Wir sind Kulturbanausen

Wir, das sind meine Schwester Sophie und ich.

Wir sitzen genau jetzt bei unserem Vater. Der zunächst erfolglos versucht hat, mit uns „Der Schakal“ zu schauen. Und aufgegeben hat, weil seine Töchter die Aufmerksamkeitsspanne ADHS-geplagter Erstklässler haben. Obwohl wir beide über dreißig sind.

Dann hat er – nach eigener Aussage – Musik ‘aufgelegt’. Was in seiner Welt bedeutet, eine Musik-DVD über seine Accuphase-Anlage abzuspielen. Also das Bild über seinen Panasonic-Fernseher, der in seiner Welt „total super, auch nicht viel schlechter als ein neuer“ ist, aber gemessen an meinem 55-Zoll-4K-TV eine Katastrophe. Und den viel zu lauten Ton über die erwähnte Anlage. Er findet Live-Konzerte super. Wir haben unsere Abneigung dagegen von unserer Mutter. Schlimmer als Live-Konzerte sind nur über DVD oder Blu-ray abgespielte Aufzeichnungen von Live-Konzerten. Die bei Papa in Original-Lautstärke laufen, damit man das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Einziger Trost ist mein dritter Aperol Spritz. Ob das Dröhnen durch die Lautstärke oder den Aperol bedingt ist, kann ich nicht genau sagen.

Ich höre ein Räuspern. „Ich möchte doch Heidi Klum auch nicht ohne Photoshop sehen.“
Ich: „Bist Du das, kleiner Mann?“
Mann im Ohr: „Wer denn sonst?“
Ich: „Dachte, vielleicht höre ich Stimmen.“
Mann im Ohr: „Du bist doch nicht verrückt.“
Ich: „Was hat Heidi Klum damit zu tun?“
Mann im Ohr: „Oder Julia Stegner oder Cindy Crawford.“
Ich: „Ich peil´s nicht. Aber ich hatte auch schon drei Aperol Spritz.“

Mein Vater fragt, ob ich immer noch auf dem Mann-im-Ohr-Trip sei. Wo er das doch albern findet.

Sophie: „Du gehst ernsthaft auf ein Stones-Konzert?“
Ich: „Leben die noch?“

Mir jagt ein Schauer über den Rücken. Das Trauma mit den Live-Konzerten rührt wahrscheinlich daher. Mein erstes Live-Konzert war das der Rolling Stones, genauer, deren Urban Jungle Konzert im Gelsenkirchener Parkstadion. Ich war da ungefähr zehn. Mein Vater hat mich mitgenommen, weil das ‘ganz sicher’ das letzte Konzert der Stones war. Und jetzt, etwa 25 Jahre später, ist es wieder voraussichtlich ihr letztes Konzert.

Ich: „Wie war das noch mit Photoshop“?
Mann im Ohr: „Alle Frauen sehen gephotoshopt besser aus. Weniger Falten, Cellulite, Hautunreinheiten.“
Sophie: „Männer auch.“

Dass Sophie den kleinen Mann auch gehört hat, ist der ultimative Beweis für dessen Existenz. Soll noch mal einer behaupten, ich sei verrückt.

Ich: „Ich habe weder das eine noch das andere.“ 
Das Kichern überhöre ich.
Mann im Ohr: „Und so ist das bei Live-Konzerten auch.“
Ich: „Die schwitzen ganz eklig und sehen gar nicht sexy aus.“
Mann im Ohr: „Wer?“
Ich: „Mumford and Sons.“
Sophie: „Er meint den Sound.“
Mann im Ohr: „Es gibt Leute, die verstehen mich auch mit Aperol.“
Sophie: „Der ist live viel schlechter als auf den Alben.“
Ich: „Jetzt wo Du´s sagst.“
Sophie: „Die Geräte im Studio sind wie Photoshop für die Stimme.“
Ich: „Warum tut man sich das an?“

Also so ein Live-Konzert. Mal ehrlich, so eine unbearbeitete Stimme ist doch nicht schön.

Mann im Ohr: „Dein Hintern ohne Ph … ch … nicht.“

Der Sound ist so laut, dass ich nicht genau verstehe, was der kleine Mann meint.

„Kulturbanausen seid ihr.“ So tönt es von ganz weit her durch den Gesang von Mumford and Sons. Ich höre nur „I will wait I will wait for you“.

Ein Gedanke zu “Wir sind Kulturbanausen

  1. „Den Wandeln den Du Dir von der Welt wünschst, den musst Du selbst Leben“! ! #Giuseppe#kein jodiertes Salz# Meersalz#Steinsalz# Bügelwäsche #ich bin ein Fan von dem, was Du nicht ausleben kannst # Du wirst es nicht schaffen# ciao

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