Why the hell not?

Ich habe die Tage ein wunderwunderschönes Shirt gesehen. Hellgrau und vermutlich sehr weich. Es sieht so aus, bisher habe ich es nur im Katalog gesehen. Der Ausschnitt ist nicht zu tief, zeigt aber doch ein bisschen Haut. Es ist figurbetont ohne eng zu sein und auf der Vorderseite steht in großen schwarzen Lettern

WHY THE HELL NOT? 

Mein erster Gedanke war ‘witzig für ein erstes Date’. Da kann man gleich testen, ob der gegenüber des Englischen mächtig ist, ob er Humor hat und vielleicht auch, wie es um sein Selbstbewusstsein bestellt ist.

Man könnte ihn natürlich auch gehörig verschrecken. Aber vielleicht suche ich mir ein Date mit jemandem aus, bei dem das nicht so schlimm wäre.

Der kleine Mann räuspert sich. „Sag mal, Du hast doch Deinen Verstand schon zurück.“
Ich: „Ja. Und?“
Mann im Ohr: „Warum solltest Du Dich mit jemandem treffen, bei dem es nicht schlimm wäre, ihn zu verschrecken? Wenn Du Deine Zeit nicht verschwenden willst, dann triffst Du nur noch Männer, die Du nicht verschrecken willst.“
Ich: „Du bist ein Spielverderber. Ich mochte die Idee.“
Mann im Ohr: „Außerdem solltest Du Dich mal fragen, wie es überhaupt zu Dates kommen soll.“
„Wie bitte?“ Das war noch nie mein Problem.
Mann im Ohr: „Ja, aber Du hast Online-Dating ausgeschlossen. Außerdem alle Männer, mit denen Du schon mal was hattest, weil Du da ja schon weißt, dass es nichts taugt.“

Das stimmt. Ex-Partner haben eine komische Angewohnheit. Nicht nur meine, alle.
Fast. Man soll ja nicht alle über einen Kamm scheren.
Ich habe noch nicht mit jeder Freundin darüber gesprochen, aber alle, mit denen ich das Thema erörtert habe, haben die gleichen Erfahrungen gemacht wie ich.
Die Ex-Männer tauchen immer dann wieder auf, wenn man am wenigsten damit rechnet und es am wenigsten gebrauchen kann.
Sie sprechen einem zum Beispiel angetrunken auf die Mailbox, wie sehr sie einen vermissen. Sie umschreiben das gern anders. Sexueller. Oder schreiben Sms oder Emails oder tauchen plötzlich an Lieblingsplätzen auf, ganz zufällig. Und dann wollen sie einen entweder komplett zurück – das ist die Ausnahme. Oder sie wollen vögeln. Auch das umschreiben sie anders. Sie würden dann gern ‘einen Kaffee trinken gehen’ und ‘einfach mal wieder quatschen’, weil man sich doch eigentlich immer gut verstanden hat.
Früher habe ich das manchmal gemacht. Weil ich das da noch geglaubt habe. Ich habe Ben immer gefragt, ob es ok für ihn ist. War es meistens.

Der Ablauf ist, personenunabhängig, immer derselbe: der Ex fragt nach dem Job, nach der Familie und anderen Themen, die wichtig für einen sind. Um dann ganz langsam auf das Thema Beziehung zu kommen. Er fragt übertrieben beiläufig, ob man denn eigentlich jemanden hat. Beantwortet man das mit ‘nein’, kann er sich ein kurzes, triumphierendes Grinsen nicht verkneifen. Sobald er bemerkt, dass er triumphierend gegrinst hat, wird sein Gesicht sehr ernst und er macht mit tiefgründigen Themen weiter. Soll ja keiner denken, er wolle nur das eine. Sagt man ‘ja’, gibt er sich interessiert: Wer ist er, wie lange geht das schon, macht er einen glücklich, wohnt man schon zusammen oder gibt es Pläne? Und dann findet er irgendwas am Partner, was doch eigentlich gar nicht zu einem passt. Dann kommt ein Satz wie „Ich hätte gar nicht gedacht, dass Du auf so Spießer stehst.“, gern gefolgt von „Du warst doch immer so cool und unkonventionell.“. Was er konkret sagt, ist egal. Er findet einen Kritikpunkt am Partner und verbindet das mit einem Satz, der einem das Gefühl gibt, mit ihm zusammen sei man cooler, interessanter, begehrenswerter gewesen als jetzt. Und dann lädt er einen – tageszeitabhängig – auf einen Kaffee, auf ein Bier, einen Wein ein. Weil er plötzlich der Gentleman ist, der er an unserer Seite nie war. Er weiß in der Situation auch ganz genau, was man immer gern getrunken hat. Er bestellt, noch bevor man selbst etwas sagen kann, zielsicher genau das Richtige. Obwohl er früher immer gesagt hat „Woher soll ich wissen, was Du willst?“. Je nachdem, wie das Treffen gelaufen ist, schlägt er sofort vor, zu sich zu gehen. Oder das zu wiederholen. Oder er zieht sich erst mal zurück und versucht es zwei Monate später noch mal. Vielleicht hat sich unsere Verliebtheit in den Neuen oder unsere Einstellung zur Treue bis dahin ja geändert.

Für so was bin ich nicht mehr naiv genug.

„Wie kamen wir da noch drauf?“ Ich wollte doch über was anderes schreiben.
Mann im Ohr: „Das T-shirt.“
Ich: „Was hat denn das damit zu tun?“
Mann im Ohr: „Das ist ein Problem bei Dir. Deine Gedankengänge sind manchmal geradezu absurd. Da kann kein normaler Mensch folgen.“
Ich: „Ich will auch keinen Normalen. Ich will einen Besonderen.“
Mann im Ohr: „Wir waren bei der Frage, wie es zu einem Date kommen soll.“
Ich: „Ach so. Mmh.“
Mann im Ohr: „Kollegen und verheiratete Männer und Nachbarn hast Du auch ausgeschlossen. Und Männer, die Dich in der Sauna anquatschen.“
Ich: „Hör bloß auf. Da mag ich gar nicht dran denken.“

Das ist eine Baustelle grad. Es gibt in meiner Stammsauna einen ‘Norbert’, der mir heimlich Zettelchen mit unappetitlichen Nachrichten schreibt und auf jedem seine Handynummer hinterlässt. Die Geschäftsführerin hat versprochen, ihm Hausverbot zu erteilen, wenn wir denn rausfinden, wer er überhaupt ist. Ich könnte die Nummer anrufen, aber darauf habe ich keine Lust. Deshalb gehe ich im Moment einfach nicht mehr hin. Aber das kann auf Dauer keine Lösung sein. Er muss gehen, nicht ich.

Ich bräuchte einen großen, starken, wahnsinnig gut aussehenden Mann, der mit mir zusammen hingeht und ganz furchterregend guckt. Aber für die Rolle fällt mir spontan niemand ein.

Ich hab schon wieder meinen Faden verloren. „Wie kamen wir noch da drauf?“
Mann im Ohr: „Deine Ausschlusskriterien. Ich bin nicht sicher, ob da viel übrig bleibt.“
Ich: „Ach was. Ich kenne Männer, die in keine der Kategorien gehören. Und ich könnte jemanden im Supermarkt kennenlernen. Oder an der Tankstelle. Im Museum. Bei einer Autorenlesung. Das gefällt mir, klingt so seriös.“

Ich müsste dazu nur auch mal auf eine Autorenlesung gehen. Das letzte Mal war 2011.

Der kleine Mann mag es nicht, wenn Dinge so unfertig im Raum stehen bleiben. „Was ist jetzt mit dem T-Shirt?“
Ich überlege kurz. „Ich kaufe es. Vielleicht ziehe ich´s zu nem Bewerbungsgespräch an.“
Mann im Ohr: „Oder wenn Du einen Heiratsantrag bekommst. Dann kennt er Dich schon gut genug, um Deinen Humor zu verstehen.“

Männer sind nur schlimmer…

…wenn man nur einen Teilaspekt der Realität betrachtet. Ich musste noch mal über die Sache mit der ungleichen Verteilung von Sexualpartnern bei Männern und Frauen nachdenken.

Der kleine Mann fragt nach: „Was meinst Du?“
Ich: „Du erinnerst Dich an den Artikel, wonach Männer im Schnitt mit 7,4 Frauen im Bett waren und Frauen nur mit 4,3 Männern?“
Mann im Ohr: „Ja. Das kann nicht sein, das hast Du mir erklärt.“
Ich: „Na ja, jedenfalls nicht, wenn man nur Deutsche betrachtet. Und das haben die getan.“
Mann im Ohr: „Und sonst ginge das?“
Ich: „Ja, schon. Also: absolut müssen Männer und Frauen natürlich gleich viele Punkte erzielen. Das hatten wir ja schon. Aber relativ könnte das natürlich einen Unterschied machen. Nämlich dann, wenn es nicht gleich viele Männer und Frauen gibt.“
Mann im Ohr: „Ach so. Das stimmt.“
Ich: „In Deutschland ist die Verteilung aber annähernd gleich. Und bei einer 50/50-Verteilung geht das nicht.“
Mann im Ohr: „Dann haben die wirklich gelogen.“
Ich: „Das könnte gut sein. Ich meine, wer gibt schon gern zu, dass er mit sehr vielen Menschen Sex hatte. Gerade als Frau landet man dann ja in der Kategorie ‘Schlampe’. Das erzählt man vielleicht nicht mal, wenn man anonym befragt wird.“
Mann im Ohr: „Wir wissen ja nicht, ob das anonym war.“
Ich: „Genau. Aber selbst wenn, könnte das sein. Vielleicht belügen sich Frauen da sogar selbst?“
Mann im Ohr: „Oder die Umfrage war nicht repräsentativ.“
Ich: „Auch das könnte sein.“
Mann im Ohr: „Aber denklogisch muss ja bei gleichen Anteilen der Durchschnitt gleich hoch sein.“
Ich: „Es sei denn, jemand hat mit einem geschlafen, der nicht zur befragten Gruppe gehört.“
Mann im Ohr: „Was heißt das?“
Ich: „Beispiel: nur Deutsche werden betrachtet. Wie in der Umfrage. Einer der Männer war in Urlaub und hat dort mit 10 Frauen geschlafen, die keine Deutschen sind.“

Mann im Ohr: „In Thailand?“
Ich: „Das ist jetzt sehr clichéhaft. Aber von Prinzip her ist das ein gutes Beispiel. Dann bekäme der Mann 10 Punkte und die Frauen keine.“
Mann im Ohr: „Umgekehrt könnte es aber sein, dass auch Frauen außerhalb ihrer Nationalität vögeln. So sagt Ihr das doch, oder?“
Ich: „Ja, so sagen wir das. Und auch das könnte sein.“
Mann im Ohr: „Aber das sind jetzt alles Annahmen.“

Ich: „Ja, das ist sehr spekulativ. Eigentlich müsste Gleichstand herrschen.“
Mann im Ohr: „Weißt Du, was das heißt?“
Ich: „Nein, was denn?“
Mann im Ohr: „Die Männer, die das hier lesen, werden ihrer Naivität beraubt. Männer wollen glauben, dass ihre Frau nur mit ganz wenigen Männern geschlafen hat. Und gleichzeitig wollen sie mit vielen Frauen schlafen.“
Ich: „Aber mit jeder Frau, die sie vögeln, treiben sie den Schnitt der ‘Gegenseite’ in die Höhe und reduzieren damit die Wahrscheinlichkeit, auf eine Frau zu treffen, die nur wenige Sexualpartner hatte.“
Mann im Ohr: „Aber weißt Du was?“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Vielleicht sagen die sich auch einfach nur, dass das hier eine Frau geschrieben hat und dass ja jeder weiß, dass Frauen nicht rechnen können.“

Das könnte sein. Der kleine Mann hatte ja schon öfter recht.

One-Night-Stand der anderen Art

Jetzt haben wir den Salat. Der Kletter-Nerd will mich treffen. Zum besser Kennenlernen und sich unterhalten, nicht zum Klettern.

„Hab ich’s Dir gesagt?“ Der Vorwurf in der Stimme ist beim besten Willen nicht zu überhören. 
Ich: „Hast Du. Was mache ich denn jetzt?“
Mann im Ohr: „Ihm ehrlich sagen, dass du nur das eine willst?“ Der kleine Mann kichert. Ich meine, da nicht nur Belustigung, sondern auch eine Spur Schadenfreude zu hören. 
Ich: „Wenn ich ihm sage, dass er mir nicht mal sympathisch genug ist für ein Feierabendbier und ich wirklich nur will, dass er mich sichert, hat das ungefähr so viel wie Niveau wie ‘Ich will nur vögeln und zum Frühstück darfst Du übrigens nicht bleiben’.“
Mann im Ohr: „Der Vergleich trifft es ganz gut.“
Ich: „Aber das ist überhaupt nicht wertschätzend. Ich will nicht gemein sein.“
Mann im Ohr: „Welche Möglichkeiten hast Du?“
Ich: „Ihm sagen, dass ich kein Interesse habe und nur klettern will. Das ist fies und danach bin ich ihn als Kletterpartner los.“
Mann im Ohr: „Was noch?“
Ich: „Ihn treffen und heucheln, dass ich ihn mag. Das ist noch fieser und ich behalte ihn erst mal zum Klettern. Aber dadurch ist das Problem nur verschoben und verschlimmert sich wahrscheinlich. Das ist eine lose lose Situation.“
Mann im Ohr: „Das erste lose ist weniger schlimm. Du wusstest doch, dass es so kommt.“

Nein. Geahnt vielleicht. Ich wäre gern ein Mann. Es ist nämlich viel leichter, männliche Kletterpartner zu finden. Es klettern weniger Frauen und mir fällt keine ein, die in Frage käme. Bea hat Höhenangst. Fatma macht Ballett und hat keine Zeit mehr. Inka kann am Wochenende nicht mehr und ich schaffe es in der Woche nicht. Alle anderen potentiellen Kandidatinnen haben Kinder und keine Zeit oder Kinder und Höhenangst. Wenn ich ein Mann wäre, wäre es nie zu dieser Situation gekommen.

Der Mann im Ohr merkt an, dass wir dann gar nicht erst klettern gegangen wären.
Ich: „Ich habe eine Alternative gefunden.“ 
Mann im Ohr: „Wie bitte?“
Ich: „In meiner Stamm-Kletterhalle sucht jemand. Männlich, 37 Jahre alt, 86 Kilo und klettert täglich.“
Mann im Ohr: „Kannst Du Dir vorstellen, was der für einen Körper haben muss?“ 
Kann ich. Und jetzt wird der kleine Mann mir sagen, dass ich bloß nicht auf die Idee kommen soll, ihn zu kontaktieren. Aber dazu ist es schon zu spät.
Mann im Ohr: „Wie bitte?!“ Davon hat er nichts mitbekommen.
Er hat sogar schon geantwortet und gefragt, ob mir Donnerstag passt.
Mann im Ohr: „Willst Du jetzt jede Woche mit einem anderen…“
Ich: „Wenn es anders nicht geht, J A.“
Mann im Ohr: „Du bist doch so emotional. Ich weiß nicht, ob Dir das guttut. Du hattest noch nie einen One-Night-Stand. Weil Du zu sowas nicht taugst. Du willst kuscheln und Frühstück am nächsten Tag…“
Ich: „Wir reden hier doch nicht über Sex. Ich bekomme das schon hin.“

Der kleine Mann sagt, dass er das nicht gut findet. Er mag Veränderungen nicht. Da ist er mir sehr ähnlich. Wenn ich dann doch mal spontan bin, braucht er immer ein bisschen, um sich davon zu erholen. Er fragt schüchtern, ob ich da vielleicht noch mal drüber schlafen kann. Ich glaube, das mache ich.

Wann ist kein Date ein Date?

Ich hatte gestern kein Date. Und letzte Woche auch schon. Glaube ich.

Axel hat gemeint, es sei ein Date gewesen. Also letzte Woche. Von gestern weiß er gar nichts. Er liegt fast immer richtig mit dem, was er sagt. Und jetzt denke ich die ganze Zeit darüber nach.

Letzte Woche hätte von mir aus ruhig ein Date sein dürfen. Da wäre ich gern geküsst worden. Es war so schön und unkompliziert und wild und romantisch. Es hat gestürmt und dann kam die Sonne raus neben lauter dunklen Wolken. Wir waren die meiste Zeit ganz allein. Er hat gut gerochen und sah ein bisschen verwegen aus und hatte eine Mütze auf und ich liebe Männer mit Mützen. Ich mag seine Stimme und wie er mit mir spricht. Aber das ist jetzt nicht das Thema.

Ich rufe den Mann in meinem Ohr. „Kleiner Mann? Bist Du da?“
Mann im Ohr: „Ich bin immer da. In Gegenwart anderer traust Du Dich nur nicht, mit mir zu reden.“
Ich: „War das nun gestern ein Date? Ich bin verwirrt.“
Mann im Ohr: „Ich würde sagen: ja.“
Ich: „Warum? Das war nicht meine Intention.“
Mann im Ohr: „Du hast mal jemanden gefragt, wann ein Date ein Date ist. Erinnerst Du Dich?“
Ja. Das war in Kanada. Da gibt es diese Dating-Kultur schon länger und das hat mich damals schon verwirrt.
Mann im Ohr: „Weißt Du die Antwort noch?“
Ich: „So was in der Art wie: wenn mindestens einer von beiden eine sexuelle Intention hat.“
Mann im Ohr: „Siehst Du.“
Ich: „Und Du meinst, dieser schmächtige, unscheinbare Typ hatte die?“
Mann im Ohr: „Ein Mann, der sich mit einer schönen Frau trifft, hat die immer.“
Ich: „Nein! Ich kenne Männer, bei denen das nicht so ist. Ich habe Freunde. Männliche Freunde. Die noch nie irgendwelche Anstalten gemacht haben. Nicht mal, wenn ich halbnackt und betrunken war.“
Mann im Ohr: „Ja, die hast Du. Du warst nie halbnackt und betrunken. Höchstens eins von beidem. Aber die Frage ist, ob sie nicht wollten oder ob sie Dich zu sehr mochten, um Dir zu nahe zu treten. Oder andere Gründe hatten, es nicht zu tun.“
Ich: „Du machst mein hübsches kleines Weltbild kaputt. Das bisschen Naivität, das ich noch hatte.“
Mann im Ohr: „Du hast diese Naivität schon lange nicht mehr. Du versuchst nur, Dir selbst das einzureden, weil Du Dich sonst nicht guten Gewissens mit Männern wie dem gestern treffen könntest.“
Ich: „Aber wir waren eine Zweckgemeinschaft. Nicht mehr.“
Mann im Ohr: „Du könntest für ihn aber mehr als einen Zweck erfüllen.“

Puh. Das will ich nicht. Ich hatte online nach einem wenn schon nicht Lebens- dann wenigstens Kletterpartner gesucht. Es ist nicht so leicht, jemanden zu finden, der keinen Kletterpartner hat und gewichtsmäßig passt. Das letzte Mal klettern ist noch länger her als das letzte Mal…na ja. Jedenfalls hatte ich so Lust und dann habe ich ihn gefunden. Er wiegt wenig für einen Mann. Er passt klettertechnisch. Aber er ist ein Nerd und ging mir erst mal ziemlich auf die Nerven. Weil er kluggeschissen hat. Mein Sicherungstool war natürlich ‘nicht so gut’, weil man sich damit etwas falsches angewöhnt und dann Fehler macht, wenn man mit einem anderen Tool sichert. Meinen Einwand, dass ich eben konsequent nur dieses Tool verwende, weil es das sicherste auf dem Markt ist, schien er nicht zu verstehen. Dann ist er immer so albern hochgesprungen, bevor er mich runtergelassen hat.
Wäre er mein Freund, würde ich mich fremdschämen. Aber so war es mir egal. Ich habe schon öfter festgestellt, dass es in Kletterhallen viele Klugscheißer gibt. Die stehen unten und rufen ungefragt „Da rechts hast Du noch einen Tritt. Du musst doch N U R mit der linken Hand da über die Kante greifen. Und mit dem kleinen Finger könntest Du da oben rechts hin. Streng Dich an!“. Oder, noch schlimmer, wenn man eine Route problemlos hochklettert „Das ist so nicht gedacht. Du hättest den Tritt mit dem linken Fuß nehmen müssen und dann mit der rechten Hand an den da oben.“. Das sind meistens Leute, die aussehen, als gäbe es für sie keinen anderen Lebensinhalt als klettern. Und alle Kletterklugscheißer, die ich je gesehen habe, waren männlich. Ich bin früher lange mit Inka und dann mit Fatma geklettert. Manchmal hatte Inka noch eine Kollegin dabei. Wir waren alle immer völlig entspannt. Wir sind geklettert, solange wir konnten und keiner hat den anderen angeschrien. Da gab es höchstens mal einen netten Tipp von unten, wenn man einen Tritt wirklich übersehen hatte. Das war schön. Wir haben immer eine Klönpause mit Milchkaffee gemacht und dann eine zweite Runde. Dabei haben wir uns die hübschen Männer angeschaut und uns ein bisschen gewünscht, mit einem von denen nur einmal…na ja. Ich zumindest.
Leider sind aber alle Kletterer, die ich in die Kategorie ‘heiß’ stecken würde, zu muskulös und damit zu schwer für mich. Ist vielleicht auch besser so.
Der von gestern gehört in die erste Kategorie, aber er erfüllt seinen Zweck. Er sichert mich gut und macht Pausen, wenn ich nicht mehr kann. Was will man mehr?

„Er will mehr.“, tönt es von meiner linken Ohrmuschel.
Ich: „Er wollte bald wieder zusammen klettern und ich freu mich schon drauf!“
Mann im Ohr: „Er will bald mehr als klettern und Du manövrierst Dich damit nur wieder in eine unangenehme Situation. Und dann fragst mich wieder, wie Du aus der Nummer wieder rauskommen sollst.“
Ich: „Oder Axel.“
Mann im Ohr: „Der wird sich genauso freuen wie ich. Lass es 
lieber.“

Früher war das irgendwie einfacher. Bevor dieser komische Dating-Quatsch aus den USA hier rübergeschwappt ist. Das ist genau so ein Blödsinn wie Halloween und der Valentinstag. Braucht kein Mensch. Früher konnte man sich mit einem Mann auf ein Bier treffen und hat sich keine Gedanken gemacht, was man anzieht. Man ist einfach hingegangen und hatte einen netten Abend und es gab keine Erwartungshaltung. Oder sie wurde nicht gezeigt. Auch nicht beim dritten Treffen. Mit dieser komischen 3-Dates-Regel, die in allen möglichen Zeitschriften steht, kommt man ständig in die Bredouille. Wenn ich mit jedem Mann geschlafen hätte, den ich mehr als zwei mal getroffen habe, wäre ich jetzt wahrscheinlich bei Nummer 120.

Der Mann im Ohr klingt fast vorwurfsvoll, als er sagt: „Du hast nicht mal ein Zehntel davon geschafft.“
Ich: „Geschafft? Das ist doch kein Leistungssport!“
Mann im Ohr: „Ich hab´ gelesen, dass Männer mit mehr Frauen schlafen als umgekehrt.“
Ich: „Wie meinst Du das? Wo kommt denn das her?“
Mann im Ohr: „Hier. Lies: Männer haben im Schnitt mit 7,4 Frauen ihr Bett geteilt, Frauen nur mit 4,3 Männern.“
Ich: „Kleiner Mann. Also ich war mal gut in Mathe. Und das kann eigentlich nicht sein.“
Mann im Ohr: „Wieso?“
Ich: „Die reden ja nicht von homosexuellen Begegnungen sondern ausschließlich von Männern, die mit Frauen schlafen und umgekehrt, richtig?“
Mann im Ohr: „Ja. Wieso?“
Ich: „Betrachten wir die Situation mal ganz simpel: ein Mann schläft mit einer Frau, mit der er vorher noch nie geschlafen hat. Wie viele neue Sexualpartner müsste man auf Männer- beziehungsweise Frauenseite zählen?“
Mann im Ohr: „Jeweils einen neuen Partner.“
Ich: „Richtig. Denken wir weiter: eine Frau schläft mit einem Mann, mit dem sie vorher schon mal Sex hatte. Wieviel zählt das auf Männer- oder Frauenseite?“
Mann im Ohr: „Beides null. Sind ja keine neuen Partner.“
Ich: „Siehst Du? Wenn man nur von Heteros ausgeht, müsste immer Gleichstand herrschen.“
Mann im Ohr: „Aber was, wenn ein Mann mit zwei Frauen gleichzeitig schläft? Ich hab gehört, das kommt vor. Dann bekäme er doch zwei ‘Punkte’.“
Ich: „Richtig. Aber jede der Frauen bekäme auch einen Punkt. Wie viele Punkte hätten wir dann für den Akt auf Männer- beziehungsweise Frauenseite?“
Mann im Ohr: „1×2 sind zwei für die Männer und 2×1 sind auch zwei für die Frauen. Aber was, wenn er mit einer der Frauen vorher schon mal…?“
Ich: „Dann würde er nur einen Punkt bekommen.“

Mann im Ohr: „Und auch nur eine der Frauen. Dann wären es plus eins auf jeder Seite.“
Ich: „Siehst Du. Irgendwer konnte da nicht rechnen.“
Mann im Ohr: „Vielleicht haben die die Leute befragt und die haben einfach gelogen?“

Der kleine Mann ist klug. Oder ich kann kein Mathe mehr. Ich weiß das nicht so genau. Vielleicht kann mein Gehirn nicht mehr richtig denken nach der langen Pause. Aber eigentlich ist es doch ganz logisch, oder? Es ist also totaler Blödsinn, dass Männer Hallodris und Frauen Unschuldslämmer sind.

Ich wär so gern naiv

Nach unserem Erlebnis am letzten Wochenende musste ich noch eine Weile über die Frauen in meiner Familie nachdenken. Und daran, dass alle so furchtbar selbstständig sind. Alle meine weiblichen Vorbilder waren ohne Mann glücklich. Oder mit Mann unglücklich.

So wie meine religiöse Oma. Dabei war mein Opa ein feiner Kerl. Groß, schlank, gutaussehend, handwerklich begabt, treu – von so einem Mann wäre ich hin und weg. Aber es waren andere Zeiten damals. Es war Krieg und man hat nicht zwangsläufig den geheiratet, den man geliebt hat. Als Frau war man manchmal auch einfach nur froh, bei dem Männermangel einen Versorger gefunden zu haben. Ich weiß nicht genau, ob das bei meiner Oma so war, aber sie war meistens verbittert und unglücklich und hat sehr viel auf meinen Opa geschimpft.

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich in meinem Kopf so ein Monster festgesetzt hatte.

Außerdem war ich auf einer reinen Mädchenschule. Da ist mir beigebracht worden, dass Mädchen alles können. Alles. Sogar Mathe und Physik. Wenn man nur die Männer von ihnen fernhält. Ich bin mir nicht sicher, was ich von diesem monoedukativen Ansatz halten soll. Jedenfalls hat die Kombination aus meiner familiären Situation und dieser Schule sicher nicht dazu beigetragen, dass ich die Anwesenheit von Männern in meinem Leben für besonders sinnvoll hielt.

„Du hast da auch sticken gelernt.“ erinnert sich der kleine Mann.
Ich: „Und häkeln.“
Mann im Ohr: „Und wie man Crêpes backt.“
Ich: „Man hat uns dort zu kleinen später mal guten Ehefrauen gemacht.“
Mann im Ohr: „Aber die haben was Entscheidendes vergessen: Männerkunde.“
Männerkunde?
Mann im Ohr: „Die haben das Pferd von hinten gesattelt oder wie man das nennt.“
Ich: „Aufgezäumt. Von hinten aufgezäumt. Das Zaumzeug gehört nach vorn beim Pferd. Der Sattel ist hinten schon richtig.“
Mann im Ohr: „Die haben nicht bedacht, dass ihr erst mal überhaupt einen Kerl finden müsst, bevor ihr irgendwem eine gute Ehefrau sein könnt.“

Der kleine Mann ist klug. Aber was hätten wir lernen sollen in Männerkunde?

„Anatomie?“ kommt ein Vorschlag aus meinem Ohr.
Ich: „Mich haben Nonnen unterrichtet. Und Frauen, die ähnlich getickt haben wie die. Wir haben Aufklärungsunterricht am Beispiel von Pferden gehabt.“
Mann im Ohr: „Was Männer wollen?“
Ich: „Da ist doch jeder Mann anders, oder? Ich finde auch, da ist ‘learning on the job’ irgendwie spannender.“
Mann im Ohr: „Job? Du kannst Männer doch nicht mit Deinem Job vergleichen.“
Ich: „Stimmt. Learning by doing meinetwegen.“
Mann im Ohr: „Trial and Error. Das würde die Situation besser beschreiben.“
Ich muss lachen. „Wir hatten genug Errors.“
Mann im Ohr: „Du weißt inzwischen auch fast alles. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, was ich Dir noch beibringen müsste. Anatomie sitzt, zumindest dafür, dass Du in Bio immer so schlecht warst. Du sortierst Bad Boys und Nervensägen in Rekordzeit aus…“
Ich: „Apropos Nervensäge. Ich habe Mika aussortiert.“
Das hatte der kleine Mann schon mitbekommen. Er sieht wirklich immer alles.
Mann im Ohr: „Du bist nicht mehr nett zu Männern, die das nicht verdient haben.“
Ich: „Ich habe Mika wörtlich gesagt, dass er nicht mehr alle Latten am Zaun hat und Uli, dass er ein Riesenarschloch ist.“

Auch das ist nicht neu für den kleinen Mann. Ich habe mich geärgert, dass mir das ‘Riesenarschloch’ so rausgerutscht ist. Hätte ich länger nachgedacht, wäre mir bestimmt was Cooleres eingefallen. Hipperes. Wie sagt man das heute? Ich glaube, weder cool noch hip noch Arschloch sind noch coole und hippe Wörter.

Mann im Ohr: „Und Du verschwendest Deine Zeit nicht mehr mit Männern, die keine ‘Fuck Yes’-Typen sind.“
Ich: „Aber ich weiß immer noch nicht, wie ich die richtige Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen finde.“

Ich meine mit Misstrauen nicht irgendwas mit Fremdgehen oder so. Ich rede nicht davon, dass ich in das Handy meines Partners schaue. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich einfach zu viele schlimme Dinge mitbekommen habe.

Mann im Ohr: „Du hast früher manchmal ein Date zum Verhör gemacht.“
Ich: „Aber nicht so, dass mein Gegenüber das gemerkt hat.“
Mann im Ohr: „Das macht es nicht besser.“
Ich: „Moment, ich glaube nicht, dass die Leser verstehen, von was wir reden.“

Ich habe einiges gelernt in den letzten 36 Jahren. Zum Beispiel, dass die ‘bösen Jungs’ nicht zwingend die sind, die tätowiert sind oder rauchen. Die bösen Jungs sind oft die Unscheinbaren. Die Familienväter, die hilfsbereiten Nachbarn, die Großväter, die Chorleiter und Reitlehrer. Die, denen wir unsere Kinder anvertrauen und denen wir bereitwillig erzählen, was uns bewegt. Das ist kein Cliché aus Kriminalromanen, das ist Erfahrung aus Beruf und in Teilen aus meinem Privatleben. Erschreckenderweise wird das Ganze auch noch durch Statistiken belegt.
Es kommt so gut wie nie vor, dass ein ‘böser Mann’ aus dem Gebüsch springt und einem vorbeilaufenden Mädchen zwischen die Beine fasst. Aber es gibt viele Fälle, in denen Großväter das bei Ihren Enkelinnen tun und ihnen erzählen, dass Mama stirbt, wenn sie es erzählen. Es gibt nur wenige Täter, die aus Mordlust umherziehen und töten, aber viele, die es aus ‘Liebe’ tun. Aus enttäuschter Liebe oft. Es sind die Männer oder Frauen, mit denen wir mal freiwillig Tisch und Bett geteilt haben, die uns die schlimmsten Dinge antun. Es sind die Menschen, mit denen wir jahrelang um den Weihnachtsbaum gesessen haben, die große Nummern in der Kinderpornoindustrie sind. Es sind die, die großzügig spenden und sich in der Kirche engagieren, die einen Teil ihres Geldes mit Frauenhandel machen.

Weil ich das weiß, bin ich misstrauischer, als ich es gern wäre. Ich wäre so furchtbar gern naiv und würde die Augen verschließen vor schlimmen Dingen, aber das kann ich nicht.

Wenn ich ein Date mit einem weitgehend unbekannten Mann habe und er irgendetwas sagt, was mir komisch vorkommt, befinden wir uns im übertragenen Sinne im Ermittlungsverfahren. Ein Ermittlungsverfahren wird von der Staatsanwaltschaft eingeleitet, wenn der Verdacht einer Straftat besteht. Ein sogenannter Anfangsverdacht genügt. Ich war mal mit einem Typen aus, den ich online kennengelernt hatte. Er hatte eine kleine Nichte, die war nicht mal ein Jahr alt. Er hat viel von ihr erzählt. Zu viel, fand ich. Er hatte auch zu viele Bilder von ihr auf dem Handy. Und seine Augen haben zu sehr geglänzt, wenn er von ihr gesprochen hat. Als er dann noch erzählt hat, dass er täglich hinfährt, um sie zu sehen und wie gern er mit ihr kuschelt, ist mir echt die Spucke weggeblieben. Ich habe scheinbar das Thema gewechselt und erzählt, dass ich in einer seriösen Frauen-Zeitschrift etwas über die neuesten Intimfrisuren gelesen habe. Und dass ich mich wundere, dass da heute nichts mehr über Diäten, sondern über so was drin steht. Er ist drauf angesprungen. Und – S U R P R I S E – er fand, dass ganz kahl doch am schönsten ist. Ich habe mit meinem charmantesten Lächeln gesagt „Aber mal ehrlich, wenn man eine Frau attraktiv findet und verliebt ist und man gerade wild rummacht, ist einem das im Zweifel doch echt egal, oder?“. Nein, fand er nicht. Er würde sie erst mal ins Bad schicken zum Rasieren. In dem Moment habe ich gedanklich die Anklageschrift verfasst. Und ihn nie wieder gesehen.
Ich bin klein und zierlich und habe kleine Brüste. Ich habe etwas ‘mädchenhaftes’. Wenn sich ein Pädophiler eine Frau sucht, dann einen Typ wie mich. Da muss man doch vorsichtig sein.

Einem – das war kein Date – ist mal rausgerutscht, dass er seine Frau geschlagen hat. Er war Witwer und ich frage mich bis heute, ob er sie nur geschlagen oder auch getötet hat. Weil er zu unbeschwert war für einen, der einen Verlust erlitten hat. Es gibt die Menschen, die über einen Verlust ‘hinweg’ sind, die wieder anfangen, ihr Leben zu leben, zu lachen und fröhlich zu sein. Aber meistens strahlen sie eine unterschwellige Ernsthaftigkeit aus. Man bemerkt oft kleine Details, die sie von anderen unterscheiden. Sie genießen eine Spur intensiver, wissen das Leben mehr zu schätzen und es gibt diese ganz kurzen Momente, in denen man einen kleinen Schatten in ihren Augen bemerkt. Das alles gab es bei ihm nicht.  Er hat auch bis auf diesen Ausrutscher nie von ihr gesprochen. Es war, als hätte sie nie existiert.

Mann im Ohr: „Aber es ist besser geworden. Du bist viel seltener in solchen Situationen als früher.“ 
Ich: „Ich höre mehr auf meinen Bauch und mache einen großen Bogen um Menschen, sobald der Mann da unten mich warnt. Dann kommen wir nicht mal bis zum Ermittlungsverfahren.“
Mann im Ohr: „Das ist auch gut so.“

Ich wäre trotzdem gern ein bisschen naiver. Es ist leichter, glücklich zu sein, wenn man naiv ist.

Der kleine Mann räuspert sich: „Es kann aber auch tödlich sein. Wie bei allem im Leben gibt es auch dabei zwei Seiten der Medaille.“

Wie wahr.

Ich brauche einen Mann

Vielleicht hilft es, wenn ich das hier so fettgedruckt hinschreibe?

Der kleine Mann hat wieder mal einen Satz in meinem Kopf gefunden. Mehrere zusammenhängende sogar. Und bisher haben wir keine Möglichkeit gefunden, das Monster zu entsorgen. Ich habe ganz devot meinen Kopf schräg gelegt – das mit dem devot sein geht nämlich doch. Wenn der kleine Mann mir Anweisungen gibt, befolge ich sie. Aber das Zeug ist trotzdem nicht rausgekommen und irgendwann war mein Nacken steif.

‘Ich brauche keinen Mann. Es geht wunderbar ohne.’ hängt in meinem Kopf fest. Das kommt von meiner Oma. Der, die so jung Witwe geworden ist und danach nie wieder einen Mann hatte, weil sie meinen Opa so geliebt hat. Meine Mutter stand auch als Absender drauf. Auch sie kommt wunderbar ohne aus. Sie hat ja Freunde und ein Haus und nette Nachbarn und drei Kinder und einen Beruf.
An den beiden Sätzen hing noch ‘Wozu denn? Löcher bohren kann ich selbst, sogar in die Decke. Geld verdienen auch, Yannick schleppt schwere Sachen für mich und Eric krault mir bei Bedarf den Nacken. Und die Wahrscheinlichkeit für einen Orgasmus…’
Dann wurde es unleserlich.
Aber es ist auch so schon schlimm genug. Der letzte Satz, den man ja nur erahnen kann, stimmt so auch nicht. Aber Glaubenssätze haben ja auch keinen Wahrheitsanspruch. Schon gar nicht in postfaktischen Zeiten.

„Kleiner Mann, was machen wir damit? Wenn ich das nicht los werde, werde ich doch nie einen Mann finden. Ich werde nicht mal einen finden w o l l e n.“
Mann im Ohr: „Du funktionierst besser unter Druck. Wenn etwas wirklich dringend war, hast Du das immer hinbekommen. Aber wie ich da jetzt den Druck erhöhen soll, ist mir schleierhaft.“
Ich: „Wenn ich dümmer und unselbständiger wäre, würde ich eher glauben, dass ich einen Mann brauche.“
Mann im Ohr: „Vielleicht probierst es mit Drogen, die Deine Hirnzellen zerstören und mittelfristig zum Jobverlust führen?“
Ich: „Sehr witzig.“ Ich denke nach. „Weißt Du, es stimmt doch. B R A U C H E N tue ich einen Mann nicht. Mal angenommen, ich könnte keine Löcher bohren und wäre arbeitslos und würde mich deshalb auf die Suche nach einem Mann machen und einen finden. Das wäre doch keine gute Basis? Der arme Kerl. Es ginge dann ja nur um seine ‘Funktion’ und nicht um ihn. Deshalb finde ich den Satz gar nicht so schlimm.“
Mann im Ohr: „Und weil Du ihn ‘nicht so schlimm’ findest, konnte der Klumpen ungehindert wachsen. Er ist ja größtenteils richtig. Aber er ist viel zu groß. Zu dominant. Und: ich habe keinen Gegenspieler gefunden, der das relativieren würde.“
Ich: „Zu Ben habe ich auch immer gesagt, dass ich ihn nicht brauche. Ich habe immer gesagt, dass ich wunderbar ohne ihn leben könnte. Das aber nicht will. Damals hat der Satz nicht geschadet.“
Mann im Ohr: „Vielleicht ist das mit dem Wollen ein Ansatz. Wenn wir ein ungefähr gleich dominantes ‘Ich will einen Mann’ hätten…“
Ich: „Nein! Da oben ist ja nur begrenzt Platz. Ich will nicht, dass sich da oben alles nur um Männer dreht!“
Mann im Ohr: „Mmh. Dann müssen wir uns was anderes überlegen.“

Der kleine Mann klettert über mein Ohrläppchen und eine Haarsträhne auf meine Nase. Das geht nur am Wochenende und an Feiertagen, weil ich sonst immer die Haare zusammen mache. Er setzt sich im Schneidersitz hin, stützt sein Kinn in seine winzige Hand und macht ein nachdenkliches Gesicht.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass ich denke, ich bräuchte keinen Mann. „Vielleicht ist das Problem, dass ich im Grunde für jede Lebenslage einen Mann habe? Wenn meine Heizung nicht funktioniert, kommt der Hausmeister. Ich habe mehrere Männer für intellektuelle Gespräche und einen, der mit mir ins Kino oder essen geht und einen, der mir schwere Sachen schleppt und einen, bei dem ich Tag und Nacht anrufen könnte, wenn es mir schlecht ginge und einen zum Klettern und einige, die ganz selbstlos angeboten haben, mit mir zu schlafen. Auch wenn ich das nicht alles in Anspruch nehme, ist es doch beruhigend.“
Mann im Ohr: „Das war nicht selbstlos!“
Ich: „Da war eine Prise Sarkasmus drin. Du musst lernen, mich nicht immer so ernst zu nehmen.“

Ich fange an zu schreiben, um mich abzulenken. Die besten Ideen kommen einem doch, wenn man sich nicht mehr mit dem Problem beschäftigt. Der Mann auf der Nase bleibt dort eine Weile sitzen und macht dann einen ‘herabschauenden Hund’. Dann versucht er einen Kopfstand. Wenn das mal gut geht.

Ich frage: „Meinst Du nicht, das ist zu gefährlich ohne Wand?“
Mann im Ohr: „Annette hat gesagt, man soll Umkehrhaltungen machen, wenn man Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten will. Die umgekehrte Körperhaltung wirkt auch auf den Geist.“
Da hat jemand zugehört beim Yoga.
Ich: „Vielleicht solltest Du in meinen Kopf verschwinden, damit Du nicht verlorengehst und ich mache einen Kopfstand. Ich hab mehr Übung und um mich geht es hier ja schließlich.“

Wir machen das und ich stehe geschlagene 5 Minuten auf dem Kopf. Das habe ich früher öfter gemacht und es klappt immer noch. Jetzt bin ich knallrot.

„Weißt Du noch, Dein Streit mit Ethan an der Tankstelle?“ fragt es in meinem Ohr.

Ich erinnere mich. Wir waren mit meinem Auto auf dem Weg in den Urlaub. Ich hatte getankt und dann noch Scheibenwasser nachgefüllt, den Reifendruck überprüft und angepasst und dann kam Ethan aus den Tankstellenshop und hat es gesehen und ist wütend geworden. Weil eine Frau nicht die Motorhaube öffnet. Und auch nicht den Reifendruck anpasst. Dafür hat sie ja einen Mann. Ich habe ihm sinngemäß gesagt, dass er nicht alle Latten am Zaun hat und dann war die Stimmung den ganzen Urlaub über bombig.

„Du hast schon immer gedacht, Du kannst alles allein.“ Das denken alle Frauen in meiner Familie. Es stimmt ja auch. Fast. Der kleine Mann schweigt kurz. Dann fragt er: „Und erinnerst Du Dich an Sandy?“

Allerdings. Meine früher mal Schwägerin. Sie hat nicht eingekauft, weil man dafür Auto fahren muss und das wollte sie nicht. Und Gartenarbeit hat sie nicht gemacht, weil sie dafür zu schwach war. Und gearbeitet hat sie nicht, dafür hatte sie ja ihren Mann. Wenn sie jemand gefragt hat, was sie denn so macht, hat sie gesagt, sie sei Arztfrau. Wie die Frau in der Perlweiss-Werbung, die sagt: „Ich als Zahnarztfrau…“.

Ich: „So will ich nicht sein. Das kann ich nicht. Da lasse ich den Klumpen lieber in meinem Kopf.“
Mann im Ohr: „Eine Mischung wäre gut. Nicht so needy wie Sandy, aber ein bisschen weniger selbständig.“ 

Und dann? Wenn er dann stirbt wie mein Opa und mein Schwager oder mich verlässt? Dann steh ich da und weiß nicht, wie ich klarkommen soll. Dann habe ich Probleme, meinen Alltag auf die Reihe zu kriegen, obwohl der Liebeskummer schon Strafe genug ist.

Ich soll überlegen, wann ich mir das letzte Mal ganz fest einen Mann an meiner Seite gewünscht habe. Gestern Nachmittag. Als ich mir die Kunst angesehen habe, die mir so gut gefiel. Das wollte ich mit jemandem teilen. Und die letzten Nächte, als ich nicht schlafen konnte. Da hätte ich gern jemanden gehabt, der mit mir wach ist oder meine Hand hält im Schlaf. Und als ich in der Bretagne war. Da hätte ich die Küstenwanderung gern mit jemandem gemacht, der genauso schnell läuft wie ich und hätte in den einsamen Buchten gern…

Ich höre ein aufgeregtes „Es schrumpf!“ aus meinem Kopf. Es folgt: „Und ich habe eine Idee. Deine Ohren sind ja nicht die einzige Verbindung nach draußen. Da ist noch Deine Nase und Dein Mund.“ Kopfstand bringt einen tatsächlich auf neue Ideen.
Ich: „Ich soll das Ding in ein Taschentuch schnäuzen? Oder auskotzen?!“
Mann im Ohr: „Wenn es durch Dein Ohr nicht passt, warum nicht?“
Ich: „Igitt. Durch die Nase geht ja vielleicht noch. Durch den Mund kommt nicht in Frage!“
Mann im Ohr: „Denk weiter an Situationen, in denen Du einen Mann vermisst und ich schiebe das Ding in die richtige Richtung.“

Ich denke ein bisschen vor mich hin und plötzlich kitzelt es ganz furchtbar in der Nase und ich muss niesen. Und dann habe ich einen ziemlich unappetitlichen Haufen vor mir liegen. Er ist so groß, dass in meinem Kopf kaum Platz für etwas anderes gewesen sein kann.

Jetzt könnte ich jemanden gebrauchen, der die Sauerei wegmacht. Oder mich zumindest hinterher ein bisschen tröstet und in den Arm nimmt.

Lassen wir zu schnell los?

Oder zu langsam?

Der kleine Mann und ich sortieren weiter aus. Er hat alle möglichen Sätze in meinem Kopf gefunden. ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ zum Beispiel. Das kommt von beiden Omas und meiner Mutter. Und Freundinnen meiner Mutter. Und Lehrern. Da standen so viele Absender drauf, dass der kleine Mann fast den Überblick verloren hätte. Nur mein Vater fehlte.

„Deinem Vater könnte ein bisschen mehr davon nicht schaden.“ meldet sich jemand.
Ich: „Na ja, er ist eben ein Genießer.“
Mann im Ohr: „Das verstehe ich nicht. Du hast doch eben gesagt, Du willst den Satz behalten, weil Du eine Genießerin bist. Ist der Satz nun für Genießer oder nicht?“

Ich verstehe seine Verwirrung. Ich bin eine Genießerin.
Ich liebe guten Kaffee und Wein und E S S E N. Sonnenstrahlen, wenn es dabei nicht zu warm ist. Massagen. Und wenn mir jemand den Nacken streichelt.
Aber all das genieße ich viel besser und vor allem intensiver, wenn ich dabei keine Pflichten im Hinterkopf habe. Wenn ich weiß, dass die Arbeit erledigt ist, ist es mindestens doppelt so schön. Manchmal lasse ich trotzdem einfach alles liegen und gönne mir was. Und das genieße ich auch. Aber nicht so. Wenn ich erst arbeite, pimpe ich damit quasi das Glücksgefühlt beim Genuss. Deshalb soll der Satz bleiben.
Mein Vater ist da, glaube ich, anders gestrickt. Er vergisst die Pflichten einfach, während er genießt. Der Satz ist also was für den einen Genießer und für den anderen nicht.

„Weißt Du noch, der Artikel, den wir neulich mit Deiner Schwester gelesen haben? Darin ging es auch um Genuss pimpen.“ Jemand klingt neugierig.
„Über den reden wir nicht. Das war wirklich gequirlte Scheiße!“ Ich bin spontan wütend. Der Mann in meinem Bauch turnt wild durch die Gegend und boxt dabei. Jedenfalls fühlt es sich so an.
Mann im Ohr: „Ich fand das Thema interessant. Dann erklärst Du mir das vielleicht ein anderes mal?“ Er klingt verunsichert.
Ich: „Meine Wut hat nichts mit Deiner Frage zu tun, nur mit dem Artikel. Vielleicht ein anderes mal.“

Wir sind noch auf einige andere Sätze gestoßen. ‘Was nix kost is auch nix’ und ‘Weil was was kost isses noch lang nix’. Den Absender konnte man nicht mehr erkennen, aber bei der Sprache muss es von meiner Familie väterlicherseits kommen. Obwohl meine religiöse Oma das auch gesagt hat, glaube ich. Und meine Mutter.
Jedenfalls finde ich das in den allermeisten Fällen zutreffend. Ich muss spontan an billiges Fleisch aus nicht artgerechter Haltung denken. An Leute, die sich beschweren, dass in ihrer 1,49 EUR ‘teuren’ Lasagne Pferdefleisch ist und kein Rind und sich nie die Frage gestellt haben, wie man für den Preis überhaupt Fleisch produzieren und verpacken kann. An Eier aus Legebatterien und an Ikea-Möbel, die höchstens einen Umzug überstehen. Und an Jeans, die unter furchtbaren Bedingungen in Bangladesch gefertigt werden. Bei den Jeans passen gleich beide Sätze. Weil nicht nur Billiganbieter, sondern auch teure Designermarken dort produziert wurden. Werden? Ich bin da nicht up to date.

Jedenfalls war gleich klar, die Sätze bleiben. Ich bin relativ beruhigt, wie viele taugliche Sachen der kleine Mann oben gefunden hat. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Wer weiß, was da noch kommt.

Mann im Ohr: „Sollen wir den behalten?“
Ich: „Wen?“
Mann im Ohr: „Den Tag nicht vor dem Abend.“
Ich: „Ach so. Mmh.“ Ich muss überlegen. Einen wirklichen Mehrwert sehe ich da nicht. Wenn die erste Tageshälfte super war, kann ich die doch schon mal ‘loben’ und mich drüber freuen? Der Satz will ja suggerieren, dass genau dann was schiefgeht. Abergläubisch bin ich nicht so richtig. Natürlich wäre denkbar, dass durch die Erleichterung darüber, dass etwas gut gelaufen ist, die Aufmerksamkeit nachlässt und dann…
Mann im Ohr: „Hey, Verstand runterfahren. Was sagt der Bauch?“ Der sagt nix. Kein Hüpfer, kein Protest.
Ich: „Weg damit. Das sagt er zwar nicht. Aber wenn er ihn nicht behalten will, kommt er weg. Ich will keinen unnötigen Ballast.“

Es fällt mir leicht, mich von Dingen zu trennen. Ich könnte spontan nichts benennen, dessen Verlust mich umhaun würde. Klar gibt es Dinge, die ich mag und an die ich mich gewöhnt habe. Mein Cashmere-Kleid. Der antike Stuhl von meiner Großtante, den ich mühevoll aufgearbeitet habe. Aber wenn das weg wäre, würde meine Leben doch genauso weitergehen wie bisher. An einigen Büchern hänge ich. Aber die könnte ich mir ja jederzeit neu kaufen. Manche Fotos würden mir fehlen, aber auch das würde ich verkraften.

Mann im Ohr: „Was ist jetzt mit diesem Typen? Trennst Du Dich von dem?“
„Puh. Schwierige Frage.“ Der Mann in meinem Bauch sagt nichts. Nach der Logik von eben müsste ich mich ‘trennen’. Ich bin nicht mit ihm zusammen oder so, es lief nicht mal was zwischen uns. Aber es ist einer, der sich irgendwie zu interessieren scheint. Eigentlich kann man das ‘irgendwie’ streichen. Er hat schon Pläne gemacht und will einige Sachen mit mir unternehmen. Er ist nett und intelligent und sieht sehr gut aus. 
Der Mann im Ohr flüstert: „Er ist das Ebenbild von Ben.“ 

Ich seufze. Ist er wirklich. Gleiche Größe, gleiche Haarfarbe, gleicher Schnitt, gleiche Figur, gleiche Augenfarbe, gleiche Augenbrauenform, sehr ähnliches Gesicht. Gruselig fast. Ben´s Nase war ein bisschen schmaler und er hatte schönere Zähne. Vielleicht sind sie eigentlich Brüder und das ist so ein Doppeltes-Lottchen-Ding.
Das Problem mit Mika ist, dass er mir auf die Nerven geht. Jetzt schon. Das liegt vor allem an der Verwendung von Emojis in Sms. Das klingt total lächerlich. Man sollte sich seinen Partner nicht nach der Verwendung von Emojis auswählen. Oder? Ich muss wieder an meinen ehemaligen Projektleiter denken, der meinte, es sei so schwierig, es Frauen recht zu machen heutzutage.
Ich bin ohnehin kein Riesenfan von Emojis. Ich würde gut ohne auskommen. Es ist ein nice-to-have. Ich setze sie je nach Situation ein. Aber es gibt Menschen, die keine Nachricht schreiben können ohne diese Dinger drin. Und die sie – zumindest scheint es mir so – völlig willkürlich einsetzen. So jemand ist Mika. Ich habe quasi keine Nachricht ohne Zwinker-Smiley von ihm. Er fragt, wo wir uns treffen wollen und hängt einen Zwinker-Smiley dahinter. Er sagt mir, dass er Volker Pispers besser findet als Hagen Rether und macht einen Zwinker-Smiley dahinter. Er hofft, dass ich gut schlafe und…

Der kleine Mann unterbricht mich. „Ich glaube, Deine Leser haben es verstanden.“ 
Wir schweigen und ich denke nach, ob ich Mika nun ‘aussortiere’.
Ich: „Ich weiß es wirklich nicht. Er geht mir furchtbar auf die Nerven. Er unterbricht mich auch dauernd.“ Ich rede gern und viel und wenn ich so gar nicht zu Wort komme, ist das sehr ungewöhnlich. Aber diese Emoji-Sache nervt mich fast noch mehr.
Ich: „Ich glaube, das ist so einer, der jeden seiner eigenen Sätze für wahnsinnig witzig hält.“
Mann im Ohr: „Aber das sind sie nicht. Ich habe noch nichts Witziges von ihm gelesen.“
„Ich auch nicht.“ Der Mann an meiner Seite muss auch gar nicht witzig sein. Aber einen Möchtegern-Scherzkeks ertrage ich nur schwer. Ich komme zu keiner Entscheidung. „Kleiner Mann, was würdest Du mir denn raten? Es kommt mir total kleinlich vor, wenn ich so was zum Kriterium mache. Aber es nervt mich und wie soll ich denn mit einem Mann glücklich werden, der mir schon vor dem ersten Kuss auf den Keks geht?“
Mann im Ohr:  „Vielleicht küsst er wahnsinnig gut und geht Dir nach dem Küssen viel weniger auf die Nerven?“
Ich: „Aber seine Art wird doch bleiben. Und ich kann ihn ja nicht permanent küssen, damit er die Klappe hält.“
Mann im Ohr: „Wenn man verliebt ist, hat man die rosarote Brille auf und nimmt solche Marotten gar nicht wahr. Das kommt erst viel später.“

Na toll, wir sind wieder beim Thema. Ich bin einfach nicht verliebt.

Wanted: Marlboro-Mann

Ich meine keine Raucher. Und in diesem Fall meine ich auch Frauen.

Mir geht die Sache mit dem Konjunktiv nicht aus dem Kopf. Und da musste ich an einen Mann denken, der niemals im Konjunktiv leben würde. Der Marlboro-Mann.
Marlboro-Männer sind DAS Symbol für Männer mit ‘Eiern’. Sie strotzen vor Testosteron und Freiheitsdrang und natürlich wissen sie genau, was sie wollen. Sie sind mutig. Sie sagen niemals ‘vielleicht’.
Zu keiner anderen Marke hätte die MAYBE-Kampagne besser gepasst. Ich erinnere mich spontan an

Don´t be a MAYBE
MAYBE never wins und
 MAYBE

Sie hat den Nerv unserer Zeit getroffen. Sie hat meinen Nerv getroffen. Obwohl ich Nichtraucherin bin und finde, dass Raucher furchtbar stinken.

Noch nie habe ich so viel ‘vielleicht’ gehört wie in den letzten Jahren. Und so viel ‘aber’. Und beides in Kombination.

Das mit uns ist exklusiv, aber zusammen sind wir nicht.

Vielleicht komme ich zur Party. Ich habe noch nichts vor bisher und sag mal ja. Aber vielleicht ergibt sich noch was anderes.

Es läuft nicht mehr zwischen uns, aber wir bleiben verheiratet. Vielleicht trennen wir uns irgendwann.

Lass uns vielleicht mal wieder was machen.

Ich bin so unglücklich in meinem Job. Vielleicht sollte ich mir was Neues suchen. Aber irgendwie weiß ich nicht so recht.

Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.

Ich bin kein MAYBE. Ich bin ein Yes oder No. Sehr selten sage ich mal ja oder nein zu etwas und ändere meine Meinung noch mal. Vor ein paar Tagen zum Beispiel.
Letztes Wochenende war ich shoppen, das war, als meine Mutter mir den Pünktchen-Schlafanzug gekauft hat. Und ich an Katrin denken musste wegen des nicht gekauften Boss-Mantels. Da habe ich einen Hosenanzug anprobiert. Einen dieser fancy ones in supersoftem Stretch, der sich anfühlt wie eine Yogahose. Meine Mutter fand ihn toll an mir. Ich habe mich dafür entschieden und zuhause gemerkt, dass ich darin zwar super aussehe, mich aber fühle, als hätte ich einen Pyjama an. Es ist das Stoffgefühl auf der Haut. So kann ich  nicht vor einem Kunden stehen und seriös wirken. Ich fühlte mich ‘nackt’. Also habe ich ihn heute umgetauscht.

„Die Leute würden Dich wahrscheinlich lieber nackt sehen als in dem Ding.“ murmelt es.

Das hätte der kleine Mann mir auch früher sagen können. Dann hätte ich ihn heute nicht extra in die Stadt fahren müssen.
Aber dann hätte ich mich auch nicht verliebt. Ungeplant. So richtig. In Schuhe. Sie sind aus taupefarbenem Wildleder und haben einen schmalen, aber nicht zu schmalen Absatz. Schmal genug, um elegant auszusehen, aber nicht so schmal, dass man auf Kopfsteinpflaster in den Ritzen hängenbleibt. Hoch genug, um was herzumachen und flach genug, um bequem zu sein. Eine aufgesetzte Schnürung macht ihn gerade so besonders, dass er ins Auge fällt, ohne zu abgefahren zu wirken. Er ist schmal geschnitten und sitzt wie angegossen. Er wirkt ebenso zierlich wie ich. Er ist perfekt. Wie für mich gemacht. Und ich habe spontan, laut und deutlich ja zu ihm gesagt. Innerlich. Ein lautes Juchzen im Laden wäre mir unangenehm gewesen.

So sollte es sein. Wir sollten nein sagen zu Dingen, mit denen wir uns nicht gut fühlen und ja zu denen, die wir lieben. Wir sollten nicht ‘vielleicht’ sagen, wenn wir ‘nein’ meinen.

Aber das scheint unpopulär zu sein. Wir sind so indifferent geworden. Mutig ist das nicht. Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut. Sagte Perikles.

Wer mutig ist, sagt ja oder nein. Wer mutig ist, trifft klare Entscheidungen. Wer mutig ist, sagt die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Wer mutig ist, nimmt in Kauf, dass er erst hinterher wissen wird, ob eine Entscheidung ‘richtig’ war.

MAYBE never fell in love.

Ich möchte mehr Marlboro-Menschen in meinem Leben. Und einen Marlboro-Mann an meiner Seite. Am besten einen, der nicht raucht. Ich hätte sogar Möhren und Äpfel da für sein Pferd. Er dürfte mich mit seinem Lasso einfangen und dann…

„Ich habe was gefunden!“ ruft der kleine Mann aufgeregt.
Ich: „In meinem Kopf?“
Mann im Ohr: „Ja. Es gab auch noch ‘MAYBE you should go fuck yourself’. Was soll damit passieren?“

Den Satz behalten wir. Nur für den Fall der Fälle. In meinem Bauch hüpft es ein kleines bisschen und der Mann in meinem Kopf freut sich. Er sucht den richtigen Platz für den Satz. Nicht zu prominent, aber so, dass ich ihn notfalls schnell parat habe.

Darf man seinen Ex-Partner vermissen?

Der kleine Mann und ich machen Hausaufgaben. Wir sind gerade bei ‘Online Dating machen nur Psychopathen’. Das hat mein Vater mir in den Kopf gesetzt, ohne dass ich das bemerkt habe. Auf den Glaubenssätzen stehen manchmal Absender drauf. Da ich keine Psychopathin bin, ist er widerlegt und kann entsorgt werden. Während der Mann in meinem Kopf rumräumt, putze ich Schuhe. Alle. Manchmal mache ich das.
Ich greife ganz unten in die Schuhputzkiste und finde etwas schwarzes, das an manchen Stellen braun und hart ist. Es ist ein ausgeleierter, schwarzer von Puma-Socken von Ben. Mit dunkelbrauner, angetrockneter Schuhcreme dran. Ich frage mich, ob er den anderen hat und ob er damit auch Schuhe putzt.

„Er hat nie Schuhe geputzt. Er hat sich eher neue gekauft als die alten zu putzen. Wenn jemand seine Schuhe geputzt hat, dann Du.“

Das hätte ich fast vergessen. Das war eins der vielen Dinge, die mich geärgert haben. Eigentlich erinnert nichts in meinem Leben an Ben. Bis auf zwei gemeinsam angeschaffte Möbelstücke. Alles andere war schon immer ‘meins’ oder wurde nach Ben angeschafft. Es gibt keine Fotos von ihm hier. Alles, was ich an Erinnerungen habe, ist in Kisten im Keller verpackt. So tief unten, dass ich nicht mal selbst weiß, wo die Sachen sind.

„Ich frage mich, warum ich in letzter Zeit häufiger an ihn denken muss als früher. Wir sind doch schon so lange getrennt.“

Ich muss an die Szene in ‘Sex and the City’ denken, in der sich Miranda und Steve getrennt haben. Sie wissen nicht, ob sie es noch mal miteinander versuchen wollen und gehen zu einer Paartherapeutin. Dort vereinbaren sie, dass sie beide in sich gehen. Wer einen Neuanfang will, soll zu einer bestimmten Zeit auf der Brooklyn Bridge sein. Beide wollen. Und beide haben Angst, dass der andere nicht da sein wird. Beide sind zur vereinbarten Zeit dort. Sie sehen sich unsicher und suchend um und als sie sich sehen, sind beiden die Erleichterung und das Glück ins Gesicht geschrieben. Sie fallen sich in die Arme und dann küssen sie sich.
Wenn Ben und ich heute diese Entscheidung treffen müssten, wären wir beide nicht da. Ich habe zu mir selbst gefunden, seit wir nicht mehr zusammen sind. Mit ihm war ich immer nur ein Teil von mir selbst. Und das habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten.

Der Mann in meinem Ohr sagt leise: „Weil Du Dich verloren fühlst.“
Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht mehr weiß, was meine Frage war. Der kleine Mann fährt fort: „Bei jedem Terroranschlag und bei jeder Talkshow, in der über Flüchtlinge diskutiert wird, fragt sich Dein Unterbewusstsein, was Ben dazu denkt. Als Du Deinen Job an den Nagel gehängt hast, hättest Du gern seinen Rat gehabt. Er war Dein Kompass.“
Mein Kompass. Das ist eine schöne Beschreibung. Der Mann in meinem Bauch dreht sich vor Freude.
„Wenn Dich etwas berührt, fragst Du Dich, was er gesagt hätte. Nicht immer, aber bei so was.“ Der kleine Mann zeigt auf meinen Bildschirm. Das stimmt. Bei Julia Engelmann muss ich immer an ihn denken. Weil er auch im Konjunktiv gelebt hat. Alles Schöne hat er auf später geschoben. Wir haben die schlechten Zeiten gut durchgestanden, die Guten waren das Problem. Die gab es für Ben nicht. Als ich mich so richtig frei und unbeschwert gefühlt habe und glücklich war, hatte ich das Gefühl, er mag mich so nicht. Weil er selbst nie unbeschwert war.
Der kleine Mann fährt fort: „Niemand lag je so nah an Deinen Wertvorstellungen wie er. Wenn er etwas falsch fand, konnte es für Dich nicht richtig sein. Und trotzdem wart Ihr nicht immer einer Meinung. Er hat Dich herausgefordert und zum Nachdenken gebracht und er hat in jeder Situation Herz bewiesen. Er war nicht nur Dein Partner, er war Dein bester Freund. Du wolltest den Partner nicht mehr, aber den besten Freund hättest Du gern behalten. Aber Du wusstest genau, dass das nicht geht.“
Den besten Freund vermisse ich. Ich weiß genau, welche Alben er sich heute kaufen würde und welche meiner neuen Möbelstücke er scheußlich fände. Und zu welchem Kleid er ‘sexy’ sagen würde. All diese Gedanken wegen einem alten Socken. Ich habe es anscheinend in den letzten sechs Jahren nicht bis auf den Grund meiner Schuhputzkiste geschafft. Sonst wäre der längst entsorgt.
Mann im Ohr: „Wegen eines alten Sockens.“
Ich: „Der Satz kommt auch von meinem Vater. Klugscheißer.“

Ich wünschte, Ben hätte irgendetwas falsch gemacht. Irgendwas getan, damit ich den Freund auch nicht vermissen würde. Ich frage mich, ob ich mich verlieben darf, solange ich Ben vermisse. Wäre das unfair? Obwohl ich Ben nicht zurück will?

Mann im Ohr: „Das ist Blödsinn. Es tun immer alle so, als würde der Ex keine Rolle spielen. Aber wer lange mit einem Partner zusammen war, hatte seine Gründe. Und ist geprägt worden von demjenigen. Gerade, wenn man so jung war wie Du.“
Ich: „Ich bin froh, dass er mich geprägt hat und nicht Ethan.“
„Ich auch.“ Der kleine Mann seufzt. „Er war da bei Deinem Abiball. Als Du von zuhause ausgezogen bist. Als Du Dein erstes Studium hingeschmissen hast. Er hat Dir Brote für Deine Examensklausuren geschmiert. Er hat Deine Hand gehalten, als Du fast verblutet wärst. Und Du seine, als seine Mutter krank war. Wenn Du ihn nicht irgendwie vermissen würdest, wäre das nicht normal.“
Ich bin trotzdem unsicher. „Aber es tun immer alle so, als dürfte der Ex-Partner keine Rolle spielen. Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich an ihn denke.“
Mann im Ohr: „Es tun auch Leute bei Tinder so, als wärst Du die einzige, mit der sie sich je getroffen haben. Das ist genauso verlogen wie die Sache mit dem Ex. Wenn ein Mann selbstbewusst ist, stört ihn das nicht. Und wenn er Herz hat, vermisst er seine Ex-Freundin selbst ein bisschen. Jedenfalls, wenn sie keine verlogene kleine Schlampe war.“
Ich: „Aber sagen darf ich´s nicht, oder? Das kriegen doch alle in den falschen Hals.“
Mann im Ohr: „In manchen Situation hältst Du besser einfach mal die Klappe. Das sage ich Dir schon lange.“

Das stimmt. Ich hör nur so selten. Aber diesmal wäre das vielleicht doch ratsam.

Ich will gerade die Schuhputzsachen wegräumen, als der kleine Mann noch etwas sagt. „Wenn Dich jemand nach ihm fragt, sagst Du einfach ‘Ein Teil meiner Antwort würde Dich verunsichern’.“ Er kichert und kichert, dabei fand ich das nicht so wahnsinnig witzig. Es wundert mich, dass sowas bei ihm hängenbleibt. Ich dachte immer, bei den Nachrichten schläft der kleine Mann. „Oder Du erzählst einfach alles über Ben und sagst hinterher, es war eine ‘pointierte Darstellung eines Teilausschnitts der Realität’.“ 

Leben wir im Konjunktiv?

Ich bin ein Kind der 90er. Obwohl ich 1980 geboren bin.

Aber in Liebesdingen haben mich die 90er geprägt. Damals war ich das erste Mal verliebt. Unsterblich. In Christian. Das ist sein echter Name. In den 90ern habe ich wahlweise schmachtend oder weinend Bryan Adams und Bon Jovi gehört. Manchmal auch schmachtend und weinend. Ich habe Kevin Costner als Bodyguard angebetet und war in Brad Pitt und Johnny Depp verknallt. In den 90ern habe ich meine Unschuld verloren, hatte meine erste feste Beziehung und habe Ben kennengelernt.

Damals war man verliebt, hat gelitten und Liebesbriefe geschrieben. Kerle haben ihre Frauen beschützt und auf Händen getragen. Wenn sie Kevin Costner hießen, sogar beides in 120 Minuten.

Das klingt nach ‘früher war alles besser’, aber das war es nicht. Anders war´s.
Ich bin dankbar für mein iPhone und dafür, dass ich heute bloggen kann und unproblematisch mit Leuten in Kontakt sein, die sehr weit weg wohnen. Dass ich mal eben so ein Foto machen und es mit dem ‘Fotoapparat’ auch noch versenden kann. Dass ich von Zuhause arbeiten kann, weil fast alles über Skype und Email funktioniert. Es hat mein Leben leichter gemacht.

Wir sind freier geworden. Oder? Es fühlt sich nur nicht so an. Wenn ich Leute reden höre, klingt es nicht so. Die äußeren Bedingungen machen uns frei und flexibel wie nie, aber gefühlt scheinen wir viel gefangener zu sein als damals.

Und ich habe den Eindruck, wir leben im Konjunktiv. Wir müssten eigentlich Konsequenzen ziehen, aber trauen uns irgendwie nicht.
Es geht uns doch gut wie nie. Aber wir haben vor allem Angst. Vor Flüchtlingen, vor einem Jobverlust, davor, nur den zweitbesten Partner abgekriegt zu haben. Vor Allergien, vor dem Alter, vor Gerede, vor Bluthochdruck und Cholesterin. Wir sind so verhalten geworden.

In den 90ern hat Bryan Adams mit seiner Reibeisenstimme ‘Please forgive me’ gesungen. Heute hören wir Frans mit ‘If I were sorry but I´m not sorry no’. Von Whitney Housten hörten wir noch ‘I will always love you’. Heute verzaubert Adele uns mit ihrer Stimme, aber auch sie singt im Konjunktiv: ‘No, there’s nothing that I wouldn’t do to make you feel my love.’. Sie singt von einem Mann, der gar nicht weiß, ob er sie will und träumt davon, ihm ihre Liebe zu zeigen.

Bei Gloria Gaynor hieß es noch ‘Go, walk out the door…I grew strong and learned how to get along’. Cher schmetterte ‘I don´t need your sympathy…was she worth it? … I´m strong enough to live without you…you gotta go’.

Heute hören wir in einem Sam Smith Video eine weinende Frau singen ‘I know I´m not the only one…I wish this would be over now but I know that I still need you here’. Das ist ähnlich traurig wie bei Adele.

Wir sind doch selbstständiger geworden, dachte ich? In den 90ern sind Leute auch schon fremdgegangen, aber sie haben einen Arschtritt bekommen, wenn sie erwischt wurden. Und ja, es gab auch damals schon Menschen, die die Augen davor verschlossen haben und die Fassade aufrecht erhalten wollten. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, sie zu besingen.

Ich höre ein Räuspern hinter meiner Stirn. Der kleine Mann will eine Anmerkung machen.

„Ed Sheeran singt viel schöner als Bon Jovi. Auch die Texte gefallen mir besser. Er singt

‘Well, me I fall in love with you every single day
And I just wanna tell you I am

So, honey, now
Take me into your loving arms
Kiss me under the light of a thousand stars
Place your head on my beating heart
I’m thinking out loud
Maybe we found love right where we are

When my hair’s all but gone and my memory fades
And the crowds don’t remember my name
When my hands don’t play the strings the same way
I know you will still love me the same’.

DAS finde ich romantisch. Da ist kein Konjunktiv drin.“

Das stimmt. Aber Ed Sheeran singt auch

‘And I never saw him as a threat
Until you disappeared with him to have sex of course

It’s not like we were both on tour
We were staying on the same hotel floor
And I wasn’t looking for a promise or commitment
But it was never just fun & I thought you were different’.

Der kleine Mann und ich unterhalten uns noch eine Weile über Musik. Dann beschließen wir, dass ich meinen Musikgeschmack überdenke. Und die Senderwahl im Radio. Es gibt sicher irgendwo da draußen Songs über verliebte, glückliche Menschen.

Dann fällt mir noch was ein.

„Kleiner Mann, meinst Du, wir geben uns heute in Liebesdingen mit so wenig zufrieden, weil wir sonst alles haben?“

Darüber muss er in Ruhe nachdenken. Jetzt räumt er erst mal weiter auf.