Ich bin eine treue Seele

Eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Weil der kleine Mann mich heute eine ganze Weile mit dem Täter-Opfer-Retter-Dreieck genervt hat. Es heißt eigentlich Drama-Dreieck und das würde zu mir ganz gut passen; das jedenfalls sagte mein Ohr zu mir. Der Titel sollte ‘Ich bin (k)eine Drama-Queen heißen’ – weil ich eigentlich eine bin, mich diese Woche aber ganz vernünftig einfach verabschiedet habe, als jemand erfolglos versucht hat, sich als Retter aufzuspielen.

Mann im Ohr: „Nachdem er dir ausführlich klar gemacht hat, dass du ein Opfer bist.“
Ich: „Immerhin hat er nicht auf dem Schulhof „Du Opfer“ zu mir gesagt.“

Er arbeitet in der Psychiatrie und ist vermutlich mit dem Dreieck vertraut.

Mann im Ohr: „Ohne Kalkül waren seine Worte sicher nicht.“

Er hat mir in aller Ausführlichkeit ungefragt erläutert, wie scheiße mich manche Leute finden und mir gleichzeitig mit smartem Lächeln erklärt, dass er das natürlich anders sieht. Dummerweise ist mir in der Situation der Spruch nicht eingefallen. Ich kann mir lange Sprüche nicht gut merken. Wir haben im Team immer ein ‘Motto der Woche’ und deswegen lese ich sowas regelmäßig. Dank Google kann ich ihn hier wiedergeben: ‘Erzähl mir nicht, was andere über mich geredet haben. Erzähl mir lieber, warum sie das in deiner Anwesenheit durften’. 

Zurück zu oben. Ich habe alte Fotoalben durchgeschaut, weil meine Mutter mich animiert hat, ihre Schrankhälfte, in der ich seit gefühlten 20 Jahren Sachen einlagere, die zu schade zum Entsorgen und zu überflüssig für meine Wohnung sind, auszumisten.

Mann im Ohr: „Ähm. Also. Deine Sätze werden zu lang.“
Ich: „Immerhin setze ich keinen Punkt hinter Worte, die keine Sätze sind.“

Ich bin ein bisschen sentimental geworden und natürlich ist Ben auf der Bildfläche erschienen. Auf Fotos. Und in seiner Hochzeitsrede, denn sein Spickzettel war auch in der Kiste.

Mann im Ohr: „Wie war das mit den Punkten hinter Nicht-Sätzen?“

Ich frage mich manchmal, womit ich das verdient habe.

Mann im Ohr: „Jeder bekommt, was er verdient.“

Demnächst nenne ich dich nicht mehr den ‘kleinen Mann’ oder den ‘Mann im Ohr’, sondern ‘Phrasenschwein’.

Mann im Ohr: „Nur weil du dir selbst auf den Nerv gehst, musst du nicht gemein werden.“

Ich werde ein bisschen rot. Vor allem, weil ich heute mal über positive Eigenschaften schreiben wollte. Also an mir selbst. Vor lauter Titeln wie ‘Ich bin arrogant’ hätte ich fast vergessen, auch mal etwas Gutes über mich zu schreiben.

Ben hat mich an etwas erinnert, die Bilder auch. Ich trage auf einem zwölf Jahre alten Foto ein Kleid, das ich nicht nur immer noch besitze, sondern regelmäßig trage. Ich habe die gleichen Schuhe an und trage dieselbe Uhr auf Bildern, die vor zehn Jahren aufgenommen wurden. Auch die Sonnenbrille ist dieselbe geblieben. Obwohl ich zugeben muss, dass inzwischen zwei neue dazugekommen sind. Eines der Bilder ist vor 18 Jahren entstanden, an dem Abend, an dem Ben und ich uns das erste Mal geküsst haben. Meine Haare sind hochgesteckt und fliegen, weil ich meinen Kopf schnell wegdrehe, so, wie ich das immer tue, wenn eine Kamera auf mich gerichtet wird. Ich trage ein sexy Neckholdertop, von dem man fast nichts sieht, weil ich ein weißes Hemd mit Vatermörderkragen drübergezogen habe. Das Hemd gehört Ben und ich vermute, ich habe wie immer gefroren. Ein ganz ähnliches Top, das ich damals schon getragen habe, liegt immer noch in meinem Schrank und wird an besonders heißen Tagen rausgeholt. Ich bin eigentlich, nicht nur was Kleidung betrifft, eine treue Seele. Obwohl ich rebellischer geworden bin mit den Jahren und mich hin und wieder von Dingen und Menschen getrennt habe. Ich mag Konstanten in meinem Leben.

Bens Rede enthält einen Satz, in dem er mich beschreibt. Er ist in Gänze, wie die Rede überhaupt, zu intim, um ihn hier auszubreiten. Deswegen nur der notwendige Teil:
„Du bist (…), sanft und stark, voller Gefühl und Temperament, (…), mit Ecken und Kanten, mit einem klugen Kopf und einem großen Herzen“.
Ben hat mich nie unkritisch gesehen. Im Gegenteil. Er war mein größter Fan und Kritiker. Und er hat mich gesehen, wie ich war. Selbst in Momenten, in denen ich das selbst nicht konnte.

Ich: „Weißt du was?“
Mann im Ohr: „Was?“
Ich: „Ich will das wieder.“
Mann im Ohr: „Ben?“
Ich: „Blödmann.“
Mann im Ohr: „Du willst einen Mann, der all das sieht?“
Ich: „Der mich sieht, wie ich bin und nicht, wie er mich gern hätte oder wie es gesellschaftlich erwünscht wäre. Dostojewski hat gesagt ‘Lieben heißt, einen anderen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat’. Das will ich. So soll mich jemand lieben.“ 
Mann im Ohr: „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.“
Ich: „Was?“
Mann im Ohr: „Das hat Mazzini gesagt.“

Ich kenne Mazzini nicht. Ich muss erst den Eintrag lesen. Ich frage mich, was für Wissen noch in meinem Kopf schlummert und mir nicht zugänglich ist.

Ich: „Meinst du, ich wollte nie wirklich?“
Mann im Ohr: „Du wolltest Trost, Bestätigung, guten Sex, Nähe auch, einen Freund. Respektiert werden ja, gut behandelt werden auch, ernst genommen und gemocht werden. Liebe ging dir zu weit.“ 

2 Gedanken zu “Ich bin eine treue Seele

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