Ich bin ein Wüterich

Das hat mir neulich jemand gesagt.

„Recht hat er.“, murmelt es.
Ich muss dem kleinen Mann insgeheim zustimmen.
Trotzdem frage ich: „Warum hast Du mir das nie gesagt?“
Mann im Ohr: „Ich kannte das Wort nicht.“
Ich: „Es klingt ein bisschen nach Rumpelstilzchen. Nach jemandem, der mit dem Fuß aufstampft und rot wird vor Wut.“
Mann im Ohr: „Deswegen passt es ja so gut.“

Mir bleibt ganz kurz die Luft weg und ich werde rot. Einatmen. Ausatmen. Nicht aufstampfen.

Ich habe eben gelernt, mich zu streiten. Als ich noch als Juristin gearbeitet habe, war ich privat geradezu harmoniesüchtig. Den ganzen Tag beruflich zu diskutieren hat mir gereicht. Wenn ich abends nach Hause kam, wollte ich Harmonie. Sonst nichts.

Seit ich meinen jetzigen Job habe, darf ich nicht mehr streiten. Bei uns wird Feedback-Kultur großgeschrieben. Wichtigste Regel dabei: auf keinen Fall ehrlich sein. Es muss vorher weichgespült werden. Richtig und falsch gibt es nicht. Pro und Contra auch nicht. Positiv und ‘Delta’ darf man sagen. Die positiven Punkte sollten die negativen unbedingt überwiegen.

Mann im Ohr: „Und wenn es mal keine positiven Punkte gibt?“
Ich: „Dann denkt man sich welche aus.“

‘Sandwich-Technik’ ist das Zauberwort.

Mann im Ohr: „Ist Sandwich nicht das, wo die Frau in der Mitte zwischen zwei Männern…?“
Ich: „Das ist ein Teekesselchen.“
Mann im Ohr: „Einen Dreier nennt man Teekesselchen?“
Ich: „Nein.“
Mann im Ohr: „Was ist dann dieses Teedings?“
Ich: „Das ist nicht so wichtig. So nennt man etwas mit mehreren Bedeutungen.“

Zurück zum Thema. Was ich als argumentationsfreudig bezeichnen würde, finden manche meiner Kollegen streitlustig, andere rechthaberisch. Deswegen halte ich mich – für meine Verhältnisse – extrem zurück. Das bemerkt allerdings niemand, weil meine Kollegen keinen Vorher-Nachher-Vergleich hatten.

Ich sehne mich nach den Zeiten, in denen ich mich mit Pepe ‘gestritten’ habe. Pepe ist der einzige richtige Name hier. Da es ein Spitzname ist, der mit seinem richtigen Namen zumindest augenscheinlich nichts zu tun hat, geht das hoffentlich in Ordnung. Pepe war so unbarmherzig wie witzig und so klug wie entspannt. Er hat in meinen Aktenvorträgen nicht nur auf den Inhalt geachtet, sondern auch die überflüssigen Füllworte gezählt. Für jedes ‘äh’, ‘halt’ oder ‘eben’ gab es einen Strich und die Striche hatten gefälligst von Vortrag zu Vortrag weniger zu werden. Bei gleichbleibendem inhaltlichen Niveau. Nachdem er mich so richtig in die Zange genommen hatte, haben wir über Gott und die Welt geredet oder sind ein Bier oder einen Kaffee trinken gegangen. Meist mit anderen streitlustigen Kommilitonen.

Mir fehlt dieses sich erst zu Tode argumentieren und dann entspannt plaudern. Eine gewonnene Argumentation mit einem starken Gegner hebt meine Laune wie sonst kaum etwas. Ja, Gegner. Ich rede auch gern von Parteien. Ich liebe Wortgefechte. Ich brauche sie zum glücklich sein. Früher war mir nicht klar, dass so etwas nur mit einem bestimmten Typ Mensch geht. Viele nehmen einem leidenschaftlich vorgetragene Gegenargumente persönlich krumm.

Und irgendwie hat es sich eingeschlichen, dass ich, was ich mir beruflich verkneife, privat austrage. Das wiederum bekommt mir nicht. Denn privat kann man so schlecht den Schalter wieder auf ‘friedlich’ umlegen. Ein Ex-Freund hat mal gesagt, ich klänge immer, als sei ich im Gerichtssaal. Aber das zwischen uns sei kein Prozess und wir keine Gegner. Er hatte so recht damit.

Aber: Ich liebe Menschen, die Positionen vertreten. Selbst wenn ich die noch so absurd finde. Die den Mut haben, dagegenzuhalten. Mit Argumenten, nicht aus Prinzip. Die mich immer wieder in Frage stellen. Die Standhaftigkeit beweisen gegenüber ihren ‘Gegnern’. Die mich herausfordern.

Suche ich insgeheim einen ‘Gegner’ und keinen Partner? Kann ein Partner beides sein? Muss er für mich beides sein, damit ich glücklich sein kann?