na gut, nicht ganz. Kommt ein bisschen drauf an, wie man zählt. Aber es kommt nicht auf die Anzahl an. Einer reicht. Er muss nur das perfekte Match sein.“
Ich: „Wie finde ich das raus? Beim Make-Up lasse ich mich von jemandem beraten, der Ahnung hat.“
Mann im Ohr: „Bei Männern nicht. Finde den Fehler.“
Ich: „Ich frage manchmal kluge Leute.“
Mann im Ohr: „Die Dauersingles sind oder in unglücklichen Beziehungen. Oder von denen du weißt, dass sie ihre Partner betrügen.“

Autsch. Das stimmt.

Mann im Ohr: „Im Job fragst du doch auch nur die, die vom Thema Ahnung haben. Nur, weil einer ein Superhirn ist, hat er noch keine Ahnung von Liebesglück.“
Ich: „Ich sollte jemanden mit Expertise in Liebesdingen fragen?“
Mann im Ohr: „Du kannst dich selbst befragen. Du warst sehr lange sehr glücklich mit einem Mann. Und auch mal sehr unglücklich. Du weißt alles, was du wissen musst.“
Ich: „Was mir wichtig ist und was mich nervt und womit ich gar nicht leben kann.“
Mann im Ohr: „MoSCoW.“
Ich: „Och nö. Nicht schon wieder Arbeit. Es sind fast Weihnachtsferien.“
Mann im Ohr: „Mit so wenig Engagement…“

Aber ich habe mir schon einen Zettel und einen Bleistift genommen. Manchmal komme ich auf die simpelsten Sachen nicht. Im Büro nutze ich die Methode dauernd.

Ich schreibe

Must have

Should have

Could have

Won´t have

auf das Blatt und denke nach.

Mit Ben waren manche Dinge schwierig. Wir hatten nie denselben Rhythmus und nicht die gleichen Bedürfnisse. Er mochte Fenster zu und Heizung an im Schlafzimmer, ich nicht. Er war bis spät in die Nacht auf und ich früh wach. Er war ein richtiger Dreckspatz und ich liebe ein gewisses Maß an Ordnung und Sauberkeit. Er wollte Fertigpizza und ich ein gutes Steak. Er fand Urlaube einfach nur überflüssig und ich wollte die Welt sehen.

Ich notiere spontan ‘Children’ unter C. Oder vielleicht doch unter S?

Mann im Ohr: „Er darf kein Spießer sein wie Ben.“
Ich: „Das kommt auf den Maßstab an. Ich bin ein bisschen spießig. Ich meine, ich halte Werte hoch, die Spießer auch hoch halten. Liebe und Treue und Loyalität und so.“

Mir ist schönes Wohnen wichtig. Ich könnte nie in einem Ikea-Heim oder mit niedrigen Decken leben. Es entspricht nicht meinem Sinn für Ästhetik. Ich schreibe ‘Ikea’ hinter das W und ‘Sex-Appeal’ unter M.

Mann im Ohr: „Ich höre förmlich die Schnappatmung Deiner Mutter.“

Mir ihr hatte ich mal eine lange Diskussion zu dem Thema, in der sie mir Oberflächlichkeit vorgeworfen hat.

Mann im Ohr: „Deine Argumentation war durchweg überzeugend. Nett und all das kann jeder sein. Aber wenn Du nicht mit ihm vögeln willst, hilft das alles nicht.“

Meine Mutter begreift nicht, dass meine Anspruch über eine positive Eigenschaft hinausgeht. Nur, weil ich mir Sexyness wünsche, heißt das natürlich nicht, dass er ein Arschloch sein darf. Allerdings herrscht bei uns in der Familie irgendwie die Meinung vor, dass gut aussehende Männer quasi automatisch charakterliche Defizite haben. Ich frage dann immer, wie sie das denken können, wo ich doch auch wunderschön UND nett bin. Meine Schwester…

Mann im Ohr: „Das hast du schon mal geschrieben. Beschäftige dich lieber weiter mit der Liste. Aber erst duschen. Wir sind verabredet.“

Ich kann´s nicht lassen

Das hier hat mir gefehlt. Das neue Blog-Experiment war nett, aber ohne den kleinen Mann ist bloggen nicht dasselbe.

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, gar nicht mehr zu bloggen, um mich mehr auf die ‘richtigen’ Schreibprojekte zu konzentrieren.

Mann im Ohr: „Als wär ich weniger wichtig als so ein blöder Krimi. Oder – schlimmer – ein SACHBUCH.“

Es klingt, als würde sich in meinem Kopf jemand übergeben.

Ich: „Wenn du brechen muss, dann nicht IN meinem Kopf!“
Mann im Ohr: „Ich kotze immer nur in deine Ohrmuschel, damit du alles wegputzen kannst. Was glaubt ihr Menschen denn, woher das kommt, was ihr ‘Ohrenschmalz’ nennt?“
Ich: „Das ist Erbrochenes?!“
Mann im Ohr: „Natürlich. Das haben Ärzte schon vor Jahrhunderten rausgefunden. Sie haben es nur nicht publik gemacht, weil man dann so viele Menschen in die Psychiatrie hätte einweisen müssen. Sie selbst eingeschlossen.“

In meinem Ohr giggelt es. Eingeschlossen.

Ich: „Du warst schon mal witziger.“
Mann im Ohr: „Das war damals wahrlich kein Vergnügen. Eingeschlossen sein.“
Ich: „Ich würde auch heute gern drauf verzichten.“

Wir schweigen.

Mir fällt ein, dass ich ziemlich wenig Ohrenschmalz produziere. Der kleine Mann muss also relativ zufrieden mit mir sein. Bis auf die Tatsache, dass ich nicht mehr über ihn schreibe. Das hat dazu geführt, dass er sich mit anderen Dingen beschäftigt hat. Mit Dingen, die ich eigentlich nicht billige, die meine Aufmerksamkeit erregen und mich aufregen und dann dazu bringen, darüber zu schreiben. Er ist clever.

Mann im Ohr: „Was sonst? Ich kann ja zu 100% auf deine Gehirnkapazität zugreifen und habe zusätzlich noch mein eigenes.“

Ich frage mich, ob ich selbst noch auf mein Gehirn zugreifen kann, wenn er es nutzt. Eine Excel-Tabelle ist ja auch gesperrt, wenn jemand anders das Dokument geöffnet hat. Vielleicht habe ich deswegen manchmal Aussetzer?

Man merkt dem kleinen Mann jedenfalls an, dass sein Selbstbewusstsein ein kleines bisschen gewachsen ist in den letzten Wochen. Er hat eine – sagt er – wahnsinnig heiße, nette, intelligente Frau kennengelernt. Er hat, um präzise zu sein, eine Affäre mit ihr angefangen.

Ich bin ganz froh, dass es nur das ist. Nicht auszudenken, wenn plötzlich noch jemand in meinen Kopf einziehen würde. Mein Platz ist begrenzt.

Mann im Ohr: „Der Platz ist das geringere Problem. Deine Geduld ist viel begrenzter. Du würdest zwei von meiner Sorte nicht ertragen.“

Wie wahr.

Mann im Ohr: „Ich bin auch froh, dass sie nicht hier einzieht.“
Ich: „Aber dann könntest du sie doch häufiger sehen und, na ja.“
Mann im Ohr: „Das Erotischste ist doch oft die Phantasie.“
Ich: „Man schreibt das jetzt mit F. Das sieht total bescheuert aus. Als hätten wir nicht schon genug F-Wörter.“
Mann im Ohr: „Ich mag es, an sie zu denken und mich auf´s nächste Treffen zu freuen. Das ist genauso schön wie, na ja, du weißt schon.“

Ich gehe fremd

Ich dachte, das sollte ich erwähnen.

Mann im Ohr: „Jetzt übertreibst du aber.“
Ich: „Na ja, stimmt doch irgendwie.“
Mann im Ohr: „Das klingt nach Aufregung, als hättest du Sex gehabt. Als wär was Spannendes passiert.“

Schön wär´s.

Mann im Ohr: „Das letzte Mal war am 21. …“
Ich: „Du bist auch ein kleiner Zahlenfetischist. Ich meinte, ich gehe meinen Lesern fremd.“

Ich habe einen neuen Blog. Mit inzwischen 10 Beiträgen. 2 wurden geliked. Das sind mehr als hier. Obwohl ich fairerweise sagen muss, dass viele mir persönlich oder über Nachrichten positives Feedback gegeben haben. Die Krux hier ist, dass ich nicht mehr unbefangen schreiben kann. Niemand weiß von meinem neuen Blog. Außer den Lesern. Also denen, die irgendwie zufällig darauf gestoßen sind und mich nicht kennen.

Mann im Ohr: „Ich finde, du solltest hier trotzdem weitermachen.“ 

Er klingt ein bisschen beleidigt. Im neuen Format kommt er nicht vor. Sein Ego hat das noch nicht weggesteckt.

Für mich ist es befreiend, dass ich schreiben kann, was ich denke. Ohne befürchten zu müssen, dass Kollegen oder mein Chef es lesen.

Mann im Ohr: „Nicht zu vergessen dein Vater. Und deine Mutter.“ Er schlägt einen vernünftigen, gefassten Ton an. „Es ist besser so. Ich habe das schon lange gesagt.“

Klar. Männer.

Mann im Ohr: „Aber ich will ein Happy End.“

Klar. Männer.

Mann im Ohr: „Die kleine Frau in seinem Kopf soll mittelgroß sein und lange Haare haben. So einen Schnitt wie Jennifer Aniston. Sie soll hübsch sein und dieses gewisse Etwas haben und einen Knackpo und vielleicht auch große Brüste. Also größere als Du, aber das ist ja eigentlich keine Kunst…“

Klar. Männer.

Ups!

Da blogge ich seit Monaten und zerbreche mir den Kopf über Dinge wie die allgemeine Weltlage, Terrorgefahr, die Flüchtlingswelle und wo ich Klamotten spenden kann. Über die Liebe und was richtig und was falsch ist, über Wertvorstellungen und Glaubenssätze und Religion und Fakes und den perfekten Kuss.

Aber die wirklich wichtigen Dinge habe ich verpasst.

Die, über die alle reden. Und posten.

Einhörner

Minions

Flamingos

Mir war völlig entgangen, dass es diese Dinge überhaupt gibt.

Also Flamingos kannte ich. Aus dem Zoo. Und von diesen Gläsern, die in den 90ern bei Mädchen total hip waren. Von Leonardo. Da waren Flamingos drauf, die je nach Temperatur des Getränks die Farbe verändert haben.

Gestern habe ich Freundschaft mit einem Einhorn geschlossen. Meine Schwester Sophie hat so einen Gasluftballon in Form eines Einhorns erstanden. Für Emma, die nicht mit uns auf der Kirmes war. Bei dem stolzen Preis von 14,50 EUR ist Sophie fast tot umgefallen. Aber Emma war es ihr wert. Ich habe angeboten, das Ding an mein Handgelenk zu binden und nach Hause zu … tragen? Passt hier irgendwie nicht. Das Einhorn schwebte jedenfalls über meinem hübschen Kopf. Und dann sind wir an zwei Schützen vorbei.

Mann im Ohr: „Ihr seid an hunderten von Schützen vorbei.“
Ich: „Lass mich doch ausreden. Dass Männer einem ständig ins Wort fallen müssen.“

An zwei Schützen, von denen einer mich von früher kennt. Wir haben zusammen studiert und uns ewig nicht gesehen. Bei unserer letzten Begegnung saß ich mit ihm in seinem Garten und er hat gefragt, ob ich noch Sterne gucken will und angeboten, dass ich bei ihm übernachten kann. Paul. Er sieht noch besser aus als früher. Jedenfalls habe ich nein gesagt und bin brav nach Hause gefahren. Damals. Gestern hat er nicht gefragt.

Ich bin also kichernd und mit Einhorn am Handgelenk über die Kirmes gelaufen und auf einmal sehe ich Paul. Und er mich. Und guckt mich an mit offenem Mund und sagt völlig verwirrt „Hallo“. Da war ich auch schon wieder weg.

Sophie hat sofort gefragt, wer DAS denn bitte war und was für ein Blick und überhaupt. Ich habe für eine Sekunde gedacht, meine Erscheinung hätte ihn so beeindruckt und er hätte auch sofort an unsere Nacht denken müssen und all die Dinge, die wir beide wollten und nie getan haben. Und dann hat Sophie gesagt, „DER Blick war die 14,50 EUR wert“.

Ich muss mir wohl eingestehen, dass es weniger um mich als um die ungewöhnliche Kombination ging. Ich bin so ungefähr die letzte Frau, an deren Handgelenk man ein Einhorn erwarten würde. Und dann hatte ich auch noch flamingofarbene Sneakers an.

Mann im Ohr: „Ändern die auch die Farbe, je nach Temperatur der Füße?“
Ich: „Sie haben die Farbe geändert gestern Abend.“
Mann im Ohr: „Weil dir heiß geworden ist, als du Paul gesehen hast?!“

Auch hier muss ich mir eingestehen, dass es wohl eher am staubigen Kirmesplatz und den Pferdeäpfeln lag als an einer paulbedingten Hitzewallung. Sie sehen ganz schön mitgenommen aus.

Mann im Ohr: „Wir streuen Sternenstaub drauf, dann sind die wieder wie neu.“

Breaking News

Das sind laut Definition Eilmeldungen.

„Die Eilmeldung (englisch breaking news, in Österreich auch Eiltmeldung) ist eine journalistische Nachricht, die eine derart hohe Relevanz besitzt, dass eine reguläre Nachrichtensendung in Hörfunk und Fernsehen nicht abgewartet werden kann, sondern das laufende Programm unterbrochen werden muss.“

So Wikipedia. Und so hatte ich mir das auch immer gedacht. Bei Terroranschlägen oder Todesfällen von Berühmtheiten rechne ich mit Push-Nachrichten, die Breaking News enthalten. Und dann hatte ich vor einigen Tagen morgens auf meinem Display die Meldung von N-TV:

Breaking News: Deutsche Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs

Super eilige Meldung. Alles bleibt, wie es war. Gut, dass ich das nicht verpasst habe. Nicht auszudenken, ich hätte das erst heute Abend in den Tagesthemen erfahren.
Der kleine Mann wacht auf. Seit ich beruflich in der Pampa bin und meine Abende alleine im Romantikhotel ohne WLAN verbringe, schläft er eigentlich dauernd.

Mann im Ohr: „Der Begriff wird genauso inflationär benutzt wie bei manch einem der Satz ‘Ich liebe dich’.“
Ich: „Ich habe diesen Satz noch nie inflationär benutzt.“
Mann im Ohr: „Zu wem solltest du das auch sagen?“

Ich schweige. Ich habe den Satz 2011 zuletzt gesagt. Oder 2012? Wahrscheinlich bin ich so aus der Übung, dass ich mich verschlucke oder huste, wenn es mal wieder einen Anlass gibt.

Mann im Ohr: „Aber heterogen benutzt du inflationär. Echt. In jedem zweiten Satz.“
Ich: „Ich mag das Wort.“
Mann im Ohr: „Lass es einfach weg.“
Ich: „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Beruflich auch?“
Mann im Ohr: „Eine Woche.“

Ich: „Eine homogene Woche? Ich bemüh’ mich.“
Mann im Ohr: „Sich bemühen ist die vorherige Entschuldigung für späteres Scheitern. Das Scheitern ist dadurch gewissermaßen vorprogrammiert.“
Ich: „Du nervst.“
Mann im Ohr: „Es ist irgendwie eine Krankheit, dass heute immer alles total wichtig sein muss. Ganz normale Emails und Rückrufbitten sind alle total dringend. Überall steht ‘wichtig’ und ‘eilt’ drauf. Und ‘news’ reicht halt auch nicht mehr. Sie müssen ‘breaking’ sein. Die Menschen haben verlernt, sich hinten anzustellen. Sich nicht so wichtig zu nehmen. Mal Geduld zu haben.“
Ich: „Woran das wohl liegt?“
Mann im Ohr: „Ich versteh´s auch nicht. Ist doch klar, dass, wenn plötzlich alles Prio 1 ist, faktisch alles nicht mehr wichtig ist. Man kann ja nicht alles gleichzeitig lesen oder bearbeiten oder mehreren gleichzeitig zuhören. Die Leute müssen sich immer noch genauso entscheiden wie früher.“
Ich: „Ich lese die als wichtig gekennzeichneten Sachen manchmal absichtlich nach den anderen Sachen, weil es mich so nervt.“
Mann im Ohr: „Kommt aber auf den Absender an.“
Ich: „Ja. Früher musste ich nur nach wichtig und weniger wichtig filtern. Heute muss ich mir überlegen, welcher Absender grundsätzlich alles als wichtig markiert und wer normal tickt und wer sich selbst für so unwichtig hält, dass er nicht mal wirklich wichtige Dinge als dringend markiert.“
Mann im Ohr: „Dringend ist etwas anderes als wichtig.“
Ich: „Klugscheißer.“

Dabei hat er recht. Da hat mein früherer Chef immer drauf geachtet. Es gibt dringende Dinge, die weniger wichtig sind und sehr wichtige, die nicht dringend sind. Dringend hat immer eine schnell nahende Deadline und sagt nicht notwendigerweise etwas über die Wichtigkeit aus.

Mann im Ohr: „Bestimmt gibt es bald einen Algorithmus für so was. Der checkt, was Du als wichtig einstufen würdest und was nicht und danach sortiert.“
Ich: „Algorithmen funktionieren schon beim Onlinedating nicht, da werde ich mich beruflich sicher nicht auf so was verlassen.“
Mann im Ohr: „Das finde ich interessant. Ist Beruf wichtiger als Privatleben?“
Ich: „Wie kommst du da drauf?“
Mann im Ohr: „Da steckte ein Erst-Recht zwischen den Zeilen. Wenn das schon privat nicht funktioniert, werde ich es beruflich erst recht nicht nutzen. Das wiederum sagt etwas über deine Bewertung im Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben aus, findest du nicht?“
Ich: „Du nervst.“ 

Dass ich meinen Beruf so wichtig nehme, stimmt nicht. Im Moment schon gar nicht. Allerdings habe ich diverse Hobbies, die recht unkommunikativ sind. Ich blogge zum Beispiel.

Mann im Ohr: „Ich finde es gut, dass du deinen Lesern diese überaus wichtige Information nicht vorenthältst.“
Ich: „Ich hätte eine Pushnachricht versenden sollen.“
Mann im Ohr: „Breaking News: Lenya24 bloggt immer noch über die wirklich wichtigen Dinge im Leben.“
Ich: „Die wirklich wichtigen Dinge kommen erst im nächsten Post.“

Wenn man jetzt den klassischen Beruf und diverse rechtliche Anfragen und das Geblogge und alle anderen Dinge, die ich im stillen Kämmerlein mache, zusammennimmt, bleibt in der Tat wenig Zeit für ein ‘richtiges’ Privatleben.

Mann im Ohr: „Jedenfalls kannst du im stillen Kämmerlein hervorragend die drei Worte üben, ohne dich zu verschlucken dabei.“
Ich: „Du …“
Mann im 
Ohr: „… nervst?“

„Weine nicht …

… um Dinge, die Geld ersetzen kann.“

Das hat meine Oma mir beigebracht, als ich noch sehr klein war. Die, die mir auch gesagt hat, man müsse zu einem Mann aufschauen können.

Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich selbst erstaunt bin, wie sehr mir dieser Satz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und wie viele Menschen anders ticken.

Vor einigen Jahren ist ein Freund auf mein MacBook getreten. Nachdem er es neben dem Sofa auf den Boden gelegt hatte. Das Display war hin und auch nicht zu reparieren. Jedenfalls nicht, wenn man nicht bereit war, dafür den Preis eines neuen MacBooks auf den Tisch zu legen. Ich habe damals kurz die Luft angehalten, erschreckt geguckt und gedacht „Dann ist es wohl Zeit für ein Neues“. Für Rice, der draufgetreten ist, war das Ganze viel schlimmer als für mich.

Mann im Ohr: „War deine Oma eigentlich reich?“
Ich: „Nein! Das weißt du doch.“
Mann im Ohr: „Nein, damals war dein Leben so langweilig, dass ich viel geschlafen und wenig mitbekommen habe.“
Ich: „Na großartig. Dabei hätte damals einen Coach gebrauchen können. Die Pubertät ohne Beistand zu überstehen ist nicht leicht.“
Mann im Ohr: „Einen Teenager gegen ihren Willen zu coachen ist noch viel schwieriger.“
Ich: „Das ist dein Job!“
Mann im Ohr: „Teenager coachen?“
Ich: „Für mich da sein, wenn ich dich brauche.“

Schweigen.

Ich: „Meine Oma war schon sehr jung Witwe mit 3 relativ kleinen Kindern. Mein Opa ist ja nur 35 Jahre alt geworden. Sie hatte keinen Beruf, damals war man ja mit drei Kindern einfach zuhause. Und sie kam nicht aus einer reichen Familie. Also nein, sie war nicht nur nicht reich, sie war sogar ziemlich arm.“ 
Mann im Ohr: „Warum hat sie dann sowas gesagt?“
Ich: „Es geht dabei doch nicht darum, wie schnell man in der Lage ist, die kaputte Sache zu ersetzen.“
Mann im Ohr: „Aber dann wäre die Einstellung verständlich. Also logisch nachvollziehbar.“
Ich: „Erstaunlicherweise machen die reichen Leute, die ich kenne, viel mehr Aufhebens um kaputte Dinge.“
Mann im Ohr: „Verstehe ich nicht.“
Ich: „Weißt Du, es geht um die Einstellung. Darum, an welche Dinge man sein Herz hängt und an welche nicht. Darum, dass man sein Herz an Menschen hängt und vielleicht auch an Dinge, die Erinnerungsstücke und deswegen nicht zu ersetzen sind.“
Mann im Ohr: „Aber nicht an ein iPhone? Oder einen Fernseher?“
Ich: „Genau.“

Ich würde einen Porsche zu Schrott fahren und denken ‘Shit happens’, aber wenn eines der Jugendstilgläser meiner Großtante runterfallen würde, würde ich mir Vorwürfe machen und wahrscheinlich weinen. Es sind 6 Gläser, die die Eltern meiner Großtante 1900 zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Alle 6 sind ohne eine einzige Macke erhalten. Obwohl sie seit über 100 Jahren benutzt werden. Aus ihnen wurde Wein getrunken und Sekt. Eigentlich sind es Weingläser. Aber Sektgläser hatten sie damals, glaube ich, nicht. Wahrscheinlich haben sie damit darauf angestoßen, als die Kriege vorbei waren. Und darauf, dass sie meinen behinderten Großonkel erfolgreich versteckt haben bis alles vorbei war 1945. Auf Hochzeiten und Todesfälle und eigentlich immer, wenn wir zu Besuch waren.

Mann im Ohr: „Wenn niemand verletzt worden wäre bei dem Unfall?“
Ich hab den Faden verloren und muss erst nachdenken. „Natürlich nur dann!“

Eine Weile sagt der kleine Mann nichts.

Mann im Ohr: „Du hast gar keinen Porsche.“
Ich: „Nein, ich habe einen…“
Mann im Ohr: „Pscht!“
Ich: „Was ist los?“
Mann im Ohr: „Die Sache mit dem Selbstmarketing hast du immer noch nicht verstanden. Über manche Dinge spricht man besser nicht. Dein Auto gehört dazu. Und es ist nicht mal deins.“
Ich: „Pfff. So ein Blödsinn, aber bitte.“

Ich bin uneitel, was Autos angeht. Sie sollen nicht liegenbleiben. Ich will nicht irgendwo nachts in der Pampa enden, mit leerem Akku, während ich Hunger habe, friere und Pipi muss. Das ist die einzige Anforderung, die ich an ein Auto stelle.

Mann im Ohr: „Und müde bist. Hunger, müde, Pipi, kalt. So heißt das.“
Ich: „Es müsste ja nicht mein Porsche sein.“
Mann im Ohr: „Hast du das alles geschrieben, weil du dein iPhone geschrottet hast?“
Ich: „Lustig. Immer, wenn ich hier ‘geschrottet’ schreibe, macht die Autokorrektur ‘geschrotet’ daraus.“
Mann im Ohr: „Es sieht auch ehrlich gesagt aus, als hätte jemand versucht, es zu schroten. In dieser grauseligen Mühle, die deine Mutter hat. In der du immer deine Körner schrotest. Die so fiese Geräusche macht.“
Ich: „Wenn du schon so viel Wert legst auf mein Selbstmarketing, dann verkneif dir doch in Zukunft Kommentare, durch die ich wie eine körnerfressende Ökotussi wirke.“
Mann im Ohr: „Versprochen.“

Nach einer Weile fragt er zur Sicherheit noch mal nach.

Mann im Ohr: „Ich sag also nix über deine Birkenstocks? Und das Dinkelkörnerkissen darf ich auch nicht erwähnen? Wie ist es mit dem fair gehandelten Öko-Espresso? Der ist ja fast schon wieder hip. Dass du vom Anblick von Kapselmaschinen Pickel bekommst auch nicht?“
Ich: „Das solltest du alles auf die 
Not-to-say-Liste setzen.“

Ehekrise

Oder: Vertrauen ist besser.

„Ich glaube Dir nicht.“ Der kleine Mann klingt trotzig mit ängstlichem Unterton.

Ich fühle mich, als hätte ich eine Ehekrise. Und das an meinem Hochzeitstag. Mancher wundert sich vielleicht, dass ich daran denke, wo ich doch schon so lange nicht mehr verheiratet bin.

Mann im Ohr: „Du wirst den nie vergessen. Du vergisst ja auch nicht die Jahrestage von Freunden, die seit Jahren getrennt oder inzwischen anderweitig verheiratet sind.“
Ich: „Vielleicht bin ich so ein Zahlenfetischist, weil mein Vater so viel mit Zahlen zu tun hat beruflich?“ 
Mann im Ohr: „Du hast leicht autistische Züge.“

Es folgt eine Pause und dann ein leises „Entschuldigung“ gefolgt von „Das ist schon spooky mit den Zahlen“.

Der Mann zwischen meinen Ohren hat gedroht, auszuziehen und unterstellt mir, ich hätte wieder Kontakt zu Ethan. Das ist der, der Europa für einen föderalen Staat gehalten hat. Der kleine Mann hat mir schon vor Jahren strengstens verboten, je wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Ich: „Kleiner Mann, ich wäre doch wahnsinnig, das zu tun. Ich habe mir mehr oder weniger eine neue Identität zugelegt seinetwegen.“

Ethan hat mich gestalkt und gehackt. Seinetwegen habe ich eine neue Nummer und alle Accounts und Passwörter geändert, die ich je hatte. Neue Email-Adresse und neue Apple-ID, eigentlich einmal alles neu. Sogar die Wohnung. Für so blöd kann er mich nicht halten.

Mann im Ohr: „Dass es wahnsinnig wäre, heißt bei dir leider überhaupt nicht, dass es auch abwegig ist.“
Ich: „Sag mir doch wenigstens, warum du das glaubst.“
Mann im Ohr: „Es gibt mehrere Indizien.“
Ich: „Welche?“
Mann im Ohr: „Hältst du mich für blöd? DU hast mir doch beigebracht, so etwas nicht preiszugeben, bis der Täter überführt ist. Wenn ich dir das sagen würde, wärst du nur vorsichtiger in Zukunft. Du weißt genau, was dann los wäre.“

In der Tat. Ich würde vermutlich gelyncht. Zumindest enterbt. Dürfte mich zuhause nicht mehr blicken lassen. Emma und Sophie würden nicht mehr mit mir reden.

Ich: „Sag mir doch, was Du meinst. Ich habe ihn ewig nicht gesehen und auch seine Nummer nicht.“

Allerdings muss ich tatsächlich in letzter Zeit häufiger an ihn denken. Seit ich ‘Homeland’ schaue. Ethan war Amerikaner und beruflich viel im mittleren Osten. Kuwait, Afghanistan, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Pakistan. Angeblich in ziviler Mission. Geglaubt habe ich ihm das nicht. Es war merkwürdig, wie schnell er plötzlich irgendwo sein musste und wen er in unseren Urlauben an den merkwürdigsten Orten treffen musste. Zufällig durften sein Sohn und ich da nie dabei sein. Und zufällig hatte er nach Treffen mit angeblichen Maklern nie ein Exposé, hat nie eine Immobilie gekauft und musste danach immer in irgendwelche Calls, die keiner hören durfte. Jedenfalls erinnert mich ‘Homeland’ immer an unsere Situation damals.

Mann im Ohr: „Nur deswegen denkst du so oft an ihn?“
Ich: „Nur deswegen.“

Ich kann förmlich spüren, wie er grübelt. Er läuft genauso auf und ab wie ich, wenn ich telefoniere. Und es macht mich genauso wahnsinnig wie damals meine Nachbarn.

Ich: „Du hast ja recht damit, dass man Täter so nicht überführt. Aber wenn man sein Leben miteinander verbringt, sollte man sich vertrauen. Und den anderen nicht als Gegner betrachten.“
Mann im Ohr: „Woher weiß ich, ob du die Wahrheit sagst?“
Ich: „Das wirst du nicht wissen. Du kannst es nur glauben.“

Wir schweigen eine Weile.

Ich: „Woher kommt dieses Misstrauen plötzlich?“
Mann im Ohr: „Ich weiß nicht. Du hast das auch manchmal.“
Ich: „Dir gegenüber?“
Mann im Ohr: „Nein.“
Ich: „Du meinst anderen Männern gegenüber?“
Mann im Ohr: „Ja. Deswegen merkst du auch immer so schnell, wenn etwas nicht stimmt. Es schützt dich.“
Ich: „Aber in einer bestehenden Beziehung macht Misstrauen alles kaputt.“

Ich warte eine Weile und spüre das Tippeln zwischen meinen Ohren. Dann setzt er sich hin und ich kann mir vorstellen, wie er seinen kleinen Kopf in seine Hand stützt. Ich höre, wie er Luft holt.

Mann im Ohr: „Du hast Blumen bekommen.“
Ich: „Ja. Und?“
Mann im Ohr: „In einem aufrecht stehenden Karton mit Blumenvase und allem drum und dran. Schöne Blumen.“

Mir geht ein Licht auf. Der einzige Mann, der mir je so etwas geschickt hat, war Ethan. Zum Valentinstag. Zum Geburtstag. Einfach so zwischendurch. Zum Heiratsantrag.

Ich: „Haben Ethans Blumen je meinen Geschmack getroffen?“
Mann im Ohr: „Ich…glaub nicht. Oder?“
Ich: „Nein.“
Mann im Ohr: „Man kann es dir halt nicht recht machen.“
Ich: „Aber diese gefallen mir?“
Mann im Ohr: „Ja. Sehr?“
Ich: „Und dir auch?“

Mann im Ohr: „Ja!“
Ich: „Könnte daran liegen, dass ich sie selbst bestellt habe.“ 

Da will man sich mal was Gutes tun und dann sowas. Ich höre, wie der kleine Mann etwas rumschiebt in meinem Kopf und dann fällt ein kleiner Zettel aus meinem Ohr. Die Schrift ist so klein, dass ich sie kaum lesen kann. Darauf steht ‘Nur Männer schicken Blumen’.

Und ich frage mich wieder mal, wie viele überholte Glaubenssätze da immer noch in irgendwelchen Ecken schlummern.

Ich bin wütend.

Auf Ben.

Jemand meldet sich zu Wort. Er klingt erstaunt. „Du bist nie wütend auf Ben! Du hast ihn auf einen Sockel gestellt und niemandem ist es je gelungen, ihn da runter zu stoßen.“
Ich: „Aber jetzt bin ich wütend.“
Mann im Ohr: „Nach 7 1/2 Jahren?!“
Ich: „Ich brauche manchmal etwas länger.“
Mann im Ohr: „Du hattest ein schlechtes Gewissen und hast geglaubt, du findest nie wieder jemanden, der so nett ist.“
Ich: „Das hat meine Schwester gesagt.“

Ich wollte mich schon vor der Hochzeit trennen. Meine Schwester hat damals gesagt, ich würde nie wieder jemanden finden, der mich so liebt.

Mann im Ohr: „Und du hast es geglaubt.“

Er hatte nie Zeit für mich. Hat keine Rücksicht genommen auf meine Interessen. War illoyal. Er hat verlangt, dass ich meine Prinzipien verrate und hat mich vor seiner Familie als Buhmann hingestellt, damit nicht rauskommt, dass in Wirklichkeit er keine Kinder wollte.

Mann im Ohr: „Er war ein Arschloch.“
Ich: „Er wollte erst Kinder, als sein Vater es verlangt hat.“

Mir wird latent übel. Das habe ich öfter in letzter Zeit.

Ich: „Ich habe ihn betrogen. Ich habe meine Werte verraten.“
Mann im Ohr: „Niemand sollte seinen Partner betrügen. Aber hättest du es nicht getan, hättest du ihn nicht verlassen. Wir beide wussten, dass du nicht anders kannst als es ihm zu sagen und ihn zu verlassen.“
Ich: „Es war trotzdem falsch. Es war gegen meine Prinzipien.“
Mann im Ohr: „Er hat von dir schon vorher verlangt, deine Werte zu verraten. Das war der Moment, in dem du hättest gehen sollen.“
Ich: „Gehen müssen.“

Es gab jemanden in Bens Familie, der Dreck am Stecken hatte. Und das ist noch freundlich formuliert. Nachdem er sich erst selbst aufgeregt hat, hat sein Vater ihm mehrere Predigten gehalten. Blut ist dicker als Wasser und so. Und dann hat Ben verlangt, dass ich schweige, um seine Familie zu schützen.

Mann im Ohr: „Es ging nie um dich. Er brauchte ein attraktives, vorzeigbares Püppchen, das nach seiner Pfeife tanzt.“
Ich: „Und das war ich.“
Mann im Ohr: „Du warst jung.“ 
Ich: „Und dumm.“
Mann im Ohr: „Auch das.“ 

Es folgt eine Pause.

Dann räuspert sich der kleine Mann. „Das bist du immer noch. Du hast mindestens einen Mann kennengelernt, der viel toller ist als Ben.“
Ich: „Ich hab ihn nicht nur kennengelernt. Ich hab mich in ihn verliebt.“ 
Mann im Ohr: „Aber du hast es nie gesagt oder gezeigt.“
Ich: „Woher hab ich das? Diese Dummheit. Eigentlich ist Intelligenz recht weit verbreitet in meiner Familie.“
Mann im Ohr: „In Liebesdingen nicht. Da sind die anderen sogar noch dümmer als du.“
Ich: „Geht das?“
Mann im Ohr: „Es ist schwierig, aber ja. Das geht. Das hattet ihr gemeinsam.“
Ich: „Was? Wer wir?“
Mann im Ohr: „Du und Ben. Die Dummheit in Liebesdingen.“
Ich: „Wieso?“
Mann im Ohr: „Du hast heulend vor ihm gestanden 2 Wochen vor der Hochzeit. Und ihm gesagt, dass du das nicht willst und das ein Fehler ist.“ 
Ich: „Ja. Und?“
Mann im Ohr: „Kein Mann mit Verstand würde eine Frau heiraten, die so etwas vor der Hochzeit sagt.“

Darüber muss ich nachdenken.

Ich: „Es sei denn, es geht ihm mehr darum, das Gesicht zu wahren als um Liebe und dauerhaftes Glück.“
Mann im Ohr: „Sehr scharfsinnig.“
Ich: „Er muss außerdem sicher gewesen sein, dass ich bleibe, obwohl ich unglücklich bin.“
Mann im Ohr: „Das war sein Fehler.“ 
Ich: „Es war ihm egal, ob ich glücklich bin.“
Mann im Ohr: „Vielleicht konnte er sich auch einfach nicht vorstellen, dass irgendwer an seiner Seite unglücklich sein kann.“
Ich: „Mmmh.“
Mann im Ohr: „Häng das Bild ab.“

Ich weiß sofort, welches er meint.

Ich: „Aber da bin nur ich drauf.“ 
Mann im Ohr: „Trotzdem.“
Ich: „Es ist das hübscheste Bild, das von mir existiert.“ 
Mann im Ohr: „Häng es ab. Es war euer Hochzeitstag.“ 
Ich: „Und dann? Was soll die Lücke füllen? Da kann nicht nichts hängen. Es ist eine Petersburger Hängung. Da sieht so ein Loch in der Mitte total blöd aus.“
Mann im Ohr: „Häng ein Aktbild von dir hin.“
Ich: „Super Idee. So mitten im Wohnzimmer.“ 
Mann im Ohr: „Kannst ja die Cellulite wegretuschieren. Dann glaubt keiner, dass du es bist.“
Ich: „Kann ich dich eigentlich auch verlassen? Du klingst wie Ben.“

Ich bekomme keine Antwort mehr. Irgendwann höre ich ein „Unangenehme Antworten ignorierst du in letzter Zeit ohnehin immer“.