Ich kann nicht küssen

Auch das noch. Zu meinen kürzlich unschön ins Licht gerückten charakterlichen Defiziten.

In der Zwischenzeit habe ich Peter wiedergesehen. Natürlich, er war ja auch ein unerwarteter Volltreffer. Unser zweites Date war unspektakulär, aber schön. Wir waren essen, nach der Arbeit. Meine Füße taten weh, ich war müde, aber wir haben uns prima unterhalten und ich finde ihn genauso toll wie beim ersten Mal.

Vor unserem dritten Date bin ich aufgeregt. Wir treffen uns an einem Freitagabend bei ihm zuhause und wollen dann noch irgendwo etwas essen. Wir beide wissen, dass irgendwas passieren wird. Ich stehe 2 Stunden im Bad und drehe mir die Haare auf Lockenwickler, obwohl ich ganz genau weiß, dass die Pracht höchstens eine Stunde hält. Es ist 35 Grad und ich schwitze, sobald ich drei Schritte gelaufen bin. Mist. Na ja, ihm wird es genauso gehen.
Ich nehme keine Zahnbürste mit. Ich bin ein Pingel, was meine Zähne angeht, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn ich meine elektrische Zahnbürste nicht dabei habe, übernachte ich nirgendwo. So ist sichergestellt, dass ich nachher in meinem Bett lande. Fummeln kann man ja trotzdem. Dachte ich.

Er freut sich, mich zu sehen. Wir trinken eine Weinschorle. „Kannst Du auf den Punkt kommen? Das interessiert niemanden.“
Ich: „Ich will den Abend in schöner Erinnerung behalten und nicht nur an das denken, was schiefgelaufen ist! Wir sehen viel zu oft die negativen Dinge und vergessen das Gute.“
Der kleine Mann legt sich demonstrativ schlafen.

Also gut: die Kurzform. Der Abend läuft super. Es gibt Weinschorle, gute Gespräche und leckeres Essen in lauer Sommerluft. Ich mag seine Wohnung und die Fotos überall an den Wänden. Unsere Gespräche sind überraschend offen und entspannt. Wir mögen uns noch mehr als ich dachte. Und natürlich küssen wir uns.

Ich stelle mir einen ersten Kuss so vor: ER steht vor mir und sieht mir in die Augen. Es gibt diesen Moment, in dem beide wissen, was kommt. Er lässt mir genug Zeit, damit ich ihm ausweichen könnte, wenn ich wollte. Mindestens eine Hand ist irgendwo an meinem Kopf, umfasst meinen Nacken oder streichelt über meine Wange. Und dann bewegen sich seine Lippen ganz langsam auf meine zu. In meinem Bauch hüpft irgendwas vor Vorfreude und Gespanntsein. Unmittelbar bevor unsere Lippen sich berühren gibt es diesen kurzen Moment des Innehaltens. Das ist DER Moment zwischen zwei Menschen. Man weiß, dass man gleich die Distanz aufgibt. Dann folgt etwas, das sich immer anders, aber immer gut anfühlt. Es ist vorsichtig-romantisch oder leidenschaftlich-wild oder irgendwas dazwischen.

Unser Kuss ist nichts von alldem. Und ich ahne, dass er genauso enttäuscht ist wie ich. Ich küsse überhaupt nicht so, wie er sich das erhofft hatte.
Ich schlafe zuhause und habe keine Ahnung, was ich ihm sagen soll. Ich mag ihn so, dass ich ihn gern wiedersehen würde. Aber das passt einfach nicht.

Als ich am nächsten Tag noch überlege, wie ich am besten mit ihm rede, habe ich eine Nachricht von ihm. Eine lange Nachricht. Einen kleinen Roman. Es ist der schönste Korb meines Lebens. Er tut nicht weh und kratzt nicht mal an meinem Ego. Er hat in Worte gefasst, was ich denke. Dass wir nicht harmonieren. Dass wir jetzt auch noch miteinander im Bett landen könnten, aber wir doch eigentlich beide wissen, dass das zu nichts führt. Dass er mich sympathisch, unterhaltsam und lustig findet. Und mich deshalb gern wiedersehen würde. Auf einen Kaffee oder ein Glas Wein.

Ich bin doch nett

Und ich bin nicht die einzige.

Vier Tage nach meinem Date mit Carl habe ich immer noch nichts von ihm gehört. Vermutlich hat er kein Interesse. Ich könnte mich einfach nicht melden. Aber irgendwie kommt mir das komisch vor. Bequemer wäre das. Ich liege schon im Bett und entscheide mich schließlich doch, ihm zu schreiben.

„Hallo Carl, 
hoffe, Du hast Deinen Geburtstag schön gefeiert? 
Da ich nichts mehr von Dir gehört habe, gehe ich davon aus, dass wir uns nicht wiedersehen. Ich fand Dich echt nett, aber gefunkt hat es bei mir irgendwie nicht. Nehme an, das geht Dir genauso? Wollte mich aber trotzdem noch mal melden und Dir sagen, dass ich es ein nettes Treffen fand. 
Liebe Grüße, Lenya“

Keine zehn Minuten später habe ich eine sehr nette Antwort. Und am nächsten Tag ruft er an. Ich habe in Worte gefasst, was er dachte. Und er hat sich gefreut, dass ich das getan habe. Wir plaudern ein wenig darüber, wie blöd das ist nach so einem Date, bei dem es nicht gefunkt hat und wie kompliziert diese Online-Dating-Welt manchmal ist. Wir werden uns noch mal treffen. Einfach so, ganz entspannt.

In meinem Kopf stimmt was nicht

Ich wache auf und habe furchtbare Kopfschmerzen. Ich frage, was da los ist.

„Ich versuche grad, hier was zu reparieren.“ Seine Stimme scheint direkt aus meinem Kopf zu kommen, sonst höre ich ihn eher seitlich am Ohr.
Ich: „Was ist denn kaputt?“
Mann im Ohr: „Ich schaue mir die Verbindung zwischen Verstand und Gefühl an.“ Mein Kopf tut so weh, dass ich mir nichts darunter vorstellen kann.
Ich: „Wir waren doch neulich erst im MRT. Und da war nichts.“ Hatte der Arzt gesagt. So auf den ersten Blick und ohne Kontrastmittel jedenfalls.
Mann im Ohr: „Genau. Nichts. An einer Stelle, wo eigentlich was sein sollte.“ Ich verstehe nur Bahnhof, aber er spricht schon weiter: „Dein Bauchgefühl hat eine Verbindung zum Verstand. Das ist gut. Alle Daten kommen hier oben an.“
Ich: „Beruhigend.“
Mann im Ohr: „Auch die Verarbeitung läuft richtig. Du ziehst die richtigen Schlüsse und die Datenverarbeitung läuft ungewöhnlich schnell.“
Ich: „Kannst Du mir mal sagen, wovon Du redest?“
Mann im Ohr: „Ich gebe Dir ein Beispiel: Du vergisst Deine Kette bei einem Kerl im Schlafzimmer. Er ist ein schlampiger Mensch. Als er Dir eine Weile später die Kette wiedergibt, holt er sie aus einer relativ versteckten Schublade in der Küche. Er schafft es nicht, irgendwas aufzuräumen, nicht mal, wenn Du zu Besuch kommst. Aber die Kette ist ordentlich weggeräumt.“
Ich: „Weil er sie vor einer anderen Frau, die in der Zwischenzeit da war, verstecken musste?“ Natürlich würde ich einen solchen Schluss noch verifizieren und weitere Indizien in meine Überlegungen einbeziehen. Ein einzelner Beobachtungspunkt ist nicht aussagekräftig.
Mann im Ohr: „Genau! Du bist selbst in lädiertem Zustand schnell. In so einem Fall schlägt Dein Bauch an und leitet das Gefühl weiter. Dann arbeitet Dein Verstand und analysiert in 99,8% der Fälle zutreffend. Das ist ein beachtlicher Wert. Dieser Abgleich zwischen Bauch und Kopf ist wichtig, um gute Entscheidungen zu treffen.“
Ich: „Klingt doch gut so weit.“
Mann im Ohr: „Bis dahin schon. Aber der Teil des Gehirns, der Dein Verhalten steuert, scheint nicht angeschlossen zu sein. Dein Verhalten passt nicht  immer zur Erkenntnis.“
Ich: „Ich hätte also diese Erkenntnis und würde nichts sagen?“
Mann im Ohr: „Genau. Oder Dich weiter mit ihm treffen.“
Ich versuche zu denken, soweit die Schmerzen das zulassen. „Aber das könnte ja gefährlich sein. Wenn ich erkennen würde, dass jemand gewalttätig ist und ich nicht weglaufen würde, zum Beispiel.“
Mann im Ohr: „Deshalb versuche ich ja gerade, es zu richten. Es ist eine essentielle Verbindung. Es könnte sein, dass die Verbindung fehlt. Oder sie wird von außen gestört.“
Ich: „Von außen?“
Mann im Ohr: „Von Leuten, die Dich beeinflussen zum Beispiel. Oder durch fest verankerte Wertvorstellungen. So was.“ 

Ich: „Wie lange dauert es, das zu richten?“
Mann im Ohr: „So schnell geht das nicht. Und Du musst helfen.“
Ich: „Helfen?“
Mann im Ohr: „Der Defekt sitzt ausschließlich im Verstands-Teil, der Gefühls-Teil ist in Ordnung. Wir müssen den Verstand komplett vom Gefühl trennen, damit ich hier in Ruhe arbeiten kann.“
Ich: „Mach da bloß nichts kaputt!“
Mann im Ohr: „Keine Sorge, ich weiß, was ich tue. Ich werde die beiden Bereiche voneinander abkoppeln. In der Zeit darfst Du Deinen Verstand nicht benutzen.“
Ich schnappe nach Luft. Es sticht in meinem Kopf.
Ich: „Ohne meinen Verstand kann ich nicht leben. Wie soll ich denn Auto fahren oder arbeiten?“
Mann im Ohr: „Routinen laufen mehr oder weniger automatisch. Und Du hast ja Dein Bauchgefühl. Du musst in der Zeit einfach konsequent auf Deinen Bauch hören, dann passiert Dir nichts.“
Ich: „Das kann ich nicht!“
Mann im Ohr: „Wenn  Du es nicht tust, kann es gefährlich werden. Aber er wird Dir sagen, was zu tun ist.“
Er scheint mein verzweifeltes Gesicht zu sehen und fügt hinzu „Du musst keine Angst haben. Manche Menschen leben so ihr ganzes Leben“. 
Ich: „Was für Risiken bestehen? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eintreten?“ Man muss ja aufgeklärt werden, bevor man in so eine Operation einwilligt.
Mann im Ohr: „Es gibt zwei Risiken: dass Du versuchst, Deinen Verstand einzuschalten bevor die Operation abgeschlossen ist. Dann funktioniert es nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht so gering, aber Du kannst das beeinflussen. Das zweite Risiko: Du hörst nicht auf Deinen Bauch und Dir passiert etwas, während Dein Verstand abgeschaltet ist. Auch das hast Du in der Hand.“
Ich: „Nicht so gering. Das ist mir viel zu unpräzise.“ Andererseits klingt der jetzige Zustand gar nicht gut.
Ich: „Wie lange dauert das?“
Mann im Ohr: „So ungefähr 4-6 Wochen.“ 
Wochen? Nicht Stunden?! „Und der Erfolg ist garantiert, wenn ich mich an Deine Anweisungen halte?“
Mann im Ohr: „Ja.“ 
Bisher konnte ich mich immer auf den kleinen Mann verlassen. Ich zögere.
Ich: „Kann ich meinen Verstand noch ein paar Tage benutzen? Können wir in ein paar Tagen anfangen, damit ich noch ein paar Dinge erledigen kann vorher?“

Das ist möglich, Gott sei Dank. Wir vereinbaren, dass wir am 01. September mit der Operation beginnen. Merkwürdigerweise meldet mein Bauch kein schlechtes Gefühl dabei.

Ich bin picky

Mein erstes Tinder-Date hat zum Schluss unseres Dates gemeint „Du bist schon picky, oder?“ Ich war völlig von den Socken. Erst sagt er mir, dass ich viel hübscher bin als auf den Bildern und dann das? Wir haben kaum 5 Sätze miteinander geredet, aber er hat die Essenz meines Charakters erkannt. Und den Mut, das auszusprechen. In mir streiten zwei Gefühle: Ich bin beeindruckt. Und irgendwie finde ich es frech. Er kennt mich doch gar nicht.
Ein Mann sollte genau so sein – verstehen, was ich für ein Mensch bin und mir von Zeit zu Zeit den Spiegel vorhalten. Er hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, es ist einfach eine Feststellung. Wenn er jetzt noch gut aussähe und es nicht hinterher mit diesem furchtbaren „Das war´s dann.“ versaut hätte, wäre er ein prima Kerl.

Mann im Ohr: „Und wenn er nicht bei Tinder wäre.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Du hast insgeheim jeden Mann bei Tinder als potentiellen Partner ausgeschlossen.“
Ich lasse mir den Gedanken durch den Kopf gehen. Wenn ich ehrlich bin, unterstelle ich Menschen, die tindern, dass sie oberflächlich sind und nicht an einer Partnerschaft interessiert. Und es schon „sehr nötig“ haben müssen.
Mann im Ohr: „Was Du hier betreibst, ist zumindest für die Partnersuche völlige Zeitverschwendung.“
Das erinnert mich an Peter, den ich inzwischen ein zweites Mal getroffen habe. Er hat mich beim ersten Date gefragt, ob er jetzt also nur ein Recherche-Objekt sei. Ich habe nicht allen Männern, aber allen, die mich gefragt haben, offen gesagt, dass Recherche ein Grund war, Tinder zu installieren. Und dass ich darüber schreiben werde. Ich hätte es allen gesagt, aber zum Teil fehlte einfach der Aufhänger. Auf die Frage, was mich denn zu Tinder gebracht hat, ging es mir ganz leicht über die Lippen.
Ursprünglich wollte ich gar nicht bloggen, sondern die Inhalte in einen Krimi einfließen lassen. Aber ich wusste ja auch nicht, was das für Gedanken lostreten würde.
Mann im Ohr: „Tinder bringt Dir nichts außer Input für diverse Projekte.“
Ich: „Das klingt, als würde ich die Männer nur benutzen.“
Mann im Ohr: „Es klingt nicht nur so.“
Diesmal widerspreche ich. „Ich hatte wirklich schöne Abende und tiefgründige Gespräche. Und gestern erst hat mir einer von denen, einer der meinen Blog liest und meine doppelte Absicht kennt, gesagt ‘Es ist keine Zeitverschwendung, hier mit Dir zu sitzen.’.“

Ich war schon immer picky. Nicht in einem Prinzessinnen-es-ist-nichts-gut-genug-für-mich-Sinne. Ich weiß einfach ganz genau, was ich will oder warte, bis es soweit ist. Ich schaffe mir nichts an, wenn ich nicht 100%ig davon überzeugt bin, dass es zu mir passt.

Am besten kann ich das am Beispiel meiner Wohnungseinrichtung erklären. Ich bin in eine wunderschöne Wohnung eingezogen, die um einiges größer ist als meine vorherige. Ich hätte in irgendein Möbelhaus fahren können, um alles zu kaufen, was ich brauche. Aber das ist nicht mein Ding. Ich hatte einfach noch kein Sofa gesehen, was mich wirklich überzeugt hat. Bei Deckenlampen waren es gleich mehrere, die ich gut fand: Tilt und Caravaggio. Dann bin ich Secto begegnet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Bauch sich für Caravaggio entschieden hat. Secto kommt dafür ins Schlafzimmer. Glaube ich. Mal sehen. Ich habe ein halbes Jahr ohne Sofa und 2 Jahre ohne Leuchten über meinem Esstisch gelebt. Dafür habe ich mir eine wunderschöne Biedermeier-Kommode angeschafft, die nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ich habe sie gesehen und wusste sofort „Die steht hier und hat nur auf mich gewartet.“. Wenn mir mein Gefühl nicht sagt „Das ist es!“ und in meinem Bauch nicht dieser kleine Hüpfer entsteht, kann ich mich nicht zu einer Anschaffung durchringen. Es gibt Leute, die sich „erst mal“ was von Ikea kaufen und es dann austauschen, wenn sie „das richtige“ gefunden haben. Auch das ist nicht mein Ding. Ganz oder gar nicht. Lieber lasse ich den Flur leer, als dass ich mir ein Sideboard kaufe, das sich „nicht richtig anfühlt“.

„Lieber lebst Du enthaltsam, als mit dem falschen Mann zu …“
Ich unterbreche ihn: „Findest Du das falsch?“
„Es geht nicht um richtig oder falsch.“
„Es geht hier um Deine Interessen. Du willst, dass ich mal wieder…“
„Es ist dann so schön ruhig hier oben. Du hörst auf zu denken. Du denkst echt über jeden Scheiß nach.“

Er hat recht. Gestern habe ich mich gefragt, wie solche Bilder wie von Fabian wohl entstehen. Ob er sich wohl ohnehin mit sich selbst beschäftigt hat und zwischendrin dachte ‘Ich mal ein Foto’? Unwahrscheinlich, das Denken ist in so einer Situation ja eher eingeschränkt meines Wissens. Das hieße, dass er mir ein Foto schicken wollte und nur für mich… „Du fühlst Dich geschmeichelt, wenn ein Mann sich ‘für Dich’ einen runterholt?“ Ich werde rot. Unfassbar, was so alles das eigene Ego streichelt. „Vielleicht sind deshalb so viele Menschen bei Tinder? Weil die Matches und alles, was daraus folgt, irgendwie das Ego pimpt? Und gar nicht, um einen Partner zu finden?“ 
Er antwortet nicht mehr. Ich glaube, er ist eingeschlafen.

Ich bin gemein

Ene fiese Möpp, wie man hier im Rheinland sagt. Das klingt schon viel netter.

Auf Nettigkeit lege ich viel wert, nicht nur bei mir selbst. Ich mag nette Menschen und will einen netten Mann. Nett ist nicht die kleine Schwester von irgendwem. Wären alle Menschen nett zueinander, wäre die Welt ein besserer Ort.
Mal ehrlich, es weiß doch keiner, was bei anderen Menschen das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ja der Nachbar, der schon wieder nicht gegrüßt hat. Nett sein schadet garantiert nicht. Aber irgendwie ist es nicht mehr en vogue. Ich sage Menschen immer, wenn sie mir als besonders nett auffallen, weil ich das wichtig finde. Von Männern wird das oft geradezu als Beleidigung aufgefasst. Als wäre das die selbe Schublade wie impotent.

Unter meinem Tinder-Bild stand: „BE NICE – It´s a small world.“

Aber heute bin ich fies. Gleich mehrmals.
Ein Typ hat mich angeschrieben mit „Hey“. Einfallslos! Ich schreibe zurück „Hey“. Soll er mal Spiegel vorgehalten bekommen. Es folgt ein „Guten Morgen“ und von mir ebenfalls ein „Guten Morgen“. Das geht mit „Guten Abend“ so weiter. Ich hätte einfach nicht zurückschreiben können. Oder ihm sagen, dass ich das einfallslos finde. Stattdessen habe ich zurückgeechot. Und dann einen Screenshot der Konversation gemacht und an meine Nachbarin geschickt. Mit so einem Smiley, der Tränen lacht. Pfui.

Aber das war noch harmlos. Ich schreibe schon länger mit Fabian. Er wohnt in München und Köln und wenn er das nächste Mal hier ist, woll(t)en wir uns treffen. Er schreibt mir seit Tagen, wie wahnsinnig hübsch er mein Gesicht findet. Und ich freu mich drüber. Das pimpt mein Ego so schön.
Heute hat er geschrieben: „Ich finde Dein Gesicht so geil. Soll ich Dir mal zeigen, was passiert, wenn ich Deine Bild angucke? Hab ich extra für Dich fotografiert.“
Nur für´s Protokoll: er hat von mir ausschließlich Bilder, auf denen ich sehr angezogen bin. Meine Antwort lautet: „Lieber nicht.“
Er: „Aber ich hab´s extra nur für Dich fotografiert.“ Das geht eine Weile so hin und her. Dann schreibe ich: „Tu was Du willst. Aber erwarte nichts im Gegenzug.“ Deshalb machen Männer das doch. Oder? Aber so was habe ich noch nie gemacht.

Das mit der Reziprozität funktioniert bei mir nicht. Ich liebe dieses Wort. Es klingt oberschlau. Mein Chef hat mir das mal beim Mittagessen erklärt. Wir waren beim Thema „sich von Männern einladen lassen“. Er erklärt uns komplizierte Dinge gern an einfachen Sachverhalten. Und seit er gekündigt hat, ist er viel entspannter. Da hat er doch tatsächlich mal zu mir gesagt, es gäbe ja auch viele Männer, die ich „mit dem Arsch nicht angucken“ würde. „Woher er das wohl weiß?“ murmelt es über meinem Ohrläppchen.
„Ich finde es komisch, dass er mit uns über so was redet, wir ihn aber nicht mal duzen dürfen.“

Während ich noch denke, sind zwei Bilder angekommen. Bilder seines erigierten – wie sagt man das in so einem Blog?
Ich antworte nicht. Nach ein paar Minuten folgt: „Macht Dich das an?“
„Nein!“ Ich google „Warum Männer Penis-Selfies verschicken“ und schicke ihm einen Link. Ich höre den Mann im Ohr flüstern „Bitch.“ Fabian schreibt: „Das spricht ja irgendwie für Dich.“ und dass das mit uns ja schon was werden könnte.

Etwas später komme ich auf die Idee, dass man, also ich, wenn ich es drauf anlegen würde, viel mehr solcher Bilder bekommen könnte. Und sich die toll in einer Ausstellung machen würden. Bilder in 1:1-Größe mit der entsprechenden Konversation daneben. In Düsseldorf war neulich eine Ausstellung „Ego Update“. Es ging um Selfies.
Ich erörtere das mit Freunden beim Italiener in Düsseldorf. Einer kommt auf die Idee für den Titel: „Ego Update 2.0“. Und eine Freundin schlägt vor, noch zu analysieren, was sich der „Künstler“ dabei gedacht hat.

Das einzig Gute, was ich heute über mich sagen kann: Ich habe die Bilder niemandem gezeigt. Und sie umgehend gelöscht.

Ich weiß, was ich nicht will

Bjarne sieht gut aus, ist Banker und auf der Suche nach was „Ernstem“. Sagt er. Mittlerweile glaube ich ihm nicht mehr, aber dazu vielleicht ein anderes Mal. Wir haben uns nie getroffen und seine Nummer habe ich wieder gelöscht. Irgendwann hatte ich das sichere Gefühl, dass er eine Freundin hat und eine Ersatzspielerin für gewisse Tage oder Stunden sucht.

Es ist bei Tinder scheinbar üblich, dass man gefragt wird, wonach man denn eigentlich sucht. Ich fühle mich bei der Frage immer unangenehm berührt. Ich bin der Meinung, das muss sich alles irgendwie ergeben. Mit 20 habe ich auch nicht nach einem Ehemann gesucht, sondern mich ganz unbeschwert verliebt. Daraus entstand ein Kuss, ein paar Tage später sind wir in der Kiste gelandet, alles lief super und es folgten 10 ganz überwiegend glückliche Jahre. So will ich das wieder.

Mann im Ohr: „Willst Du nicht.“ 
Der schon wieder.
Mann im Ohr: „Du willst ein Treueversprechen noch vor dem ersten Kuss.“ 
Ich: „Das stimmt so nicht. Ich will nur nicht wieder…“
Mann im Ohr: „…einer anderen in die Quere kommen.“

Mein Verhältnis zum Fremdgehen hatten wir ja schon. Nun ist es so, dass ich vor etwa 6 Jahren eine SMS bekam, die lautete „Are you sleeping with my boyfriend?“.
Damals habe ich nicht geantwortet. Mir war das zu blöd und ich hatte schon länger mit überhaupt niemandem geschlafen. Ich hätte gern mit ihm geschlafen. Aber ich hätte damals auch gern mit Ashton Kutcher geschlafen. Oder mit Ben Affleck. Ich hatte ihn nicht mal geküsst oder Händchen mit ihm gehalten.
Seitdem habe ich diese Frage in verschiedenen Varianten über verschiedene Medien in verschiedenen Sprachen gehört. Meistens konnte ich guten Gewissens „Nein.“ sagen. Einmal stellte sich raus, dass der Mann, den ich für meinen Freund hielt, schon länger der einer anderen war. Unschöne Situation.
Ich habe nie wissentlich mit einem liierten Mann geschlafen. Aber mehr als einmal unwissentlich. Jedes Mal kam es raus. Jedes Mal gab es Tränen und Anrufe und die Frage in meinem Kopf „Hätte ich das früher merken können? Müssen?“ Nun habe ich den festen Vorsatz, das nie wieder zu tun.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, sicher auszuschließen, dass ein Mann mit einer anderen schläft. Kann man beim ersten Date ja wohl kaum fragen. Und wenn die Antwort „ja“ wäre, könnte man ihm das nicht mal vorhalten.

Ich ziehe liierte Männer an wie Licht die Motten. Und ich verstehe nicht, wieso. Allein in den letzten paar Wochen hatte ich zwei sehr eindeutige Angebote von verheirateten Männern. Das war nicht bei Tinder, sondern im wahren Leben. Beide sagen, dass sie ihre Frau über alles lieben.

„Sie können das nur nicht so zeigen.“ Kichern in meinem Ohr.
Ich: „Warum ziehe ich verlogene, untreue Männer an?“
Mann im Ohr: „Vielleicht strahlst Du aus, dass Du gern die zweite Geige spielst?“
Ich: „Tu ich nicht! Im Gegenteil. Ich bin es gewöhnt, die Nummer 1 zu sein.“ Ich bin die älteste von 3 Schwestern. Mit ziemlich großem Abstand.
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie eine dumme Gans, die es nicht checkt?“
Ich: „Ausgeschlossen.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie ne Granate im Bett, die man sich nicht entgehen lassen will?
Ich: „Das wäre möglich.“ 
Etwas in meinem Kopf wackelt und rüttelt und mein Ohr tut weh, weil der kleine Mann so laut juchzt.
Mann im Ohr: „Die Frage wäre dann allerdings, warum nicht auch alle anderen Männer mit Dir in die Kiste wollen.“
Ich: „Vielleicht wollen sie das ja.“
Mann im Ohr: „Sie können das nur nicht so zeigen.“
Er kugelt sich so, dass ich Kopfschmerzen bekomme.

 

Ich will geliebt werden

Ich hatte wirklich versucht, mir einzureden, Tinder sei schuld. Bis ich an den Fremdgänger von Tag 1 denken musste. Eigentlich ist Tinder nur ein Tool, das es uns leichter macht, ein Arschloch zu sein. Aber damit ist Tinder nicht allein. Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die ganze Scheiße denke, die über soziale Medien verbreitet wird.

„Kein Mann will eine Frau, die Arschloch und Scheiße sagt.“ Ich habe mir noch nicht mal die Zähne geputzt und höre schon Stimmen. Die Bemerkung, dass ich das gedacht und nicht gesagt habe, verkneife ich mir.
Ich: „Ich glaube, es gab noch nie so viel technischen Support zum Fremdgehen und gemein sein wie heute.“
Mann im Ohr: „Aber Ihr Menschen habt Euch nicht geändert. Die Phänomene sind schon immer die selben. Sie haben heute nur schickere Namen.“ Da ist was dran.

Ich mache mich an die Arbeit. So fühlt es sich jedenfalls an. Dating ist anstrengend. Nachdem ich meine Männer priorisiert habe, verabrede ich mich mit Carl. Er hat mich schon mal angerufen und wirkt sympathisch. Wir treffen uns nachmittags, er sieht aus wie auf den Bildern. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv, nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, beruhigend normal. Es funkt nicht, aber er ist wirklich nett und wir unterhalten uns gut.

Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl hinterher. Ich kann nicht einschätzen, ob er Interesse hat oder nicht. Er wirkte überhaupt nicht begeistert. So neutral. Aber er hat Fragen gestellt und Dinge gesagt, die irgendwie interessiert klangen. Irgendwas passt da nicht. Mein Bauch zieht sich komisch zusammen.

Ich: „Hast Du das auch gemerkt? Dass da was komisch ist?“
Mann im Ohr: „Es geht nicht um Dich.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Er hat eine Vision. Von einem Leben mit einem gutgezahlten Job, einem eigenen, schönen Haus in der Nähe seiner Familie, mit seinen Freunden, einer Frau und Kindern.“
Ich: „Ja, das hat er gesagt. Er hat uns sogar die Fotos gezeigt. Mir gefällt sein Einrichtungsstil nicht. Aber das erklärt nicht mein Gefühl.“
Mann im Ohr: „Er hat alles. Den Job, das selbst ausgebaute Haus, Mama in der Nähe und den Freundeskreis.“
Ich: „Nur die Frau fehlt noch.“
Mann im Ohr: „Er hatte eine Checkliste dabei.“
Ich: „Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
In meinem Kopf seufzt es: „Dummerchen. Im Kopf. Er hat Dir ganz gezielt Fragen gestellt, um zu prüfen, ob Du ins Profil passt. Kinderlieb? Ein Must. Kochst Du gut und gern? Ein Nice-to-have, vielleicht ein Must. Ist Dir Dein Job wichtiger als Dein Privatleben? Ein No-go. Würdest Du wegziehen für einen besseren Job? Ebenfalls ein No-go. Willst Du Kinder? Ein Must.“
Ich: „Das klingt nach einem Bewerbungsgespräch, nicht nach einem Date.“
Mann im Ohr: „Es war eins.“
Ich: „Es war ihm ganz wichtig, dass ich keine Kinder aus meiner Ehe habe.“
Mann im Ohr: „Er hat auch gesagt, dass es da diese Süße aus seinem Bekanntenkreis gibt, die aber nicht in Frage kommt, weil sie alleinerziehende Mutter ist.
Ich: „Das würde nicht in seine Vision passen.“
Mann im Ohr: „Seine zukünftige Frau soll sich in sein Leben einfügen. Das ist schwierig, wenn man schon ein eigenes hat.“

Ich: „Es geht hier weder um Gefühle noch um mich, oder?“
Mann im Ohr: „Ihm fehlt nur das letzte Puzzlestück, um sein Bild von einem perfekten Leben zu vervollständigen.“

Das kenne ich sonst nur von Frauen. Dabei scheint das so ungewöhnlich nicht zu sein. Ich finde einen Artikel in der Süddeutschen dazu: Die Muttersucher.
Ein Mann soll mich wollen. MICH. Und mich lieben, wie ich bin. Und dann Kinder mit mir wollen. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen.
Die Reihenfolge ist mir wichtig. Wenn ich nur ein Punkt auf seiner Checkliste bin, wird es nicht halten. Dann werde ich ausgetauscht, wenn ich nicht performe. Wenn ich nicht schwanger werde oder das Essen versalze.
„Du würdest niemals das Essen versalzen. Dein Essen ist Bombe.“ Ich muss grinsen. Mit Komplimenten wickelt man mich ganz schnell um den kleinen Finger. „Wenn ich nur jemanden finden würde, für den ich überhaupt kochen will. Für jemanden, dem es nur um das eine geht, sicher nicht.“ Der Mann im Ohr kichert. „Um was jetzt?“

Ich bin wie die

Wie diese Kerle, die sich einfach nicht mehr melden. Die Ghosting oder Benching betreiben. Ich kannte das bisher nur vom Hörensagen. Oder…na ja, jemand hat das mit dem Benching mal mehr oder weniger erfolglos bei mir versucht.

Als ich ungefähr 5 war, war ich eine Petze. Ich bin heulend zu meiner Mama gerannt, wann immer jemand gemein zu mir war. Habe mich schluchzend an sie geschmiegt, wollte getröstet werden und hören, dass man eine Prinzessin so nicht behandeln darf. Sie hat mir jedes mal dasselbe gesagt: „Es gehören immer zwei dazu. Einer, der ärgert und einer, der sich ärgern lässt.“ Diesen Satz werde ich nie vergessen.

Ich finde Ghosting und Benching das Allerletzte. So was machen Männer, die nicht wissen, was sie wollen. Keine Eier haben. Da herrscht Konsens zwischen mir, meinen Schwestern und allen meinen Freundinnen – das ist die dunkle Seite der Macht. So etwas würden wir nie tun.

Inzwischen habe ich 88 Matches. Dabei habe ich schon 20 gelöscht. Mir haben so viele Männer geschrieben, dass ich nicht allen antworten kann. Ich screene oberflächlich Profile und Nachrichten, lösche und löse Matches auf. Mit einigen habe ich eine Weile nett geschrieben. Einer hat schon ein paar Nachrichten hintereinander geschickt und gefragt, wann ich mich wieder melde. Er kommt aus irgendwelchen Gründen nicht in Frage. Warum, weiß ich selbst nicht mehr. Wie soll ich mir das auch merken bei so vielen Kerlen? Irgendwie muss ich priorisieren und da fallen eben ziemlich viele hinten runter.
Einige finde ich gut und würde sie gern treffen. Aber ich brauche Zeit für meine Familie, Freunde, ein zweites Date mit Peter und will auch mal einen Abend für mich. Yoga machen. Lesen. Sherlock gucken oder so. Ich erfinde Ausreden und vertröste die Männer. Ich bin erst mal in Urlaub, mache Überstunden. Ich achte darauf, dass ich nicht lüge. Ich drehe die Wahrheit nur so und lasse Details (wie andere Dates) weg, dass ein leicht verzerrtes Bild der Realität entsteht.

Ich kann nichts dafür, mein Tag hat nur 24 Stunden, ich arbeite Vollzeit und schlafe gern und viel. Im Büro schreibe ich quasi nicht. Einem Mann habe ich netterweise geschrieben, er solle sich nicht wundern, wenn ich erst abends antworte. Ich könnte auf der Arbeit schlecht privat schreiben. Seine Antwort: „Warum? Bist Du Seiltänzerin?“ Blödmann! „Ich werde für´s Arbeiten bezahlt!“ Danach hört er nichts mehr von mir.

Etwas in meinem Kopf fragt spitz: „Eine falsche Frage, und ein Mann ist raus?“ Es war eine wirklich dämliche Frage. Und sie lässt darauf schließen, dass er selbst beim Arbeiten tindert. Er ist also unzuverlässig.
„Vielleicht ist er Rettungsassistent oder Feuerwehrmann und wartet manchmal stundenlang auf den nächsten Einsatz. Rettet Menschenleben. Ist das unzuverlässig?“
Man kann sich auch alles schönreden. Jedenfalls schaffe ich es nicht, allen zu antworten und das ist nicht meine Schuld. Auf einmal verstehe ich diese Männer, die ich vor ein paar Wochen noch in die Arschloch-Schublade gesteckt hätte. Der Mann in meinem Ohr räuspert sich und versucht es noch mal.
Mann im Ohr: „Erklär mir noch mal, wie kommen diese Matches zustande?“
Ich: „Ich like jemanden und wenn der mich auch liked, wird es ein Match und wir können uns schreiben.“
Mann im Ohr: „Und Du kannst nichts dafür, dass Du mit dem Antworten nicht mehr hinterher kommst?“
Ich: „Worauf willst Du hinaus?“
Mann im Ohr: „Wie viele Männer hast Du wohl geliked, damit 108 Matches zusammen kamen?“
Ich: „Ich konnte ja nicht wissen, dass die mich auch alle gut finden.“
Mann im Ohr: „Du hast ein Foto eingestellt, auf dem Du 30 bist und ausnahmsweise mal geschminkt. Du weißt selbst, dass man so ein Foto liked. Und falls das nicht angekommen ist: die Männer finden das Bild gut, nicht Dich.“

Wie werde ich nur diese Nervensäge wieder los?!

 

Ich hab schöne Ohren

Mein 2. Tinder-Date kommt überraschend. Peter hat durch ein spektakuläres erstes Foto überzeugt. Er ist kein Schönling, aber gutaussehend. Das Bild zeigt sein abgeschnittenes Profil schräg von oben. Der Hintergrund ist dunkel. Es ist professionell genug aufgenommen, um Eindruck zu machen, aber nicht so fachmännisch, dass man den Eindruck bekommt, er hätte einen Profi beauftragt. Vom Winkel her könnte es ein Selfie sein. Aber dafür wäre es außergewöhnlich gelungen. Er lacht. Ich mag ihn jetzt schon. Und er hat ein sehr schönes linkes Ohr. Das ist mir wichtig, weil ich glaube, Menschen mit komischen Ohren hätten einen schlechten Charakter.

Mann im Ohr: „Da ist was dran. Dann ist der Ohrbewohner nachlässig.“
Ich: „Dachte immer, das sei angeboren.“
Mann im Ohr: „Die Basis schon. Das ist wie mit einem Haus. Wenn man es nicht in Stand hält, wird es nicht schöner. Wenn man Zeit und Liebe investiert, kann aus einem Reihenhaus eine kleine Perle werden.“
Ich: „Darf ich jetzt die Geschichte von Peter erzählen?“
Mann im Ohr: „Noch ein Kerl, mit dem Du nicht geschlafen hast.“
Ich: „Vermisst Du Sex?“
Mann im Ohr: „Das meinte ich nicht. Sex sells. Über Ohren will doch keiner lesen.“

Am Tag unseres ersten Dates fällt Peters Flieger aus. Nur deshalb ist er an dem Abend in Köln und fragt spontan nach einem Treffen. Erst zögere ich, sage ab, dann schiebe ich ein „vielleicht, mal sehen, spontan?“ hinterher. Ich bin nicht vorbereitet auf ein Date. Bad Hair Day, verschwitzt, meine Schuhe staubig und ich habe einen Fleck auf der Hose. Andererseits – wenn das wieder nur so ein Kerl ist, der nicht hält, was das Foto verspricht…
Ich schreibe „Du wohnst quasi auf meinem Nachhauseweg. Wir könnten uns spontan auf ein Kölsch treffen, Du erlebst aber ein Worst-Case-Szenario.“ Das ist ihm lieber als eine aufgebrezelte Tussi. Na dann. Früher wäre das undenkbar gewesen. So hätte ich nicht mal den Müll rausgebracht. Ob das mein Alter ist?

Jemand meldet sich zu Wort: „Weißt Du noch, was Hannes uns damals erzählt hat?“
Ich: „Mir. Von Deiner Existenz wusste er nichts.“
Er reagiert verschnupft. „Du bist gemein. Übrigens nicht nur zu mir.“
Ich: „Es stimmt doch.“
Mann im Ohr: „Nur weil etwas wahr ist, muss man es nicht sagen.“ 
Ich: „Du meinst, ich sollte öfter mal die Klappe halten?“ Er schweigt, aber ich meine, ein Nicken zu spüren.
Ich: „Was meintest Du mit Hannes?“ 
Mann im Ohr: „Er hat gesagt, unsere übertriebene Körperhygiene führt zu schlechterer Partnerwahl.“
Ich: „Weil wir nicht mehr riechen, ob der andere zu uns passt…na dann hoffen wir mal, dass Peter auch nicht geduscht hat.“ 

Peter sieht aus wie auf dem Bild. Und hat eine tiefe, sexy Stimme. Mein Herz macht einen Hüpfer. Wir trinken 1, 2, 3 Getränke, unterhalten uns großartig und vergessen die Zeit. Ich muss um halb sechs raus morgen und sitze kurz vor Mitternacht immer noch mit ihm da. Er ist sympathisch und witzig. Er zahlt für uns beide und sagt, dass er mich gern wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen habe ich eine lange Nachricht von ihm. Er fand den Abend toll und mich wahnsinnig sympathisch und witzig. WOW.
Als ich den Spiegel gucke, bleibt mein Blick an meinem Ohr hängen. Es ist eigentlich ganz hübsch.

Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.